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TERROR Anschläge, Virenattacken, Bombendrohungen. Private Sicherheitsunternehmen bieten verängstigten Städten nun ihre Sicherheitskonzepte samt spottbilligem Hightech-Arsenal an. Doch wie sicher darf eine offene westliche Stadt werden? Wer wird gescreent? Wer muss draußen bleiben? Ein Vergleich mit Terror geplagten Städten macht unsicher. FLORIAN KLENK (E-Mail: klenk@falter.at) und NINA WEISSENSTEINER (E-Mail: weissensteiner@falter.at) |
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Bitte nennen sie die Stadt nicht, sonst werde ich gesteinigt", bittet Martin Wiesinger. Sein neues Projekt ist streng geheim und "äußerst sensibel". Kürzlich saß Wiesinger, Geschäftsführer des zweitgrößten österreichischen Bewachungsunternehmens, "Securitas", mit dem Bürgermeister einer niederösterreichischen Kleinstadt beisammen, um an einem neuen Konzept zu feilen. Damit sich seine Bürger künftig sicherer fühlen, will der Gemeindevorsteher in der Fußgängerzone seiner Provinzstadt Dutzende Überwachungskameras postieren und damit jeden Winkel der Einkaufsmeile filmen lassen. In einem Kontrollzentrum können Beamte mittels Joysticks die Kameras fernsteuern, in die Gesichter dunkler Gestalten zoomen und im Notfall die Polizei verständigen. "Ich arbeite an einem Videoüberwachungskonzept, das ich österreichischen Gemeinden anbieten will", sagt Wiesinger. Viel zu lange hätte man sich hier auf der Insel der Seligen in Sachen Sicherheit Zeit gelassen. Mehr Kameras in der Kärntner Straße? Wiesinger lächelt: "Was kann Schöneres passieren?"Das Geschäft mit der Überwachung boomt. "In den nächsten zwei Monaten wird sich vieles ändern", glaubt Wiesinger. "Die Städte werden sich wandeln, Zutrittskontrollen werden verstärkt, die Videoüberwachung wird hochgefahren", prophezeit Michael Zoratti, Geschäftsführer der Sicherheitsconsultingfirma Secure Line, die Parlament und Innenministerium berät. Kein Wunder: Plötzlich sieht die westliche Welt jene Bilder, vor denen sie sich so lang gefürchtet hatte. Explodierende Hochhäuser, Milzbrand per Postbote, Männer in gelben Schutzanzügen, Gasmasken und Gummistiefeln. Fast täglich gibt es auch in Wien anonyme und geschäftsschädigende Terrordrohungen. Vergangenen Sonntag wechselten die Gäste des Hotel Marriott aus der Hotellobby in den Stadtpark, weil Polizeihunde in ihren Zimmern nach einer vermeintlichen Bombe schnüffelten. Am Flughafen Schwechat löste ein Päckchen mit weissem Pulver einen Militäreinsatz aus. Um den Scherzbold zu fassen, werden nun sämtliche Videobänder des Flughafens ausgewertet."Wir müssen unsere Sicherheitskonzepte völlig neu schreiben", meinte Innenminister Ernst Strasser nach den Terroranschlägen. "Die Polizei kann nicht alles selber machen", glaubt Sicherheitsmanager Wiesinger. Vergangene Woche tummelten sich Hunderte Vertreter bei der Sicherheitsmesse in der UNO-City so selbstsicher wie nie zuvor. An jeder Ecke des Messegeländes surrte, zoomte, piepste und schrillte es. Technisches Equipment, das von Militärstrategen erdacht wurde, kann hier von jedermann erworben werden. Wanzen fürs Knopfloch, Kameras mit Superzoom und Mikrofone in Handys gibts für ein paar Tausender. Waren es früher Fussballrowdies und vermummte Demonstranten, die in Stadien und vor dem Opernball durch Videokameras erfasst wurden, so werden es in Zukunft auch Flaneure auf den Einkaufsstraßen oder Schläfer auf der Parkbank sein. Stephan Landrock, Vorstand des Überwachungsunternehmens "Group 4", das mit 2350 