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Halleluja! Halleluja!
KIRCHE Seit dreißig Jahren ist er Gottes bester Anchorman auf Erden. Seit Jahrzehnten bringt der Vorarlberger Kaplan August Paterno auch das Kunststück fertig, höchst profan mit Engelszungen allüberall zu predigen. WOLFGANG PATERNO (E-Mail: wienzeit@falter.at)


Falter 51 Originaltext aus Falter 51/01 vom 19.12.2001

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Die Worte des Herrn werden via Fax in die Welt gesandt, üblicherweise weit nach Mitternacht. Wenn seine Brüder und Schwestern um ihn herum schon längst ihren Schlaf der Gerechten schlafen, sitzt August Paterno unter einem kalt flimmernden Neonlicht, Wien 18, Anton-Frank-Gasse, und macht sich so seine Gedanken über Gott und die Welt. Paterno wippt in seinem Bürosessel vor und zurück, fasst sich gedankenverloren an den kahlen Oberkopf, streicht sich über den verwegen verwuschelten Haarkranz, keucht und ächzt, in der Brust schmerzen die kranken Bronchien. Kommt die Eingebung partout nicht daher, springt er auf und schusselt durchs Arbeitszimmer.
Dann plumpst der Kaplan zurück in den Ledersitz, greift beherzt in die Tasten der monströs großen elektrischen Schreibmaschine. Ruhig ist es rundherum, nur Paterno klopft und hämmert in der Stille der Nacht eines seiner ungezählten Breviere fürs Frommsein und fürs Gottesfürchten aufs Papier. Die Wege des Herrn sind unergründlich: August Paterno steckt die Zettel mit den großen Fragen wie "Was bedeutet uns der Tod?" oder "Wo liegt die Wahrheit?" und den vierspaltigen, in äußerster Knappheit formulierten Antworten in ein altertümliches Faxgerät, klobig wie ein Röhrenfernseher. Wird die frohe Botschaft ankommen? Beten hilft.
Die kurzen Kommentare des Vorarlbergers August Paterno werden seit 1983 in die Welt gesandt. Tickerten früher im Morgengrauen die Faxgeräte in den diversen Redaktionen des Landes, so warten heute nur noch die Neue Vorarlberger Tageszeitung, der Kurier und das Liechtensteiner Volksblatt auf die (h)eiligen Depeschen. Paterno, abgekämpfter Gottesmann, geht zu Bett, spricht noch, je nachdem, was der Tag brachte, ein "Dank sei Gott" oder ein "Gott sei Dank", legt sich nieder. Derweil die Worte des Herrn Kaplan August Paterno am nächsten Tag in der Zeitung zu finden sind. Halleluja!
"Im Advent gehts wild zu", stöhnt Paterno am nächsten Morgen. Die Schreibarbeit - auf der ORF-Teletextseite 728 ist bereits das aktuelle "Einfach zum Nachdenken" zu lesen, Paternos knapp gefasste Streitschrift für mehr Liebe in der Welt - ist für diese Woche erledigt. Seit 33 Jahren richtet Paterno zudem jeden Sonntag, 9.55 Uhr, auf Radio Vorarlberg drei Minuten lang sein "Wort an die Kranken". Auch diese Arbeit ist getan. Jetzt warten innerstädtische Punschstände, wo karitativ gesüffelt wird. Der Gottesmann wird bei Ordensverleihungen, bei Weihnachtsfeiern, bei Benefizveranstaltungen und - es wäre kein Weihnachten, würde Paterno dort nicht seit 1993 Charme versprühen und vor Vergnügen brummen - bei der ORF-Spendenaktion "Licht ins Dunkel" erwartet. Dazu kommt noch heftiges Händeschütteln, aufmunterndes Schulterklopfen und vergnügtes Plaudern bei den vielen Zufallsbegegnungen auf offener Straße, wenn Paterno alsbaldig von der einen zur nächsten Veranstaltung eilt. Wenn er mit einem "Grüß Gott, Herr Kaplan" oder gleich unter seiner Berufsbezeichnung "Pater Paterno" angesprochen wird, quietscht er geradezu vor Vergnügen und freut sich ? hier passt das Wort: - aus tiefstem Herzen. "Mei, liab", sagt er dann zwischen Tür und Angel, "brav, brav", ein väterliches Nicken mit dem Kopf zeigt Zustimmung an, auf windiger Straße wird warmherzig Trost und Rat gespendet, der siebente Himmel ist für einen wie Paterno so unerreichbar nicht: "Man muss jo nicht alles ganz so wichtig nehmen."
War Paterno, 1935 in Dornbirn geboren, nach den Zwischenstationen Gerichtsschreiber und Buchhalter als Spätberufener 1966 zum Priester geweiht, früher nahezu allgegenwärtig, verkündete er seit 1971 im Fernsehen in Sendereihen wie "Christ in der Zeit", "Paternos Nachtschicht" oder "Fragen des Christen" ausufernd seine Frohbotschaft, betreute er im Radio die Sendungen "Morgenbetrachtung" oder "Ökumenische Morgenfeier", kurz: War Paterno einst die Stimme des Herrn, so beschränkt er sich heute auf die heilsmäßigen Zwischentöne. Im Auftrag des Herrn ist er nach wie vor unterwegs, nur der Jubel und Trubel darüber ist weniger geworden. Der jüngst erfolgte Promi-Auftritt in der "Millionenshow", früher sein täglich Brot, war da fast schon eine Ausnahme.
"Als Kind schon hatte ich keine Scheu, ich bin halt zu jedem hin und hab gredt. Mit dem Jesus hab ich mich als Kind schon so unterhalten, als ob er mein Bruder wäre", erinnert sich Paterno, "bis heute unterhalte ich mich so mit ihm." So wurde aus dem kleinen unerschrockenen Guschtl mit den von Geburt an kranken Bronchien in der Brust, beseelt vom Wunsch, das Lateinische zu lernen und seit dem 13. Lebensjahr noch mehr vom Wunsch erfüllt, Priester zu werden, der unerschrockene August "Semper et ubique" Paterno.
