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"Mehr Zivilcourage, bitte!"
GESPRÄCH Die erste Frau an der größten Medienorgel des Landes zieht in spannenden Zeiten die Register: ein neues ORF-Gesetz, eine schwierige Wirtschaftslage, eine seiltänzerische Regierungskoalition. Bleibt die Frage: Wer ist Monika Lindner? ARMIN THURNHER

Falter 8 Originaltext aus Falter 8/02 vom 20.02.2002

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Monika Lindner wurde im Dezember mit den Stimmen der FPÖ- und ÖVP-nahen Stiftungsräte zur ersten Generaldirektorin des ORF gewählt. Die bisherige Intendantin des ORF-Landesstudios Niederösterreich schlug anschließend mit taktischem Geschick eine Führungsriege vor, mit der die Regierungskoalition, aber auch die SPÖ nicht unzufrieden waren. Der Falter sprach mit der 1944 in Innsbruck geborenen promovierten Theaterwissenschaftlerin nicht über Personalfragen, sondern über ihren politischen Hintergrund und ihre Auffassung des Jobs.

Falter: Frau Lindner, was ist für Sie "öffentlich-rechtlich"?

Lindner: Ich denke, Sie werden darauf verzichten, dass ich Ihnen das ORF-Gesetz herunterbete. Für mich ist wichtig, die Interessen dieses Landes zu vertreten und dieses Land in unserem Programm widerzuspiegeln; sprich sowohl in Radio als auch Fernsehen das wirtschaftliche, das kulturelle, politische Leben dieses Landes darzustellen. Und zwar ausgewogen, wie es im Gesetz steht.

Falter: Das klingt wie ein patriotischer Auftrag.

Allein schon die Bezeichnung Österreichischer Rundfunk ist ein Auftrag. Das war vielleicht zu Zeiten des Monopols und zu Zeiten, als es überhaupt noch keine Konkurrenz gegeben hat, noch nicht so wichtig.

Falter: Bedingt "öffentlich-rechtlich" nicht eine Gegenposition zum Markt?

Sich willentlich gegen den Markt zu stellen, halte ich für Harakiri. Das hieße, sich Chancen zu nehmen und sich schön langsam ins Out zu begeben. Das habe ich nun wirklich nicht vor.

Falter: Als der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrats davon geredet hat, den ORF in eine AG zu verwandeln, ist der Betriebsrat Fiedler (ÖVP) aufgestanden und hat gesagt, Shareholder-Values widersprechen "der Idee des Öffentlich-Rechtlichen".

Na klar. Wir sind ja nicht dazu da, Geld für andere zu verdienen, wir sind dafür da, um Geld für den ORF zu verdienen. Ein BBC-Angehöriger hat den Unterschied wunderbar definiert: "They need program to make money and we need money to make program."

Falter: Die Gesetzesreform wurde nicht zuletzt vom Weisenrat damit begründet, dass Qualität vom Druck des Marktes bedroht ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Druck des Marktes sich gegen Qualität richtet. Sie können in einem Markt nicht Dinge positionieren, die keine Qualität haben.

Falter: Wenn ich an RTL denke, das sich anfangs mit der "Tutti-Frutti-Show"positioniert hat …

"Tutti-Frutti" ist ja im Moment kein wirkliches Konkurrenzprogramm. Mittlerweile macht RTL das auch nicht mehr. Grundsätzlich: Ohne Qualität kann man sich nirgends durchsetzen. Auch nicht am Programmmarkt. Und wenn man den Begriff der Qualität genauer definiert was soll sein? Sie meinen das so genannte anspruchsvolle Programm, nicht? Das ist aber auch ein weiter Begriff, wie sich herausgestellt hat. Ich bin überzeugt davon, dass ein Großteil der österreichischen Bevölkerung ziemlich sauer reagieren würde, wenn man ihm sagt, dass der Musikantenstadl kein Qualitätsprogramm ist. Dass "anspruchsvoll" ein sehr breiter Begriff ist, ist für uns nicht so schlecht, weil wir dadurch auch mehr Möglichkeiten haben.