Mitarbeitern auch amerikanische Institutionen in Wien bewacht, glaubt, dass sich die Stadt "zuerst in den Köpfen" und dann auf den Straßen ändern wird: "Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor. Wir helfen mit, dass Täter nicht ungestört planen." Dazu gehören nicht nur Kameras, sondern auch mehr Nachrichtendienste und besser vernetzte Datenbanken. Motto: filmen, filzen, fassen. Landrock will in Zukunft "Immigranten und Asylanten und den ethnischen Bereich" näher "heranzoomen". Die Börsenmakler waren die Ersten, die das Geschäft mit dem "Heranzoomen" gewittert hatten. Kurz nach den Terroranschlägen verdreifachten sich die Aktienkurse des amerikanischen Softwareunternehmens "Visionics". Auf der Webpage des größten Herstellers biometrischer Überwachungssoftware weht heute eine amerikanische Fahne. Darunter steht: "Terror is not faceless." Mit diesem Satz wird Joseph Atick, Boss des Unternehmens, nun bei amerikanischen und europäischen Stadtverwaltungen vorstellig. Einen neuen Auftrag im Kampf gegen den Terror hat er bereits in der Tasche. Atick wird am Flughafen in Washington sein biometrisches Gesichtserkennungsprogramm "FaceIt" ("mit integriertem Facefinder") installieren. In Island läuft das System bereits am Keflavik Airport. "FaceIt" vermisst Augendistanz, Nasenlänge, Wangenknochen aller gefilmten Personen. Die "Faceprints" werden mit einem Nummerncode versehen und binnen weniger Sekunden mit der Verbrecherkartei der Polizei verglichen. "Wir müssen den Feind identifizieren, bevor er Zugang zu jenen Plätzen bekommt, in denen er die öffentliche Gesundheit gefährden kann", sagt Atick: "Wir brauchen eine internationale Terroristendatenbank mit Bildern und Faceprints von jedem verdächtigen Individuum." Peter Westenthalers "Fingerprint für alle" erinnert da nur noch an eine lustige Folge von "Kottan ermittelt".Die offenen Gesellschaften definieren ihre Feinde und suchen zuerst bei den anderen. Das "Ende der multikulturellen Gesellschaft" ruft FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler aus. Werden nun ausländische Putzfrauen, die "in ihren Kübeln Milzbranderreger ins Büro schmuggeln könnten" (ein Sicherheitsexperte), näher überprüft? Sollen Passanten bespitzelt werden, weil sie sich zu oft vor terrorgefährdeten Gebäuden herumtreiben? "Wenn jemand drei Tage vor der amerikanischen Botschaft steht und in der Nase bohrt, dann will ich wissen, warum. Und wenn ein Koranschüler in die Pilotenschule geht, darf das nachrichtendienstlich hinterfragt werden", glaubt Stephan Landrock von "Group 4". In Berlin hinterfrägt man bereits: Wer in der, neben der US-Botschaft gelegenen Bar "Windhorst" einen Cuba Libre schlürfen will, muss sich zuerst einer Befragung durch Beamte des Bundesgrenzschutzes stellen und Taschen, Schuhe sowie Gesinnung kontrollieren lassen. Blick zurück: Wie haben andere Städte auf Terror reagiert? Als Anfang der Neunzigerjahre in Londons historischem Financial District zwei IRA-Bomben explodierten, errichtete die Stadt den "Eisernen Ring", ein umfassendes Überwachungssystem. Jeder noch so kleine Winkel sollte permanent und zentral gesteuert mit Kameras überwacht werden. Tatsächlich konnte ein Terroranschlag schneller aufgeklärt werden. Ein Mann hinterlegte Nagelbomben in Schwulenlokalen und wurde dabei gefilmt. Heute nennt sich der große britische Bruder "Closed Circuit Television" (CCTV). Er besitzt rund 2,5 Millionen Kameraaugen und dient längst nicht mehr der Terrorbekämpfung, sondern dem Kampf gegen Vandalismus, Graffitis und "asozialem