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| Fantasy aus echtem Stein |
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LITERATUR J.R.R. Tolkiens Opus magnum, "Herr der Ringe", dessen erster Teil vor Weihnachten ins Kino kommt, wird vor allem von denjenigen, die es nicht gelesen haben, als esoterischer Schund verachtet. Tatsächlich ist es ein außergewöhnlich gut geschriebenes und gut gemachtes Stück Weltliteratur. DANIEL KEHLMANN (E-Mail: wienzeit@falter.at) Siehe auch: FILM: Weiße Bärte, weiße Pferde |
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Anfang 1997 führten der britische Bildungskanal Channel 4 und die Buchhandelskette Waterstone's eine Leserbefragung nach dem bedeutendsten Roman des 20. Jahrhunderts durch. Das Ergebnis erregte Tumulte unter Englands Literaturkritikern: "Ich würde dieses Ding nicht in meinem Haus aufbewahren!", versicherte Susan Jeffreys in der Sunday Times; das Times Literary Supplement nannte das Resultat "schreckenerregend", und der Guardian bezeichnete den Gewinner als "eines der schlechtesten Bücher, die je geschrieben wurden". Es ging, man vermutet es schon, um J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe". Nur zögernd und defensiv meldeten sich auch andere Stimmen. Die Literaturwissenschaftler Andrew O'Hehir, Joseph Pearce und T.A. Shippey legten umfangreiche Tolkien-Apologien vor, auch wurde an die Verehrung erinnert, die Tolkien bei einigen der bedeutendsten englischen Schriftsteller - unter ihnen Iris Murdoch und W.H. Auden - genossen hatte. Auden hatte 1956 über den dritten Band, "Die Rückkehr des Königs", geschrieben: "Die einen, wie ich selbst, halten es für ein Meisterwerk, die anderen können es nicht ausstehen. Und unter diesen Gegnern gibt es, das muss ich zugeben, einige, vor deren literarischem Urteil ich großen Respekt habe. Ich kann nur annehmen, dass manche Menschen aus Prinzip gegen heroische Abenteuer und erfundene Welten sind." Tatsächlich scheint der Widerstand gegen Tolkien häufig der Lektüre voranzugehen. Und in der Tat betonten die meisten Kritiker der Umfrage von 1997, dass sie natürlich keine Zeile dieses Machwerks gelesen hätten. Radikaler als die meisten avantgardistischen Strömungen stellt "Der Herr der Ringe" mit seinem Welterfolg und seiner Anziehung auf immer neue Lesermassen die Grenzen unseres Literaturbegriffs zur Diskussion. Denn schon nach wenigen Seiten wird klar, dass man es hier nicht mit einem Phänomen à la Stephen King, Tom Clancy oder Danielle Steel zu tun hat; Tolkiens Intelligenz und Komplexität, seine Stilsicherheit und sein schlechthin atemberaubendes Können machen es auch seinen Gegnern unmöglich, ihn einfach als Trivialautor abzuklassifizieren. John Ronald Reuel Tolkien wurde 1892 geboren und wuchs zunächst bei seiner Mutter, einer konvertierten Katholikin, im idyllischen Warwickshire und dann in den bedrückenden Industrielandschaften von Birmingham auf. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg, die Schlacht um die Somme wurde für ihn zu einem traumatischen Erlebnis. Nach dem Krieg arbeitete er als Sekretär an der Erstellung des "New Oxford English Dictionary", dann als Dozent für angelsächsische Sprache in Leeds, schließlich als Professor in Oxford - er war laut seinem Biografen T.A. Shippey der weltweit bedeutendste Experte für das Angelsächsische. Tolkien führte eine glückliche Ehe und hatte zwei Kinder. Für seinen Sohn schrieb er eine Erzählung, die 1937 unter dem Titel "The Hobbit" publiziert und ein Bestseller wurde. Seine Verleger drängten ihn zu einer Fortsetzung, an der er vierzehn Jahre arbeitete. 