Falter: "Öffentlich-rechtlich"hat ja immer auch etwas Pädagogisches. Ein Gegenbegriff wären Format-Radio oder Format-Fernsehen. Motto: "Ich such' mir eine Zielgruppe und mache nur, was die Hörer und Seher wollen, ohne irgendwelche Einschränkungen, Ansprüche und Bedenken."

"Öffentlich-Rechtlich" ist in der letzten Zeit von unseren Konkurrenten ein bisschen vernadert worden. Die haben gefragt: "Na was wird sie denn jetzt machen, öffentlich-rechtliches Beamtenfernsehen?" Das hätten sie gern. Aber das wirds nicht spielen.

Falter: Im Kampf um Marktanteile ist man im Nachteil, wenn man gewisse Dinge nicht tun kann wurde zumindest bisher immer gesagt. Zum Beispiel Product Placement.

Es ist nicht so, dass das Gesetz das vollkommen ausschließt. Es ist ja immer noch einiges möglich. Es kann ja nicht so interpretiere ich das jetzt einmal im Sinne des Gesetzgebers gewesen sein, dem ORF die Grundlagen zu entziehen, und ich kann mich auch nicht erinnern, dass sich irgendwer in den gesetzgebenden Körperschaften dafür ausgesprochen hätte, dass wir dafür die Gebühren erhöhen. Da würden sich die Gebührenzahler schön bedanken.

Falter: Halten Sie die von Gerhard Weis in die Öffentlichkeit geworfenen apokalyptischen Zahlen von einer Milliarde weniger Einnahmen durch das neue Gesetz für realistisch?

Dass es weniger Einnahmen gibt, davon ist auszugehen. Das Verbot der Radioring-Werbung trifft uns wirklich hart, das muss ich schon sagen. Das sind 150 Millionen weniger das ist so.

Falter: Jedenfalls werden die Summen nicht unbeträchtlich sein.

Es ist zu befürchten. Wir müssen damit rechnen, dass sie nicht unbeträchtlich sind.

Falter: Kann man die Verluste durch die Medieneinschaltungen beziffern?

Da müsste ich den Kaufmännischen Direktor fragen. Das habe ich nicht im Kopf.

Falter: Ist es Ihnen leid um die vielen schönen News- und TV-Media- Spots?

Was wollen Sie von mir hören? So artig und so aufmerksam habe ich das nicht verfolgt.

Falter: Da musste man nicht besonders aufmerksam sein - dem konnte man ja nicht entgehen.

Na ja Sie haben da eine etwas andere Betrachtungsweise als der unvoreingenommene Zuschauer.

Falter: Ich frage natürlich nach dem, was ich einmal das "goldene Dreieck" genannt habe und Gerd Bacher nun das "Bermuda-Dreieck" zwischen "Kronen-Zeitung", "News" und ORF nennt. Wie stehen sie zu diesem Dreieck?

Ich weiß, dass es das gibt, und ich weiß, dass man sich dort leicht verfliegen kann und versinken und verschwinden. Das würde ich ungern.

Falter: Im "Bermuda-Dreieck" verschwinden heißt für eine Generaldirektorin, nicht vorzukommen in diesen Medien.

Ich meine nicht mich persönlich, ich meine natürlich das Unternehmen. Also ich halte das "Bermuda-Dreieck" für nicht ungefährlich.

Falter: Momentan werden Sie dort recht freundlich aufgenommen, solange sie keine unfreundlichen Akte gesetzt haben. Wird es diese Kooperationen à la "Krone der Volksmusik" weiter geben?

Die "Krone der Volksmusik" ist ja nichts Böses. Wir würden viele Zuschauer bitter enttäuschen, wenn wir solche Dinge nicht mehr machen würden. Ansonsten regelt diese Dinge zum Teil das Gesetz, und zum anderen bin ich der Meinung, dass wir danach trachten müssen, alle gleich zu behandeln. Das ist mein Ziel.

