Wenn man sich einen Cowboyfilm angeschaut hat, ist ein jeder nachher ganz breitspurig hinausgegangen, so lässig, die Zigarette gleich angeraucht.0" Mit leuchtenden Augen erzählt der passionierte Kinogeher Anton Bartusch von seinen Filmerlebnissen in der Brigittenau ? damals, in den Fünfzigerjahren, als er sich noch mehrmals in der Woche im Vindobona cineastischen Träumereien hingab. Auch in den übrigen Lichtspieltheatern des Bezirks war er ein regelmäßiger Gast. Auswahl gab es genug: Insgesamt sieben Kinos garantierten eine annähernd flächendeckende "audiovisuelle Nahversorgung" (Martin Mészáros). Durch Donaukanal und Donau sowie die großen Areale des Nord- und Nordwestbahnhofs von den angrenzenden Bezirken isoliert, hatte sich in der Brigittenau eine typisch vorstädtische Kinokultur entwickelt.
Alles begann im Jahre 1908. Mit dem Brigittenauer-Kino in der Marchfeldstraße und einem schlicht "Kinematographentheater" genannten Etablissement in der Klosterneuburger Straße öffneten die ersten Kinos ihre Pforten. Schon ein Jahr darauf wurde in der Rauscherstraße ein drittes Filmtheater eröffnet. Die beiden letztgenannten, extrem kleinen Spielstätten wurden allerdings in den folgenden Jahren wieder geschlossen, dafür entstanden nun die ersten größeren "Lichtspieltheater": 1911 das Mathilden, 1912 das Wallenstein, 1913 das Wailand (später: Friedensbrücken) und 1914 das Triumph.
Die meisten dieser Kinos waren so genannte Ladenkinos: Bereits bestehende Lokale wurden so adaptiert, dass sich ein lang gestreckter Saal ergab, der lediglich durch einen Projektionsraum sowie einen kleinen Vorraum, in dem sich Kassa, Buffet und Sanitäranlagen befanden, ergänzt werden musste. Da gute Zugänglichkeit und auffällige Lage wichtig waren, wurden diese Kinos, deren Fassungsraum etwa hundert bis 200 Personen betrug, durchwegs in Eckhäusern errichtet. Lediglich das Wailand und das Wallenstein stellten eigens errichtete Kinobauten dar, die in den Innenhof des jeweiligen Hauses eingebaut wurden und damit weitaus größere Säle enthielten (343 und 502 Sitzplätze).
Hinsichtlich Platzangebot und Ausstattung war das nach Plänen des renommierten Architekten Siegmund Müller errichtete Wallenstein eindeutig das modernste Kino des Bezirks. Bei seiner Eröffnung 1912 wurde es als künftige Sehenswürdigkeit der Brigittenau gefeiert. Die Kinematographische Rundschau berichtete: "Der zwanzigste Wiener Gemeindebezirk hat seit einigen Tagen durch die Errichtung des neuen Kinematographentheaters eine Sehenswürdigkeit erhalten, die wesentlich dazu beitragen dürfte, das Interesse für Kinoschaustellungen weiter zu erhöhen. Der Theatersaal, der in Creme und Gold gehalten ist, präsentiert sich als ein Muster moderner Kinobaukunst."
Als unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg Pläne auftauchten, am Wallensteinplatz ein neues Kino namens Vindobona zu eröffnen, sprach sich die Bezirksvertretung zunächst dagegen aus. Begründet wurde dies damit, dass sich in unmittelbarer Nähe bereits drei Kinos befänden und somit für ein weiteres kein Bedarf bestehe. Erst die Berücksichtigung der Tatsache, dass der Antragsteller Julius Dutka ein Kriegsinvalider war, sowie das minutiöse Vorrechnen der Entfernungen zu den nächst gelegenen Kinos bewirkten ein Umdenken, sodass das Vindobona 1921 doch noch eröffnet werden konnte. Weitere Kinos wurden in der Folge nur mehr im zwischen Nordwestbahnhof und Donau gelegenen Stadtteil Zwischenbrücken errichtet: Im Jahre 1920 eröffnete das Hellwag, ein kleines Ladenkino mit 180 Sitzplätzen; im Gemeindebau Winarsky-Hof wurde der große Veranstaltungssaal unter dem Namen Winarsky-Kino ab 1926 für Filmvorführungen genutzt.