Der Zweck hat immer die Mittel geheiligt: Paterno zieht sich Gummistiefel über und segnet Rösser. Paterno tritt gemeinsam mit explosiven Wasserstoffblondinen 1993 im "Maxim" auf, lukriert für "Nachbar in Not" Geldmittel. Paterno mit mildem Kirchgangslächeln allein unter glutäugigen Bikinischönen, Paterno als Jeans-Modell, der fromme Hirte als Lenker heißer Motorräder. Paterno in der TV-Show "Gut gebrüllt, Löwe", mit verwitterten Lemuren des österreichischen Showbiz Tiere ratend. 1990 erscheint der Disco-Heuler "Das tut doch weh" von "Kaplan Paterno und den Ministranten", in zahlreichen Büchern hat er inzwischen sein weltliches und geistiges Tun niedergeschrieben, in gut zwei Dutzend Fernsehfilmen hat er ohne weihevolles Pathos und ohne salbungsvolle Reden aus Israel oder Costa Rica berichtet.
Von den Kirchenoberen wurde er für seine Auftritte im Scheinwerferlicht noch nie offiziell gerüffelt. Von Kritikern und bestallten Glaubensschützern wurde damals aber in unregelmäßigen Abständen geargwöhnt, dass Paterno als eine Art Halleluja-Lugner mit Glorienschein eine "paternoide Seitenblicke-Theologie" verbreite, andere wiederum mäkelten, dass Paterno wie "Schnittlauch auf jeder Suppe" herumschwimme.
Als eine Art Antwort darauf können die von Paterno verfassten Kochbücher - "Himmlische Genüsse" und "Fastenspeisen der Pfarrersköchinnen" - gelten. Oder, ebenfalls aus dem Ernährungsbereich, eine Passage aus dem 1994 erschienenen Band "Aus Tag und Traum": "Ansonsten bin ich aber überhaupt nicht nachtragend, ich bin da wie ein guter Sekt - ich schäume kurz auf, bin aber im Nu beruhigt, und schnell ist vergessen, dass ich ein Schaumwein bin."
Paterno ist in seinen Begegnungen nicht von missionarischem Eifer angetrieben, nie vom heiligen Zorn gepackt, immer der gute Hirte, der, so scheint es, für jeden ein treffendes Wort findet. Selten genug fällt dabei ein Wort zur Sache: "Ich bin ein Verfechter des Zölibats, weil ich glaube, diese Aufgabe ist eine sinnvolle Aufgabe; aber ich würde bis an mein Lebensende kämpfen für andere, die anders leben wollen", sagt der Vorarlberger, der nur sehr kurzweilig kirchenpolitische und dogmatische Prediger, unprätentiös.
Gralshüter wie den St. Pöltener Diözesanbischof Kurt Krenn, der mit der Zuchtrute seine Glaubensgrundsätze verbreitet, hängt Paterno nicht nur in der Verkaufsstatistik eines Internetbuchhändlers ab (40.468 Ränge vor Krenn), sondern auch in der Gunst der Gläubigen. Dort das strenge Regime auf Erden, da Paterno, der in einem fort kichert, kudert, kalauert, singt und trällert. Kein Satz, der nicht in einer Anekdote, einer Schnurre, einer angesichts der gestrengen Verkünder der Wahrheit und des Lichts wohtuenden Relativität ausläuft. Kein gefrömmeltes Wort, Paterno bereitet es keine Schwierigkeiten, auch über Stunden den Herrgott einfach Herrgott sein zu lassen.
In einem vom Vorarlberger Dialekt durchwachsenen Deutsch, unterlegt von starkem Schnauben, sagt er dann, dass "nach dem alten Axiom aus der lateinischen Logik aus Gleichem nur Gleiches entstehen kann". Nachsatz: "Nur Maria Empfängnis durchbricht dieses Gesetz." Gekicher und heiliger Unernst.
Es ist angenehm, mit Paterno die Abende zu verhocken. Bis zu jenem Augenblick, wenn der Kaplan die gar nicht bescheidene Uhr ans Handgelenk schüttelt und zutiefst ernst ausruft: "Mein Gott, ich muss jetzt gehen." Irgendwie stammen die Erzählungen und Episoden, die er aneinander gefädelt zum Besten gibt, nach einiger Zeit ununterscheidbar aus einmal Gehörtem, Gesehenem, Gelesenem. Da ist die Geschichte von der Wahrheit und der Lüge, eine "wunderbar alte jüdische Geschichte", wie Paterno sagt: Wahrheit und Lüge gehen an einem heißen Sommertag spazieren. Der Wahrheit ist es dabei warm geworden, schnell die Kleider ausgezogen und hinein ins Wasser. "Die Lüge aber", erzählt Paterno, "gar nicht dumm, hat der Wahrheit die Klamotten geklaut. Seit damals rennt die Lüge im Kleide der Wahrheit herum, und die Wahrheit ist nackt." Es klingelt von irgendwoher ein Telefon. Paterno fängt an mitzusingen: "Kein Schwein ruft mich an, keine Ahhmmm wählt meine Nummer."
Mindestens 1000 Witze kennt der Priester, noch heute erinnert er sich, wie er als Kind, als es wegen der kaputten Brust wieder einmal ans Sterben ging, die Verwandten schockierte: Der Bub kommt zur Mutter, fragt, kann denn der Papa in der Luft schweben? Nein, sagt die Mutter, niemals. "Dann hat er sich am Dachboden aufghängt", steigert Paterno die Dramatik. Mutter mit Sohn also hinauf unters Dach. Kein erhängter Vater. "April, April, ruft dann der Sohn", erzählt Paterno heute noch mit frechem Blick wie anno dazumal, "er hängt im Keller." Mein Gott, jetzt ist es aber Zeit." Ruhiger ist es um den so genannten "TV-Kaplan" geworden. August Paterno hat weniger in Funk und Fernsehen zu tun, nach wie vor tanzt er aber als Geistlicher sprichwörtlich auf allen Hochzeiten, seine Liste für zukünftige Totenmessen (viele wollen von Paterno begraben werden) ist lang. In der kleinen Ortschaft Pulkau im Niederösterreichischen, 70 Kilometer nördlich von Wien - 1000 Einwohner, sechs Chöre, zwei Kirchenhäuser und ein Pfarrer mit alttestamentarischem Namen - ist Paterno seit einiger Zeit Vorsitzender eines Kreises, der in einem renovierten, 300 Jahre alten Haus eine "Universität der Gastfreundschaft" etablieren will.
Hier versammelt der Priester Studenten, organisiert Weihnachtsfeiern, telefoniert, schreibt Rechnungen, trällert dann wieder ohne ersichtlichen Grund "17 Jahr, blondes Haar" oder predigt in der Großküche höchst profan mit Engelszungen. "He, he, es ist viel los, hihi, gut so, brav", meint Paterno noch, dann ist der eilige Kaplan auch schon wieder unterwegs. Noch zwei, drei Abstecher, dann geht im Dunkel der Nacht wieder die kalt flimmernde Neonröhre an. Wir müssen uns nicht fürchten, ganz dunkel wird es nie. Darauf schaut der gute Hirte. Halleluja.