Benehmen". CCTV ist - laut Umfragen der Medien - bei 90 Prozent der Briten beliebt und späht nicht nur in U-Bahnen, Geschäften, Vorgärten und Parkplätzen, sondern mittlerweile auch auf Dorfplätzen und am Heck städtischer Autobusse. Wer etwa verbotenerweise in der Busspur fährt, ist dran. Alleine in London leuchten 150.000 staatliche "Spy Eyes" jeden Winkel aus. Sie sind mitunter - wie etwa im britischen Newham - mit "FaceIt" ausgestattet und können die Gesichter aller Bürger binnen Sekunden mit den Fotos des Fahndungscomputers vergleichen. Wer in Newham in den Hauseingang pinkelt, wird von CCTV erfasst, gescreent und gegebenenfalls mit der Bilddatenbank identifiziert. Programmierer feilen bereits an Überwachungsprogrammen, die "abnormales Verhalten" automatisch erkennen können. Wer um Hilfe schreit, mit einer Waffe schießt, zu schnell läuft, löst ebenso Alarm aus, wie jener, der nur seinen Koffer am Bahnhof vergisst. "Spy Eyes" hatten die elfjährigen Mörder des zweijährigen James Burgler ebenso beobachtet wie den Mord an einer beliebten britischen Fernsehmoderatorin, der Dutzende Male im Fernsehen gesendet wurde. Am Wohnungs- und Büromarkt werben Makler mit dem Zusatz "CCTV-watched". In eigenen TV-Shows werden CCTV-Videos von Landsleuten gezeigt, die in wackelnden Autos beim Liebesspiel ertappt werden oder Selbstmord begehen wollten. "Am Londoner Flohmarkt können die Videos gekauft, im Internet gratis heruntergeladen werden", erzählt Geraint Williams, Reporter des Londoner Magazins Time Out. Vor allem das Material gelangweilter Kontrolleure, die auf die großen Brüste junger Britinnen zoomen, ist gefragt. Andererseits - so versichert die Polizei - hätte allein die Kamerapräsenz die Kriminalitätsrate in schlechten Bezirken schon um rund 40 Prozent gesenkt. Im Sommer hatte New Labour weitere 79 Millionen Pfund (150 Millionen Euro) für das Überwachungssystem bereitgestellt. Was in London scheinbar erfolgreich getestet wurde, feiert nun den Siegeszug in anderen Ländern. Orwells Visionen des großen Bruders muten wie eine technisch anspruchslose Vorstudie an. Sicherheitsfirmen füllen ihre Datenbanken mit Face- und Fingerprints und machen damit gutes Geld. In Tampa, Florida, werden nicht nur die Vergnügungsviertel gescannt, sondern auch die 75.000 Besucher des diesjährigen Superbowl-Finales. Während die Fans über den Sieg der Baltimore Ravens jubelten, piepste der "Facefinder" der Polizei im Keller. Neunzehn Taschendiebe und Schwarzhändler wurden erwischt. Amerikanische und australische Einwandererbehörden haben "FaceIt" für den Kampf gegen Asylschwindler entdeckt. In Mexiko wurden alle Wähler gescreent, um - so die offizielle Version - Wahlbetrug zu verhindern. Der Staat Minnesota zahlte 3,5 Millionen Dollar für ein "Live-Scan"-Programm, um Sexualattentäter, die sich vor Schulen herumtreiben, verscheuchen zu können. Der letzte Schrei heißt "Remote Data Terminal". Mit ihm kann ein Polizist Verdächtige auf der Straße fotografieren und die Daten in "real time" per Handy mit der Verbrecherdatenbank abgleichen. Das US-Institute for Justice hat das System zwei Wochen nach dem Terroranschlag erstanden. In Österreich ist sind solche Visionen Zukunftsmusik. Vergangenes Jahr wollte der Wiener ÖVP-Gemeinderat Georg Fuchs auf der Favoritenstraße eine "Notrufsäule" aufstellen. Die scheinbar harmlose Siemens-Säule hatte integrierte Kameras, mit denen Drogendealer verscheucht werden sollten. Die Stadtverwaltung lehnte dankend ab.In Österreich wird Biometrie nur dort eingesetzt, wo