Zum Archiv
"Ich genieße es"
MUSIK Der Crooner in der Disco: Mit dem Album "Only Tonight" könnte dem Ex-Barsänger Louie Austen im zarten Alter von 55 Jahren der Durchbruch als Popstar gelingen. SEBASTIAN FASTHUBER (E-Mail: fasthuber@falter.at)


Falter 43 Originaltext aus Falter 43/01 vom 24.10.2001

Diese Ausgabe des Falter bestellen

Informationen über ein Falter-Abonnement

Der Schein trügt. Seine whiskygegerbte Stimme, sein Background als Hotelbar-Sänger und die düstere Stimmung auf seiner ersten CD, "Consequences" (1999), geben Grund zur Annahme, der Tag beginne für Louie Austen gegen zwei Uhr nachmittags mit dem Griff zur Johnnie-Walker-Flasche. Tatsächlich erscheint der Entertainer zum vormittäglichen Falter-Gespräch nicht nur pünktlich, sondern wartet schon lesend im verabredeten Café. Er trinkt Tee und ist geradezu unglaublich gut gelaunt.
Austen hat aber auch allen Grund dazu. Seit dem Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem Elektronik-Musiker Mario Neugebauer hat er ein neues, junges Publikum gefunden, das jeden seiner Auftritte bejubelt. Im letzten Jahr landete er mit "Hoping" den heimlichen Sommerhit. Heuer folgte der Disco-Knaller "Amore" - und nun das zweite, von Neugebauer diesmal gemeinsam mit Cheap-Labelboss Patrick Pulsinger produzierte Album "Only Tonight". Es überzeugt von vorn bis hinten: Die Songs sind super, die Beats knackig, die Instrumentierung funktioniert wunderbar, und Austen fühlt sich als Sänger hörbar pudelwohl.
Er ist sich seiner Sache so sicher, dass er sämtliche anderen Jobs wie jenen im Hotel Marriott aufgegeben hat: "Du kannst nur eines ordentlich machen. Ich habe alle Sicherheiten hinter mir gelassen, aber dafür darf ich mit Mario und Patrick arbeiten - das sind zwei geniale Menschen. So eine Chance hat man nicht oft im Leben."
Austen weiß, was er an den beiden Elektronik-Wizards hat: zwei innovative Produzenten, die aus dem Underground kommen, gleichzeitig aber über das Gespür für zeitgemäße Popmusik verfügen und ihm damit die richtigen Soundteppiche für seine Stimme knüpfen. Wenn er von der gemeinsamen Arbeit erzählt, wird der Crooner fast demütig: "Ich höre im Studio einen Track und sage: ,Bitte, lasst mich das singen!' Ich habe immer Angst, dass sie die Musik für jemand anderen aufgenommen haben. Dann renne ich nach Hause und denke mir eine kleine Geschichte dazu aus. Bei der eigentlichen Studio-Arbeit stecke ich dann gerne zurück, weil ich weiß, dass ich als Interpret und Texter nur mitschwimme und von ihrer Genialität profitiere. Die beiden setzen sich unglaublich kreativ miteinander auseinander. Da wird um jeden Beat gekämpft. Auf der CD klingt das alles ganz einfach, aber da stecken wochenlange Diskussionen dahinter."

