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"Links finde ich ganz gut"
KUNST Franz West zeigt im MAK eine Ausstellung mit dem Titel "Gnadenlos". Ein Porträt des vielseitigen Künstlers, der sowohl die klassische Moderne als auch die Avantgarde der Sechzigerjahre beerbt hat. MATTHIAS DUSINI (E-Mail: dusini@falter.at)


Falter 48 Originaltext aus Falter 48/01 vom 28.11.2001

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Etwa zweihundert Leute warten am Eröffnungsabend der Ausstellung "Gnadenlos" auf den Meister. Es ist schon nach 22 Uhr, als Franz West endlich die Ausstellungshalle des MAK betritt, wo ein Auto der Marke Maserati steht. Ein Assistent reicht dem Künstler die Gießkanne mit rosa Ölfarbe. Zuerst begießt West das Auto von einer Leiter herab, dann von der Seite - sichtlich bemüht, seine Kleidung nicht zu bekleckern. Als ein paar Tropfen die Jacke eines Zuschauers treffen, ruft jemand: "Jetzt hast an echten West. Des is wie beim Nitsch; da habens' auch alle ,ihren' Nitsch mitgnommen." Statt Blut wie Herrmann Nitsch goss West die Barbiefarbe Pink - neben Kackbraun und Amtsstubengrün seine Lieblingsfarbe - über seinen Zweit-Maserati. "Warum ist etwas und nicht nichts?" nannte West, der philosophische Bemerkungen fallen lässt wie Pferde Äpfel, vor vier Jahren eine Außenskulptur in der niederösterreichischen Gemeinde Stronsdorf. Warum ein gebrauchtes Luxusauto unter der Hand des fünfundfünzigjährigen Wieners zu einer Skulptur wird, wodurch dessen Marktwert um ein Mehrfaches gesteigert wird, ist leicht zu beantworten: West gilt heute als einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart. Über seinen Erfolg meint West im Gespräch mit dem Falter: "Kunst war das Einzige, was sinnvoll erschien. Alles andere hat nicht funktioniert. Ich habe mir selbst nie gedacht, dass ich besonderes Glück am Markt haben könnte. Das liegt auch daran, dass ich das Glück hatte, nicht so populär zu sein, und vielleicht auch daran, dass ich so schlecht war. Man kann kaum so lange interessant sein. Als ich angefangen habe, waren die Idole alle ziemlich so alt wie ich jetzt, über fünfzig, lauter alte, blade, glatzerte Männer." Und in der für ihn typischen raunzigen Art fügt West noch hinzu: "Wenn man teuer leben möchte, würde man sicher nicht Künstler werden. Leute, die sehr viel Geld haben, werden keine Künstler. Die machen meistens Sport, habe ich mir sagen lassen." Vor fünfundzwanzig Jahren war alles ganz anders. Da stand der Autodidakt West, der erst mit dreißig die Akademieklasse von Bruno Gironcoli besuchte, jeden Morgen mit einer Whiskyflasche und einer Mappe mit eigenen Arbeiten vor der Tür der Galerie Nächst St. Stephan. Der damals an der Galerie als Kurator tätige Künstler Oswald Oberhuber erinnert sich: "Irgendwie hat mir diese Hartnäckigkeit imponiert." Die erste Ausstellung, in der West die renommierte Wiener Galerie in "eine Art Abstellkammer verwandelte", hinterließ Ratlosigkeit. "Warum machst denn so einen Schmarrn?!", wurde Oberhuber von zahlreichen Besuchern gefragt. Warum West heute international so erfolgreich ist, hat auch lokale Ursachen. West triumphierte in der MAK-Eröffnungsperformance über seine große Hassliebe, den Wiener Aktionismus, und markierte einen Generationswechsel in Österreich: Die große Zeit von Herrmann Nitsch oder auch Arnulf Rainer ist vorbei, jetzt übernimmt die Generation West das Ruder. Wie eine "Jetzt komm ich"-Skulptur ist eine riesige Pinkwurst im Hauptraum des MAK aufgetürmt. Wests Mutter war Zahnärztin und behandelte Künstler aus der Wiener Szene; sein um siebzehn Jahre älterer Stiefbruder Otto Kobalek - er verstarb 1995 - war selbst eine bekannte Szenefigur, sodass der frühe Kontakt zu den Aktionisten kein Zufall war. Bereits als Sechzehnjähriger erlebte West 1963 die erste öffentlich