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THEATER Airan Berg und Barrie Kosky haben die künstlerische Leitung des Wiener Schauspielhauses angetreten. Mit dem "Falter" sprachen sie über ihre Pläne, überSchauspieler und Autoren, über das Publikum und die Gemeinsamkeiten von Theater und Gastronomie. KARIN CERNY und WOLFGANG KRALICEK |
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Zwei aus siebenundsiebzig: Im Frühjahr dieses Jahres gingen Airan Berg (geboren 1961 in Tel Aviv) und Barrie Kosky (geboren 1967 in Melbourne) aus der Ausschreibung der künstlerischen Leitung des Wiener Schauspielhauses als Sieger hervor. Als Nachfolger von Schauspielhausgründer und Langzeitdirektor Hans Gratzer werden sie das Haus in der Porzellangasse drei Jahre lang (mit der Möglichkeit einer Verlängerung um weitere drei Jahre) leiten. Das neue Signet des Schauspielhauses ist eine Schlange - wie diese soll sich auch das Theater immer wieder häuten; eröffnet wird die neue Direktion am 23. Oktober mit einer Bearbeitung des griechischen Klassikers "Medea". Während Airan Berg als Theatermacher (Theater ohne Grenzen, gemeinsam mit Martina Winkel) und Festivalleiter ("Die Macht des Staunens", internationales Puppentheater) in Wien bestens bekannt ist, genießt Barrie Kosky hier noch den Status des großen Unbekannten; bekannt ist nur, dass er in Australien sowohl in der Oper als auch im Sprechtheater als Enfant terrible gilt und das renommierte Adelaide-Festival leitete. Der "Mann mit der verkehrten Brille" (Berg über Kosky) spricht übrigens ausgezeichnet Deutsch. Falter: In der Geschichte des Wiener Schauspielhauses gab es bisher drei große Phasen. Zuerst, ab 1978, setzte Hans Gratzer dem Burgtheater aktuelles Regietheater entgegen. George Taboris "Der Kreis" (ab 1987) war ein Guru-Theater mit einer um eine große Figur gescharten Gruppe. Schließlich kam Gratzer 1991 zurück und etablierte ein zeitgenössisches Autorentheater, in dem neue Stücke im Zentrum standen. Wie soll Phase vier aussehen? Barrie Kosky: Im Moment kann man nur sagen, dass sich die Gesellschaft in einem ständigen Wechsel befindet und dass Theater diese Veränderung zeigen soll. Unser Theater ist nicht ein Mensch wie Gratzer oder Tabori, es ist nicht ein Ensemble wie "Der Kreis", und es nicht Text, wie der zweite Teil von Gratzer. Es ist eine theatralische Bouillabaise. Ich habe ein Problem damit, wenn ein Theater heutzutage nur eine Ausrichtung hat. Weil das nicht mehr zeitgemäß ist? Kosky: Für uns ist ein komplexes und eklektisches Programm zeitgemäß, wo man moderne Stücke ebenso sehen kann wie Musiktheater oder selbst entwickelte Arbeiten. Airan Berg: Auch wenn man die Gastronomie der letzten 20 Jahre ansieht, erkennt man diesen Trend. Wie wenig Vielfalt gab es in den Siebziger- oder Achtzigerjahren in den Restaurants, und wie international ist die Küche geworden! Heute geh ich indisch essen, morgen mag ich Sushi. Den Vergleich mit der Küche finde ich sehr treffend für unsere Arbeit: Wir laden Leute aus Asien ein, wir laden Leute aus Deutschland ein, wir laden eine syrische Frau aus Holland ein. Die alle kochen sozusagen bei uns. Kosky: Es ist aber nicht jedes Stück ein Mischmasch. Sushi und Pasta gehen nicht zusammen. Der Wechsel soll durch die verschiedenen Künstler stattfinden, die hier arbeiten. Ein Restaurant geht aber doch nur dann gut, wenn noch nicht viele von dieser Sorte existieren. Wie würden Sie das Schauspielhaus in der Theaterlandschaft Wien einordnen? Berg: Was wir vorhaben, gab es hier bisher nicht: Wir wollen ganz international arbeiten, wobei wir - im Unterschied zu den Wiener Festwochen - österreichische Künstler und Künstlerinnen in internationale Koproduktionen integrieren werden. Dadurch soll ein Dialog mit der