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Der große Hirnabschalter
LITERATUR & FUSSBALL Am 31. Mai beginnt die Fußball-WM. Aus diesem Anlass sprach der "Falter" mit dem Schriftsteller, Fußballfan, Fußballkolumnisten und Fußballspieler Franzobel über seine Prognosen und Präferenzen, die reinigende Macht des Fußballfernsehens und den Zusammenhang zwischen Kicken und Schreiben. WOLFGANG KRALICEK, KLAUS NÜCHTERN und KLAUS TASCHWER


Falter 21 Originaltext aus Falter 21/02 vom 22.05.2002

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"Drei gegen einen? Das ist hart!", beklagt sich Franzobel, als gleich drei Falter-Redakteure zum Interview antreten. Worauf sich eine Diskussion darüber anschließt, was der gebräuchliche Fußballterminus "Zwei gegen einen" eigentlich beschreibe: einen offiziellen Regelverstoß, einen Hobbykicker-Regelverstoß oder eine positivistische Sachverhaltsbeschreibung. Beim FC Lenzing, beteuert Franzobel, sei das jedenfalls geübt worden. Was genau bei "zwei gegen einen" trainiert worden ist, weiß er aber nicht mehr zu sagen.
Fußballmetaphorisch ist der 35-Jährige, mit einer Argentinierin verheiratete und regelmäßig in Argentinien weilende Schriftsteller eindeutig der Goleador der österreichischen Gegenwartsliteratur: Keine und keiner bringen dermaßen viele Bücher heraus. Darin liegt auch der wahre Grund für das massive Falter-Aufgebote: Die Redakteure teilten sich die Lektüre und nahmen sich jeder eines von drei Franzobel-Büchern vor (siehe Kasten), die heuer respektive im vergangenen Herbst erschienen sind. Auch als Bühnenautor ist Franzobel ein global player: Die Volkstheater-Inszenierung von "Mayerling" wurde zu den renommierten Theatertagen in Mülheim eingeladen. Das Interview fand übrigens kurz vor dem Champion’s-League-Finale statt. Das Match Real Madrid gegen Bayer Leverkusen endete 2:1 (Halbzeitstand: 2:1) für Real, und Franzobels Tip erwies sich zu 50 Prozent als korrekt.

Falter: Herr Franzobel, wie geht das Match heute aus?

Franzobel: Leverkusen gegen Real?

Natürlich, was für eine Frage!

Keine Ahnung. Ich war aber noch nie so versucht, zu einer deutschen Mannschaft zu helfen wie heute. Seit Volksschulzeiten habe ich verlässlich zu den Gegnern der Deutschen geholfen.

Warum wird das jetzt bei Leverkusen infrage gestellt?

Es macht sie ein bissl sympathisch, dass sie schon die Meisterschaft und den Cup verloren haben. Und gegen Manchester haben sie sehr schön gespielt.

Sie bleiben bei Leverkusen?

Hmm, wenn nun Real wahnsinig schön spielt? Aber ich sage: Leverkusen gewinnt.

Wie hoch?

3:2.

Halbzeitstand?

2:1 für Real.

Was sind denn Ihre bevorzugten Fußballnationen?

Als Kind war es Schweden - wegen der Farben: Gelb-Blau. Bei der WM 1974 gab es dieses legendäre Match gegen Deutschland, von dem ich mir zwar nur die erste Halbzeit anschauen durfte, weil ich dann ins Bett musste, aber Ronnie Hellström, der damals eine lange blonde Mähne und mächtige Koteletten hatte, hat mich sehr beeindruckt, er hat fantastisch gehalten. Zur Pause hat Schweden noch 2:1 geführt, und ich war ganz fertig, als ich am nächsten Morgen im Radio erfahren habe, dass Deutschland doch noch 4:2 gewonnen hat. In den letzten Jahren haben sich meine Sympathien aber gewandelt: Heute mag ich Italien, Afrikaner und Ostblockteams.

Waren Sie in Italien schon auf einem Match?

Nein. Ich bin überhaupt kein Matchgeher und sehe mir das alles eher alleine im Fernsehen an, da ist es besinnlicher.

Und in Argentinien?

Da würde ich mich schon gar nicht ins Stadion trauen. Da gibts bei jedem Match fünf Tote. Mindestens.

Sind Sie für oder gegen den südamerikanischen Fußball?

Ich war eigentlich immer eher dagegen. Aber nachdem meine Frau und nun sogar mein Sohn einen argentinischen Pass haben, bin ich doch irgendwie befangen. Und zurzeit spielt Argentinien wirklich berauschend.

Wer sind Ihre WM-Favoriten?

Argentinien und Frankreich.

Javier Marķas hat ein Gebet für Real verfasst, und Albert Ostermaier hat ein Gedicht auf Oliver Kahn geschrieben. Können Sie sich vorstellen, so etwas Ähnliches zu machen?

Nie. Vielleicht, wenn Österreich einmal in ein Finale käme.

