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| Männer in Orange |
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MÜLL Die Wiener mögen ihre saubere Stadt, ihre entleerten
Mülltonnen. Die Mistkübler selbst sind manchen aber ein Dorn im Auge. Und jetzt wird die
Müllabfuhr auch noch um ein Viertel teurer. Wer sind die Männer, die sich täglich
mit dem Dreck der Stadt herumplagen? JULIA ORTNER und WOLFGANG PATERNO (Text), Heribert Corn
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Hier hat der Müll einen Ehrenplatz. In der kleinen Kammer mit den zugezogenen Rollläden hängt gerade über dem Mistkübel das Kalenderblatt mit der barbusigen Frau, die, gerade dem Meer entstiegen, fröhlich in den Raum lächelte. Graue Metallspinde stehen dicht gedrängt nebeneinander, Arbeitskleidung, schrumpelige Arbeitshandschuhe, ein oft und oft aufgewischter PVC-Boden. Öde Arbeitsplatzatmosphäre. Dann diese eine schwarze Mülltonne, darüber, nicht zu übersehen, diese eine Frau. Hier arbeiten ausschließlich Männer. Gleich sechs Männer kümmern sich um die schwarze Mülltonne. Es ist 6.13 Uhr, eine penetrant muntere Stimme kräht aus dem Radio "Es ist 6.13 Uhr, Guten Morgen, Österreich", als Armin Schiel zum ersten Mal an diesem Tag den Mülleimer am Margaretengürtel 22 entleert. Schiel, 41, ist der OAS, der Oberaufseher, vierzehn Jahre lang war er im MA-48-Sprech "Müllaufleger", zu Deutsch: "Mistkübler". Seit einem Jahr steht nun sein Schreibtisch in der kleinen MA-48-Dependance am Margaretengürtel, angebaut an einen Gemeindebau, von wo aus die Müllentsorgung für den dritten, vierten und für Teile des fünften Bezirks koordiniert wird. Von Montag bis Freitag, von sechs Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags, 52 Wochen im Jahr. "Ich kümmere mich um alles, was mit der Müllabfuhr zu tun hat, gehe Beschwerden nach, entwerfe Ausweichrouten bei Verkehrsbehinderungen, stelle Krankenscheine aus", sagt Schiel, der gern wie ein Professor über die Ränder seiner Brille schaut. Seine Mitarbeiter nennen ihn "unseren Seelendoktor". Mit Beschwerden muss sich Schiel jeden Tag herumschlagen: Eine ältere Dame will einen eigenen Mistkübel im Hof, dann wurde wieder eine Wand ruiniert. Zu laut, zu ruppig ist die Truppe von Schiel sowieso immer, dazu kommen nervende Autofahrer, keifende Pensionisten, die bereits im Morgengrauen, ans Fenster gelehnt, Wache halten. Schiel ist im Laufe seiner MA-48-Laufbahn abgeklärt geworden. "Die Müllabfuhr wird es immer geben, man bekommt einfach eine dicke Haut. Wie mans auch macht, es ist meistens verkehrt." Auch wenn manche Bürger den Mistkübler persönlich nicht mögen - mit der Leistung der Männer in Orange sind neunzig Prozent der Bürger zufrieden, behaupten zumindest Umfragen der Stadt. Die MA-48-Männer sorgen schließlich auch dafür, dass Wien im Vergleich zu anderen internationalen Metropolen ziemlich sauber aussieht - einmal abgesehen von den Hundstrümmerln. Nur wie werden die Wiener in ein paar Wochen mit den Mistküblern reden, wenn es sie dort berührt, wo es besonders weh tut: in der Geldbörse? Ab 1. Juli wird die Müllabfuhr nämlich um satte 25 Prozent teurer. "Die Müllgebühren wurden das letzte Mal 1993 erhöht, eine Inflationsanpassung war notwendig", sagt SP-Umweltstadträtin Isabella Kossina. "Und die Kommune muss mittlerweile einen höheren Altlasten-Sanierungsbeitrag an den Bund zahlen." Das Entleeren einer 120-Liter-Mülltonne kostet künftig 3,16 Euro statt bisher 2,51. Neben den Tariferhöhungen bei den Wiener Linien und der geplanten Erhöhung der Abschleppgebühr sind die neuen Müllentsorgungspreise nur eine weitere Gebührenerhöhung in diesem Jahr. Eine Folge davon, dass die ehemalige rot-schwarze Koalition im Jahr 1998 einen Tarifstopp bis 2001 verkündet hatte, praktischerweise bis nach der Wien-Wahl. Obwohl schon damals klar war, dass viele kommunale Leistungen zu billig angeboten werden. Ob Bäder, Abwasser, Abschleppgebühren oder Müll: Überall buttert die Stadt Millionenbeträge dazu. Alleine für die Müllbeseitigung muss die MA 48 dieses Jahr dreißig Prozent mehr ausgeben, als sie einnimmt, die Abfallbeseitiger verfügen über ein Budget von 