1954 erschien sie in drei Bänden und war auf Anhieb einer der größten literarischen Erfolge aller Zeiten. Die Geschichte des "Herrn der Ringe" entwickelt sich vor dem Hintergrund eines unüberschaubar komplizierten mythisch-philologischen Kosmos, der sich dem Leser nur in Bruchstücken enthüllt: Bevor er mit dem eigentlichen Roman begann, entwickelte Tolkien die beiden Elbensprachen Quenya und Sindarin und die gesamte mythische Vorgeschichte. Ein vor Unzeiten vom dunklen Herrscher Sauron geschmiedeter Ring muss zerstört werden, wenn Sauron nicht zurückkommen und die Macht über Mittelerde (das Wort leitet sich vom angelsächsischen middangeard für die Bereiche zwischen Himmel und Hölle ab) erlangen soll. Der Ring fällt durch einen glücklichen Zufall in die Hände des unerfahrenen Hobbits Frodo, nur er ist - wenigstens zu Beginn - bescheiden und ambitionslos genug, um nicht von der bösen Macht des Rings korrumpiert zu werden. In einer geographisch, ethnologisch, historisch und natürlich linguistisch bis ins Kleinste ausgetüftelten imaginären Welt macht sich eine Gruppe unter der Leitung des Zauberers Gandalf auf, den Ring unter großen Gefahren an den einzigen Ort zu bringen, an dem er vernichtet werden kann: zu dem Vulkan, in dem er geschmiedet wurde. Warum soll man sich mit so einer Geschichte beschäftigen, was macht ihren Reiz aus, weshalb konnten Auden und Iris Murdoch davon gefesselt sein? Letztlich haben wir die Erzählung eines Heranwachsens, eines Reifeprozesses vor uns, an deren Ende Frodo nicht etwa dem Herrn des Bösen gegenübersteht - wie es die simplere, zum Manichäismus tendierende Dramaturgie Hollywoods vorschreiben würde ?, sondern sich selbst; nicht nur hierin ist Tolkien geprägt von seinem christlichen Weltbild. Zwar ist im Roman niemals von Religion die Rede, aber natürlich sind vieler seiner Bilder und Motive - etwa der Auszug der Elben zu den grauen Anfurten am Ende des dritten Bandes - zutiefst von christlichen Jenseitsvorstellungen geprägt und erhalten dadurch einen existenziellen Ernst und eine metaphysische Aufladung, gegen die sich etwa die sympathische Harry-Potter-Reihe oder C.S. Lewis' "Narnia Chronicles" ziemlich harmlos ausnehmen. Tolkiens christliche Prägung erklärt auch seinen zuweilen offensiven Antimodernismus: Seine Bewunderung für einfaches Leben und Heldentum ist so wenig zu übersehen wie seine Darstellung der Elben als reinste und älteste Aristokratenrasse. Dennoch wäre es grundfalsch, ihn in die Nähe des Faschismus zu rücken, wie das mitunter geschehen ist. Mit "Blut und Boden"-Ideologie hat das alles nichts zu tun. In seiner Bewunderung des einfachen Landlebens und seiner Ablehnung von Industrie und Handel steht Tolkien eher dem Weltbild des britischen Landadels, dem späten Heidegger oder den frühen Grünen nahe. Und so ist es nur konsequent, dass die Hippies ihn zu ihrem Kultautor erhoben. An seinen erfundenen Sprachsystemen feilte Tolkien mit einer fast unsinnig erscheinenden Akribie: Wie "Ulysses" und "Finnegans Wake" ist "Der Herr der Ringe" vor allem ein dickes Buch voller Spracherfindungen und ausufernder linguistischer Fantasien, dessen innere Konsistenz sich allerdings auch dem Leser erschließt, der von alledem nichts weiß. Von daher stammt jenes intensive, in keinem anderen Werk des Genres wiederzufindende Gefühl von Realität, über das sich der Leser zunächst nicht Rechenschaft ablegen, dem er sich aber auch kaum entziehen kann. "Tolkiens erfundene Schlösser", schrieb Andrew O'Hehir, "sind mit einer ganz bestimmten Menge echten Steins gebaut." Ähnlich verhält es sich mit der erfundenen Mythologie. Freimütig bediente sich Tolkien bei den ihm so wohlbekannten angelsächsischen und altnordischen Quellen. Doch seine Figuren selbst sind nicht mythisch, sondern psychologisch, ja widersprüchlich und auf moderne Art komplex angelegt (so lässt sich etwa die Abhängigkeit, welche den Träger des Ringes befällt, als Sucht-Metapher und der Charakter Gollums als Studie der Schizophrenie