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Müde Himmelsstürmer
HOCHHÄUSER Investoren mit dicker Brieftasche. Politiker, die vorliegende Pläne den Wünschen des Finanziers anpassen: Das neue Hochhauskonzept soll mit dieser Praxis Schluss machen. Dafür werden jetzt Regeln erstmals festgeschrieben. Und Wien bleibt die Stadt der mittelmäßigen Hochhäuser. JULIA ORTNER (E-Mail: ortner@falter.at)


Architektur-Themen:
Ares macht Andromeda an: Falter 46/01 (14.11.2001) von Jan Tabor

Falter 43 Originaltext aus Falter 43/01 vom 24.10.2001

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Sie sind 127 und 138 Meter hoch. Hunderttausende Kubikmeter Stahl und Glas ragen in den Himmel über dem Wienerberg. Fragil, elegant, exotisch. Die Zwillingstürme des Twin-Tower sehen gut aus. Gar nicht nach tiefstem Favoriten, wo sie aus dem Boden gestampft wurden - eher nach Manhattan, nach den Hochhäusern, die man in anderen Metropolen baut.
Das Hochhaus des italienischen Stararchitekten Massimiliano Fuksas soll der Grundstein für einen neuen Stadtteil mit mehr als 1000 Wohnungen sein. Die Wienerberg-City ist den Investoren inklusive Wohntürmen vier Milliarden Schilling wert. Wohnbaustadtrat und Bezirkspolitiker freuen sich über den Boom im Niemandsland. Ein gelungenes Projekt - wäre da nicht das Problem mit der öffentlichen Verkehrsanbindung. Die gibt es nämlich nicht. Tausende neue Bewohner, aber weder Bus noch Straßenbahn für die Siedlung im Nichts. Der Shuttle-Bus, der die Favoritner zur U6-Station Philadelphiabrücke bringt, kann dieses Problem nicht lösen: Jetzt muss die Stadt aus eigener Tasche für eine teure Verkehrsanbindung sorgen.
Ein klassisches Beispiel dafür, was beim Wiener Hochhausboom der vergangenen Jahre schief gelaufen ist. Wenn Investoren bereit waren, Geld anzulegen, war die Politik allzu gerne gewillt, vorliegende Pläne den Wünschen der Finanziers anzupassen. Politiker bestimmen den Ermessensspielraum, über die einzelnen Projekte wurde individuelll entschieden - Fehlurteile inklusive. So wurde nicht nur in Verkehrsfragen dann und wann ein Auge zugedrückt, wie etwa beim schlecht erschlossenen Florido Plaza in Floridsdorf. Auch die ursprüngliche Bedeutung des Wolkenkratzers als signifikante Landmark wurde missachtet: Muss zum Beispiel ein Schwesternwohnheim, wie das an der neuen U3-Station, unbedingt in einem Hochhaus residieren? "Jedem Brauer seinen Tower", nennen Stadtplaner diese Praxis. Schuld daran: Es gab bisher kein konkretes Hochhauskonzept für Wien, das regelte, an welche Rahmenbedingungen sich die Errichter von Hochhäusern halten müssen.

Mit dem jetzt vorliegenden Entwurf zum neuen Hochhauskonzept will Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP) den alten regellosen Zeiten ein Ende bereiten. Die Eckdaten des Konzepts, an dem in den nächsten Monaten noch gefeilt wird: Keine Hochhäuser im historischen Stadtkern oder in Landschaftschutzgebieten, keine Türme in wichtigen Sichtachsen, eine gute öffentliche Verkehrsanbindung, mehr Bürgerbeteiligung schon vor der Umwidmung der Grundstücke, Hochhausinteressenten müssen eine Zehn-Punkte-Checklist erfüllen. Fast alle diese Forderungen sind nicht neu, sondern bereits in der Coop- Himmelb(l)au-Hochhausstudie von 1991 empfohlen - an diese Empfehlungen hat sich allerdings bisher nicht jedes Hochhausprojekt gehalten. "Bei den verschiedenen Wettbewerben wurden eben je nach Jury verschiedene Aspekte des Projekts stärker betont", erklärt MA-21A-Chef und Hochhauskonzept-Planer Klaus Vatter.
In anderen Teilen der Welt brechen ganze Hochhausskylines immer wieder neue Höhenrekorde: 460-Meter-Türme wie das World Financial Center in Shanghai. Echte Himmelsstürmer. In Wien gibt es gerade 89 Häuser, die mit mehr als vierzig Metern Höhe hierzulande bereits als Hochhäuser gelten: eine müde Variante des Himmelsstürmers. Nur 13 von ihnen sind höher als neunzig Meter, zwölf ähnliche Türme sind derzeit in Planung oder Bau. Die meisten Hochhausprojekte werden in entlegenen Teilen der Stadt aus dem Boden gestampft - ob der neue Stadtteil am Wienerberg, die Donau-City auf der Platte im 22. Bezirk oder der Wohnpark Neue Donau an der Kaisermühlener Reichsbrückenrampe.
"Die Hochhäuser auf der Donauplatte sind Klasse. Aber keine Weltklasse", hat Ex-Planungsstadtrat Bernhard Görg (VP) einmal die Qualität der Wiener Hochhäuser beurteilt. Zu niedrig, zu wenig gewagt. Die Wolkenkratzer der Stadt sind vielleicht, international betrachtet, Durchschnitt - umstritten sind sie aber trotzdem. FPÖ, konservative Kulturschreiber und erregte Bürger trommeln immer wieder gegen "Betonmonster", die ihnen ihr schönes K&K-Wien verschandeln. Vor allem die drei geplanten Türme in Wien Mitte sind manchen ein Dorn im Auge. Doch auch diese "Hochhaus-Anarchie" könnte nach den neuen strengen Hochhauskriterien nicht verhindert werden - der Verkehrsknotenpunkt Wien-Mitte gilt als Top-Hochhaus-Standort.
Für die heimischen Architekten sind Hochhäuser begehrte Prestigeprojekte, Mittel zur Selbstverwirklichung - obwohl manche renommierte Baukünstler vor Beginn des heimischen Hochhausbooms in den Neunzigern mit dem Wolkenkratzer an sich nicht viel anfangen konnten. Auch Investoren mögen Hochhäuser: Sie bieten sehr hohe Gewinne auf vergleichsweise kleiner Grundfläche. Von diesen Milliardengeschäften durch Umwidmungen sollten Stadt und Gemeinschaft künftig auch profitieren können, meint der Raumplaner und Fachpublizist Reinhard Seiß. "Und man sollte von den Investoren mehr verlangen, als Flächen für Parks, Schulen oder Kindergärten abzutreten." Das traut sich die Politik allerdings noch nicht.

