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Der Saustall im Kuhstall
BSE Nun hat auch Österreich seine erste BSE-Kuh. War der Ausbruch des Rinderwahnsinns nur eine Frage der Zeit? Wie sorgsam gehen Österreichs Bauern und Schlächter wirklich mit den Rindern um? NINA HORACZEK, EVA WEISSENBERGER und NINA WEISSENSTEINER (E-Mail: wienzeit@falter.at)


Falter 50 Originaltext aus Falter 50/01 vom 12.12.2001

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Lama galt von jeher als schwierige Kuh. Als Kalb des Zuchtstiers "Hofer" am 8. Februar 1996 geboren, war sie nicht gerade das, was man eine fleißige Milchkuh nennt. Ihre "Lebensleistung", wie sich Rindvieh-Experten gerne ausdrücken, lag bei mageren 10.239 Litern. Während ihre Kolleginnen in derselben Zeit bis zu viermal kalben, kam Lama auf ihrem Hof im Waldviertler Waldenstein bloß zweimal nieder.

Seit vergangener Woche versetzt das faule Fleckvieh mit der neunstelligen Ohrenmarke AT 835187833 Österreichs Rindfleischverzehrer posthum in Angst und Schrecken. Nachdem Lamas Hirn in einem kleinen Plastikbehälter von den Veterinärmedizinern in der Versuchsanstalt Mödling viermal untersucht worden war, stand das Ergebnis fest: "Bovine spongiforme Enzephalopathie". Kurz: BSE.

Obwohl das Testergebnis eines weiteren Labors aus der Schweiz erst Mitte der Woche eintrifft, ist es bereits so gut wie sicher: Österreich hat seinen ersten Fall von Rinderwahnsinn. Dabei berieten Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer (ÖVP) und die Finanzreferenten der Länder bis vor kurzem noch über die von der EU-Kommission empfohlene Lockerung der teuren, flächendeckenden Tests. Seit Jänner 2001 muss jedes Vieh, das älter als dreißig Monate ist, auf BSE untersucht werden. Von den Massenuntersuchungen wollte man auf stichprobenartige Analysen übergehen, da die Bauern immer noch unter der EU-weiten BSE-Krise leiden, die vergangenen Dezember einen neuen Höhepunkt erreichte. Laut Agrarmarkt Austria (AMA) halbierte sich der Rindfleisch-Absatz damals beinahe, bis zu dem positiven Testergebnis bei der Problemkuh Lama aßen die Österreicher immer noch um zehn Prozent weniger Schnitzel, Gulasch und Tafelspitz. Jetzt droht ein neuer Minusrekord beim Rindfleischkonsum.

Von kostengünstigeren Stichprobentests redet seit vergangener Woche niemand mehr. Dafür beschwören die Verantwortlichen nun umso mehr die gute Qualität des heimischen Fleisches. "Der Konsument", sagte FPÖ-Gesundheitsminister Herbert Haupt, "hat die absolute Sicherheit, nur gesundes und hochwertiges Fleisch zu erhalten. Zu keiner Zeit" hätten sich die Österreicher "durch den BSE-Fall in Gefahr befunden, was nicht zuletzt unserem ausgezeichneten Kontroll- und Sperrsystem zu verdanken" sei.

Das "ausgezeichnete Kontrollsystem" hatte dennoch seine Tücken. Am Wochenende wurde vorübergehend eine falsche Kuh und deren Hof bezichtigt, BSE-verseucht zu sein. Es ist völlig unklar, ob der Amtstierarzt, der Schlachthof oder das Labor in Mödling an der Verwechslung der Proben schuld sind. Der Staatsanwalt ermittelt: warum Lamas Ohrmarke plötzlich vertauscht wurde und natürlich, ob und wie der Waldviertler Bauer gegen das Lebensmittelgesetz verstoßen hat.

