Nach den "Ausgesperrten", die Franz Novotny 1982 verfilmt hat, ist Michael Hanekes "Die Klavierspielerin" die zweite Adaption eines Romans von Elfriede Jelinek fürs Kino. Und damit, so mutmaßt die Autorin im Gespräch mit dem Falter, auch die letzte, denn von den anderen Büchern ließen sich - unter der Voraussetzungen einer strengen Stilisierung - allenfalls noch "Die Liebhaberinnen" verfilmen (Jelinek: "Das wär was für die Lisl Ponger").
Ganz unstreng ist freilich auch Michael Hanekes Inszenierung nicht, worin gewiss auch ein Reiz dieser Begegnung zweier Künstler liegt, die zugleich ähnlich und völlig verschieden sind. Die Arbeiten beider basieren auf "starken" Annahmen über den Zustand einer Gesellschaft, an der sie vor allem das Verhältnis zwischen den Geschlechtern (Jelinek) beziehungsweise zwischen den Menschen und den Medien (Haneke) interessiert. Die rigorose Umsetzung dieser Grundannahmen in Kunst hat beiden den Vorwurf der "Thesenhaftigkeit" eingetragen. Fest steht, dass es die Figuren bei beiden nicht leicht haben. Aus guten, sozusagen realistischen Gründen, wie ihre Schöpfer argumentieren. Haneke, der sich definitiv als Realist versteht, (Siehe dazu auch das Interview, das Stefan Grissemann in dem unten angeführten Band mit Michael Haneke geführt hat: ",Halten Sie sich eigentlich für einen Realisten?' - ,Ja.' - ,Unbedingt?' - ,Ja. Schon.'") erhebt den Anspruch, medial verfestigte Sichtweisen durch Verstöße gegen Konventionen - etwa durch die extreme Dauer mancher Einstellungen - aufzubrechen und erst dadurch wieder für die Realität durchlässig zu machen. Und Jelinek antwortet auf die Frage, ob sie ihren Figuren nicht manchmal ein etwas gnädigeres Schicksal gönnen würde: "Ich wünsche mir ein besseres Schicksal! Wenn ich ein besseres hätte, dann dürften auch meine Figuren glücklicher sein. Aber solange ich das nicht bin, kann ich es nicht gestatten. Ich glaube schon, dass ich die Wahrheit sage: Das Leben ist entsetzlich."
Entsetzlich ist das Leben dementsprechend auch für Erika Kohut, der Protagonistin des 1983 erschienenen Romans: Nachdem sie eine künstlerische Pianistinnenkarriere nicht ganz geschafft hat, unterrichtet sie am Konservatorium, wo sie ihre Schülerinnen und Schüler karniefelt. Mit ihrer Mutter lebt sie in einer kleinen gemeinsamen Wohnung und einer inzestuösen Beziehung (Jelinek: "Im Grunde ist es eine homosexuelle Beziehung zwischen Männern: Die Tochter ist ja der Phallus der Mutter"), aus der das Verhältnis mit dem wesentlich jüngeren, attraktiven Schüler Walter Klemmer einen Ausweg weisen könnte; vorausgesetzt, dieser würde auf Erikas offensiven Masochismus anders reagieren als mit der in dieser Form gewiss nicht gewollten Gewalt.
Am offenkundigsten treten die schon im jeweiligen Medium begründeten Gegensätze zwischen Roman und Film in der Perspektive zutage, die der Leser/Zuseher gegenüber den Figuren einnimmt. "Die Klavierspielerin" ist der Roman eines angemaßten Blickes (Jelinek: "Das Recht zu schauen ist bei einer Frau eine Überschreitung"), wie er am deutlichsten in jener Szene zum Ausdruck kommt, in der Erika Kohut (Isabelle Huppert) auffällig resolut ihren Platz in der Videokabine eines Pornoshops reklamiert. Der Zuschauer schaut ihr beim Schauen zu, wobei er in den meisten Fällen nicht sehen kann, was Erika sieht: Ob sich diese nun mithilfe eines Handspiegels dabei betrachtet, wie sie sich mit einer Rasierklinge in die Vagina schneidet oder ob sie Klemmer (Benoît Magimel) beim Klavierspielen beobachtet/zuhört.
