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Ein Haus wie eine Geige
THEATER AN DER WIEN Musical raus, Oper rein: Ab 2007 soll Wiens ältestes Musiktheater wieder adäquat genutzt werden. Das Porträt eines Hauses mit wechselhafter Geschichte. CARSTEN FASTNER (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos)


Falter 22 Originaltext aus Falter 22/02 vom 29.05.2002

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Dahinter das MuseumsQuartier, davor der Karlsplatz, auch das Konzerthaus ist nicht weit und der Naschmarkt überhaupt unmittelbar davor: Eine bessere Adresse als die Linke Wienzeile 6 ließe sich kaum finden, um in Wien ab 2007 ein neues, drittes Opernhaus zu etablieren, das nach den Vorstellungen von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny "urban, modern und agil" sein und das Angebot der beiden großen Bundesbühnen, Staats- und Volksoper, zeitgemäß ergänzen soll.
Nein, es geht nicht um einen Neubau. Vielmehr wird mit dem Theater an der Wien ausgerechnet die älteste Opernbühne der Stadt wieder einmal umgewidmet - ein Haus, das auch jene Wiener kennen, die es nie von innen gesehen haben, mit jeder Menge Tradition und mit einer großartigen Akustik.
Vor allem deretwegen hat sich die Stadt Wien nach jahrelangen Querelen nun zu der aufwendigen Reform durchgerungen. Denn noch wird, mit Ausnahme der Festwochen- und Klangbogenmonate im Sommer, an der Wien ausschließlich Musical gespielt. Doch die von "Elisabeth", "Mozart!" oder zuletzt "Jekyll & Hyde" geforderten musikalischen Leistungen halten sich in Grenzen, und überhaupt wird prinzipiell mikrofonverstärkt gesungen: Reine Verschwendung, fanden, über jede Geschmacksfrage hinweg, seit Jahren praktisch alle, denen anspruchsvolleres Musiktheater ein Anliegen ist, vom jüngst verstorbenen konservativen Kurier-Kritiker Franz Endler bis zu Festwochen-Musikdirektor Hans Landesmann, der nun im Auftrag der Stadt die Strukturumwandlung konzipieren soll.
"Im Prinzip funktioniert der Zuschauerraum wie der Korpus einer Geige", erklärt Attila Láng, der Chefproducer der Festwochen, den einzigartigen Klang des Hauses. "Erstens ist rundum alles aus Holz, und zweitens sind die Proportionen ausgesprochen günstig." Seit 1973 ist Láng in unterschiedlichen Funktionen am Theater an der Wien beschäftigt ("eine Liebesbeziehung"); dass die Umwidmung nun endlich Realität wird, hält er für "ein kleines Wunder" und reklamiert für sich entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung: "Ich war der Erste, der entsprechende Konzepte erarbeitet hat." Die wird er nun natürlich auch seinem Chef vorlegen.
Während sich die meisten Fachleute vor allem kleiner besetzte Werke des Barock, von Mozart und zum Teil auch des 20. Jahrhunderts im Theater an der Wien wünschen, hält Láng sogar den dicken Klang Richard Wagners für akustisch möglich. Doch für solche Opulenz des späten 19. Jahrhunderts fehlt es wohl der Bühne an Raum. Die schmale Parzelle, auf der das Haus 1801 in der Nähe des damals noch offenen Wienflusses erbaut wurde, ließ keinen Platz für Seitenbühnen. Bis heute muss das Theater an der Wien lediglich mit einer Hinterbühne auskommen, was die Möglichkeiten der Bühnenbildner deutlich einschränkt. Ansonsten aber ist das Haus - dank des Musical-Betriebs - technisch bestens ausgestattet. Umbauten, meint Láng, seien für den geplanten Opernbetrieb also nicht nötig; obwohl: Eine Probebühne anstelle des Ballettsaals unter dem Dach könne er sich schon gut vorstellen ...

