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Im Namen der Sicherheit
ÜBERWACHUNG Patrouillen in Einkaufsstraßen, Videoüberwachung für Fußgängerzonen: Mit neuen Angeboten wollen private Sicherheitsfirmen am wachsenden Markt der Verunsicherung noch bessere Geschäfte machen. Wie viel Sicherheit verträgt eine offene Stadt? Wo leidet die Freiheit? Und wann fürchten sich die Menschen? JULIA ORTNER


Falter 22 Originaltext aus Falter 22/02 vom 29.05.2002

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Die hübsche Blondine lächelt ihm ganz dankbar nach. Nur keine Angst, der fesche Kerl im knallorangen Jackerl mit dem Private-City-Patrol-Logo hat die Situation im Griff, sprintet mit flotten Turnschuhen gerade einem Bösewicht hinterher. "Sekunden, die entscheiden!", "Service in trust", ruft es dazu vom Prospekt der Securitas. Den bunten Folder hat Martin Wiesinger, Geschäftsführer des privaten Sicherheitsunternehmens, vor ein paar Wochen an diverse Geschäftsleute rund um die Kärtner Straße geschickt. Um ihnen ein wenig mehr Sicherheit für ihre noblen Geschäfte zu bieten: mit zwei orange-grau gewandeten Sicherheitsleuten, ausgestattet mit Funkgerät, Pfefferspray und Handschellen, die auf der Kärntner Straße patrouillieren sollen. Und auf Knopfdruck von den Geschäftsleuten zu Hilfe gerufen werden können, wenn in einem Geschäft geklaut, gepöbelt oder nur bedrohlich geschaut wird. In dreißig bis neunzig Sekunden sind sie da, verspricht der Prospekt. 20 Kaufleute haben auf diese Initiative Wiesingers reagiert und sich einen Vertrag schicken lassen.
Blöd für das weltweit größte Sicherheitsunternehmen Securitas, dass das lange vorbereitete Wiener Pilotprojekt für das neue Produkt Private City Patrol gerade zu dem Zeitpunkt in die Schlagzeilen geraten ist, als dort auch die von der FPÖ initiierte Grazer Bürgerwehr aufgepoppt ist - obwohl das Angebot einer professionellen Sicherheitsfirma "überhaupt nichts" mit dem Law-and-order-Spielen von ein paar Hobbysheriffs zu tun habe, sagt Securitas-Chef Wiesinger. "Absurd", "unnötig", "parapolizeiliche Truppen sind negativ für den Tourismus", "Wien ist sicher": Der Unmut von Stadtpolitikern, Polizei, Tourismuswerbern und Wirtschaftskammerpräsidenten richtet sich trotzdem geschlossen gegen die knallorangen Wachmänner, die dem grassierenden Ladendiebstahl in der Innenstadt Herr werden sollen. Auch weil private Sicherheitspatrouillen zum Image vom sicheren Wien, der Stadt, die erst kürzlich das Siegel "Metropole mit zweithöchster Lebensqualität weltweit" erhalten hat, so gar nicht passen wollen.
Ein unangenehmer Wirbel für eine Branche, die normalerweise ihren einträglichen Geschäften sehr dezent nachgeht. Schön unauffällig hat sich der Sicherheitsmarkt im vergleichsweise ruhigen Österreich mittlerweile zur Wachstumsbranche gemausert: mit 454 Millionen Euro Jahresumsatz (Bewachung von Personen und Gebäuden, elektronische Überwachung, Brandmeldeanlagen, Geldtransporter), jährlich steigt der Umsatz um etwa fünf Prozent. Der Löwenanteil des Bewachungsgeschäfts, allein 170 Millionen Euro, teilt sich größtenteils auf die Group 4 (2200 Mitarbeiter), den Österreichischen Wachdienst (1600 Mitarbeiter) und die Securitas (650 Mitarbeiter) auf. International tätige Unternehmen, die am wachsenden Markt der Verunsicherung gut verdienen. Auch deswegen, weil die Polizei mit immer knapperen Personalressourcen kämpft und in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben der Exekutive zu den Privaten abgewandert sind: Wachleute kontrollieren am Flughafen, überwachen die Parkraumbewirtschaftung, sichern Fußballstadien, stehen in Gerichtsgebäuden und Banken oder patrouillieren in Kaufhäusern.