lesen); mythisch ist nur ihr Hintergrund, die sie prägende Vergangenheit. An keiner Stelle entwickelt Tolkien die Geschichte des vergangenen Ersten und Zweiten Zeitalters so klar und konsistent, wie sie später mithilfe des Nachlasses rekonstruiert worden ist; er lässt den Leser geschickt im Unklaren, greift Anspielungen über Hunderte Seiten hinweg auf und schafft es so, eine Authentizität entstehen zu lassen, welche die wirklich authentischen Mythen, liest man sie in Kompendien nach, niemals gewinnen. Tolkien weiß, dass man das Mythische letztlich nicht erzählen kann, weil jede Erzählung ihren Stoff gegenwärtig macht, Mythos aber das immer schon Vergangene ist. Bloß die ältesten Figuren wie Gandalf oder Elrond erinnern sich noch an Ereignisse des letzten Ringkriegs, der für die anderen nur noch den Status einer Legende hat. Frodos uralter Onkel Bilbo gehört zu den letzten, die noch einen Drachen gesehen haben. In der Gegenwart des Romans hingegen gibt sich derjenige, der glaubt, diese hätten tatsächlich einmal existiert, der Lächerlichkeit preis. Auch die Elben, von denen der Leser noch einige kennen lernt, sind für die meisten Figuren nur noch Sagengestalten. Tolkiens Welt ist in einem ständigen Wandel vom Magischen ins Profane begriffen, und wenn am Ende jene Figuren, die wir besser kennen gelernt haben als viele Menschen im wirklichen Leben, uns unversehens selbst mythisch und überlebensgroß erscheinen, müssen auch sie schon abtreten und ins Jenseits zu den grauen Anfurten ziehen: "Der Herr der Ringe" ist eines der melancholischsten Bücher der Literaturgeschichte. Man glaubt zu wissen, wie all die erfundenen Wesen, die Orks, Elben, Hobbits und Zwerge aussehen, aber wenn man nachblättert, wird man bemerken, dass sie nie wirklich beschrieben werden: Der Autor hat vorsätzlich verhindert, dass sich die vielen Details jemals zu einem deutlichen Bild fügen. Im Kontrast dazu sind die Landschaften, sind die Geographie und das Wetter in hyperrealistischer Manier ausgeführt; in jedem Moment hat man eine unmärchenhaft genaue Vorstellung von Regen oder Hitze, von der Beschaffenheit des Bodens, von Windstärke und Vegetation. So erzeugt Tolkien zwischen scharf umrissener Psychologie und exakt gezeichneter Umgebung genau dort eine wohlkalkulierte Vagheit, wo sich die so genannte Fantasy-Literatur gerne in endlosen skurrilen Ausmalungen erschöpft. Folgerichtig versichern auch Regisseur und Ausstatter der Verfilmung treuherzig, sich an die Vorgaben der pseudohalluzinatorischen Illustrationen der englischen Taschenbuchausgabe halten zu wollen, die schon manchem beinahe die Lektüre vergällt hätten und die Tolkien selbst nicht leiden konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Verfilmung kommen musste (eine sehr teure, misslungene Zeichentrickversion, teilweise unter Mitwirkung echter Schauspieler hergestellt, wurde schon 1977 produziert); denn vermutlich gibt es überhaupt keinen zweiten Roman, der ein vergleichbares intellektuelles Potenzial mit einer solchen Publikumswirksamkeit vereint. Tolkien selbst, der nichts gegen Verfilmungen hatte und eben diese Massenwirkung für ein Kriterium gelungenen Erzählens (in seiner ursprünglichsten Kraft) hielt, wusste durchaus, dass "Der Herr der Ringe" eine Herausforderung aller etablierten literarischen Wertungen darstellte. Und er genoss es. "Viele Leute fanden das Buch langweilig oder absurd, und ich habe keinen Grund, mich darüber zu beschweren", schrieb der emeritierte Professor gelassen. "Denn eine ganz ähnliche Meinung habe ich von jener Art Literatur, die sie offensichtlich bevorzugen. J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe" (sowie jede Menge Literatur von und über Tolkien) ist bei Klett-Cotta in verschiedenen Ausgaben greifbar: Die Übersetzung von Wolfgang Krege (jeweils mit ausklappbaren Faltkarten) ist in einer dreibändigen Paperbackausgabe (1347 S., öS 464,- / EUR 33,72) oder in einem Band (Leinen, 1241 S., öS 642,- / EUR 46,66). Die gebundene Ausgabe in drei Einzelbänden in der Übersetzung von Margaret Carroux kostet öS 358,- / EUR 26,01 pro Band. Brian Sibley: Der Herr der Ringe - das offizielle Filmbuch. Aus dem Englischen von Hans J. Schütz (Klett-Cotta). 