hiesigen Szene entstehen. Kosky: Es gibt in Wien auch kein Theater, an dem Trainingsprogramme für professionelle Schauspieler angeboten werden. Das Schauspielhaus ist auch ein Labor für Künstler. Man kann sich unser Konzept vielleicht nur schwer vorstellen, aber beim Adelaide-Festival habe ich genau dieses Konzept der verschiedenen Richtungen umgesetzt. Für die Zuschauer ist das wunderbar, es ist ein Spiegel der Gesellschaft. Sie verweisen häufig auf Festivals, wenn Sie von Ihrem Konzept sprechen. Muss man heutzutage wie ein Festival denken, wenn man ein Theater leitet? Kosky: Unsere Arbeit unterscheidet sich schon von der eines Festivals. Ein Festival findet in einer sehr kurzen Zeitspanne statt. Wir versuchen Leute zusammenzubringen, um sie ein bisschen länger miteinander arbeiten zu lassen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Zudem stecken die großen Festivals wie Edinburgh oder Avignon in der Krise, weil sie seit 20 Jahren den gleichen Ansatz verfolgen. Auch die Wiener Festwochen, oder? Kosky: Ja, natürlich. Marie Zimmermann, die neue Schauspieldirektorin der Festwochen, wird das bestätigen. Sowohl das Stadttheater als auch das Festival sind wichtig, aber sie müssen sich verändern. Obwohl Wien eine Stadt mit vielen Theatern ist, haben wir das Gefühl, dass hier nicht so viel los ist, wie Außenstehende manchmal glauben. Es gelingt einfach nicht, eine Art Volksbühne, wie Frank Castorf sie in Berlin leitet, für Wien zu etablieren. Einen Ort, den auch Leute aufsuchen, die sonst nicht ins Theater gehen. Was denken Sie über die Theaterstadt Wien? Kosky: Ich glaube, es gibt wenig Städte auf der ganzen Welt, wo die Leute so theaterbesessen sind. Manchmal ist es gutes Theater, manchmal ist es schlechtes Theater, aber die Menschen sprechen darüber. Sie haben eine Meinung darüber. In Wien rede ich mit Taxifahrern über Theater. Das habe ich nirgends sonst auf der ganzen Welt gemacht. Berg: Die Volksbühne ist ein wunderbares Beispiel und gleichzeitig ein nicht ganz faires: Sie ist nach der Wende entstanden und wurde eine Heimat für sehr viele Leute, die ihre Heimat verloren hatten. Wir wollen hier keine Volksbühne installieren, obwohl uns die Stimmung dort gefällt. Wir wollen schon, dass das Schauspielhaus ein Ort wird, wo sich die Leute wohl fühlen. Wer ist das Zielpublikum? Berg und Kosky: Alle! Kosky: Die Volksbühne ist mir ein bisschen zu exklusiv für junge Leute. Am besten finde ich, wenn ich ins Parkett sehe und denke: Mein Gott, ist das wunderbar eklektisch! Der Zuschauerraum muss ein Spiegel der Straße sein. Andererseits kann es ein Theater aber auch nicht allen recht machen wollen. Soll es nicht auch polarisieren und Stellung beziehen? Berg: Wir wollen ja keine Unterhaltung für die ganze Familie machen. Man wird sehen, dass wir eine Haltung haben zu politischen, gesellschaftlichen, persönlichen Verhältnissen. Aber nichtsdestotrotz: Unser Zielpublikum sind alle. Kosky: Ich glaube, die Leute hier haben eine enge Bindung zu einem Haus. Sie gehen nur in die Josefstadt, nur ins Burgtheater oder nur ins Volkstheater. Aber: These days are numbered. Du gehst ins Burgtheater, weil es dort eine Inszenierung gibt, die dich interessiert. Unsere Zuschauer sollen auch wissen, dass es nicht notwendig ist, jedes Stück zu lieben. Es ist kein Problem zu sagen: "Dieses Stück war phantastisch, das andere gefällt mir nicht." Zugegeben, der Vergleich mit der Volksbühne war etwas unfair. Gibt es vielleicht andere Theater, die Sie sich zum Vorbild genommen haben? Berg: Das Schauspielhaus ist keine Kopie von etwas. Es ist das Resultat eines Prozesses, der seit neun Jahren, seitdem wir uns kennen, stattfindet. Schon damals haben wir darüber geredet, was uns fehlt am Theater, welche Utopien wir haben, wie