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| Out of Vienna |
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SPORT Landeier aufgepasst: Es wird langsam Frühling und die sportlichen Wiener zieht es raus aus der Stadt.
Die Outdoor-Welle ist im Anrollen. KLAUS STIMEDER DRAUSSEN SPORTELN: Kraxeln, paddeln, trekken |
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Und die Bibel hat doch recht: "Schmerz und Furcht sind gut für dich." So steht es geschrieben. Auf der Titelseite der jüngsten Ausgabe des amerikanischen Outside-Magazine, dem bekanntesten Fachmedium der Welt für jene Sportarten, die früher als extrem galten. Entstanden aus einer Kifferlaune einer Handvoll reiselustiger Alt-Hippies, gilt Outside noch nach 25 Jahren als unangefochtener Marktführer in Sachen "Outdoor", dem am stärksten boomenden Freizeitmarkt der Welt. Outdoor? Hieß das nicht früher mal "an der frischen Luft"? Oder einfach nur "draußen"? Heißt es immer noch, aber mit Pfadfinderromantik hat die neue "Zurück zur Natur"-Bewegung nichts gemeinsam; Die Outdoor-Freaks kommen weder aus dem erlauchten Kreis bürgerlicher Naturliebhaber noch aus dem Zirkel der Gemeindebau-Wochenendausflügler und schon gar nicht aus der zivilisationsgeschädigten Fundi-Öko-Bewegung. Es sind die ehemaligen Computerkids, die aus den vollklimatisierten Großraumbüros der neuen Wirtschaft ausbrechen und die Natur für sich (wieder-) entdecken. Der Mythos vom einsamen Aufstieg Marke "Der Berg und i" hat ausgedient, auch bei den Wienern. Angesagt sind dafür: Mountainbiken und Klettern auf der Hohen Wand, Bergwandern/-steigen für Fortgeschrittene auf Rax und Schneeberg, Wildwasserfahren auf Schwarza und Salza. Georg Zeglowitz ist das, was man früher einen Bergfex nannte und was heute Trekker heißt. Werktags entwirft der 26-Jährige Websites für eine Internetfirma. Doch schon sein Arbeitsplatz lässt auf Zeglowitz' Leidenschaft schließen. Den Bildschirmhintergrund seines Rechners ziert die Spitze eines Berges namens Cerrotorre, eine Erinnerung an den letzten Trekking-Urlaub in Patagonien. Begonnen hat alles vor zwei Jahren mit Bergwandern, aber das Spazieren in der Landschaft wurde dem Freizeit-Trekker mit der Zeit zu eintönig. "Wandern ist eine schöne Sache, aber die Herausforderung hat gefehlt", sagt er. Gemeinsam mit seiner Freundin, einer Sozialwissenschaftlerin, belegte Zeglowitz einen Kurs bei der Wiener Sektion des Gebirgsvereins, des größten Bergsteigerverbandes des Landes. Sieben Tage ließ sich das Paar in die Grundlagen der Seiltechnik, des Felsenkletterns und der richtigen Art, sich am Gletscher fortzubewegen, einweisen. "Eine Stunde am Berg bringt mehr Entspannung als drei Wochen Urlaub am Strand." Proportional zu den Höhenmetern stiegen allerdings auch die monetären Bedürfnisse. "Mit der Zeit entwickelt man einen gewissen Materialfetischismus", erzählt Zeglowitz. "Zuerst kauft man nur das Nötigste: Rucksäcke, Schuhe, Kleidung. Aber dann willst du immer mehr, eine ordentliche Kamera, bessere Seile und so weiter." Weil Geld für die Wiener Version der Dinks (Double Income no kids) aber kein echtes Problem darstellt, geht sich noch immer der eine oder andere ausgedehntere Trip aus. Mittlerweile organisiert Zeglowitz sogar Touren für den Bekanntenkreis: Per E-Mail-Verteiler werden Routen gewählt, Schwierigkeitsgrade besprochen und kollektive Fahrten zu den Bergen in der näheren Umgebung Wiens organisiert. Der Grund, warum die Leute plötzlich auf den Outdoor-Zug aufspringen, ist für Zeglowitz klar: "In den Momenten, in denen du in der Wand hängst und dir bewusst wird, dass dein nächster Griff dein letzter sein kann, ist dir der Kunde, der am Montag seine Leistung erwartet, wurscht." Einer, der von der Lust am schnellen Kick schon seit längerem profitiert, ist Hannes Resch. Er unterhält als Geschäftsführer