Auf welchen Spieler?

Vielleicht auf den Stranzl.

Ein Gstanzl auf den Stranzl?

Genau.

Sehen Sie im Fußball eine Metapher für irgendetwas anderes, oder ist es einfach Unterhaltung?

Für mich ist es die einzige Unterhaltung, die ich wirklich genießen kann. Weil bei einem Film oder Theaterstück werden sofort sämtliche Mechanismen in Gang gesetzt: Wie funktioniert das? Für mich ist Fußball einfach ein großer Hirnabschalter. Vermutlich könnte ich mir genauso gut das Testbild ansehen.

Es gibt Leute, die ein Spiel "zu lesen" vermögen. Sie nicht?

Überhaupt nicht. Ich habe den Otto Baric immer bewundert, der das gut gekonnt hat. Im Gegensatz zu Herbert Prohaska - wenn der analysiert, kann man sich das Pausenbrot schmieren gehen.

Wie empfinden Sie denn die Kommentare im österreichischen Fernsehen?

Eine Zeit lang habe ich sogar mitgeschrieben. Der Text "Herr Kreil schaut Fußball" besteht großteils aus Kommentatoren-Stilblüten. Kommentieren ist aber auch schwer. Es gibt gute deutsche Kommentatoren, die weniger sagen, aber dafür etwas Ironie und Witz hineinbringen. Das fehlt den Österreichern leider völlig. Das heißt, unlängst habe ich den Cordoba-Kommentar von Edi Finger wieder gehört - und der ist schon sehr genial. Auch sprachlich gar nicht schlecht.

Was an den Österreichern unangenehm auffällt, ist dieser plumpe, larmoyante Patriotismus.

Wohingegen es den deutschen Kommentatoren früher fast peinlich gewesen ist, wenn die Deutschen ein Tor geschossen haben. In der 89. Minute ist es 2:0 für Albanien gestanden, und der Kommentator hat gemeint, es wäre jetzt schön langsam sinnvoll, ein paar Tore zu schießen. Dann sind drei gefallen, und das wurde völlig emotionslos hingenommen.

Sie kicken selber. Welche Position?

So wie wir spielen, ist das nicht wirklich auszumachen.

Wer spielt mit Ihnen?

Literaturwissenschaftler und Schriftsteller: Klaus Kastberger, Bernhard Fetz, Leopold Federmair, Brigitta Falkner.

Finden Sie es eigentlich richtig, dass Frauen Fußball spielen?

Brigitta Falkner hat unglaubliche Fortschritte gemacht. Vor zehn Jahren ist sie mit Bergschuhen eingelaufen, und man musste um seine Schienbeine fürchten. Mittlerweile schießt sie aus unmöglichen Situationen Tore, kann man sie nicht mehr ungedeckt herumstehen lassen.

Was ist das für eine Welt, in der man Frauen nicht mehr ungedeckt am Fußballfeld stehen lassen kann?

Tja.

Kann man Damenfußball eigentlich ernst nehmen?

Wenn ich mein eigenes fußballerisches Können zum Vergleich nehme, muss ich es wohl, aber eine leichte Abwegigkeit ist es schon.

Sie schlagen in Ihrem Buch jedenfalls vor, eine eine Teamchefin zu ernennen. Ihr Vorschlag ist "Presse"-Redakteurin Anneliese Rohrer.

Ich mag die irgendwie: Die hat so eine hantige Volksschuldirektorinnenstrenge. Außerdem finde ich sie recht witzig.

Ihr Buch "Mundial. Gebete an den Fußballgott" ist erstaunlich schlecht lektoriert. Vor allem, wenn es ums Skifahren geht: "Christian" Heidegger heißt in Wirklichkeit Klaus, Annemarie Moser-Prölls Gatte ist kein "Pröll", sondern ein "Moser", Piero Gros schreibt sich nicht "Gross", und die "Piantini"-Klebebilder heißen in Wirklichkeit Panini-Klebebilder.

Sie haben völlig Recht: Der Lektor hat von Sport null Ahnung, der weiß nicht einmal, was ein Abseits ist. Und Maximilian Droschl, der Verlagsleiter, kennt sich nur beim Fußball aus.

In Ihrem jüngsten Roman, "Lusthaus", gibt es die Idee, bei Olympiaden ein Fußballspiel mit lauter Betrunkenen zu veranstalten, und in "Austrian Psycho" ist von einer Alkoholikerolympiade die Rede.

In der Steiermark hat es tatsächlich so eine Art Alkoholikerolympiade gegeben! Da musste man einen Doppler trinken, dann mit einem Mountainbike einen Berg rauf radeln, oben einen Schnaps trinken und wieder runter laufen. Ich hab das dann im Text nur noch ein bissl auf die Spitze getrieben.

Glauben Sie, dass Österreich bei Wettbewerben mit obligatem Alkoholkonsum besser dastehen würde?

Im Fußball bestimmt. Skifahren wäre auch interessant - und realitätsbezogener.