Ab Mitte der Zwanzigerjahre wurden einige der Kinos umgebaut und zum Teil auch mit neuen Namen versehen. Wie in anderen Wiener Vorstadtbezirken auch leiteten sich in der Brigittenau die Kinonamen meist direkt vom unmittelbaren städtebaulichen Umfeld ab. Im Unterschied zu den leuchtenden Filmpalästen "in der Stadt" gab es hier keine glanzvollen Filmpremieren oder Aufsehen erregende Auftritte prominenter Filmstars.
Das Bürgerkriegsjahr 1934 und die Errichtung des autoritär-klerikalen Ständestaates blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Brigittenauer Kinos. Das Winarsky wurde der sozialdemokratischen Partei entzogen und 1936 in Hochstädt umbenannt, hatte der Name doch bisher allzu deutlich an die sozialistische Arbeiterbewegung erinnert (Leopold Winarsky war Führer der Brigittenauer Arbeiterbildungsbewegung). Das Kino wurde nun, wie die beiden anderen Großkinos Wallenstein und Vindobona, zum Bezirksuraufführungskino erklärt, alle übrigen Kinos im 20. Bezirk waren schon allein aufgrund ihrer geringen Sitzplatzanzahl so genannte Nachspielkinos.
Mit dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich änderte sich die Situation abermals. Friedensbrücken-, Hochstädt- und Hellwag-Kino wurden ganz oder teilweise "arisiert", die ehemaligen jüdischen (Mit-)Besitzer vertrieben oder interniert.
In den Kriegsjahren waren die Kinos ausgezeichnet besucht. Die Vertreibung des zahlreichen jüdischen Publikums - immerhin waren vor 1938 rund 18 Prozent der Brigittenauer Bevölkerung jüdischer Herkunft - hatte angesichts des Kino-Booms in dieser Zeit kaum Auswirkung auf die Besucherzahlen.
Erst als die Alliierten ihre Luftangriffe auf Wien intensivierten, kam es zu einem massiven Besucherrückgang. Immer mehr Kinos mussten wegen Strommangels oder "Feindeinwirkung" sperren. Fast alle Kinos wurden in der Folge von den Kampfhandlungen in Mitleidenschaft gezogen. Am schwersten erwischte es das Friedensbrücken und das Wallenstein, die beide durch Bombentreffer völlig zerstört wurden.
Nach Kriegsende konnten die nur leicht beschädigten Kinos relativ rasch instand gesetzt und der Spielbetrieb schon bald wieder aufgenommen werden. Nur im Friedensbrücken dauerte der Wiederaufbau bis Ende 1947, das Wallenstein konnte gar erst im November des folgenden Jahres - nun allerdings bedeutend vergrößert (628 Sitzplätze) - wiedereröffnet werden.
Konzessions- und Eigentumsverhältnisse der "arisierten" Kinos wurden überprüft, Rückerstattungsverfahren eingeleitet. Das Publikumsinteresse war weiterhin ungebrochen, war das Kino doch für viele der einzig mögliche Ort der Ablenkung vom tristen Alltag. "Ich habe es durchschnittlich auf 15.000 bis 20.000 Besucher pro Monat gebracht, bei täglich drei Vorstellungen und am Wochenende noch zusätzlich eine Kinder- und eine Nachtvorstellung", erinnert sich Leopold Sladek. In den Fünfzigerjahren war er Geschäftsführer des Hellwag. "Mein Kino war nicht groß, aber wir waren beliebter als viele andere, denn bei uns war es heimelig. Man konnte unterm Volk sein. Es war ja für die Proleten, die Ärmsten von den Armen. Zu uns ist alles gekommen. Manche haben mehr Häfn gehabt als Urlaub."
Als sich zu Beginn der Sechzigerjahre eine tief greifende Kino-Krise abzeichnete, waren die Vorstadtkinos aufgrund ihres engen Einzugsbereichs besonders betroffen. Junge Menschen bevorzugten die Kinos in der Innenstadt: Die hier gezeigten Filme entsprachen ihrem Geschmack weitaus mehr und liefen zudem viel früher an. Den Vorstadtkinos starb das alte Stammpublikum allmählich weg ? oder es verbrachte seine Freizeit immer häufiger vor dem Fernseher.
Auch in der Brigittenau fielen dem massiv einsetzenden Kinosterben ab 1964 in rascher Folge fünf Spielstätten zum Opfer. 1969 schloss das Winarsky, das noch sechs Jahre zuvor modernisiert worden war und dabei seinen alten Namen wiedererhalten hatte. Von der Schließung betroffen waren in erster Linie die kleineren Nachspielkinos und hier vor allem der Bezirksteil Zwischenbrücken, dem damit innerhalb von sechs Jahren sämtliche Kinos abhanden kamen. Nur die beiden großen Bezirksuraufführungskinos konnten sich noch einige Jahre halten, ehe auch sie kapitulieren mussten: 1976 sperrte das Vindobona, 1986 das Wallenstein.