PATERNOS WELT
Vom Buch bis zur Predigt


Laut dem Verzeichnis lieferbarer Bücher sind derzeit nur zwei Paterno-Werke lieferbar:
Geschenk Leben. Die zentralen Stationen des Daseins. Geburt und Taufe. Band 1. Verlag Österreich. 200 S., öS 285,-/EUR 20,35 Himmlische Genüsse. Gaumenfreuden für christliche Feste. Orac. 192 S., öS 295,-/EUR 20,50
In der Johannes-Nepomuk-Kapelle vis-à-vis der Volksoper, 9., Währinger Gürtel 115, feiert Paterno (unregelmäßig) Gottesdienst. Fr und Sa um 18.30, So um 10.30 Uhr.
Hier geht die Sonne auf! Der Besucher von Paternos Homepage wird mit einem Sonnenbild willkommen geheißen. Der "Terminkalender" ist rudimentär, dafür kann man etwas über des Kaplans "liebste Weis" erfahren: www.kaplan-august-paterno.at, E-Mail: august.paterno@utanet.at

Der Pulkauer Kreis ist Paternos momentanes Herzensprojekt. Infos über die Geschichte, das Seminarangebot oder über Übernachtungsmöglichkeiten der "Universität der Gastfreundschaft" unter der Anschrift Pfarrhof Pulkau, 3741 Pulkau, www.pulkauer-kreis.at, E-Mail: pulkauer kreis@utanet.at


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Dezember 2001 © FALTER
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