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| Ach, wie schön ist Temelín! |
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ATOMDORF Ganz Österreich ist gegen Temelín. Dabei leben in dem verschlafenen südböhmischen Nest ganz reizende Menschen in einer malerischen Landschaft. EVA WEISSENBERGER (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos) / Temelín (E-Mail: weissenberger@falter.at) |
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Überkreuzte Dreschflegel oder doch besser ein Ballen Stroh? Seit 1997 suchte der ganze Ort nach einem Motiv für ein Wappen. Es wurden Komitees gebildet, Spezialisten zu Rate gezogen, Entwürfe gezeichnet - und wieder verworfen. Im November des Vorjahres einigte sich der Gemeinderat schließlich auf eine Apfelblüte mit fünf gelben Blättern auf rot-weißem Hintergrund. Selig ein Dorf, das keine anderen Sorgen hat. Im südböhmischen Temelín in der Nähe von Budweis wohnen 310 Menschen. Seit über hundert Jahren hält sechsmal am Tag ein Zug in Temelín. Es gibt ein Wirtshaus, zwei Greißler, eine Volksschule, einen Kindergarten, eine Kapelle, ein Kriegerdenkmal, ein Postamt, eine Bushaltestelle. Zwei Löschteiche und ein Feuerwehrauto aus den 60er-Jahren. In dem Schaukasten um die Ecke hängt schon ein Bild des neuen Traumlöschwagens. Die Jugendblasmusikkapelle hat bei einem Wettbewerb in Deutschland schon einmal einen dritten Platz belegt. Die Sonne spiegelt die Pappeln im Teich. Zwei Männer fischen schweigend Forellen. Eine kleine schwarze Katze leckt dem einen über die Wange. Er lächelt. Schwäne schnattern, Hendln gackern, eine Ziege meckert, ein Hund bellt. Es riecht nach verbranntem Laub. Kiefern, Buchen, Fichten, Tannen schimmern in Grün, Gelb, Rot, Braun. Und hinter einem weiten Feld von Apfelbäumen auf einem sanften Hügel leuchten vier riesige hellgraue Zylinder. "Ich bin hier wegen der Dorfruhe", sagt Palán Michal und grinst breit. Der 20-Jährige serviert im Wirtshaus "Pavel"saftige Erdäpfelpuffer mit Fleisch und Sauerkraut. Vor der politischen Wende war der lindgrüne flache Bau ein kommunistisches Gemeindekulturzentrum. Heute kommt nur alle paar Monate eine unbekannte Metal-Band vorbei. Michal stammt aus dem Norden Tschechiens. Dort arbeitete er in einem Kasino. "Zu viele Zigaretten, Alkohol, Frauen", erzählt der dunkle Dorfschönling. Also kam Michal nach Temelín in Südböhmen. Er ist glücklich hier mit seiner Freundin aus dem Ort. Das Atomkraftwerk Temelín, keine eineinhalb Kilometer von dem Gasthaus entfernt, interessiert Palán Michal "überhaupt nicht". Naja, vielleicht doch "ein wenig": Auch die Bauern, Waldarbeiter und Pensionisten trinken an den fünf großen dunklen Tischen in der verrauchten Gaststube Bier. Aber die Elektrarensti - so werden die Mitarbeiter des Kraftwerkes genannt - verdienen wesentlich mehr. "Daher trinken sie mehr Bier und geben auch viel mehr Trinkgeld", sagt Michal. Gleich neben der Schank sitzt ein Polier, der seit 15 Jahren auf der AKW-Baustelle arbeitet: "Niemand hier hat mehr ein Problem mit unserem Kraftwerk", murmelt der dicke Mann in sein Glas: "Wir haben höchstens ein Problem mit den Österreichern, die uns in der ganzen Welt schlecht machen und die Grenze