Allen Gerüchten zum Trotz: Mozarts "Zauberflöte" wurde nicht im Theater an der Wien uraufgeführt - sondern in dessen Vorgänger-Etablissement, dem Freihaus-Theater genau gegenüber, auf der anderen Seite der Wien. Dort nämlich leitete der bayrische Schauspieler Emanuel Schikaneder (eigentlich: Johann Joseph Schickeneder) seit 1789 eine kleine Bühne, die seine Frau von ihrem Liebhaber geerbt hatte. Bereits ein Jahr zuvor hatte der ambitionierte Intendant und "Zauberflöten"-Librettist ein Gesuch an Kaiser Joseph II. gerichtet, um das Privileg für den Bau eines eigenen Privattheaters zu erlangen. Mit dem Versprechen, "sehr viele, dermal im Fache des Theaters und der Musik brotlose Menschen in den Nahrungsstand zu versetzen", erreichte Schikaneder tatsächlich die gewünschte Bewilligung; doch es dauerte noch weitere zwölf Jahre, bis er das nötige Geld aufgestellt hatte.
Dann allerdings ging alles Schlag auf Schlag: In nur einem Jahr und 16 Tagen errichteten Joseph Reymund der Jüngere und Anton Jäger, zwei renommierte Architekten, die auch schon für den Kaiserhof gearbeitet hatten, das seinerzeit prächtigste und technisch modernste Theater der Residenzstadt. Und noch eine, selbst für heutige Verhältnisse beeindruckende Leistung gelang Schikaneder: Am Freitag, den 12. Juni 1801 gab er im Freihaus-Theater seine Abschiedsvorstellung, um noch in derselben Nacht zu übersiedeln und tags darauf die neue Bühne mit der Oper "Alexander" (Musik: Franz Tayber, Libretto: Emanuel Schikaneder) feierlich zu eröffnen.
Die Wiener und selbst ausländische Fachzeitschriften zeigten sich beeindruckt, und nicht zuletzt dank der immer wieder aufgeführten "Zauberflöte" (mit dem Intendanten in der Rolle des Papageno) wurde das neue Theater zu einem riesigen Erfolg. Die Papageno-Statue auf dem Portal des ehemaligen Haupteingangs in der heutigen Millöckergasse zeigt den Theatergründer in seiner Lieblingsrolle. Doch Schikaneder nutzte die moderne Technik seines Hauses zunehmend für aufwendige Ausstattungsstücke, deren künstlerische Qualität im Lauf der Zeit immer mehr zu wünschen übrig ließ und eine wirtschaftliche Führung des Hauses unmöglich machte. Schon ein Jahr nach der Eröffnung zog sich Schikaneder kurzerhand von der Geschäftsführung zurück, blieb aber weiterhin künstlerischer Leiter - und ritt seinen Partner Bartholomäus Zitterbarth in weiteren zwei Jahren in den Ruin. Auch die Uraufführung von Beethovens "Fidelio" (1805) konnte ihn nicht mehr retten.
Ein Schicksal, das noch einigen der folgenden 24 Intendanzen bevorstehen sollte. Denn obwohl das Theater an der Wien, mit Ausnahme einiger umbaubedingter Pausen, bis zum Zweiten Weltkrieg praktisch durchgehend bespielt wurde - überzeugende und erfolgreiche Spielpläne waren lange Zeit schwer zu finden. In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens ging das Haus regelmäßig in Konkurs.
Den mit Abstand übelsten Ausweg aus der finanziellen Dauermisere wählte Ferdinand Graf Pálffy von Erdöd in seiner Amtszeit zwischen 1813 und 1825: Er veranstaltete, neben einem wilden Mix aus belanglosen Ritterstücken und anspruchsvollen Opern wie Webers "Freischütz" oder Rossinis "Barbier von Sevilla", außerordentlich beliebte Kinderballette - deren acht- bis zwölfjährige Darsteller nach der Vorstellung direkt in die wartenden Kutschen ihrer zum Teil hochadeligen "Fans" geschickt wurden. Diese organisierte Kinderprostitution war jahrelang ein offenes Geheimnis im biedermeierlichen Wien, bis sie im Zuge der Sittenaffäre um Fürst Alois Kaunitz 1821 verboten wurde. Kurz darauf war Pálffy finanziell ruiniert.
Sein Nachfolger Carl Carl, der das Haus zwischen 1825 und 1845 leitete, war einer der wenigen seriös erfolgreichen Direktoren - wirtschaftlich, auf Kosten seiner Angestellten, und künstlerisch, vor allem dank Johann Nepomuk Nestroy, den Carl 1831 engagierte. Jahrelang stand Nestroy durchschnittlich 18 Mal im Monat auf der Bühne an der Wien und führte hier praktisch alle seiner wichtigen Stücke auf, von "Lumpazivagabundus" (1833) über "Der Talisman" (1840) und "Einen Jux will er sich machen" (1842) bis zum "Zerrissenen" (1844).