sie Sinn macht. Sensible Institutionen - wie etwa das Wiener AKH - sichern ihre Gebäude mit Kameras und biometrischen Systemen. Wer in den AKH-Computerraum mit den Patientendateien eindringen will, muss seinen Handabdruck und einen Code bei den schweren Eisentüren bekannt geben. "Wenn einer der Befugten ein Pflaster am Finger hat, lässt ihn der Apparat nicht rein", erklärt ein Techniker. Im Wiener Regierungsviertel rund um den Minoritenplatz wird jeder Winkel durch Kameras ausgeleuchtet. Die Wiener Wasserspeicher werden ständig observiert. Am Westbahnhof soll es in ein paar Monaten Kameras geben."Automatische Gesichtserkennungsprogramme sind den leitenden Beamten in ihrer Existenz noch gar nicht bekannt", schreibt Robert König in seiner soeben in Wien erschienenen exzellenten Studie "Videoüberwachung". Doch für private Sicherheitsanbieter, die immer mehr Aufgaben der Exekutive übernehmen, um diese zu entlasten, ist permanente Videoüberwachung mittlerweile Selbstverständlichkeit. Ihre Kunden, private Firmen, Banken, Geschäfte und die Wiener Linien (sie verfügen alleine über rund 1000 Kameras), wollen ihr Eigentum hauptsächlich vor Vandalen oder kleinen Gaunern sichern. Man muss nicht nach Las Vegas blicken, wo ungebetene Gäste mit "FaceIt" aus den Kasino geworfen werden. König beobachtete bei einem Marsch durch die Wiener Innenstadt, dass "jedes fünfte Geschäft eine Videokamera verwendet". Eine Wiener Versicherung hat in ihrem Haus satte 30 Kameras installiert. Mitunter blicken die kleinen privaten Brüder sogar den nackten Untertanen nach. So versucht der Wiener Sportverein "Tennis Point Vienna" mittels CCTV-Anlage auf den Herrengarderoben die Sportler vor Taschendieben zu schützen. In Wiener Puffs sorgen in Separées versteckte Minikameras für Sicherheit der Prostituierten.Jurist König fordert eine Konzessionspflicht für den Wildwuchs privater Kameras. Sie dürften nur als "ultima ratio ratio" installiert werden. Denn die im rechtsfreien Raum aufgenommenen Bänder werden der Polizei im Bedarfsfall weitergereicht. Manchmal trifft es dann sogar die, die stärkere Überwachung fordern: Als der FPÖ- Abgeordnete Patrick Ortlieb im Schatten einer Videokamera eine derangierte Dame in einer Tiefgarage eines Flughafens absetzte, wussten die Medien binnen weniger Stunden davon. Die Insel der Seligen wird nicht länger unbeobachtet bleiben. Nicht nur die Angst vor Terror wird zu einer Aufrüstung digitaler Stadtmauern im öffentlichen Raum führen. "Nach der Ostöffnung wird es einen Anstieg von Überwachung geben. Darüber wurde noch nicht wirklich diskutiert", meint Securitas-Chef Wiesinger. Die Folgen vermehrter Überwachung sind heute nicht absehbar. Darf man einen vorbestraften Freund am Flughafen noch grüßen? Löst man Alarm aus, wenn man ungewöhnliche Kleidung oder gar einen Turban trägt? Dürfen Straftäter eine Reise in den arabischen Raum buchen? Vergangene Woche hatte die New York Times dem renommierten Justizjournalisten Jeffrey Rosen mehrere Seiten für einen dramatischen Appell gegen die geplante Videoüberwachung in den USA eingeräumt. "Das Versprechen Amerikas war, dass wir der alten Welt, wo jedem sein Platz zugeteilt war, entfliehen können. Wenn wir von einer offenen Gesellschaft sprechen, dann meinen wir keine transparente Gesellschaft, wo Nachbarn einander mit Joysticks und Laptops in die Fenster schauen können." Mitarbeit: Christopher Wurmdobler |
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Oktober 2001 © FALTER
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