Falter: Bezieht sich das auch auf eine gewisse quotenmäßige Bevorzugung von Journalisten?

Was meinen Sie konkret?

Falter: Ich meine zum Beispiel die Fragesteller in der Pressestunde ...

Genauso meine ich das. Beim entsprechenden Thema ist ein Repräsentant des Falter genauso einzuladen wie einer der Krone oder von einer Bundesländer-Zeitung.

Falter: Unabhängig von der Reichweite?

Es ist ja nicht einer umso gescheiter, je mehr Leser er hat. Es kann einer wie Ihr Beispiel zeigt mit weniger Lesern auch sehr gescheit sein.

Falter: Dankeschön.

Bitteschön.

Falter: Braucht eine Generaldirektorin ein Printmedium, das ihr Flankenschutz gibt oder sie freundlich publizistisch begleitet?

Würden Sie mir Flankenschutz geben?

Falter: Da würden Sie wenig Freude haben.

Die habe ich schon die ganze Zeit.

Falter: TV-Media zum Beispiel braucht man sowas? Oder News?

Natürlich ist eine Programmzeitschrift, die unter anderem das Programm des ORF behandelt, für uns gut.

Falter: Bisher hatte man den Eindruck, dass es eine Medialpartnerschaft gibt.

Über die Partnerschaften der Vergangenheit will und kann ich nichts sagen. Erstens will ich das nicht bewerten und zweitens kenne ich mich zuwenig aus. Aber bewusst Nachrichten zurückzuhalten oder anderen vorzuenthalten, davon halte ich nichts.

Falter: Sie sind ja mit einer Ausnahme gewählt worden von Vertreterinnen und Vertretern von drei Parteien. Das waren zwar keine richtigen Parteienvertreter mehr, sondern nur mehr Bekannte oder Freunde, aber es war ein eindeutiges Votum. Warum?

Das fragen Sie mich? Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass man mich gewählt hat, weil diese Stiftungsräte der Meinung waren, dass ihnen das lieber ist.

Falter: Politische Gründe schließen Sie aus?

Ich bin, und das sage ich wirklich mit reinem Herzen, eine unabhängige Kandidatin. Ich gehöre keinem. Ich gehöre weder einer Seilschaft an, noch bin ich die TV-Assistentin von Erwin Pröll, wie Sie mich genannt haben. Dass es in den Ländern viele Kontakte mit den Politikern gibt, ist klar. Kraft Geschlecht kann ich weder dem CV noch der Freimaurerei und auch nicht den Rotariern angehören, also tu ich es auch nicht. Ich bin beim Tennisclub gewesen und das wars. Ich habe keine Seilschaften. Ich bin bei keiner Partei und ich bin auch niemandem verpflichtet. Dass ich ein bürgerliches Subjekt bin, das habe ich nie bestritten.

Falter: Wie hat Sie Ihre Herkunft politisch geprägt?

Gar nicht. Ich komme aus einer Familie, die von den Ereignissen vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg so geschockt war, dass zu Hause über Politik überhaupt nicht gesprochen wurde.

Falter: Inwiefern geschockt. War das ein katholisches Milieu?

Nein. Sehr liberales Milieu. Liberales bürgerliches Milieu. Jedes politische Interesse ist sofort im Keim erstickt worden. Es war Dogma, sich von der Politik fernzuhalten.

Falter: Wo hat Ihre Karriere begonnen, politisch zu werden?

Ich habe im Jahr 1965 in Köln studiert. Dort hat das Erwachen aus der Naivität begonnen, dort hat sich im Zuge der Vor-68er-Zeit allerhand abgespielt. Da habe ich Freundinnen gehabt, Kommilitoninnen, die sehr politisch waren. Die waren natürlich sehr links. Da war ich voll des Staunens. Aha, das gibts auch. Zumindest beginnt man dann, sich ernsthaft Gedanken zu machen. Die politische Erziehung, das Bewusstsein für politische Erziehung und Politik war in meiner Generation in den Schulen unterentwickelt bis nicht vorhanden.