Braucht Wien eigentlich noch mehr Hochhäuser? "Solange mit den Aspanggründen, dem Nordbahnhof oder dem Nordwestbahnhof noch immer große Flächen im Stadtkörper brachliegen, gibt es zumindest keinen ökonomischen Druck, Hochhäuser zu bauen", glaubt Seiß. "Wien ist keine Hochhausstadt", betont Planungsstadtrat Schicker. Eine Parole, mit der Architekturzentrums-Chef Dietmar Steiner nichts anfangen kann. "New York ist ja auch keine Hochhausstadt - abseits von Manhattan." Dem internationalen Städtebautrend zum Hochhaus könne sich eben auch Wien nicht verschließen. Wolf Brix von Coop Himmelb(l)au, einer der Vorreiter des Wiener Hochhausbaus Anfang der Neunzigerjahre, hat wie andere Architekten ein prinzipielles Problem mit den Wolkenkratzern der Stadt: Sie sind ihm viel zu niedrig. "Das wirkt wie ,Ich will, aber ich kann nicht'. Solche Häuser sind ein Zeichen für das Mittelmaß dieser Stadt."

PLANUNGSSTADRAT RUDOLF SCHICKER
"Kein Unter-der-Decke-Mauscheln mehr"
Falter: Herr Schicker, "Wien ist keine Hochhausstadt" haben Sie bei der Präsentation des neuen Hochhauskonzepts gesagt: Heißt das, Wien darf nicht Chicago werden - zumindest architektonisch?
Rudolf Schicker: Nein, Chicago ist ja eine wunderschöne Stadt. Ich denke nur, dass die am Ende des 19. Jahrhunderts gewachsene Stadtstruktur Wiens so beschaffen ist, dass wir sehr aufpassen müssen, wo wir Hochhäuser hineinsetzen und wo wir Ballungen von Hochhäusern zulassen.
Warum hat es in dieser Stadt zehn Jahre gedauert, bis es jetzt endlich klare Hochhausrichtlinien gibt?
Wien ist eine Stadt, die immer alles sehr genau wissen möchte, bevor sie sich für ein endgültiges Konzept entschließt - und deshalb manchmal auch etwas lang braucht. Das hat Tradition in Wien: Auch die Entscheidung pro U-Bahn ist hier wesentlich später gefallen als in anderen Städten.
Welche Hochhäuser wären nach den künftigen Richtlinien erst gar nicht gebaut worden?
Es gibt manche, die nicht gebaut worden wären, wenn die Kriterien scharf angewendet worden wären. Dazu würden aus historischer Sicht auch das Herrengassen-Hochhaus oder der Ringturm zählen, denn sie stehen in einer Schutzzone. Wir wissen aber, dass diese Landmarks in der Inneren Stadt sinnvoll sind. Deshalb werden auch künftig Hochhäuser an Standorten gebaut werden können, die man sich a priori nicht wirklich vorstellen kann. Die Hochhausbauten der vergangenen Jahre, etwa die, die entlang des Wienerbergs entstanden sind, sind sicher, was die Verkehrserschließung betrifft, ein Problemfall, und wir versuchen jetzt, die öffentliche Verkehrsanbindung dorthin nachzuziehen.
Ihr Amtvorgänger Bernhard Görg hat einmal gesagt, die Hochhäuser der Donaucity, eines der Vorzeigeprojekte der Stadt, seien Klasse, aber nicht Weltklasse. Wie beurteilen Sie die Qualität der Wiener Hochhäuser?
Ein paar sind recht gut gelungen, Häuser, die ins Stadtgefüge passen. Natürlich gibt es auch welche, bei denen die Bauträger die architektonische Qualität so reduziert haben, dass die Beschreibung "nicht Weltklasse" sicher stimmt.
Welche sind denn "nicht Weltklasse"?
Ich spreche lieber von den positiven Beispielen: Der Andromeda-Tower oder der Media-Tower sind gelungen, mir gefällt auch der Twin-Tower. Es stellt sich halt die prinzipielle Frage, ob einem ein Obelix-Tower gefällt ... Es geht beim neuen Hochhauskonzept aber nicht darum, was dem Stadtrat gefällt: Wir wollen sicher keine Geschmackspolizei sein.
