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| Stille Krieger |
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KARTENSPIELE Kaffeehaus und Kartenspiel bildeten einst die perfekte Symbiose. Heute sind die Spieler in den Disziplinen Bridge, Canasta, Schnapsen, Tarock, Poker oder Jassen selten geworden. Eines hat sich nicht gewandelt: Die wackeren Kartenkämpfer sind genauso süchtig und unerschütterlich wie eh und je. WOLFGANG PATERNO |
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Die Herz sieben und Ernst Happel? Da mögen tagein, tagaus auch hitzige Gefechte sein, ein herzhaftes Ringen und Fehden, über eines kommt bei den vier Kombattanten keine Sekunde lang Ungewissheit auf: In den Kartenhimmel sind bisher nur die Herz sieben und Ernst Happel gekommen. Ernst Happel, legendärer Fußballtrainer und noch legendärerer Kartenspieler, sitzt seit 1992 für immer ganz weit oben. Die Herz sieben pickt am Plafond des Ottakringer Café Ritter, seit sie ein Zauberkünstler vor einem Jahr während einer Vorstellung dorthin bugsiert hat. Die Spielkarte an der Kaffeehausdecke blickt gleichsam vom Himmel herab auf den filzgrünen Tisch, die fliegenden Karten. Schaut auf die akkurat beigestellten Tischchen mit Getränken und langsam verqualmenden Zigaretten, festgeklemmt im Aschenbecher. Mattschwarze John-Player-Spezial-Packung, Goldinschrift. Goldenes Feuerzeug. Blickt herab auf vier beherzte Kämpfer. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Kleiner Brauner oder Pfefferminztee. Zehn Uhr vormittags bis spätestens bis zum Mittagessen: Geschnäuzt und gekampelt tauchen die vier Pensionisten seit Jahren unerschütterlich Tag für Tag, fünf Tage in der Woche, im Café Ritter auf. Dort, wo Ernst Happel Stammgast war und wo an der nikotingelben Decke die sieben roten Herzen leuchten. Es gibt sie gerade noch, die notorische Kartenrunde im Kaffeehaus. Auch wenn man in traditionellen Örtlichkeiten wie dem Café Museum, dem Weidinger, dem Prückel oder dem Schopenhauer vereinzelt immer wieder eifrig in die Arbeit vertiefte, stark angegraute Kartenrunden antrifft, die hohe Zeit jener jahrzehntelang währenden Symbiose ist vorbei. "Es fehlt einfach der Nachwuchs", sagt Walter Karal, 63 und seit 20 Jahren Stammspieler im Café Ritter, "ich bin ja noch im Kaffeehaus aufgewachsen." Und, mit leichter Resignation in der Stimme: "Es sterben die Spielpartner weg." Nicht nur das: Bei vielen Kaffeehausbesitzern sind die Kartenspieler nicht mehr so gern gesehen, es rechnet sich nicht mehr. In die verschworenen Kartenrunden findet man auch nur schwer Einlass. In der "Perlen-Reihe", jener fortlaufenden Publikationsserie, die sich in Form von Vademekums um die kleinen Freuden des Lebens kümmert Massen von Büchern mit Titeln wie "Das Bridge Handbuch" oder "Jassen die schönsten Varianten" sind erhältlich , ist erst jüngst "Das große Tarockbuch" erschienen. In dem umfangreichen Band, der in Sachen Tarockspiel genauso Grundlagenforschung betreibt wie die liebste Urlaubsbeschäftigung des Herrn Bundeskanzlers aufdeckt ("Da wird fest tarockiert"), stellen die Autoren nicht ganz uneigennützig fest, dass wieder vermehrt tarockiert werde allerdings nicht im Kaffeehaus, sondern in privaten Runden. Ob Bridge, Canasta, Schnapsen, Rummy, Poker oder Jassen vor nicht einmal zehn Jahren herrschte noch reges Treiben an den mit grünem Filz überzogenen Tischen, um einen Platz zu bekommen, wurde noch intrigiert und gekämpft. Heute staunt man bestenfalls über die angejährten Kämpfer mit den Karten wie über Exoten aus längst vergangener Zeit. "Achtzig Kartenspieler haben wir früher jeden Tag gehabt", sagen unisono Reinhard ("Ich bin einfach der Reinhard") und Franz ("Mich kennt man nur als Franz"). Um die fünfzig sind beide, seit über 30 Jahren als Oberkellner in diversen Wiener Kaffeehäusern tätig. "Heute ist es schon manchmal schwierig, eine Kartenrunde zusammenzubekommen." Erzählungen und Anekdoten aus grauer Vorzeit folgen: Wie das seinerzeit noch ein Kult war rund ums Kartenspiel, fix im Tagesablauf eingeplant. Und wie aufgedonnert die Hofratswitwen