blockieren." Auch Jana Frolikova lebt von dem Kraftwerk. Die Anti-Temelín-Stimmung in Österreich belebt ihr Geschäft jedoch sogar noch: Die rothaarige Endzwanzigerin übersetzt nicht nur für Firmen, die Baustoffe oder technisches Gerät an das Kraftwerk liefern, sondern auch für österreichische Umweltschützer, Politiker und Journalisten. "Als das Kraftwerk in den frühen 80ern geplant wurde, waren meine Eltern schon besorgt", erzählt Frolikova: "Aber unter den Kommunisten konnte man nichts dagegen machen." Heute meint sie pragmatisch: "Wenn das Atomkraftwerk schon einmal fertig dasteht, dann soll es auch endlich in Betrieb gehen." Bei einer Meinungsumfrage im Auftrag des Gemeinderates waren 1992 noch 49 Prozent der Einwohner von Temelín gegen das Kraftwerk. Der Bürgermeister Stanislav Helige sagt: "Ich persönlich glaube, dass es heute nur mehr höchstens dreißig Prozent wären. Wir glauben an diese Anlage!" Helige steht vor dem Gemeindeamt und zeigt stolz auf ein kleines, weißes Häuschen, das an der Mauer befestigt ist: ein Geigerzähler. Über der Eingangstür flimmert eine Laufschrift, die immer die aktuellen Messergebnisse anzeigt. Dann folgt stets in roter Blinkschrift: "Die Werte befinden sich in den üblichen Grenzen." Bürgermeister Helige war immer schon für die Atomkraft. Er bedauert nur eines: Um Platz für das 125 Hektar große AKW-Gelände zu machen, wurden fünf der sechs Teilgemeinden von Temelín geschleift. Daher kommt das Motiv für das Wappen: Die fünf Blätter der Apfelblüte symbolisieren die ehemaligen Ortsteile. Die älteren Bewohner dieser Sprengel bekamen Gemeindewohnungen in Rest-Temelín, die jüngeren zogen weg. Das Kraftwerk macht es wieder gut: Der Betreiber, der staatliche Stromversorger CEZ, organisierte unlängst ein Volksfest, zu dem auch alle ehemaligen Dorfbewohner eingeladen wurden. Das AKW bringt Temelín pro Jahr sechs Millionen Schilling an Steuern. Insgesamt beläuft sich das Gemeindebudget auf rund acht Millionen. Darüber hinaus spendet das Kraftwerksmanagement, wo es nur kann: CEZ schenkte den Temelínern einen Spielplatz, neue Umkleidekabinen für den Fußballplatz, ein Altersheim, ein Gesundheitszentrum. "Vorsicht, jetzt betreten wir den neuen Trakt der Schule", sagt die Lehrerin Pavlina Kosnarova ehrfürchtig. Auch den hat das Kraftwerk finanziert. Nun gibt es eine fünfte Klasse Volksschule in Temelín. Die Zehnjährigen müssen nicht mehr jeden Tag in den nächsten Ort, nach Tyn, fahren. "Das war sehr mühsam für Eltern und Kinder", erinnert sich Kosnarova. Sie wartet den gelben Jodsaft auf, von dem auch die Kinder zwei Gläser am Tag trinken: "Schmeckt der nicht köstlich?" Das Kraftwerk sei für die Kinder "kein Gespenst", meint die 37-jährige Lehrerin. Sondern normal. Schließlich kann man die vier Kühltürme vom Ort aus mit freiem Auge gut sehen. Es werde nicht groß über Atomkraft geredet, aber jedes Jahr macht die Schule eine Exkursion in das "Informationsschlösschen" beim AKW. "Dort zeigt eine objektive Ausstellung, wie sicher das Kraftwerk Temelín wirklich ist", berichtet Kosnarova. Außerdem arbeiten die Eltern der meisten Kinder im oder für das AKW. "Ich will Kernphysikerin werden", sagt die kleine Irena mit der Brille. Dann