Falter: Waren Sie damals auch so links wie Ihre Freundinnen?

Nein, ich war überrascht.

Falter: Ihre Entwicklung wird ja nicht linear verlaufen sein?

Jeder täte sich nun wahrscheinlich leichter, der sagt "Ja, und dann bin ich eingetreten, bei den Pfadfindern oder den Roten Falken oder sonst irgendwo". Das habe ich nicht getan. Ich bin immer ein bisschen am Rand gestanden. Nach dem Studium habe ich begonnen, bei Hellmut Andics zu arbeiten, der mich nicht politisch beeinflusst hat. Der hat mir das Geschäft beigebracht. Wofür ich ihm ewig dankbar sein werde. Dann kam ich zu den "Querschnitten", dem innenpolitischen Magazin, das damals Alfred Payrleitner geleitet hat. Ich wäre auch gern zu Claus Gatterer gegangen, aber der hat niemanden gebraucht. Also habe ich mir meinen Weg ganz allein gesucht.

Falter: Bacher?

Schauen Sie, Bacher ist natürlich im ORF und für uns alle, die wir ihn noch aus unmittelbarer Nähe erlebt haben, eine Ikone. Politisch hat uns das sicher imponiert, einer, der sich immer als "heimatloser Rechter" bezeichnet hat. Und auch nicht wirklich einordenbar war zumindest nicht immer.

Falter: Aber prägend war er nicht.

Ich glaube, er war für uns alle prägend, was die Beziehung, die Liebe und die Leidenschaft zum Unternehmen ORF anlangt. Das klingt ein bisschen pathetisch, aber es ist so. Sein Führungsstil hat mich eher nicht geprägt. Ich möchte nicht, dass man sich vor mir so fürchtet, wie ich mich seinerzeit vor Bacher gefürchtet habe.

Falter: Aber Sie haben ja auch den Ruf, ein Rauhbein zu sein und hantig.

Na ja, das sind diese Tartaren-Gerüchte, die darin ihren Ursprung haben, dass ich eine schlechte Eigenschaft habe Ungeduld und Impulsivität. Und den Hang zur direkten Aussage. Aber zum Fürchten war das noch nie.

Falter: Es werden sich trotzdem welche fürchten. Ist Ihnen das dann unangenehm?

Mein Gott, ich habe gelernt, damit zu leben. Es ist ja schon eine ganze Weile so.

Falter: Die Menge teilt sich vor Ihnen mit Angst und Schrecken und Sie wandeln gleichmütig mitten durch.

(lacht) Na ja. Ich glaube nicht, dass die sich mit Angst und Schrecken teilt, denn mittlerweile bekomme ich aus manchen Redaktionen, wo sie vorher gesagt haben "Gott sei dank, jetzt ist sie weg" zu Weihnachten Briefe, wo drin steht: "Wir haben uns nicht gedacht, dass Sie uns einmal so fehlen werden." Also so schlimm kann es nicht gewesen sein.

Falter: Wie Sie sich selber als politischen Mensch definiert haben, klingt eher liberal als ...

Ich würde sagen bürgerlich-liberal.

Falter: Und das christliche Element?

Chrischtlich, wie es die Tiroler sagen.

Falter: Christlich-liberal?

Wohl, würde ich sagen.

Falter: Sie haben sich sehr geärgert über einen Artikel, der in der Kleinen Zeitung über Ihren Wohnort Gutenstein erschienen ist. Warum?

Also zum einen habe ich nicht Recht gehabt, weil ich behauptet habe, dass der Journalist nicht eingeladen war. Da habe ich mich schon entschuldigt. Da war ich sicher ein bisschen ungerecht, wie ich es manchmal leider Gottes bin. Ich bin aber dann immer einsichtig, unter dem Motto: "Ich habe Strafe verdient und erbitte auch eine solche." Nur was die Leute nicht verdient haben, die dort waren, war die nicht besonders liebenswürdige Berichterstattung. Über mich kann sich einer lustig machen. Aber die Leute aus dem ganzen Piestingtal sind offen und freuen sich über meine Wahl zur Generaldirektorin und haben dort einen Empfang für mich gemacht. Sich über die lustig zu machen, habe ich nicht fair gefunden.