wir gerne arbeiten würden. Ich habe schon beim Theater ohne Grenzen mit Leuten aus verschiedenen Kulturen kooperiert. Unser Konzept ist das Ergebnis der Reflexion darüber, was wir uns unter Theater vorstellen. Sie sind beide Regisseure mit vielfältigen Erfahrungen. Jetzt werden Sie nicht nur Stücke, sondern auch ein ganzes Haus inszenieren müssen. Wie gehen Sie mit dieser neuen Situation um? Kosky: Wenn du sowohl künstlerischer Leiter als auch Regisseur bist, musst du zwei Arten von Blick und Sprache haben. Wenn Airan ein Projekt vorschlägt, kann ich als Regisseur sagen: "Das ist nicht meins", während ich als künstlerischer Leiter sage: "Für die Zuschauer ist das interessant." Wir haben keineswegs immer denselben Geschmack. Vielleicht ist das noch ein Unterschied zur Volksbühne. Dort kommen alle Arbeiten aus dem gleichen Loch. Für mich wäre es schrecklich, wenn alle Inszenierungen wie meine eigenen aussehen würden. Gibt es auch etwas, was Sie beide verbindet? Berg: Wir mögen beide das Risiko. Natürlich wäre es leichter, Leute nach Wien zu holen, die man schon kennt. Aber der Erfolg ist letztendlich größer, wenn man jemanden holt, dessen Stil man überhaupt nicht kennt. Ich kenne zum Beispiel niemanden in Wien, der so arbeitet wie Barrie. Kosky: Es ist sehr gefährlich, große Statements über das Schauspielhaus und seine Philosophie zu machen. Die Leute hier sind manchmal ein bisschen zu schnell in ihrem Urteil. Ich komme aus einem Land, in dem die Leute mehr "laid back" sind, im Sinne von "Okay, mal schauen". Sie wünschen sich gelassene Zuschauer? Kosky: Nicht zu "laid back", aber geduldig. Wenn du mit wunderbaren Künstlern arbeitest, wird nicht jede Inszenierung wunderbar sein, aber du weißt, es wird etwas Interessantes herauskommen, weil es auf der Bühne interessante Schauspieler gibt. Berg: Die Leute sollten kommen, weil sie die Schauspieler mögen. Es wird ein Theater für Schauspielerinnen und Schauspieler sein. Ein etwas neuerer Ansatz ist das Projekt "author in residence". Die deutsche Dramatikerin Gesine Danckwart wird für einige Monate in Wien leben und ein Stück erarbeiten. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Kosky: Ich habe Gesine gefragt: "Hast du eine Idee für ein Stück?" Und sie hat gesagt: "Nein." Wunderbar! Zu viele Theaterautoren haben Stücke in der Schublade, die sie dann herausholen. Das Problem im Sprechtheater ist zurzeit, dass die meisten Autoren den Kontakt mit dem Schauspieler verloren haben. Autoren wie Shakespeare, Molière, Tschechow oder Beckett haben immer mit Schauspielern gearbeitet. Gesine wird sechs Monate experimentieren, mit Schauspielern arbeiten - ohne dass wir Druck machen. Erst dann fangen wir an, einen Regisseur zu suchen. Berg: Barrie und ich haben viel über Gesetze von Institutionen geredet, in denen wir ja auch gearbeitet haben. Man gerät leicht in diese Falle, dass man sofort den Premierentermin ansetzt. Auch wir sind davor nicht gefeit, wir müssen uns immer wieder sagen: Moment ... ... wir wollten es doch anders machen! Berg: Genau. Es geht darum, diese Balance zu finden: dass das Haus läuft, dass es offen ist, dass es Vorstellungen gibt und dass wir diesen Prozess ermöglichen. Klingt so, als würden Sie die Sache so angehen wie Ihre idealen Besucher: zuversichtlich, aber gelassen. Kosky: Ja. Viele vergessen, dass Theater chaotisch und unordentlich ist. Jeder Prozess ist schmutzig. A plus B plus C ist im Theater nicht unbedingt gleich Erfolg. Man kann niemals sagen, ob eine Inszenierung ein Erfolg wird. Wie wird Medea? Kosky: Ich glaube, es wird nicht langweilig, und die Zuschauer werden es niemals vergessen. |
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Oktober 2001 © FALTER
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