des Österreichischen Touristenklubs das Klettertrainingszentrum in der Bäckerstraße im ersten Bezirk. Was 1995 mit rund tausend Benützern begann, hat sich mittlerweile zu einem profitablen Geschäft entwickelt. Wenn die Wintersaison im April endet, werden laut Resch mehr als 6000 Menschen die zwei je 15 Meter hohen Wände im City-Innenhof durchstiegen haben. "Bouldern" nennt sich das in der Fachsprache, auf Deutsch "Üben in absprungnahem Gelände". Resch verwehrt sich gegen das Klischee des jungen, testosteronstrotzenden Yuppies, der nach Feierabend den Pain-and-Fear-Effekt sucht. "Zu uns kommen Menschen aller Altersgruppen. Die einen wollen die Winterzeit überbrücken, um jetzt im Frühling wieder rauszugehen, die anderen sind reine Indoor-Kletterer, die nach Feierabend abschalten wollen", erklärt der 46-jährige Manager, der selbst gelernter Bergführer ist. Mittels kunstvoll bearbeiteter Steine in allen Formen und Farben werden in der Boulder-Halle Felsvorsprünge, Ritzen und Löcher simuliert. Von der Decke hängen unzählige Seile herab, die zur Sicherung der Kletterer dienen. Die 26 farbig gekennzeichneten, untereinander kombinierbaren Routen mit etwa tausend Griffen werden alle paar Wochen umgebaut. Die Namen der Kletterstrecken muten dabei oft eigenwillig an: Einen Bushwalk gibt es da, oder die Bits-und-Bytes-Route. Eine Route heißt Volksbegehren (Merkmal: "Extreme Spreizung"). Obwohl die ursprünglich 220 Quadratmeter Kletterfläche bereits erweitert wurden, macht die große Nachfrage jetzt einen weiteren Ausbau nötig. Im Keller des Hauses werden gerade die Geschoßdecken durchbrochen, bis zum Start der nächsten Saison, die im Oktober beginnt, soll eine weitere Wand hochgezogen werden. Währenddessen ziehen viele Indoor-Boulder nach draußen, zum Mariahilfer Flakturm an der Gumpendorfer Straße. Diejenigen, die sich in der Natur versuchen wollen, machen sich auf den Weg gen Südwesten. Keine Autostunde von Wien entfernt liegt die Hohe Wand, ein Paradies für Anfänger und fortgeschrittene Kletterer, die von der Kraxelsucht nicht mehr loskommen. Obwohl Markus Gschwendt erst 32 ist, hat er am eigenen Leib erlebt, was der Suchtfaktor im Outdoor-Sport alles anzurichten imstande ist. Das jungenhafte Gesicht hätte mal wieder eine Rasur nötig, die wild wuchernden Haare werden von einem Zopf gebändigt. Ein Naturbursche, der locker als Vorarlberger Hüttenwirt, Marke Juniorchef, durchgehen würde. Jedenfalls nicht als der Urwiener, der er ist. Ein Junge aus der Vorstadt, aus Ottakring. Während andere gegen einen Fußball treten oder auf einen Tennisball eindreschen, kämpft Markus Gschwendt auf den Flüssen Niederösterreichs gegen mannshohe Wellen an. Der Informatikstudent, der eine eigene EDV-Firma führt, geht dieser Tage mit seinem Nebenerwerbsjob als Wildwasserakrobat in seine dritte Saison. Gschwendt ist der Gründer von Runout Adventures, einer Kajakschule. Der Weltenbummler, der gerade erst von einer zweimonatigen Tour durch Australien zurückgekehrt ist, bietet Wochenendkurse für angehende Kajakfahrer an. 166 Euro kosten zwei Tage Ausbildung im Wildwasser, Ausrüstung und Vollpension inklusive. Gschwendts Revier sind die Schwarza in Niederösterreich, gleich hinterm Schneeberg, und, etwas abgelegener, die steirische Salza. Zu seiner Stammklientel zählen Steuerberater, Uniassistenten, Bürokaufleute, Computerarbeiter. Stadtmenschen, die das Naturerlebnis nicht auf hohen Bergen, sondern im wilden Wasser suchen, und, glaubt man Gschwendt, es in der Regel auch finden: "Vorher haben die Leute immer eine Heidenangst, aber wenn sie die Hemmschwelle überwunden haben, sind sie nicht mehr aus dem Wasser zu kriegen", sagt er. Zukünftig bleibt Gschwendts Klientel vielleicht sogar der Weg in die niederösterreichische Ferne erspart. Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP) präsentierte jüngst Pläne für eine Wildwasser-Anlage am Donaukanal bei der Schemmerlbrücke am Nußdorfer Spitz. Einen genauen Zeitplan gibt es zwar noch nicht, aber die guten Absichten nähren die Hoffnung auf eine eigene Wiener Hausstrecke. Bis es so weit ist, veranstaltet Gschwendt jeden letzten Donnerstag im Monat ab 17 Uhr ein Grillfest auf der Donauinsel, nahe der Steinspornbrücke. Die Meetings sind für alle offen, die Interesse am Kajaksport haben. Auch Stefan Kinner will die Menschen rausholen. Der Student der Wasserwirtschaft an der Universität für Bodenkultur erstellt in seiner Freizeit Inhalte für das neue Internetportal www.paddeln.at. Aber die Lehre vom wilden Wasser in die Welt hinauszutragen, ist nicht Kinners einzige Passion. Wenn es draußen warm wird, fährt der 28-Jährige in die Fischauer Vorberge bei Wiener Neustadt, wo sich das inoffizielle Disneyland der Wiener Zweiradfreaks befindet. Dort jagen junge Biker steile Abhänge hinunter, springen an Erdhügeln entlang und rasen durchs Unterholz, dass sich die Achsen biegen. "Wir fahren immer nur ein paar Stunden, aber das dafür voll", erzählt Kinner. Diese Outdoor-Erfahrungen lässt Kinner auch in seinen Nebenjob als Verkäufer bei Jack Wolfskin einfließen, einem Outdoor-Markenshop in den Ringstraßengalerien. "Outdoor ist heute ein Massenthema", sagt Michael Lanmüller, der in Wien einer der Ersten war, die den Trend für sich nutzten. Dabei hatte der 36-Jährige, als er Anfang der Neunziger im siebten Bezirk den "Steppenwolf" eröffnete, noch die Interrail-Fraktion als Zielgruppe erkoren. Die jungen Billig-Bahnreisenden, die bei ihren Europadurchquerungen auf wetterfestes Gewand angewiesen waren, wenn sie die Nacht in einem Bummelzug in Nordspanien gut überstehen wollten, waren die Ersten, die das Geschäft ins Rollen brachten. Mittlerweile gibt es in Wien an die zwanzig Shops, die Outdoor-Sachen führen, die Filialen diverser Sportartikelketten nicht miteingerechnet. Heute verkauft der Reise- und Trekkingspezialist Lanmüller neben den schon zum Mainstream gewordenen Marken wie North Face oder Patagonia deshalb auch exklusivere Artikel wie in Norwegen fabrizierte Schlafsäcke, die einen auch noch bei Außentemperaturen von minus zwanzig Grad wohlig warm halten, oder Rucksäcke von hierzulande noch unbekannten Herstellern wie Macpac (Neuseeland), Bach (Irland) oder Gregory (USA). Lanmüller kennt auch den Grund für den anhaltenden Outdoor-Boom: "Die Leute suchen heute eher das schnelle Abenteuer als die ausgedehnte Reise, wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Action." Damit dem Hobbyabenteurer die Furcht und der Schmerz nicht zu viel werden. DRAUSSEN SPORTELN Kraxeln, paddeln, trekken Klettertrainingszentrum des ÖTK, 1., Bäckerstr. 16, Tel. 512 38 44, Mo 10.30-22, Di-Fr 9 bis 22, Sa, Sonn- u. Feiertag 13-20 Uhr, www.touristenklub.at Kajakkurse bei Markus Gschwendt, Anmeldung unter Tel. 0676/728 89 98 oder jeden letzten Donnerstag auf der Donauinsel (Steinspornbrücke, beim Kalorischen Kraftwerk), www.runout.at, E-Mail: outdoor@runout.at Outdoor-Ausrüstung bei Steppenwolf, 7., Kircheng. 34, Tel. 523 40 55, Mo-Fr 10-18.30, Sa 10-17 Uhr, www.steppenwolf.at Outside-Magazine im Internet: www.outsidemag.com Ein Literaturtipp für angehende Outsider: "Out of the Noosphere: Adventure, sports, travel and the environment: The best of Outside Magazine", New York 1999 (Simon and Schuster). Die besten Reportagen aus den vergangenen 25 Jahren der Outdoor-Szenebibel aus den USA: Von der Jagd nach gefährlichen afrikanischen Killerbienen, über das Löschen brennender Ölfelder in Kuwait oder das Erklimmen des gefährlichsten Berges der USA, bis hin zum Kanufahren durch die Flüsse des Himalaya. |
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April 2002 © FALTER
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