250 Millionen Euro. Ob 2,51 Euro pro Tonne wie bisher oder ein paar Cent mehr: Die Müllmänner am Stützpunkt Margaretengürtel kratzen die höheren Müllgebühren wenig. Es ist eine kuriose, eingeschworene Gemeinschaft, die sich gegen halb sechs zum Morgenkaffee und zur ersten Marlboro trifft. Eine fixe Fünfergruppe, die täglich auf der "Kleinkübelstrecke" zwischen Mayerhofgasse, Wiedner Hauptstraße, Gürtel und Kliebergasse 600 Restmüllbehälter entleert. Da sitzt der ehemalige Autospengler Robert L., 39, mit 15 Jahren der Dienstälteste. Ein Vorstadt-Bruce-Willis, der, ganz Alpha-Tier, nur hin und wieder mürrisch knurrt. Martin H., 42, und Bernhard F., 33, machen den Job seit annähernd zwölf Jahren, der eine redet gern und viel, vom anderen ist fast nichts zu hören. Der "Lehrbua Karli", feiner Bartflaum im Gesicht, sagt überhaupt nichts. Er ist mit Band 1372 einer Rätselzeitung beschäftigt. Dann ist da noch Roman K., seit elf Jahren Müllkübler. Er lacht gern und viel, er hat eine Brille auf, die sich bei Sonnenlicht verfärbt, er muss schon im Sitzen schwitzen. Man beschimpft einander in seltsamem Einverständnis als "alte Nutte", "Deppata" oder "Trottel", in einer erstaunlichen Gratwanderung wird dabei aber niemand beleidigt. Man witzelt und kalauert, sagt "wir packens mit dem Schmäh, a Gaudi muss sein", man schiebt Wuchteln über den Tisch. Dazwischen wird hitzig über die Arbeit geredet: Da ist ein "Arschlochhaus", wo man den "Arschlochkübel" mühsam über zig Treppen schleppen muss, dort ist wieder ein "deppata Hausmeister", der nie das Haustor pünktlich aufsperrt. Unter dem Leiberl blitzt die Goldkette, es wird immer wieder einmal der Schritt gekratzt. Ironischerweise sind die Männer genau dort untergebracht, wo früher ein Verein namens "Freidenker Österreichs" logierte. Allesamt sympathische Burschen mit einem deftigen Spruch, die zu kleinen boshaften Monstern werden können, wenn das Gespräch auf das Thema Ausländer fällt. Dann werden Klischees bedient, Sätze werden mit "Ich bin ja kein Ausländerfeind, aber ..." eingeleitet. Man weiß genau Bescheid. "Es gibt unter den Mistküblern ein gewisses Ressentiment gegen Zuwanderer, das damit argumentiert wird, die Ausländer würden so viel Müll produzieren und ihnen noch mehr Arbeit machen ", erzählt die Wiener Filmemacherin Ebba Sinzinger. Sie ist für ihren Dokumentarfilm "Daydream Nation" wochenlang mit Müllpartien in Wien, aber auch in den USA mitgefahren und hat sie bei ihrer Arbeit beobachtet. Dabei hat Sinzinger auch vergammelte Wiener Hinterhöfe gesehen, in denen sich der Müll mangels Tonnen meterhoch gestappelt hat. Heruntergekommene Spekulationshäuser, von Wiener Hausbesitzern an Zuwanderer vermietet. Bei den Mistküblern sei allerdings meist nur eines hängen geblieben: schon wieder so viel Dreck wegen der Ausländer. 3400 MA-48-Leute, vom Mistkübler über den Straßenkehrer bis zum LKW-Fahrer, stemmen, schleppen, schwitzen, kehren, schrubben, damit die Stadt schön ordentlich bleibt. Für die harte Arbeit mit dem Dreck bekommt ein Mistkübler 945 Euro netto Grundgehalt, mit diversen Zulagen und vorgerücktem Dienstalter verdient man dann etwa 1450 bis 1600 Euro netto. Der städtische Müllabfuhrmann als Edelproletarier mit einem ordentlich bezahlten, abgesicherten Job. "Das ist nicht nur in Wien so, auch in New York oder Los Angeles gilt die Arbeit bei der Müllabfuhr als erstrebenswert", erzählt Dokumentarfilmerin Sinzinger. Die Arbeit der Wiener Mistkübler wird jeden Tag peinlich genau eingeteilt. Was so aussieht, als würde der gelbe Müllwagen 7022 nur heftig herumkurven, ist komplett durchstrukturiert: Einer kippt die Kübel hydraulisch in den LKW, der minutengenaue Routen zurücklegt, zwei schaffen die vollen Mistbehälter aus den Häusern auf die Straße, zwei transportieren die geleerten Tonnen wieder an ihren Platz. Der Job läuft öd und gleichförmig ab. Es gibt, wenn überhaupt, nur schauerliche Höhepunkte: vollgekackte Windeln, undefinierbares schleimiges Zeug, zum Himmel stinkendes Gebräu aus einem Hühner- und Fischladen. In der Klagbaumgasse wohnt anscheinend ein Kater, der viel scheißen muss. "Es interessiert mich überhaupt