Was halten Sie eigentlich von Hans Krankl als Trainer?

Na ja, er ist insgesamt schon sehr unerfolgreich gewesen. Ich weiß auch nicht, ob ein Stürmer überhaupt jemals ein guter Trainer werden kann. Das sind doch meist Mittelfeldspieler oder Verteidiger gewesen.

Warum?

Weil die das Spiel anders lesen können. Ein Stürmer steht doch immer nur vorne, ist einsilbig und sieht nicht wirklich, was sonst am Feld passiert.

Ivica Osim sieht zum Beispiel nicht 22 Leute auf dem Fußballfeld, sondern geometrische Figuren. Wie ist das beim Schreiben? Sehen Sie da auch geometrische Figuren oder bloß 22 Leute? Wobei es bei Ihnen ja eher 57 Leute sind.

Stimmt nicht. Im "Lusthaus" sind es auch nicht mehr als 22.

Aber wuchern tuts schon, oder?

Sicher. Das Schreiben ist ja ein Prozess, bei dem jeder Satz alles, was bisher war, umstößt. Wie bei einem Match: Es passiert irgendeine blöde Aktion, und das ganze Spiel kippt. Aus dem Nichts heraus.

Wissen Sie während des Schreibens, wie das Ergebnis lauten wird?

Ich weiß es sehr lange nicht, und ich mags auch nicht wissen. Ich weiß aber, dass ein Text beispielsweise so zwischen 100 und 200 Seiten lang sein soll, und daran halte ich mich dann auch.

Gibt es da so eine Art Golden-Goal-Regel?

Das sollte man den Schreibkursen empfehlen, Creative Writing nach den Fußballregeln. Sehr gut!

Und damit die Bücher nicht zu kurz werden, legt man fest: Es geht über 140 Seiten, und ab dann gibts das Golden Goal ...

... und fertig. Nein, Schreiben ist eher wie einen Tunnel graben: Zuerst muss man einmal durchkommen durch den Berg, dann erst kann man ausschachten, Umleitungen graben, überarbeiten.

Wie oft?

Kommt auf die Textsorte an. Es gibt Trashtexte, die habe ich vielleicht dreimal durchgelesen. "Lusthaus" hab ich insgesamt sicher 50-, 60-mal überarbeitet. Bis es halt gestimmt hat.

Das ist so ein Gefühl?

In dem Moment, in dem ich abschließe, muss es stimmen. Klar, dass man zwei Jahre später alles ändern und umschreiben möchte, aber da würde man nie über den Ersttext hinauskommen.

Wie kommen Sie als produktivster Schriftsteller des Landes überhaupt noch zum Fußballschauen?

Ich bin insofern "torgefährlich", als ich viele Bücher herausbringe. Aber auch Goldoni hat in einem Jahr zehn Theaterstücke geschrieben. Und Balzac erst! Man kann allerdings nicht wirklich sagen, dass ich unter Schreibhemmungen leide.

Und deshalb schreiben Sie einfach viel zu viel.

Ja, eh. Das weiß ich. Jeder Verleger jammert, jeder Wissenschaftler, jeder Kritiker, weil man den Überblick verliert. Ich bin meine eigene Inflation. Aber weshalb soll ich mich kastrieren, solange es fließt? Und es werden sicher auch Zeiten kommen, in denen es tröpfeln und stocken wird.

Wie sieht Ihre Tagesplanung aus?

In Argentinien, wo ich sonst keine Verpflichtungen habe, stehe ich zwischen halb acht und acht auf, frühstücke und verschwinde dann bis zum Mittagessen um halb zwei im Arbeitszimmer. Nächtens wird dann oft nochmals ein, zwei Stunden geschrieben. So bekomme ich in zwei Monaten Argentinien dreihundert Prosaseiten raus. In Wien versuche ich den Vormittag, während das Kind im Kindergarten ist, zum Schreiben zu nützen. Diese täglichen vier Stunden sind eh wahnsinnig viel.

Wie hoch ist der tägliche Output?

Bei "Lusthaus" habe ich pro Tag circa drei Seiten mit der Hand geschrieben. Das entspricht etwa zwei Computerseiten, eineinhalbzeilig, Areal 12 Punkt.
Wieso schreiben Sie mit der Hand?

Es geht schneller vom Hirn aufs Blatt, macht kein Geräusch. Außerdem kann ich dann im Liegen schreiben, was ich gerne mache, weil ich zwischendurch immer wieder büsle. Ich weiß nicht mehr weiter, penne zehn Minuten und dann weiß ich, wie es weitergeht. Es ist wirklich oft so, dass im Schlaf die Lösung kommt. Dann klopft jemand an, und alles ist weg.

In Argentinien bin ich durch eine sehr dicke Tür geschützt.

Und wenn das Kind ein paar Mal mit dem Schädel dagegen schlägt?

Das gibt irgendwann auf.


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Mai 2002 © FALTER
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