120 S., öS 215,- / EUR 15, 62. Weitere Informationen unter www.hobbitpresse.de DAS ABC DES "HERRN DER RINGE" Sprechen Sie Quenya? Arwen Tochter +Elronds, schön wie der Abendstern, eine der wenigen Frauen in einem an Weiblichkeit nicht eben reichen Buch. Boromir Ein Mensch und großer Held. Mitglied der Gemeinschaft des Ringes. Hat gute Absichten, wird aber vom Ring korrumpiert. Celeborn Einer der letzten Hoch+elben, Ehemann von +Galadriel, Herrscher von Lothlorien, dem Herz des Elbentums auf Erden. Dunadan Elbischer Name von Aragorn, einem Landstreicher und Nachkommen der alten Könige von Gondor. Mitglied der Gemeinschaft des Ringes. Künftiger Ehemann von +Arwen. Elben Die ältesten unsterblichen Bewohner von Mittelerde. Entfernte Verwandte der Menschen. Verachten +Zwerge. Überaus arrogant. Ihre Sprachen sind +Quenya und Sindarin. Frodo Ringträger und Hauptfigur. Ein +Hobbit, der sich ohne eigenes Zutun im Mittelpunkt des Ringkrieges findet. Gandalf Ein Magier. Zentralfigur des Romans, eine der komplexesten Gestalten, abwechselnd großväterlich und furchterregend. Galadriel Gemahlin von +Celeborn, Herrscherin von Lothlorien, Gegenspielerin von +Sauron. Hobbits Halblinge zwischen Menschen und Zwergen. Friedliche Pfeifenraucher, leben im idyllischen Auenland und sind an Politik nicht interessiert. "Der Herr der Ringe" ist eine Art Fortsetzung von Tolkiens 1937 erschienener Erzählung "The Hobbit" Isengart Festung von Saruman, des Vorsitzenden der Zauberer, Sammel- und Züchtungsplatz der +Uruk Hai. J.R.R. Abkürzung für die Vornamen des Autors: John Ronald Reuel. Kankra Name (nur in der deutschen Übersetzung) einer uralten Spinne, die einen geheimen Übergang nach +Mordor bewacht. Legolas Ein +Elb, Begleiter +Frodos, Mitglied der Gemeinschaft des Rings Mordor Das Land des Bösen, in dem +Sauron herrscht. Merry Ein +Hobbit und Gefährte +Frodos, Mitglied der Gemeinschaft des Rings Nazgul Die neun Ringgeister. Einstmals Menschen, sind sie heute +Saurons gefährlichste Kreaturen. Ständig auf der Suche nach dem +Ring der Macht, den +Frodo trägt. Orks Waren einst +Elben, wurden von +Sauron zu bösartigen Kreaturen der Nacht herabgezüchtet. Pippin Ein +Hobbit und Gefährte von +Frodo. Nicht zuverlässig, aber mutig und guten Willens. Quenya und Sindarin. Die beiden Sprachen der +Elben Ring der Macht In ihm verschloss +Sauron einst einen Teil seiner Kraft. Der Ring ist unzerstörbar und böse. Sein Besitzer könnte Mittelerde beherrschen. Nur ein völlig ambitionsloses Wesen wie +Frodo kann ihn tragen, ohne ihm zu verfallen. Und auch das nur für eine Weile. Sam Ein +Hobbit, +Frodos persönlicher Diener und treuester Freund, Mitglied der Gemeinschaft des Ringes. Sauron Der Herrscher von +Mordor, das verkörperte Böse. Tritt im Buch niemals auf. Tolkien Name, der sich, nicht unpassend, vom germanischen "tollkühn" herleitet. Uruk Hai Von Saruman in +Isengart durch Kreuzung mit Menschen gezüchtete +Ork-Rasse. Besonders aggressiv, widerstandsfähig gegen Tageslicht. Valar Die Mächte, welche die Welt schufen. Walda König des Reitervolks von Rohan in der Vorzeit. Yrch +Quenya-Wort für +Orks. Zwerge Unterirdisches Volk, neigt zu Isolationismus und schlechter Laune, hasst +Elben, ist aber ein zuverlässiger Aliierter. |
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Dezember 2001 © FALTER
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