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HARRY POTTER Jetzt auch im Kino: Ein elfjähriger Erlöser trotzt der
Amerikanisierung und anderen Mächten des Bösen. KLAUS NÜCHTERN
(E-Mail: nuechtern@falter.at) |
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"Diese Leute werden ihn nie verstehen. Er wird berühmt werden eine Legende , es würde mich nicht wundern, wenn der heutige Tag in Zukunft Harry-Potter-Tag heißt ganze Bücher wird man über Harry schreiben jedes Kind auf der Welt wird seinen Namen kennen!" Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen Ein entscheidender Etappensieg über das Böse konnte schon vor Drehbeginn der ersten Harry-Potter-Verfilmung errungen werden: Joanne K. Rowling, Mutter aller Potters (vier Romane sind bislang erschienen), musste zwar hinnehmen, dass sich der US-amerikanische Regisseur Chris Columbus ("Kevin Allein zu Haus", "Mrs. Doubtfire") gegenüber ihrem erklärten Favoriten, dem Monty-Python-Mitglied Terry Gilliam ("Time Bandits", "The Fisher King") durchsetzte, immerhin aber konnte die Besetzung sieht man von Zoe Wanamaker in der Rolle der Besenfluglehrerin Madame Hooch ab weitgehend von amerikanischen Verunreinigungen freigehalten werden. Ansonsten ist in "Harry Potter und der Stein der Weisen" ein astreiner Best-of-Brit-Cast zugange, den Sir Laurence Olivier, Sir Ralph Richardson und Sir John Gielgud nur durch vorzeitiges Ableben verpasst haben. Harry Potter (Daniel Radcliffe) verkörpert den Triumph der Globalisierung wie kein anderer Elfjähriger. Dass der absolute Gewinner weltweiter kulturindustrieller Verwertung eine eindeutige nationale Identität besitzt, ist kein Widerspruch, sondern der Normalfall: Produkte mit einer klaren regionalen Identität haben bessere Chancen auf Vermarktung als internationale Hybridformen; die Verbreitungschancen von Leberkäse Hawaii sind, so der Soziologe Ulrich Beck, nicht besonders hoch. Dass Harry-Potter-Fans auf der ganzen Welt nun gegen die Vermarktung ihres Idols durch die bösen Gebrüder Warner ankämpfen, passt ganz gut ins Bild. Das Match des Guten gegen das Böse, das von der Autorin auf insgesamt sieben Potter-Romane angesetzt wurde, ist selbst der Dialektik von Gut und Böse unterworfen: "Harry Potter" wurde in einigen amerikanischen Schulbibliotheken aus den Regalen verbannt, und fundamentale Christen haben Anstoß an der Faszination für die Magie und das Böse genommen, die Rowlings Romane angeblich verbreiten. Das Argument ist so doof, dass dahinter etwas anderes stecken muss: Instinktiv fürchten die selbst ernannten Zensoren wohl eher die Konkurrenz des Guten fürs Gute. Nicht zu Unrecht: Auf dem Markt der Heilserwartungen hat Harry Potter derzeit gute Chancen, klassischen Trademarks wie Jesus Christus entscheidende Anteile abzujagen. Dass der Potter-Mythos sich aus ganz ähnlicher Quelle speist wie der christliche, ist kein Wunder: Mythen lassen sich nicht völlig neu erfinden, und Jesus-Figuren in Kindergestalt sind auch im Kino nicht neu ("Terminator 2"). Die Parallelen liegen auf der Hand: Harry Potter ist der (in der Welt der Zauberer) heiß ersehnte Erlöser, der das Böse in der Gestalt von Voldemort wie Luzifer ein gefallener Engel endgültig besiegen soll. Auch Harrys Macht beruht auf Abstammung: Seine Eltern waren zwei der größten Zauberer, wurden allerdings beide von Voldemort getötet. Ein weiterer Unterschied zur christlichen Heilsgeschichte liegt darin, dass Rowling der Muttergestalt größeren Einfluss zugesteht: deren in der einzigen Rückblende des Films dargestellter Opfertod stattet den durch die Liebe geretteten Sohn mit der Macht aus, Voldemort zu widerstehen. Das Gute kann nur über das Opfer erreicht werden (das vermutlich am Grunde jeder Mythologie schlummert): Als es darum geht, den Stein der Weisen vom Zugriff des Bösen zu retten, zögert Harrys Freund Ron Weasley (Rupert Grint) keinen Augenblick, sein Leben im Rahmen einer Schachpartie zu opfern, bei der er selbst als Springer, die gemeinsame Freundin Hermine Granger (Emma Watson) als Turm fungiert: "Harry, auf dich kommt es an nicht auf mich, nicht auf Hermine." Beschwer sich noch einer darüber, in unserer metaphysikblinden westlichen Welt würde zu wenig darüber nachgedacht, wofür es sich zu sterben lohnt. Gegen die Potter-Mythologie spricht weniger der Umstand, dass hier mit dem Gegensatz von Gut und Böse gearbeitet wird (wo nicht?), sondern dass dies auf mitunter schon sehr stereotype Weise geschieht: Harrys jugendliche Gegenspieler sind fett und blöd (Onkel Vernon und Cousin Dudley), gemein und arrogant (Draco Malfoy) oder schauen einfach ziemlich schiach aus (Harrys Gegenspieler beim Quidditch, der in Hogwarts betriebenen Sportart). Und die Art und Weise, in der das Führungspersonal der Zauberschule Hogwarts (Richard Harris als Professor Dumbledore; Maggie Smith als Professorin McGonagall) das Haus Gryffindor bevorzugt (dem Harry und seine Freunde angehören), lässt starke Zweifel an der pädagogischen Kompetenz des Lehrpersonals aufkommen. Zudem ist die Freiheit, zwischen Gut und Böse zu wählen, offenbar ungleich verteilt. Ein sprechender Hut, der den Erstklässlern aufgesetzt wird, entscheidet über deren Zuteilung auf die verschiedenen Häuser, denen ganz bestimmte Eigenschaften zugeordnet sind (Gryffindor: Mut; Ravenclaw: Klugheit; Hufflepuff: Arbeitseifer; Slytherin: eine machtbesessene Gerissen- und Verschlagenheit, die alle zu potenziellen Komplizen Voldemorts macht) eine Szene, die vom genetischen oder biometrischen Screening nicht sehr weit entfernt ist. Eines hat Harry Potter soweit wir wissen Jesus Christus jedenfalls voraus: Er ist ein super Sportler (auch das ein Erbe des Vaters). So manifestiert sich die Auserwähltheit auch in irdischen Erfolgen (ein eher calvinistischer denn katholischer Gedanke), und Harry kann schon beim ersten Quidditch-Turnier, das er als Sucher bestreitet, den Schnatz fangen und so den Sieg über den Erzrivalen Slytherin erringen. Sollte es irgendwo da draußen noch Erziehungsberechtigte geben, die jetzt nicht so genau wissen, worum es geht, dann bietet ihnen der Film nun eine gute Gelegenheit, sich in durchaus spannenden und kurzweiligen 152 Minuten das unumgängliche Basiswissen in Sachen Potterismus zu erwerben. Leicht ist auch das nicht, denn Kinder hängen einer eher archaisch rigorosen Auffassung von Werktreue an: Meine Tochter ist nach erstem Nachdenken auf zwölf schwere Fehler gekommen. Ab 23.11. in den Kinos (OF im Haydn). |
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November 2001 © FALTER
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