zugängliche Aktion von Hermann Nitsch und Otto Mühl. Nitschs in die Tat umgesetzte Regieanweisung - "Ich schlage, trete, steinige, beiße den Lammleib" - wirkte sich traumatisch auf den Jüngling aus; er verfiel in wochenlange Depression, lautet eine West-Legende. Fünf Jahre später bot sich West im Rahmen der berüchtigten Veranstaltung "Kunst und Revolution" die Gelegenheit, gelassener auf die brutalen Schocktherapien der Aktionisten zu reagieren. Nachdem Günter Brus, Otto Mühl und Co. ausgespritzt, -geschissen und -geschimpft hatten und das Publikum in perplexe Lethargie verfallen war, stand der noch unbekannte West auf und sagte: "Ich glaube, die Herren haben sich einen Applaus verdient." Das Publikum lachte - befreit von der zwangsverordneten Befreiung. "Mein Bruder war am Kynismus orientiert, man hat öffentlich gebrunzt und sich bemüht, unbemüht zu sein. Mit dieser Einstellung ist man auch am Aktionismus vorbeigekommen", umreißt West seine damalige Geisteshaltung. Die späte Parodie auf die damals "unüberwindlichen" Aktionisten, die in den letzten Jahren "ganz jämmerlich abgefloppt" sind, hat aber nicht nur einen persönlichen Hintergrund. Sie zeigt auch, dass Wests ironisch-distanzierte Position zu den avantgardistischen Programmen der Aktionisten heute höher geschätzt wird als diese selbst. Otto Mühl etwa wollte die Welt nach seinem ästhetisch-philosophischen Ideal formen, und Künstler waren erklärte Feindbilder der Mühl-Kommune. Dieser Ernst der Avantgarde ist längst der gelassenen Einsicht gewichen, dass nicht die Kunst, sondern die Konsumgüterindustrie die Welt nach ästhetischen Qualitäten formt. Wests Kunst vermittelt eine verkaterte Coolness den begrabenen Utopien gegenüber. Auf die Frage, ob er sich mit dem Thema Avantgarde (siehe dazu auch das Interview mit Peter Bürger auf Seite 24) eingehend beschäftigt hätte, antwortet West: "Nein. Ich habe Avantgarde eher als Geschmacksurteil empfunden und habe die Inhalte nicht gekannt. Ich habe ein bisschen was darüber gehört, dass unter Avantgarde verstanden wurde, die Kunst ins Leben aufzuheben. Die Futuristen etwa sind mit Gedichten im Tornister in den Krieg gezogen. Derartige Ansprüche hat man heute nicht mehr unbedingt. Der Adorno hat sich dann, glaube ich, auch gegen die Avantgarde gewendet und gemeint, die Kunst sollte separiert sein und sich ihre Autonomie bewahren. Das waren aber Streitereien, die mich nicht wirklich betroffen haben. In meinen Augen war Avantgarde fortschrittlicher Akademismus." Rückblickend lässt West auch an dem Zusammenspiel zwischen Jugendrevolte und politischer Avantgarde kein gutes Haar. "Wie ich Anfang zwanzig war, hat es diese große Popwelle aus England gegeben. Die würde ich nicht unbedingt als Kunst bezeichnen, weil das gar zu populistisch gewesen ist. Das hat die Leute verändert und ging Hand in Hand mit der 68er-Bewegung. Das Unterhaltungsprogramm der 68er waren ja die Bänkelsänger und englischen Popbands", sagt West und steckt sich eine seiner dünnen Ich-habe-mit-dem-Rauchen-aufgehört-Zigaretten an, bevor er fortfährt. "Vielleicht war es das, was man Dementia praecox, ,jugendliches Irresein' nennt. Ich habe geglaubt, das ist Avantgarde, und damit hat sichs. Aber die haben auch andere Programme gehabt, die gesellschaftsverändernd sein sollten. Wenn man jung ist, denkt man an den Kommunismus, der auf Gleichheit abzielt - allerdings erst in fünfzig Jahren. Bis dahin muss alles streng hierarchisiert sein. "Das war nicht unbedingt etwas, wo ich mithelfen wollte." Über seinen heutigen politischen Standort ist sich West im Klaren: "Links finde ich schon ganz gut. Wenn man in Wien nicht links ist, dann ist man ein Nazi. Da ich mit meinem Erbgut dem Nazi eine Provokation bin, bin ich mechanisch ein wenig empfindlicher dagegen, als man es sonst ist."