Wohin sieht Isabelle Huppert? In die Kamera. Der sozusagen systemimmanente Voyeurismus des Kinobesuchers, der sich mit der Kamera identifiziert, wird von Haneke immer wieder thematisiert: Wenn eine Klavierschülerin, der Erika Glasscherben in die Manteltasche gesteckt hat, mit blutüberströmter Hand in der Garderobe steht, bemüht sich ein Professor mit der paradoxen Aussage "Kommen Sie, hier gibts nichts zu schauen" um Deeskalation. "Sehen Sie mich an, nicht Ihren Penis", weist Erika Klemmer auf der Toilette des Konzerthauses an. Einige Szenen und nur wenige Meter weiter, in der Garderobe des Eislaufvereins, entgleitet ihr die Regie völlig: "Schau weg", bittet sie Klemmer, nachdem sie im Zuge eines verpatzten Blow-Jobs auf den Boden gekotzt hat.
Im Unterschied zum Film hält sich die Romanvorlage mit Deutungen keineswegs zurück. Ganz im Gegenteil. Hier wird zweifelsfrei klar, dass Erika hofft, das Angebot auf sadistische Betätigung würde von Klemmer aus Liebe ausgeschlagen werden. Heute, da die Darstellung einer "reinen" Gewalt gang und gäbe ist und jeden gesellschaftlichen und psychologischen Erklärungsversuchen der fade Geruch betulichen Sozialpädagogentums anhaftet, ist der Roman von einer erstaunlichen Interpretationsfreudigkeit, die Jelinek wie folgt kommentiert: "Ich bin im Grunde eine Schriftstellerin, die einer Voyeurin auch noch Anweisungen gibt, wie sie etwas zu sehen hat. Es ist also eine doppelte Anmaßung: Nicht nur gegenüber dem Vater, sondern auch gegenüber Gott. Jetzt gibts niemand mehr, gegen den ich aufstehen kann. Wobei der Impetus schon aus dem Gefühl kommt, als Frau nicht sprechen zu dürfen."
Jelinek wuchtet diesem Verbot eine barock wuchernde Textmasse entgegen, "ein richtiges Metapherngeröll" (Jelinek), dem Haneke wiederum mit der strengen Symmetrie seiner kühlen Kadrage begegnet. So gesehen spielt sich zwischen Text und Bild, Literatur und Kino auch ein kleiner Konfessionskrieg ab. Selbst die Autorin fühlte sich von der räumlichen Enge des Films bedrückt: "Haneke macht ja nie auf. Es ist ein absolut klaustrophobischer Film, was mich zuerst sehr irritiert hat. Mittlerweile bin ich aber davon überzeugt, dass es genau richtig ist."
Konsequent hat der Regisseur vor allem jene Szenen des Romans gestrichen, die die Innenansichten der Innenstadt weiten würden: kein Stadtpark, in dem Klemmer seine Aggressionen gegenüber Tier und Mensch auszutoben sucht; kein Prater, in dem sich Erika auf die Pirsch nach pudernden Paaren begibt (stattdessen: Voyeurismus im Autokino). So bleibt der Film weitgehend ein Spiel hinter verschlossenen Türen von Badezimmern, Klavierzimmern, Garderoben, Kantinen, Konzertsälen ...
Besonders geglückt sind jene Szenen, in denen Haneke die vorgeblich konträren Bereiche von Kunst und Pornografie respektive Kunst und Sport als benachbarte Sphären inszeniert. Da ist zum einem der unmittelbar neben dem Konzerthaus gelegene Eislaufplatz, dessen blendende Fläche mit der lichtarmen Kohut'schen Wohnhöhle kontrastiert wie die weißen Tasten des Klaviers mit den schwarzen. Haneke stellt den Infight zwischen Kohut und Klemmer als Kampf dar, bei dem jeder den anderen aufs je eigene Terrain zu zerren versucht. Im Klavierzimmer ist Klemmer der allenfalls begabte Schüler, dessen Schubert-Interpretation jede emotionale und intellektuelle Tiefe vermissen lässt ("Anarchie ist wohl nicht Ihre Stärke, Klemmer"); am Heumarkt, wo Klemmer als Eishockeycrack seinen gut trainierten Körper austobt, ist Erika die ältliche Geliebte, der von jugendlichen Eisläuferinnen Konkurrenz droht.