nicht", schreit Bernhard F. gegen den LKW an, "was in den Kübeln drinnen ist." Man kann es aber auf seinem Gesicht lesen. Wenn er wieder eine besonders ungustiöse, mit klebrigem Unrat bis obenhin gefüllte Tonne in den LKW leert, verzieht er manchmal den Mund, auf seiner Stirn steht dabei gleichsam geschrieben: "Ihr Dreckschweine." Nichts Geringeres als glorreiche Helden der Arbeit sind die Müllschütter vom Margaretengürtel, erzählen sie zumindest: Ihr Viertel ist natürlich das am weitaus anstrengendste, über Tausende von Stufen müssen die Müllkübel tagtäglich geschleppt werden, in diesen Bezirken wird sowieso am meisten Müll produziert. "Dieses Viertel ist berüchtigt", sagt einer, "die Keller hier sind so tief, dass man die Kübel von der Kellertür aus nur noch ganz klein sieht." Mit viel Anstrengung kommen die geschäftigen Müllexperten aber dann doch noch dazu, sich hin und wieder eine Pause zu gönnen: Im Café Monpti wird um 8.30 Uhr ein kleiner Brauner getrunken, um 9.30 Uhr wird in der Dependance am Margaretengürtel gejausnet und auf den wieder leeren LKW gewartet. Um 12.15 Uhr wird, harmlos wie bei einem Kindergeburtstag, ein Soda im Garten vom Café Luigi gekippt. Arbeiten die Müllmänner wirklich so hart? Oder stimmt die Legende vom orangen Trupp, der schon in der Früh gerne ein Bier statt dem kleinen Braunen kippt? "Prinzipiell muss man zugeben, dass das ein sehr anstrengender Job ist. Vor allem in den USA, wo es neben der städtischen Müllabfuhr auch Konkurrenz durch private Müllentsorger gibt", erzählt Sinzinger. Und in Wien seien "vor allem die ersten drei Arbeitsstunden in der Früh brutal, da wird wahnsinnig hineingehackelt". Container und Tonnen über Treppen hinaufstemmen, aus Hinterhöfen schleppen und wieder retour, das zehrt. Viele Mistkübler müssen in Frühpension gehen, weil sie körperlich kaputt sind. Und außerdem stinke es bei seiner Arbeit pestig, das Rumpeln der Kübel und der LKW seien furchtbar laut, den ganzen Tag stehe man in einer einzigen Staubwolke, sagt K. Und was ist der Lohn für all die Mühe? "Man behandelt uns wie den letzten Dreck", schimpft K. zwischen all dem Brüllen und Witzeln einmal. "Viele Leute beschweren sich immer nur, die Gesten, die die Autofahrer hinter uns machen, will ich gar nicht wiederholen." Von der guten Bewertung der MA 48 durch die Bürger bekommen die Müllarbeiter bei ihrem Job im Dreck nicht so viel mit. Im sauberen Rathaus, hoch über dem Dreck der Stadt, hat sich Umweltstadträtin Kossina nach einem Meeting mit dem Berliner Stadtreinigungschef Peter von Dierkes vergangene Weihnachten überlegt, wie man die MA 48 verbessern könnte. Sie ließ die Berliner Kollegen die Wiener Müllwirtschaft analysieren. Kossina zum Ergebnis der Überprüfung: "Im Großen und Ganzen konnten keine Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung gefunden werden. Die Berliner haben uns nur empfohlen, die Gebühren anzuheben. Die hohe Qualität der städtischen Entsorgung hat eben ihren Preis." Die 25 Prozent höheren Müllgebühren sind dem Wiener Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Nettig allerdings ein Dorn im Auge. Die MA 48 müsste durch unabhängige Experten betriebswirtschaftlich durchleuchtet werden, forderte Nettig vor kurzem. Gehalts-, Arbeitszeitregelungen und die Auslastung des Fuhrparks sollten mit den Bedingungen in privaten Entsorgungsbetrieben verglichen werden. "Wenn die MA 48 nicht spart, müssen wir die Privatisierung der Müllentsorgung vorantreiben", meinte Nettig. Armin Schiel und seine Truppe lassen sich von derartigen kommunalpolitischen Zankereien nicht bei ihrem gewohnten Arbeitsablauf stören. In der Früh um sechs, wenn die Männer ausrücken, kann man die Uhr nach ihnen stellen. Auch bei Arbeitsschluss: Die Männer der Müllabfuhr stehen dann nicht mehr in der orangen Montur, sondern frisch geduscht und gestriegelt, eine Feierabendzigarette im Mundwinkel, bereit. Die Handys liegen auf dem Tisch vor ihnen. Die Feierabendanrufe kommen. "Ja, Schatz." Es ist 14 Uhr. Man könnte die Uhr danach stellen. |
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Mai 2002 © FALTER
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