Falter: Ist das Ihr Umfeld? Hat man Monika Lindner hinlänglich verstanden, wenn man Gutenstein verstanden hat? Das heißt E.-W. Marboe und Raimund-Festspiele, Ihren Nachfolger Norbert Gollinger und ein paar schwarze Bürgermeister und Blasmusik dazu?

Nicht nur Schwarze, auch Rote! Die Bürgermeisterin von Pernitz wird sich schön bedanken, wenn Sie sagen "lauter Schwarze"! Aber Gutenstein ist meine zweite Heimat. Ich komme aus Tirol. Der Tiroler an sich neigt dazu, Wurzeln schlagen zu wollen, und während des Studiums ist mir das nicht gelungen. Nur habe ich mir gesagt, ich möchte halt irgendwo hin. Dorthin, wo ein bisschen ein Berg ist, und wenn man in Gutenstein vom Piestingtal ins Klostertal um die Ecke fährt, dann steht der Schneeberg vor einem. Der ist immerhin 2200 m hoch und das ist dann schon ein Berg. Dort fühle ich mich ganz wohl und bis zu einem gewissen Grad ja verwurzelt und ich bin von den Leuten sehr liebenswürdig aufgenommen worden. Auch weil ich aus Tirol weiß, wie man sich in einer fremden Umgebung zu benehmen hat. Ich habe mich immer bescheiden verhalten und die Leute ernst genommen. So ist es irgendwie gelungen. Ich will überhaupt nicht bestreiten, dass es auch damit zu tun hat, dass ich dann nachher Landesintendantin geworden bin.

Falter: Aber zur Erklärung von Ihnen als politische Persönlichkeit trägt es wenig bei.

Trägt es nicht bei. Nein.

Falter: Und auch das schöne Waidwerk ...

Gar nichts. Es war aber auch nicht, wie mir immer wieder untergejubelt wird, eine strategische Handlung in Richtung Niederösterreich. Jeder, der den Erwin Pröll kennt, weiß, dass er mit den Jägern nichts am Hut hat.

Falter: Es gibt andere einflussreiche Jägermeister in Österreich.

Ja, aber der Pröll hat sich da noch nie etwas sagen lassen. Und außerdem habe ich meinen Landes-Jägermeister Christian Konrad damals gar nicht gekannt.

Falter: Wie wichtig ist Ihnen Meinungsfreiheit?

Meinungsfreiheit ist die Grundlage unserer Gesellschaft. Wenn wir nicht mehr sagen dürfen, was wir uns denken, können wir zusperren.

Falter: Ich frage natürlich aus dem aktuellem Anlass. Sie haben jetzt kraft Gesetz ein Weisungsrecht.

Ich weiß schon.

Falter: Jetzt befürchten wahrscheinlich viele Redakteure im Haus, dass Sie in gewissen Fällen davon Gebrauch machen werden. Werden Sie das tun?

Das bin ich schon einmal gefragt worden. Die Frage hat gelautet: "Wie werden Sie mit dem Weisungsrecht umgehen?" und ich habe daraufhin gesagt "Vorsichtig". Für mich ist das Weisungsrecht eine große Belastung. Eine Verantwortung, der ich mich nicht entziehen werde können. Aber ich möchte es nur dann ausüben, wenn Gefahr im Verzug ist. Also dort, wo die Meinungsfreiheit nicht gesichert ist oder wo plötzlich wirklich irgendein Blödsinn passiert, den ich jetzt nicht näher definieren kann. Ich habe aber nicht vor, dieses Weisungsrecht unentwegt in Anspruch zu nehmen und über alle Hierarchien durchzuregieren, denn dann bräuchte ich keinen Informationsdirektor, keinen Programmdirektor und auch keinen Hörfunkdirektor. Die müssen sich ihrer eigenen Verantwortung schon auch bewusst sein.