ins Kaffeehaus gekommen seien, nein, förmlich erschienen sind sie. Ein Hochamt. Eine Zelebration. Wie die Bridgedame, die Oberaufseherin über die Spieltische, zwischen den Kartenspielern herumgewieselt sei und die Reihenfolge der Spieler streng aber grundgerecht geregelt habe. Generalstabmäßig. Oder wie der eine Gast, nach stundenlangem Spiel hungrig geworden, ein paniertes Wettex genüsslich verspeiste. Zwischen zwei Spielen, die Brösel noch am Mundwinkel, der Satz: "Kalbsfleisch wars keines. Aber schlecht wars auch nicht." Die Zeiten, himmelelend, himmeltraurig, sie ändern sich: "Tempora mutantur et nos mutamur in illis", seufzt Ober Franz. Eine Hofratswitwe könnts nicht besser. Positive Veränderungen sind durchaus auch festzustellen. So beginnt der Tarockabend des Vereins "V.A.L.A.T" mit einer hervorragenden Rindsuppe, daran schließt sich ein delikater Lachsauflauf. Die Mitglieder des 1996 gegründeten "Vereins aller Liebhaber altehrwürdigen Tarockspiels" stärken sich in privatem Rahmen, fernab der traditonellen Tarockarena Kaffeehaus, für eine lange Nacht. Bernhard Voit, 36, und Sonja Hauzenberger, 41, haben geladen, die vier Tarockisten sind via Telefon mit den "Außenstellen" in Kontakt, Samstagnacht wird allüberall tarockiert. Das Spiel mit den 78 Karten 21 Tarock-, 56 Farbkarten und die Karte mit der Figur im Harlekinkostüm und den 70 zu verteilenden Punkten, das keine allgemein anerkannten Regeln kennt, ist hier aber nicht nur ein gemütliches, an Kaffeehausatmosphäre erinnerndes Beieinandersitzen und ein sich gegenseitiges Zuschieben von Spielkarten mit Namen wie "Pagat," "Uhu" oder "Quapil". Hin und wieder trifft man einander schon auch im Kaffeehaus: Aber das olympische wer hat mehr Partien gespielt? Wer hat wie viel Punkte? Wer hat neue Varianten auf Lager? Tarockieren findet hier statt. "Pensionisten haben es gut", überlegt Voit (1633 Spiele) laut. Fahre die rund 25 Spielerinnen und Spieler umfassende Gruppe einmal geschlossen auf Urlaub, erzählt Hauzenberger (9073 Spiele), werde im Reiseprospekt vornehmlich nach vier Sesseln und einem Tisch Ausschau gehalten. Der letzte Tisch stand zufälligerweise in Griechenland, tarockiert wurde jeden Tag, stundenlang. Wahre Titanenkämpfe sind es, nicht selten bis in die Morgendämmerung andauernd. Nicht selten wird tarockiert anstatt gefeiert: Mit stoischem Mienenspiel und kontrollierter Geste, während es im "Hirn rattert" (Voit) und leise mitgezählt wird, wie viele der 22 Tarock noch im Spiel sind oder welche Farbe schon gespielt wurde, sitzt man sich gegenüber und beäugt den Gegner. Während des Spiels ist Schluss mit lustig, das große Aufatmen und heitere Diskutieren folgt in den Spielpausen. Kurz ins Stocken geraten die Tarocksüchtigen nur, als sie gemeinsam feststellen, dass mittlerweile bis auf zwei Vereinsmitglieder alle das Rauchen aufgegeben haben. Kann es sein, fragt man sich bang, dass sportives Tarock das Leben gar zu sehr verändert? Im Ottakringer Café Ritter, inmitten von Handygebimmel, fiependen Automaten und Zigarettenqualm, hat sich der Kartenstammtisch ein Stück Zeit konserviert. Hier stemmen sich die vier reifen Herren gegen Zeit und Vergänglichkeit. Seit Jahren wahren die immergleichen Spieler auch tapfer ihr Inkognito: Voneinander weiß man nicht allzu viel, allzu Privates stört das Spiel. Und allein aus diesem Grund trifft man sich schließlich. Der Mann mit der mächtigen Leibesfülle und dem imposanten Schnurrbart im Gesicht wird mit "Schnauzi" umkost, der nächste heißt ob seines Nachnamens "Schneckerl", Karal selbst, baumlang und zaundürr, ist der "Lange", der Ingenieur in der Runde der ehemaligen Schlossermeister und Autoverkäufer ist der "Inschenör", auch "Diplominschenör" oder gleich "Dokta". Wahlweise ist Karal, durch kleine Auftritte im "Kaisermühlen Blues" oder in einer Schnitzler-Verfilmung gestählt, auch der "Fümschauspieler". Das Aussehen ergebe den Kosenamen, weiß der Lange. Oder der Geisteszustand, ergänzt der Dokta. Frau Gerda, 84, seit Jahren in der Funktion als "Kiebitz" tätig, ein Ehrenamt im Kartenspielerkosmos, bei dem