Stichwort öffentlicher Verkehr: Die neuen Hochhausrichtlinien sehen vor, dass Investoren für die öffentliche Verkehrsanbindung zahlen sollen, wenn es die am geplanten Standort noch nicht gibt.
So ist es. Und die eine oder andere Hochhausidee an einem Standort kann man künftig auch dafür nutzen, um die öffentliche Verkehrsanbindung dorthin zu beschleunigen. Denn wenn ein Hochhausentwickler ein gutes Grundstück hat und es passt stadtstrukturell, wird die Stadt nicht sagen, du musst 15 Jahre warten, bis wir Geld zur Erschließung haben - das wäre extrem wirtschaftsfeindlich.
Sollen künftig Investoren verpflichtet werden, für die Wertsteigerung ihrer Grundstücke, zum Beispiel beim Hochhausbau, mehr ins Gemeinwohl zu investieren?
1995 haben wir dieses Modell im Rahmen der Widmung für die Wienerberg-City erstmals angewandt: Die Investoren mussten dort als Grundlage für die Widmung ein Grundstück für einen Kindergartenplatz zur Verfügung stellen. Heute wissen wir allerdings, dass wir mehr hätten verlangen sollen. In Deutschland gibt es schon städtebauliche Verträge zwischen Kommunen und Privaten, die auf einer klaren rechtlichen Basis beruhen, die wir noch nicht haben - die wir jetzt einmal simulieren wollen. Wenn wir das ausprobiert haben, können wir eine Regelung schaffen und diese auch in der Bauordnung verankern.
Investoren müssen auch fürs Gemeinwohl zahlen - das klingt nach guten alten sozialdemokratischen Werten.
Die Stadt will bessere Möglichkeiten für Investoren schaffen, aber dafür wünschen wir uns, dass davon nicht mehr nur einer profitiert, sondern viele.
Die Wiener VP befürchtet, dass mit dem neuen Hochhauskonzept "bürokratische und betriebswirtschaftliche Hürden" aufgebaut werden sollen. Wollen Sie Investoren abschrecken?
Diese Angst ist nur dann berechtigt, wenn sich ein Investor davor fürchtet, sein Projekt mit den Bürgern in Diskurs zu bringen. Eines sehen wir auch bei den geplanten Hochhäusern in Wien-Mitte: Legt man seine Karten nicht zeitgerecht offen, hat man nur Aufstände und Wickel. Dieses Unter-der-Decke-Mauscheln soll nicht mehr passieren.
In der Expertengruppe für den Feinschliff des Konzepts sitzen Hochhausarchitekten und -befürworter. Werden auch Experten etwas zu sagen haben, die nicht gerne selbst Hochhäuser bauen?
Wir diskutieren in verschiedenen Gruppen. Eine davon besteht aus Architekten. Natürlich gibt es auch andere Expertengruppen, die sich mit soziologischen Komponenten auseinander setzen, mit Fragen der Bürgerbeteiligung, mit den ökonomischen Aspekten.
Der Architekt Laurids Ortner hat einmal gefordert, dass Politiker und Bauherren einen Ausbildungskurs für Architektur machen sollten. Würden Sie als studierter Raumplaner empfehlen, dass sich Architekten mehr mit Raumplanung beschäftigen sollen?
Es gibt eine TU-Fakultät, die bis vor kurzem Raumplanung und Architektur hieß - die Architekten haben erreicht, dass sie jetzt Architektur und Raumplanung heißt. Insofern hat die größere Zunft gewonnen. Ich glaube allerdings, dass die Raumplaner einen Riesenvorteil haben: Sie bekommen in ihrer Ausbildung die volkswirtschaftlichen und soziologischen Aspekte wesentlich intensiver mit und haben deutlich mehr Ahnung von Stadtentwicklungsprozessen.


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Oktober 2001 © FALTER
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