Ohne die Auseinandersetzung mit den Aktionisten, die die Barriere zwischen Kunst und Publikum einreißen wollten, wären Wests bekannteste Werke, die seit 1974 produzierten "Passstücke", nicht zustande gekommen. In der MAK-Ausstellung hängen einige dieser weißen Gipsstücke, zu deren Gebrauch explizit aufgefordert wird. In diesem Fall sind es Tafeln mit einem kreisrunden Loch, mit denen der Benutzer ausschaut, als würde er am Pranger stehen. Wer das im Museum übliche "Berühren verboten!" überwindet und eines der mittlerweile bis zu einer halben Million Schilling teuren Werke anwendet, schaut dabei ähnlich lächerlich zwanghaft-spontan aus wie ein Ausdruckstänzer in einer Disco. In der idealistischen Kunsttheorie wurden Skulpturen als beispielhafter Ausdruck des jeweils herrschenden Menschenbildes betrachtet. Wollte man Wests "Passstücke" philosophisch deuten, kann man sie als Stellvertreter der in ihre ökonomische Freiheit entlassenen Subjekte auffassen, die mit ihrer (technischen) Umwelt interagieren - entfremdet-verrenkte Menschen. Die Anwendbarkeit von Skulpturen konkretisierte sich in den zahlreichen von West hergestellten Möbelstücken. Die mit Teppichen überzogenen Sofas und Stühle nahmen jene Einrichtungen vorweg, die von jüngeren Künstlern wie Jorge Pardo oder Tobias Rehberger in den Neunzigerjahren in die Kunsträume gestellt wurden. Die Ästhetik der von West eingerichteten Environments, in denen Möbel in Skulpturen überzugehen scheinen, ist von der für ihn typischen Ambivalenz. Die trashigen Möbel, die schmutzige Farbigkeit der Skulpturen, die verwendeten alltäglichen Materialien wie Gips oder Pappmaché lassen an die Zeit von Fluxus denken; andere Objekte verweisen auf Arbeiten formalistischer Künstler wie Cy Twombly oder auf Alberto Giacometti. Wie die Klassiker der modernen Skulptur greift West nicht auf vorgefundene Materialien - Objet trouvés - zurück: "Viele Leute arbeiten mit Fertigteilen, das ist Concept-Art. Man nimmt einen Eisschrank und stellt ein Radio drauf. Ich habe im Allgemeinen die Formen selbst gemacht." Für Veit Lörs, Direktor des Städtischen Museums Abteiberg in Mönchengladbach, ist West zusammen mit Sigmar Polke der wichtigste europäische Künstler. Er schätzt Wests "schräge Konzeptionalität" und die "Lockerheit, Dingen nicht hinterherzulaufen". "Oft gibt er stereotype Antworten, als könnte er nicht bis drei zählen. Aber am Schluss macht er immer, was er will." "Als ich ihn kennen lernte, war er primär eine Szenefigur", erinnert sich Peter Pakesch, der seinerzeit Galerist von West war und heute Direktor der Kunsthalle Basel ist. Als West 1985 in seine Galerie kam, sei er von "prominenten Insidern nicht für voll genommen worden". Vor 1985 sei die Zusammenarbeit für ihn, Pakesch, nicht ganz einfach gewesen, da West auf der Straße jedem seine Sachen verkauft hat. Das änderte sich schlagartig, nachdem West vom bekannten Kurator Harald Szeemann 1985 in das Kunsthaus Zürich eingeladen worden war und sich zunehmend professionalisierte. In Pakeschs Galerie wurden Wests Arbeiten erstmals in einem internationalen Kontext gesehen. Der Amerikaner Mike Kelley und der inzwischen verstorbene Maler Martin Kippenberger profitierten ähnlich wie West von einer