Falter: Nehmen wir den Kommentar von Hanno Settele zum Fall Haider versus Verfassungsgerichtshof. Da haben Sie sich herausgelehnt und gesagt: "Das war ein Grenzfall." Sind Sie zu weit gegangen?

Ich habe das zu diesem Zeitpunkt einmal dem Informationsintendanten übergeben und bin davon ausgegangen, dass die vielen Instanzen, die es da gibt, schon auch etwas zu sagen haben. Dass die sich alle hurtig auf die Seite gelehnt haben, um das Ganze ins "Leo" gehen zu lassen, damit war ja acht Tage nach meiner Amtsübernahme nicht wirklich zu rechnen. Ich stehe aber zu dem, was ich da gesagt habe, aber ich habe es nicht als Weisung verstanden. Das war mein persönlicher Kommentar. Ich habe Settele gesagt: "Sie müssen aufpassen, weil durch die Körpersprache und Betonung und Ausdruck auch viel auf den Weg gebracht wird. Nicht nur mit dem trockenen, geschriebenen Wort."

Falter: Ich weiß, es gibt die Gesetzeslage, verstehe aber nicht ganz, wie ein Kommentar nicht Meinungskommentar sein kann.

Alles was ich jetzt sage, wird auf die Goldwaage gelegt und bedarfsweise gegen mich verwendet. Ich bin der Meinung das steht auch so im Gesetz dass eine Analyse ein Programmpunkt ist, der bei uns einfach stattzufinden hat, weil er kompliziertere Zusammenhänge deutlich macht. Natürlich würde ich persönlich sagen, dass solche Analysen sehr schwer von einem Meinungskommentar zu unterscheiden sind. Das ist immer sehr subjektiv und sehr persönlich. Man muss nicht immer ORF-Redakteure, man könnte auch andere Fachleute einladen.

Falter: Es gibt den Chilling-Effekt: Durch ständige Drohungen setzt bei Journalisten und bei Medien die Schere im Kopf ein. Was tun Sie, um dem entgegenzusteuern?

Erstens einmal bin ich nicht allein auf der Welt. Und bitte vergessen Sie nicht, es gibt nicht nur Journalisten in diesem Haus. Es gibt eine ganze Reihe Programmmacher, die genau denselben Schutz und genau dieselbe Aufmerksamkeit verdienen.

Falter: Was tut man gegen die Praxis, Diskussionen durch Nichterscheinen zu verhindern? Oder durch Verweigerung von Statements das Erscheinen einer Geschichte zu verhindern?

Das geht nicht. Dann sagen wir, dass wir um eine Stellungnahme ersucht haben, schriftlich, mündlich, auf allen Wegen, und keine bekommen haben. Oder wir haben jemanden eingeladen, und er ist nicht erschienen. Da stellt man, wie früher Elmar Oberhauser, einen leeren Sessel hin mit einem Namenszettel drauf. Durch Verweigerung etwas zu verhindern kann ja nicht sein.

Falter: Oberhauser hat sich damit und mit seinem Fragestil nicht beliebt gemacht.

Ich schätze ihn aber sehr.

Falter: Er ist auch nicht lange in der Politik geblieben. Er wurde weggelobt.

Wer weiß.

Falter: Andererseits sind im Sport in letzter Zeit ziemlich starke Festivals der Frau Vizekanzler eingetreten und lange Interviews mit Fußballpräsidenten aus dem Süden ...

Da geht es ihm so wie mir mit der Bezeichnung "TV-Assistentin". Die Frau Vizekanzler ist Sportministerin, also kann man ihm nicht verdenken, wenn er ihre Meinung zu bestimmten Dingen einholt. Abgesehen von allem anderen schätze ich ihn sehr. Ich glaube, er hatte eine Diskussionskultur, die viel mit Zivilcourage zu tun hat. Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht.