Das Zusammentreffen mit Neugebauer kam für Austen gerade zum richtigen Zeitpunkt. Die Engagements als Sänger wurden allmählich rarer, und er suchte nach einer neuen Herausforderung. In der elektronischen Musik hat er sie gefunden: "Dieser Musik wirft man oft eine gewisse emotionale Kälte vor. Aber das stimmt nicht. Für mich ist das hundertmal interessanter, als wenn da zwanzig süße Geigen spielen. Als ich unsere Musik erstmals wirklich laut in einer großen Halle mit einer super Anlage gehört habe, bin ich fast ohnmächtig geworden!"
Bei aller Euphorie ist Austen eines bewusst: Geriete er in die falschen Hände, könnte er schnell zu einem lustigen Opa werden, der als Kuriosum durch Hitparadenshows gereicht wird - und danach schnell wieder verschwindet. Dem haben die Cheap-Leute aber gleich zwei Riegel vorgeschoben. Zunächst ist "Only Tonight" keine reine Tralala-Urlaubsplatte, sondern enthält mit "Same Again", "Music" und "Grab My Shaft!" auch Stücke, die von Schmerz, Einsamkeit und destruktiven Sexualfantasien handeln. Vor allem aber hat man die Angebote von Major-Labels ausgeschlagen und ist für die CD stattdessen einen Deal mit dem vorbildlichen Hamburger Haus Kitty-Yo eingegangen (die Vinyl-Version erscheint bei Cheap).
Von der Zusammenarbeit mit den Deutschen ist Louie Austen beeindruckt: "Die haben nicht viele Leute, sind aber irrsinnig motiviert. Ich fühle mich wohl bei ihnen, was wichtig ist, weil ich zum Arbeiten unbedingt eine harmonische Atmosphäre brauche. Dazu kommt noch, dass Kitty-Yo Kontakte überallhin haben und ich so die Gelegenheit zu vielen Live-Auftritten bekomme."
Getourt wird in nächster Zeit tatsächlich nicht zu knapp. Bis Jahresende ist Austen praktisch pausenlos in Europa unterwegs, im Rahmen der Viennale gibt es auch einen Auftritt in Wien. Danach geht es von Jänner bis Juli 2002 auf eine ausgedehnte Konzertreise durch Japan und die USA. Für den Sänger die reine Wonne: "Ich reise gern, ich fliege gern, ich bin gern auf Flughäfen. Ich werde überall super betreut, und bei meinen Konzerten flippen die jungen Leute aus. Ein tolles Leben, ich genieße es!"

Louie Austen:
Only Tonight (Kitty-Yo, Cheap/Ixthuluh).

Live am 31.10., 22 Uhr, im Casanova
(1., Dorotheergasse 6?8).

DAS VIDEO
Der doppelte Louie
Eine "Liebe Familie"-Wohnzimmerecke mit Stehlampe. Zwei Männer - einer davon Louie Austen - betreten die Szene, der Fernseher wird eingeschaltet, man setzt sich. Das TV-Gerät zeigt ein Musikvideo, ausgerechnet Austens "Amore". In diesem düst der Sänger mit junger weiblicher Begleitung im Motorboot über den Wörther See und croont in einer Karaoke-Bar. Dem Louie im Wohnzimmer ist das alles ziemlich egal: Er unterhält sich gelangweilt mit seinem Spezi, geht aus dem Bild, um eine bestellte Pizza und zwei Dosen Bier entgegenzunehmen, und schaltet schließlich sogar das Programm um. All das, wohlgemerkt, mit O-Ton der beiden Protagonisten, die sich unterhalten, während die Musik läuft. Und ohne einen Einstellungswechsel oder Schnitt gefilmt.
Keine Frage: Das Video zu Louie Austens neuer Single "Amore" toppt sämtlichen Trash im Musik-Fernsehen noch einmal locker, macht dem Namen von Austens Label Cheap alle Ehre und wird zumindest auf "Viva 2" mit Sicherheit des Öfteren zu sehen sein. Dass es schließlich so "cheap" kam, wie es kam, war jedoch alles andere als geplant: Das Video im Video sollte ursprünglich für sich allein stehen. Vom Hamburger Kitty-Yo-Label, wo Austens neues Opus auf CD erschienen ist, war ein deutscher Regisseur mit der optischen Umsetzung von "Amore" beauftragt wordem. Im Wiener Cheap-Hauptquartier aber war man vom Resultat entsetzt: Den Flair des Sängers noch einmal durch peinlichen Pörtschach-Glamour toppen zu wollen, das funktioniere nicht. Die Deutschen hätten seinen Schmäh nicht verstanden.
Als Trouble-Shooter wurde Tina Schula kontaktiert, eine Wienerin, die als Filmassistentin und Videoregisseurin in New York lebt und Austen bereits für "Remember" (1999) in Szene gesetzt hatte. "Ich hatte genau einen Tag Zeit, um das Video zu machen", sagt die Regisseurin. "Die Idee war relativ schnell da, weil wir das Video des Deutschen auch einbauen wollten, damit der das nicht ganz umsonst gemacht hat." Am schwierigsten sei es gewesen, eine geeignete Location zu finden - "alle meine Bekannten haben so supermoderne Wohnungen". Schließlich wurde Schula bei den Schwiegereltern eines befreundeten DJs fündig. "Die Wohnung war ideal, und zum Glück waren sie gerade nicht da. Falls die das Video einmal zufällig sehen sollten, werden sie schauen!"
SEBASTIAN FASTHUBER


Zum Archiv

nach oben
Oktober 2001 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at