Während die Regierung indessen bemüht ist, das kostspielig erworbene Image des "Feinkostladens Europas" aufrechtzuerhalten, rechnen Tierschützer und Opposition mit den mangelnden Sicherheitsvorschriften auf Bauern- und Schlachthöfen ab. Von den seit 1. Jänner analysierten 217.660 Kuhhirn-Proben war bisher nur eine einzige BSE-verseucht. Kein Grund zur Panik? Oder doch? Hätte auch dieser Fall vermieden werden können? Wie sauber arbeiten Österreichs Fleischverarbeiter nun wirklich?
Beginnt man beim Futter für das liebe Vieh, das seit dem Ausbruch der Seuche 1984 in England als Verursacher von BSE gilt, so treten auch in Österreich dubiose Praktiken zutage. Von 1998 bis zum Jahr 2000 wurden in ganz Österreich nur 437 Stichproben aus Rinderfutter gezogen, erklärt die SPÖ-Umweltsprecherin Ulli Sima. 38 Proben davon waren mit Tiermehl verseucht, obwohl es hierzulande seit zehn Jahren verboten ist, solches an Wiederkäuer zu verfüttern. In Großbritannien hatten die Hersteller ? ebenfalls infizierte ? Reste von Schafskadavern darunter gemischt. Das mit Prionen (kleine, krankhaft veränderte Eiweiße) verseuchte Tiermehl führte bei über 179.400 Kühen auf der Insel zu der schwammartigen Gehirnerkrankung, die die völlig orientierungslosen Tieren schließlich qualvoll verenden lässt. Tier- und Konsumentenschützer glauben dennoch, dass nicht wenige österreichische Landwirte hinter der Grenze billiges und möglicherweise verseuchtes Tierfutter einkaufen. Michael Buchner vom Verein Vier Pfoten, der vor einem knappen Jahr den Hormon-Schweine-Skandal aufdeckte: "Bei den Schweinen konnten wir damals auch billiges Futtermittel aus dem Ausland nachweisen. Warum sollte es bei Rindern anders sein?"
Die Futter-Tests, deren Durchführung Ländersache ist, werden aber nicht ? wie beim Gehirn der Kühe ? flächendeckend angewandt, sondern erfolgen stichprobenartig. "Trotzdem stellte sich Minister Molterer immer hin und sagte, bei uns in Österreich sei alles in Ordnung", kritisiert die SPÖ-Abgeordnete Sima, "das war eine Lachnummer. Leider."

Doch nicht immer hat der Bauer schuld. Denn erst seit heuer ist Tiermehl in Österreich generell verboten. Anderes Vieh, wie Hühner und Schweine, bekamen bis vor nicht allzu langer Zeit noch Tiermehl zu fressen. Sämtliche Futtersorten werden allerdings von denselben Betrieben gemahlen. Sollten Reste vom Hendlfutter in der Mühle picken, kann es natürlich vorkommen, das auch das Rinderfutter Spuren von Tiermehl enthält. Aber: Natürlich kann auch auf den Bauernhöfen selbst ? absichtlich oder unabsichtlich ? Kuhfutter mit Tiermehl vermischt werden.

Die EU, die an einigen Bauernhöfen Österreichs im letzten Februar Kontrollbesuche abstattete, rügte deswegen bereits unseren viel gerühmten Feinkostladen: "Wenn kontaminiertes Fleisch-Knochen-Mehl auf dem österreichischen Markt gelangt ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Tiere mit dem BSE-Erreger in Berührung gekommen sind, weil das Verfütterungsverbot nicht effektiv überwacht wurde", heißt es in dem Bericht des EU-Lebensmittel- und Veterinäramtes. Nicht einmal "die Grundregeln zur Verhinderung der Verseuchung von Wiederkäuer-Futtermitteln mit Tiermehl in den Futtermühlen" seien eingehalten worden.

Die Grünen kritisieren in diesem Zusammenhang die Knausrigkeit der Regierung: Von 1994 bis 1998 kürzte der Bund die Gelder für die Lebensmittelkontrolle um über zehn Millionen Schilling. Im Budget 2000 wurden die Mittel dann noch einmal um 15 Prozent gekürzt. Gleichzeitig erhielt die Lebensmittelkontrolle ? nicht zuletzt wegen BSE ? immer neue Aufgaben. "Diese Kürzungen sind natürlich ein Wahnsinn", meint die Grüne Eva Glawischnig: "Zusätzliche Investitionen sind unumgänglich."

Wurden die Kühe erst einmal aufgepäppelt, sind sie reif für den Schlachthof. Auch dort wird nicht immer mit den saubersten Methoden gearbeitet. Friedrich Landa etwa, der Präsident des Dachverbands der oberösterreichischen Tierschutzorganisationen, hat im vergangenen Februar in einem österreichischen Schlachthof gefilmt. Landa: "Da wurde den Tieren bei vollem Bewusstsein das Ohr abgetrennt und einfach irgendwo hingelegt." Die Ohren der Kühe dienen später zur Identifizierung der Kuh. In einem Plastiksack werden sie an das Fleisch geheftet. Bei Massenschlachtungen kann schon einmal ein Ohr auf der falschen Kuhhälfte landen. "Dass es da zu Verwechslungen wie bei den beiden verdächtigen Kühen im Waldviertel kommt, ist nicht verwunderlich", erklärt Landa. Die fahrlässige Umgang mit den Ohrwascheln kritisiert auch der Tierarzt Thomas Müller, der früher selbst über Schlachtungen wachte. Der Schlachtbetrieb, in dem die BSE-Kuh entdeckt wurde, sei an jenem Tag sogar vom Veterinäramt kontrolliert worden, sagt Müller: "Trotzdem kommt so ein Kuddelmuddel heraus, dass sie zwei ganze Tage brauchen, um die richtige Kuh zu finden."