Wird die reale Geographie Wiens genutzt, um Nachbarschaft und Gegensatz zwischen Sport und Musik ins Bild zu setzen, so wird sie dort camoufliert, wo der Weg Erika Kohuts - mittels Montage - vom Hauskonzert durch eine Shoppingmall direkt in die Pornokabine führt; wobei akustische Vor- und Rückblenden die Anstrengungen des Fleisches mit Schuberts Es-Dur-Trio unterlegen. Ob Sport, Musik oder Pornografie: In allen Disziplinen geht es darum, den Körper zu disziplinieren und ihm eine Leistung im Dienste des Guten, Wahren und Schönen abzupressen.
In einem Interview (Ebenfalls aus dem unten angeführten Band) hat Elfriede Jelinek darauf hingewiesen, dass die Kunstnation Österreich "auf dem Rücken von Tausenden von Klavierlehrerinnen" errichtet wurde. Und weil die gestrenge Autorin ihren Figuren nicht gestattet, was die Realität ihnen verweigert, wird Erika Kohut auch das Recht auf die Tragik des Opfers vorenthalten. In einer grimmigen Parodie auf Kafkas "Prozess" wird sie aus dem Roman (und dem Film) entlassen: Mit einer erschreckend expressiven Geste, die Haneke seiner Hauptdarstellerin abgerungen hat, rammt sich Erika das Küchenmesser neben das Herz und taumelt aus dem Konzerthaus. Der Gegenschnitt zeigt nur das leuchtende Eingangsportal. Erika Kohut ist sang- und klanglos abgetreten.
"Die Klavierspielerin" läuft ab 16.11. in den Kinos.
Stefan Grissemann (Hg.): Haneke/Jelinek: Die Klavierspielerin. Drehbuch. Gespräche. Essays. Wien 2001 (Sonderzahl). 223 S., öS 298,- /EUR 21, 66
FRANZ NOVOTNY ÜBER MICHAEL HANEKE
"Nicht unbedingt meins, aber großartig"
Vor 19 Jahren hat Franz Novotny Elfriede Jelineks Roman "Die Ausgesperrten" verfilmt (u.a. mit Paulus Manker, Emmy Werner und Rudolf Wessely). Das Drehbuch verfasste er damals gemeinsam mit der Autorin, der ORF produzierte mit, weigerte sich aber, den Film, in dem diverse Körperflüssigkeiten nicht unreichlich fließen und die Mutter am Ende mit der Axt erschlagen wird, auch nur in einer gekürzten Fassung auszustrahlen. Heute arbeitet Novotny, Jahrgang 1949, als Regisseur und Produzent und ist soeben von einem dreimonatigen Montenegro-Aufenthalt zurückgekommen, wo er seinen Film "LOVE YOU FUCK YU" gedreht hat, der im Frühjahr nächsten Jahres fertig sein soll.
Falter: Wenn Sie Hanekes Annäherung an "Die Klavierspielerin" und Ihre an "Die Ausgesperrten" vergleichen - wo bestehen denn da die Hauptunterschiede?
Franz Novotny: "Die Klavierspielerin" als Romanvorlage ist härter als "Die Ausgesperrten". Und auch die Charaktere der Regisseure sind komplett verschieden: Haneke ist eher ein protestantischer Priester und ein sehr ernster Mensch. Ich komme eher aus dem Barock und bin auch sexuell interessierter. Picasso hat ja angeblich sehr viel studiert und gelesen. Und sein Kollege Georges Braque ist mit dem Motorradl herumgefahren, hat die Frauen gepudert, nichts gelesen, aber auch eine hohe malerische Qualität hervorgebracht. Es gibt also verschiedene Herangehensweisen an den Puls der Zeit.
Was hat Sie denn an Hanekes Film interessiert?
Es sind sehr gute Wuchtln drinnen. Sehr schön und gut gemacht ist, wie die Huppert an einem angewichsten Feh-Taschentuch in einem Pornoshop schnuppert. Wie überhaupt die Form des Filmes eine sehr geschlossene und richtige ist. Das ist nicht unbedingt meins, aber großartig und sehr, sehr gut.