neuen künstlerischen Freiheit, die durch keine Dogmen und Gruppenzwänge mehr eingeengt wurde. Mike Kelley steht für eine spezielle kalifornische Sichtweise des Wiener Aktionismus und in der Folge auch von West, der unter Künstlern wie Kelley oder Paul McCarthy schon lange Anerkennung genoss, noch bevor er unter Sammlern populär wurde. Pakesch zufolge hat es in Kalifornien durch Vermittlung des Filmavantgardisten Peter Kubelka eine stärkere Rezeption des "grauslichen" Wiener Aktionismus gegeben als in dem auf formalisierte Kunstbetrachtung bedachten New York, wo "sogar noch 1979 Josef Beuys ungläubiges Staunen hervorrief". Auch ein anderer Pakesch-Künstler, Martin Kippenberger, war für die Verwandlung des Szeneoriginals West in einen international anerkannten Künstler wichtig. Der Künstler Hans Weigand, der West seit den späten Siebzigerjahren kennt und mit ihm öfters zusammengearbeitet hat, erklärt es so: "Kippenberger hat das Künstlerbild radikal auf den Kopf gestellt, davon hat auch West profitiert. Bis dahin hatte man als Künstler gegen gnadenlos verkorkste Moralvorstellungen anzukämpfen, nach denen der Künstler arm zu sein hätte und nur in dieser Armut kreativ. Es hat Galeristen gegeben, die gesagt haben, der West darf ja kein Geld bekommen, sonst verliert er seine Kreativität."

Der Schriftsteller Ferdinand Schmatz bewundert Wests Changieren zwischen "ganz rein und ganz dreckig". Teuer-billig ließ West nach einem gemeinsam mit Heimo Zobernig ausgerichteten Singspiel im Museum Moderner Kunst Wien Krautfleckerln mit Prosecco servieren. Wests Sprache sei nie nur "reines Sprachspiel", sondern immer "offen für den Kontext". Die Wortverschiebungen und -verdrehungen in den von West verfassten Texten zu einzelnen Ausstellungsstücken, auf Collagen oder in Interviews bereiten dem Rezipienten tatsächlich ein Wechselbad zwischen Tief- und Schwachsinn. Die Installation "Kantine" etwa wurde nach dem Philosophen Kant benannt; dort möge "ein/e Benützer/in mit interesselosem Wohlgefallen Spaghetti, Königsberger Klopse u.v.a.m. erwarten". Eine meterhohe Außenskulptur betitelt West lautmalerisch mit "Qwertz" (nach den ersten Buchstaben der Schreibmaschine), und er findet einen witzigen Begriff für neue Medien: "Techno-How". Eine "Wut auf die Metasprache in jeder Hinsicht" nennt Schmatz Wests Art, sich auszudrücken. "Das war für mich immer interessanter als die geschliffene Fachsprache. In jedem dritten Wort blinkt das Theoretische auf. Da könnte man neidisch werden", meint Schmatz, Herausgeber der Schriften des Lyrikers und engen West-Freundes Reinhard Priessnitz. Auf die Frage, wie er selbst seine Vorgehensweise charakterisieren würde, antwortet West: "Ein wichtiger Teil an der Kunst ist das Anpassen an die Umstände; dass einem nicht mehr gefällt, was einem ein halbes Jahr vorher noch gefallen hat. Das ist weder Tarnung noch eine Arbeitsmethode. Das ist, wie wenn ein Autofahrer auf einer Straße fährt, die er nicht kennt, und er kommt dann in Innsbruck raus." q

Die Ausstellung "Gnadenlos" ist bis 17. 2. 2002 im MAK (1., Weiskirchnerstraße 3) zu sehen.

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November 2001 © FALTER
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