spielt sie weiter an ihrem Computer. Die vier alten Rechner hat das Kraftwerk der Volksschule ebenfalls überlassen. Die Eltern, die nicht vom Kraftwerk leben, arbeiten in der Landwirtschaft. Sie bauen Getreide, Raps, Erdäpfel und Kukuruz an. Vor ein paar Jahren pflanzte eine österreichische Firma auf dem Feld zwischen Temelín und dem Kraftwerk Industriehanf. Die Dorfbewohner ernteten den Hanf heimlich und versuchten, ihn zu rauchen. Die Firma gab das Pilotprojekt wieder auf. Nun blühen auf dem Feld im Frühling die Apfelbäume. Gerade geht die Erntesaison zu Ende. Ein Kilo Äpfel kostet sechs Schilling. "Unsere Landschaft ist das ganze Jahr über wunderschön", schwärmt der Bürgermeister: "Aber das Schönste an Südböhmen sind die Frauen." Er lächelt. Die Lehrerin lächelt. Josef Koc hat auch gut lachen. "Eigentlich habe ich hier ja gar nichts zu tun", sagt der Leiter der Abteilung für Strahlenschutz kokett: "Die Kollegen leisten so gute Arbeit, dass ich völlig überflüssig bin." Koc verdingte sich als junger Wissenschaftler an einem physikalischen Institut in der Nähe von Prag, als er 1983 vom geplanten Kraftwerk Temelín hörte. Sofort kehre er in seine alte Heimat zurück. "Ich habe die Wälder und die gute Luft in Prag sehr vermisst", erinnert sich der heute 49-Jährige: "Ich bin eben ein südböhmischer Patriot." Er beteuert: "Ich könnte mich nie an einem Vorhaben beteiligen, das unsere Natur beschädigt oder gar zerstört. Die Atomkraft ist die sicherste und umweltfreundlichste Energiequelle." In seiner kargen Freizeit sammelt der Familienvater gerne Schwammerln. Koc steht in der Sonne auf einer kleinen Wiese vor dem Kraftwerk. Er trägt eine beige Jacke, was ihn unter den 1500 Mitarbeitern des AKW als leitenden Angestellten ausweist. Die Techniker tragen grüne Arbeitsanzüge, die Bauarbeiter blaue. Vier Blaumänner kommen vorbei. Koc ruft ihnen fröhlich zu: "Hey, ich stelle euch hier ein paar Bänke her. Dann müsst ihr zu Mittag nicht in der verrauchten Kantine sitzen." Die Blaumänner grüßen freundlich zurück. Milan Sykora trägt ebenfalls eine beige Jacke. Dazu eine beige Hose, beige Schuhe und beige Haare. Er ist der Sicherheitschef der Anlage und sitzt in einem großen Büro voller 80er-Jahre-Schick. Alles in Schwarz. Seine wasserstoffblonde Sekretärin hat es sich in dunkellila Plastik gemütlich gemacht. Von der Decke hängen lila Troll-Figuren. "Ängste entstehen nur, weil die Leute die Fakten nicht kennen", meint Sykora: "Ich habe viele Kraftwerke im Ausland besucht: Temelín kann sich mit jedem westeuropäischen AKW messen. Ja, ich bin stolz, hier arbeiten zu dürfen." Vorige Woche zeltete seine elfjährige Tochter Kalima mit einer Jugendgruppe an den nahen Ufern der Moldau. Da riss ein lautes Zischen die kleinen Mädchen aus dem Schlaf. "Keine Angst", beruhigte Kamila Sykora ihre erschrockenen Freundinnen: "Es kann euch nichts passieren. Das Kraftwerk ist sicher. Dafür sorgt mein Papa." Die kleinen Mädchen schliefen beruhigt wieder ein. Im Kraftwerk waren die Sicherheitsventile geprüft worden. Die Moldau plätscherte dahin. |
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November 2001 © FALTER
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