Ihre Verfilmung war eher splatter-mäßig, wogegen sich Haneke in all den Momenten, in denen er eine Chance dazu hätte, sehr zurückhält.
Des mag er halt ned so.
Sie schon?
Das Krude? Ja, schon. Aber nur bis zu einem gewissen Grad. Man soll den Stab nicht brechen, sondern biegen. Wenn er zurückfedert, kann man ihn noch einmal benutzen.
Quentin Tarantino?
Des is supa. Das ist auch sehr lustig und hat großen Humor.
Was vielleicht nicht ganz die Stärke von Haneke ist.
Muss es ja auch nicht sein. Der Pastor hat bei der Predigt auch keinen Humor zu haben.
Haneke bestreitet, dass er predigt.
Er muss es ja nicht wissen. Interessanterweise fällt mir jetzt eine Stelle bei Karl Kraus ein, wo ein Dichter zu einem General kommt und diesem auf Böhmisch ein Gedicht vorträgt. Und der General sagt: "Was dürfen von Ihnen nach dem Krieg erwarten? Einen schweinischen Schwank?" Das wäre vielleicht eine Möglichkeit für Haneke - dass er einmal was Heiteres macht: zum Beispiel mit dem Fritzl Muliar, der Christiane Hörbiger und dem Ossi Kollmann.
Wie haben Ihnen denn die Schauspieler in der "Klavierspielerin" gefallen?
Blendend! Sehr gut geführt, mit der Geschichte verwachsen. Ich kann nur das Beste sagen ... (Lacht.)
Kollegenlob ist ja was Schönes.
Die größte Freude, die man früher einem österreichischen Regisseur bereiten konnte, war eine schlechte Kritik über den Film eines Kollegen. Von diesem Denken sind sowohl Haneke als auch ich Zinshäuser entfernt. Hat nicht auch der Manker die "Klavierspielerin" verfilmen wollen? Ja, aber daraus ist nichts geworden. Vielleicht auch, weil er keine Rolle für sich selbst gefunden hat.
Die Mutter hätte er spielen können!
Hatten Sie nach den "Ausgesperrten" Interesse daran gehabt, wieder einmal einen Roman von Elfriede Jelinek zu verfilmen?
Mein Problem war - was aber überhaupt nicht die Genialität der Autorin schmälert ?, dass mir das fürs Kino zu gläsern und zu kalt war. Das habe ich schon bei den "Ausgesperrten" gemerkt: Das war zwar der größte Kritikererfolg seit "Sisi 2", hat aber beim Publikum nur marginal gepunktet. Nicht dass ich einem Publikumserfolg nachlaufe, aber die Figuren waren mir zu konstruiert.
Der österreichische Spielfilm feiert in den letzten Jahren auf Festivals große Erfolge, allerdings ohne dass das Einfluss auf die Fördermittel hätte.
Es kotzt einen an, dass sich das nicht verbessert hat, sondern eher schlimmer geworden ist. Die jetzige Regierung will eben verhindern, dass Filme entstehen, die ein ihr entgegengesetztes Weltbild favorisiert.
Sie glauben, die Regierung handelt wirklich so plump?
Rechte Regierungen neigen überhaupt dazu, richtig dumm-plump zu handeln, weil das Dumm-Plumpe viel erfolgreicher ist als ein ausgeklügeltes Denken. Unter den Sozialdemokraten hat es auch nicht mehr Geld gegeben, aber es war atmosphärisch besser.
Wie würden Sie denn den Unterschied zu früher umreißen?
Mir gehts jetzt gut, und das habe ich eigentlich der Sozialdemokratie unter Kreisky zu verdanken. Ich komme aus dem Nichts, dem Kleinbürgertum und dem Lumpenproletariat. Unter der gegenwärtigen Regierung hätte ich nicht die geringste Chance, aber unter der sozialdemokratischen Regierung hatte ich eben die Chance, meine Begabung zu entwickeln, mit der ich heute sehr viel Geld verdiene. Deswegen möchte ich aus einer romantischen Dankbarkeit heraus der sozialdemokratischen Partei vielleicht etwas spenden - nicht alles, aber Teile davon.
Interview: Klaus Nüchtern
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