Es folgten 15 kinolose Jahre. Der gegenwärtige Multiplex-Boom bringt der Brigittenau mit dem UCI Millennium City die Chance auf einen kinematographischen Neubeginn (siehe Kasten). Ob dem neuen Kinokomplex eine lange Lebensdauer beschieden ist, bleibt allerdings angesichts des mittlerweile drastischen Überangebots an Kinosälen in Wien abzuwarten.
Peter Payer ist Historiker und Kurator der Ausstellung "Vom Flohkino zum Multiplex. Brigittenauer Lichtspiele 1908 - 2001", zu sehen bis 11.11., 20., Millennium City (Plaza) und vom 13.11.-30.11., Gebietsbetreuung Brigittenau, 20., Karl-Meißl-Str. 1 (Eintritt frei). Reich bebilderter Ausstellungskatalog unter Tel. 33134-20181 (öS 100,-/EUR 7,27).
NEUES KINOCENTER Urbane Unterhaltung
Vergangene Woche eröffnete direkt neben dem Millenniumtower Österreichs größter Kino-Komplex: Die UCI Kinowelt Millennium City verfügt über 21 Säle mit insgesamt 3516 Sitzplätzen. Auch die größte Leinwand des Landes befindet sich in dieser neuesten Plexx-Ausgabe. Beste Soundanlagen, Projektoren und sogar Doppelsitze, so genannte "Loveseats", gibt es. Täglich sollen dreißig verschiedene Filme gezeigt werden. Aber das ist nur ein kleiner Aspekt dieses urbanen Entertainment-Centers. Dazu gibt es Wellness-, Shopping- und Spielerparadiese. Und selbstverständlich auch eine Auswahl der üblichen Systemgastronomie. "Wiens Kinozukunft beginnt jetzt", wirbt das Unterhaltungscenter. Mal sehen, wie lange. C. W. CITY CINEMAS Ausgleich statt Konkurs Totgesagte leben länger. Hoffentlich. Denn im vorliegenden Fall, dem Ausgleich der privaten Kinobetreibergesellschaft City Cinemas, stehen mit Standorten wie dem Gartenbau, dem Metro oder dem Flotten die letzten Reste der traditionellen Kinokultur in Wien auf dem Spiel.
So akut diese neuerliche Krise ist, sie kommt doch keineswegs überraschend. Lange bevor sich die Gemeinde im Frühjahr 1999 von ihren verbliebenen Kinos (neun davon in Wien, das zehnte in Amstetten) und deren Betriebsgesellschaft (KIBA) trennte, war klar, dass es mit einem Besitzerwechsel allein nicht getan sein würde. "Es ist ein Wagnis und Abenteuer", bekannte Michael Stejskal, neuer Programmchef der Kinokette, damals im Gespräch mit dem Falter, "aber ich finde, es ist es wert, sich darauf einzulassen."
Anders freilich die Kommunalpolitiker: Peter Marboe, seinerzeit noch Kulturstadtrat, sah die "maximale Kinovielfalt" in Wien bereits wieder "garantiert", derweil sein Parteikollege Bernhard Görg als zuständiger Planungsstadtrat dem grotesken Boom der Multiplexe auch weiterhin tatenlos zusah. Binnen der letzten fünf Jahre hat sich die Sitzplatzkapazität der Kinos in Wien mehr als verdoppelt; die Zahl der verkauften Eintrittskarten stieg indessen knapp um ein Drittel. Dass sich das weder für alteingesessene Betriebe noch die Kinos der neuen Generation ausgeht, davon hätte man sich in jeder beliebigen deutschen Großstadt überzeugen können. Marboes halbherzige Reform der Kinoförderung besorgte den Rest.
Zwei ihrer Standorte in Wien haben die City Cinemas seither bereits geschlossen (Elite, Gloria); wenigstens zwei weitere dürften es diesmal sein (Top, Schottentor). Wie hoch die Außenstände derzeit tatsächlich sind, wurde nicht verlautbart, nur so viel: "Wenn ich nicht optimistisch wäre", bemerkte Kurt Stocker, Sprecher der Kinogruppe, trocken, "hätten wir nicht Ausgleich, sondern Konkurs angemeldet." MICHAEL OMASTA
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