Falter: Vermissen Sie bei manchen die Zivilcourage?

Da will ich mich nicht festlegen.

Falter: Heißt das, Oberhauser wird nicht ewig Sportchef bleiben?

Ich glaube, dass er als Sportchef unverzichtbar ist, weil das Geschäft so hart geworden ist. Die Rechte-Frage, die Lobbies, wer da jetzt aller Geld verdienen will an der Leistung der anderen, das ist ja ein Wahnsinn. Da braucht man schon einen, der auch einen harten Weg geht.

Falter: A propos Zivilcourage: Ich kann mich erinnern, Josef Broukal hat einmal Kanzlerinterviews gemacht und ist danach in der Versenkung verschwunden, weil er zu freche Fragen gestellt hat.

Zivilcourage muss ja nicht frech sein. Ich kenne das jetzt nicht im Detail.

Falter: Es hat in einem Klima-Gespräch journalistisch gefragt und ward dann bei solchen Gelegenheiten nicht mehr gesehen.

Ich sehe ihn aber laufend.

Falter: Ja, als Moderator.

Also, Wehleidigkeiten sollten sich Politiker eigentlich nicht genehmigen. Ich kann mir das auch nicht genehmigen. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss das drin sein.

Falter: Johannes Fischer hat gesagt, dass der politische Druck nie so groß war wie in der Zeit vor der Wahl.

Das ist klar, weil da relativ lang ein Vakuum herrschte. Vor der Wahl und nach der Wahl bis zu dem Zeitpunkt, wo die Geschäftsführung gestanden ist, waren alle mit etwas anderem beschäftigt. In ein solches Vakuum versuchen dann natürlich immer Kräfte einzudringen und sich dort Platz zu schaffen. Das, denke ich, sollte vorbei sein.

Falter: Haben Sie mit Gerhard Weis nach Ihrer Wahl geredet?

Wir haben eine Übergabe gehabt, ja. In diesem Raum, unter vier Augen, in einer sehr angenehmen Atmosphäre.

Falter: Jetzt haben Sie keinen Kontakt mehr?

Im Moment nicht, aber das sagt nichts. Wir haben ja vorher auch keinen privaten Kontakt gepflogen.

Falter: Sie haben sich doch als seine Schülerin bezeichnet.

Ja natürlich. Aber das hat jetzt nichts mit privatem Kontakt zu tun; Schülerin insofern, als ich zehn Jahre für ihn gearbeitet habe.

Falter: Haben Sie Kontakt mit Gerd Bacher?

Ich habe im Vorfeld fallweise Kontakt mit ihm gehabt, ja.

Falter: Und jetzt?

Derzeit gibt es ja keinen Grund.

Falter: Sie sind von "News" in leicht schmeichlerischer Absicht als "Tigerin" apostrophiert worden.

Das hat mich sehr überrascht. Tiger-Lily!

Falter: Was assoziieren Sie dazu?

Erstens einmal, dass ich keinen Pelz trage.

Falter: Obwohl man angeblich wieder darf.

Dürfen tut man viel, man muss es ja nicht machen. Das hat nichts zu sagen. Da jetzt einen direkten Konnex zum Tiger Gerhard Bacher herzustellen, wäre aber zu schmeichelhaft.

Falter: Bacher hat über Sie gesagt: "Es werden sich noch manche täuschen, die meinen, dass sei eine brave Schwarze. Ist sie einmal bestellt, werden sie sich wundern."

Was soll ich dazu sagen?

Falter: Werden sie sich wundern?

Ich weiß nicht, ob sich jetzt jemand wundert. Ich weiß nur eines, viele Listen und viele Namen und so viele Schreckgespenster, die da so kolportiert wurden, sind ja nicht eingetreten.

Falter: Und werden auch nicht eintreten?

Ich wüsste nicht, was jetzt eintreten soll.

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Februar 2002 © FALTER
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