man den Spielern zwar über die Schulter und ins Blatt schauen, aber mit keinem Sterbenswörtchen etwas verraten darf, kennt manch einen der wackeren Kämpfer seit 30 Jahren. Frau Gerda, so die Überzeugung der Herren, könne mit Leichtigkeit ein ganzes Buch über die Kartenkünstler schreiben. Weit gefehlt: Nur der Happel war immer der Happel, die anderen sind Schnauzi, Langer oder der Inschenör. Die richtigen Namen kennt sie nicht, interessieren auch nicht. Schwarze Katze", seit Jahren das immergleiche Spiel: Die 52 Karten werden verteilt, keiner will die Pik Dame, die Schwarze Katze, abbekommen, im Stich dürfen keine Herzen sein. Das Kartenmischen, das Kartenwerfen und das Kartengrapschen gehen automatisch vor sich. Den Reiz des Ganzen machen die Dinge aus, die nebenher passieren. Kommt die Kellnerin mit einer Bestellung vorbei, erwachen im Chor die Charming Boys. Während einer neuen Runde herrscht eisiges Schweigen, gedämpftes Knallen von, oho!, immer neuen Trümpfen auf dem grünen Filz. Schnell und reibungslos geht so eine Partie dahin. Die letzte Karte, der letzte Stich, jeder Punkt zählt 30 Groschen: In schnellen Redeschüben wird Manöverkritik gehalten, Schnauzi lacht schnaubend und hält sich den wogenden Bauch, einer wirft ein wirsches "Bist deppat" ein, der andere kontert mit "Bist a Dodel", "Jessas na", meint einer, "Maul halten", ist noch zu vernehmen, ein herrliches Gezerre. Einem fällt noch en passant ein, dass Schnauzi, der Mann mit dem struppigen Haar im Gesicht, ein idealer Darsteller in einem Tierfilm abgeben könnte, Rollenfach: Seehund. "Höchstens im Streichelzoo," doppelt der Herr Inschenör, Schneckerl beendet die Debatte mit einem Machtwort: "Do schrecken sich die Kinder." Schnauzi japst nach Luft. Wenn bei den Mitgliedern des Vereins V.A.L.A.T einmal ein verschämtes, akademisch nobilitiertes "Bist du gelähmt, puah!" herausrutscht und danach alles wieder seinen gewohnten, leicht schläfrigen Gang nimmt , sirrt die Luft vor lauter Schmähtandeln und Gaudium. Dann: ein neues Spiel, ein neues Glück. Die wunderbar donnernden Selbstdarsteller, einander eigentlich herzhaft zugeneigt, werden wieder zu stillen Kriegern. Auge um Auge. Punkt um Punkt. Stich um Stich. Für die Runde im Café Ritter, gemeinsam 345 Jahre alt, ist der Kartenhimmel noch ein Stück weit entfernt. Noch gilt es, sich jede Woche fünfmal zu messen. Denn nur die Besten kommen in den Kartenhimmel. Wie Ernst Happel. Oder die Herz sieben. Wolfgang Mayr, Robert Sedlaczek: Das große Tarockbuch. Wien 2001 (Perlen-Reihe im Deuticke-Verlag). 192 S., öS 399,/E 29, KARTEN Kiebitzen und spielen Wer sich immer schon gewundert hat, was ältere Damen und junge Menschen in die Hinterzimmer von Wiener Kaffeehäusern treibt: Neben Zeitungen und Melange gibts in vielen Lokalen (noch) die Möglichkeit, Karten zu spielen. Aber Vorsicht, die Spieler und Spielerinnen lassen sich nur ungern in die Karten schauen. Kiebitze werden jedoch trotzdem toleriert, und wer nett fragt, bekommt meist auch Auskunft. Bei den jeweiligen Verbänden gibts Informationen, wann wo was gespielt wird. Jeden ersten Montag im Monat findet ab 19 Uhr im Café Rathaus (8., Landesgerichtsstr. 5) ein Einsteiger-Tarockabend statt: Absolute Beginner treffen hier auf die Profis. Neben Tarock ist vor allem Bridge sehr beliebt. Allein in Wien gibt es 18 Bridgeclubs, die im Österreichischen Bridgeverband organisiert sind und regelmäßig auch international Turniere austragen. Gespielt wird unter anderem in den Cafés Rathaus, Schottenring (1., Schottenring 19), Museum (1., Friedrichstr. 6), Ritter (16., Ottakringer Str. 117) und Weidinger (16., Lerchenfelder Gürtel 1). Wer lieber im privaten Rahmen Karten mischt, dem seien die Ratgeber- und Lernbücher zu sämtlichen Kartenspielen von Skat bis Schnapsen aus der Perlen-Reihe empfohlen. C. W. Österreichischer Bridgeverband, 1., Rudolfspl. 4, www.bridgeaustria.at Verein V.A.L.A.T, www.tarock.at, E-Mail: bernhard.voit@tarock.at |
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Dezember 2001 © FALTER
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