Durch eine finanzielle Fehlspekulation verlor Carl 1845 sein Haus an Franz Pokorny, der den Ehrgeiz entwickelte, mit der Hofoper zu konkurrieren. Doch trotz einer umfangreichen Modernisierung der gesamten Anlage gelang es dem musikversessenen Direktor nicht, die chaotischen Jahre rund um die Revolution von 1848 zu überstehen. Pokorny starb 1850 im Amt - und als Bankrotteur. Die erfolgreiche Zukunft des Theaters an der Wien als Opernhaus aber war vorgezeichnet - wenn auch für die nächsten Jahrzehnte vor allem dank der Operette.
Allen Gerüchten zum Trotz: Die Operette ist keine Wiener Erfindung. Lange bevor Johann Strauß junior im Theater an der Wien für die "Fledermaus" (1874) oder den "Zigeunerbaron" (1885) bejubelt wurde, hatte Direktor Friedrich Stampfer (1862 bis 1869) die damals brandneue Gattung aus Paris importiert. Sein Übernahme-Vertrag mit dem Komponisten Jacques Offenbach und das Engagement der gefeierten Sängerin Marie Geistinger sicherten ihm riesige Erfolge mit Operetten wie "Die schöne Helena" (1864), "Blaubart" (1866) oder "Die Großherzogin von Gerolstein" (1867) - trotz massiver Bedenken der Zensurbehörde gegenüber diesen zumindest satirischen, wenn nicht gar aufrührerischen Stücken.
Seitdem jedenfalls stand das Theater an der Wien vor allem für die leichtere Form des Musiktheaters. Auf Offenbach und Strauß folgten unter anderen Carl Millöcker, Leo Fall, Emmerich Kálmán - und natürlich der Operettenfabrikant Franz Lehár, der hier zwischen 1902 und 1931 ein Erfolgsstück nach dem anderen zur Uraufführung brachte.
Erst 1945, nach der kriegsbedingten Spielpause, zog das ernste Genre wieder ins Theater an der Wien - mit dem gesamten Ensemble der Staatsoper, das hier die Zeit bis zur Wiedereröffnung des zerbombten Hauses am Ring 1955 verbrachte. Dirigenten wie der vor kurzem verstorbene Josef Krips, Clemens Krauss oder Karl Böhm etablierten unter Staatsoperndirektor Franz Salmhofer den legendären Ruf des Theaters an der Wien als ideales Mozarthaus, kümmerten sich aber - mehr als die Staatsoper heutzutage - auch um Werke des 20. Jahrhunderts; Gottfried von Einems "Dantons Tod" wurde hier ebenso gespielt wie Arthur Honeggers "Johanna auf dem Scheiterhaufen".
Umso unverständlicher, dass das Theater Ende der Fünfzigerjahre kurz vor dem Abbruch stand und erst mit der Übernahme durch die Stadt Wien 1960 gerettet wurde. Damals fand auch der letzte große Umbau statt, in dem der Zustand des Zuschauerraums von 1854 rekonstruiert wurde und alle anderen Bereiche des Hauses im schnörkellosen Stil der frühen Sechziger modernisiert wurden. Seitdem steht das Theater an der Wien während des Sommers den Festwochen zur Verfügung und wurde unter anderem für die Wiederentdeckung der Musik von Claudio Monteverdi durch Nikolaus Harnoncourt genutzt.
Für den Rest des Jahres aber setzte man seit 1965 wieder auf die leichte Muse - diesmal in der neuen Form des Musicals, das nicht nur Marcel Prawy für den legitimen Nachfolger der Operette hielt. Anfangs, meint Attila Láng, hätten sich Stücke wie "Der Mann von La Mancha" oder "Anatevka" noch nicht "mit dem Theater geschlagen, weil sie zunächst auch noch unverstärkt gespielt wurden". Doch mit "Cats" setzte sich 1983 endgültig das kommerziell erfolgreiche Musical amerikanischer Prägung durch - und überführte Marcel Prawys These von der Operetten-Nachfolge als Schnapsidee. Im Mozart-Jubeljahr 2006, das vor allem im Theater an der Wien gefeiert werden soll, ist damit Schluss. Und ab 2007 wirds dann endlich wieder ernst.

Attila E. Láng: 200 Jahre Theater an der Wien. Spectacles müssen seyn. Wien 2001 (Holzhausen). 231 S., 113 Abbildungen, O 34,90


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Mai 2002 © FALTER
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