Wenn die Schlächter schließlich die toten Tiere mit der Spaltsäge, die Wirbelsäule entlang, in zwei Hälften schneiden, spritzt das ? im Fall einer BSE-Infektion gefährliche ? Rückenmark nur so in der Gegend herum. Das so genannte "Risikomaterial" (Rückenmark, Hirn, Darm, Augen, Mandeln) darf seit 1. Oktober nicht verarbeitet werden, bei der Schlachtung kann es dennoch zu Veunreinigungen kommen. Praktiker Müller: "BSE-Prionen können auf der Säge kleben bleiben. Dadurch kann auch das nächste Tier verseucht werden. Und das kommt dann in die Nahrungsmittelkette." Viele Sägen werden zwischen den Schlachtungen nur mit heißem Wasser gereinigt, die BSE-Erreger können allerdings bis zu 600 Grad überleben.
Veterinärmediziner kritisieren auch das neue Tierarzneimittelkontrollgesetz, das diese Woche vom Parlament abgesegnet werden soll. Demnach sollen Landwirte ihre Tiere selbst mit Medikamenten versorgen und eigene Impfstoffe spritzen dürfen. Die Tierärztekammer lief Sturm dagegen. Das Gesetz werde verhindern, dass Krankheiten wie BSE rechtzeitig erkannt werden können, befürchten die Veterinärmediziner, die ihre Bedenken vergangene Woche gemeinsam mit Tierschützern an sämtliche Ministerbüros und Parlamentarier faxten. Der zuständige Ausschuss gab dennoch grünes Licht für das neue Gesetz. Kurze Zeit später trat Minister Haupt, im Zivilberuf selbst Tierarzt, vor die Kamera, um den ersten BSE-Fall in Österreich zu verkünden.

KUH & MENSCH
Wie gefährlich sind Milch und Fleisch?

Die "Bovine Spongiforme Enzephalopathie" (BSE) oder Rinderwahnsinn wurde 1986 erstmals von englischen Veterinärmedizinern identifiziert. Als Erreger von BSE gilt heute ein verdrehtes körpereigenes Protein namens Prion. Im Laufe der Erkrankung sammeln sich verdrehte Prionen an und zerstören das Gehirn. Lange Zeit ging man davon aus, dass BSE von Schafen, die von der so genannten "Traberkrankheit" (Scrapie) befallen waren und zu Tiermehl verarbeitet wurden, auf Rinder übertragen wurde. Eine weitere Theorie besagt, dass eine Kuh, die infolge einer genetischen Mutation spontan BSE bekam, als Tiermehl an ihre Artgenossen verfüttert wurde und dadurch weitere Kühe infizierte. Mittlerweile liegen Hinweise dafür vor, dass BSE vom infizierten Muttertier auf das Kalb weitergegeben werden kann. Obwohl der endgültige Beweis fehlt, gehen Wissenschaftler anhand zahlreicher Verdachtsmomente davon aus, dass die Rinderkrankheit BSE auf den Menschen übertragbar ist und eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) hervorrufen kann. Bei Creutzfeldt-Jakob sterben die Nervenzellen des Gehirns nach und nach ab, bis das Gehirn löchrig wird wie ein Schwamm. Eine Heilung ist bislang nicht möglich. Umstritten ist allerdings, wie hoch das Risiko ist, durch BSE-infiziertes Fleisch an der CJK zu erkranken. Als besonders gefährlich gelten Hirn und Rückenmark. Ebenfalls infektiös sein können Leber und Knochenmark. "Separatorenfleisch", also Restfleisch, das maschinell von den Knochen abgetrennt wird, ist aufgrund des hohen Infektionsrisikos seit Jänner 2001 in Österreich verboten. Doch auch reines Muskelfleisch eines BSE-Rindes gilt nicht als völlig unbedenklich. Theoretisch könnte auch Kuhmilch eine Gefahrenquelle darstellen, weil sie über das Lymphsystem mit dem Blutkreislauf in Kontakt steht und damit auch mit allen inneren Organen. Bisher konnten jedoch in der Milch keinerlei krankmachende Prionen nachgewiesen werden. Seit Anfang dieses Jahres wird jedes Rind, das über dreißig Monate alt ist, bei der Schlachtung auf eine mögliche BSE-Infektion überprüft. Bei Tieren, die jünger als dreißig Monate sind, lässt sich BSE mit den momentanen Testmöglichkeiten nicht nachweisen. Tatsächlich wird aber ein großer Teil der Tiere bereits mit 15 Monaten zur Schlachtbank geführt. So wurden in Österreich zwischen Jänner und September 2001 insgesamt 516.177 Rinder und Kälber geschlachtet, gleichzeitig aber nur 212.000 BSE-Schnelltests durchgeführt.
NINA HORACEK


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