Nur im öffentlichen Raum, auf der Straße, waren die uniformierten Privatsicherheitsleute bisher nicht im Einsatz. Bis Securitas die dezenten Regeln des Geschäfts mit ihren auffälligen Sicherheitsmännern gebrochen hat. Laute Schlagzeilen wie die um die Private City Patrol sind im Geschäft mit der Sicherheit verpönt, schrille Werbung und Angstmacherei offiziell nicht gern gesehen. "Je mehr Geschrei, je martialischer, je mehr Rambo-Image, umso unseriöser und schlechter ist im Allgemeinen die Leistung - wobei die Securitas ein seriöser Mitbewerber ist", sagt Stephan Landrock, Chef des Marktführers Group 4 und Vorstand des Verbands der österreichischen Sicherheitsunternehmen.
Wie viel Sicherheit verträgt eigentlich eine offene Stadt, bevor die Freiheit darunter leidet? Josef Lauber, Präsidialchef der Wiener Polizei, sieht das auch philosophisch. "Wer fähig ist, alle zu schützen, ist fähig, alle zu unterdrücken." Deswegen gefällt ihm die Idee der patrouillierenden Sicherheitsleute in den Straßen nicht. Deswegen würde er aber auch nicht alle paar Meter Polizisten postieren - selbst dann nicht, wenn er die Personalressourcen dafür hätte. "Wenn einer Gesellschaft die Freiheit der Bürger in einem Rechtsstaat etwas wert ist, muss sie ein gewisses Maß an Kriminalität zulassen", meint Lauber. "Denn wenn ich die Schrauben zu sehr andrehe, bleibt die Freiheit auf der Strecke." Und gerade in einer "Zeit der Lebensangst, in der sich viele Menschen immer unsicherer fühlen", sei die Massenkriminalität in der Innenstadt nicht das Problem, über das er sich am meisten Gedanken mache. "Wo viel Kapital ist, wird viel gestohlen: Das ist überall auf der Welt so."
Daran könnten auch Sicherheitsfirmen nichts ändern: Insgesamt siebzig sind derzeit am heimischen Markt aktiv, mit den meisten der kleinen Anbieter wollen die Sicherheitsriesen allerdings nichts gemein haben, erklärt Securitas-Chef Wiesinger. "Irgendwelche Disco-Rausschmeißer oder Leute, die mit wüsten Verbrechensstatistiken um Kunden werben - damit macht ein seriöser Profi keine Geschäfte." Da wirbt man lieber mit netten Bildern von netten Familien: "Einen Einbrecher, der gerade ins Häusel einsteigt, werden sie bei uns nicht finden", erklärt Landrock die gängige Werbestrategie. "Potenzielle Kunden werden direkt von uns angeschrieben, viele kommen über das Internet auf uns, Mundpropaganda bringt auch oft neue Interessenten", erzählt Dieter Herbst, Marketingchef des Österreichischen Wachdienstes. Echte Werbung braucht eine Branche, die auch von der wachsenden Verunsicherung der Menschen lebt, ohnehin nicht.
Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Einbrüchen ins Eigenheim, Angst vor Besitzverlust: Der Wunsch nach Sicherheit und Ordnung entspricht dem gesellschaftspolitischen Trend in Österreich, analysiert die Wiener Stadtpsychologin und Sozialforscherin Cornelia Ehmayer: "Es sind gerade die vergleichsweise Reichen, die um ihren Reichtum fürchten und bei denen Projekte wie diese Private City Patrol sozusagen voll ins Schwarze treffen." Werden damit nicht auch erst Sicherheitsbedürfnisse geweckt, ein neuer Markt geschaffen? "Geschaffen vielleicht nicht, aber manchen Leuten wird da wohl erst ein Bedürfnis so richtig bewusst gemacht."
Neue unsichere Zeiten verlangen nach neuen kreativen Ideen für Sicherheitsprodukte, findet Private-City-Patrol-Erfinder Wiesinger. "Das ist auch klüger, als sich nur am traditionellen Markt gegenseitig die Geschäfte streitig zu machen." Sollte sein Pilotprojekt für die Kärntner Straße trotz der negativen Schlagzeilen funktionieren, will er das Konzept österreichweit vermarkten. Schließlich sei diese Sicherheitsidee in England, Frankreich oder Skandinavien schon seit Jahren am Markt. Aber auch abseits der Einkaufsstraßen-Wachmänner fehlt es der Securitas nicht an interessanten Projektideen: So hat Wiesinger für die niederösterreichische Kleinstadt Bruck an der Leitha ein Konzept erstellt, das dort in der Fußgängerzone Dutzende Überwachungskameras postieren möchte, um jeden Winkel der Einkaufsmeile filmen zu können. Derzeit berät der Gemeinderat noch über diese Idee, die Securitas möchte das Videoüberwachungskonzept gerne an diverse österreichische Gemeinden verkaufen: Jedem Provinzkaff sein persönliches Big-Brother-Spiel, jeder Einkaufsstraße ihre privaten Wachmänner.
"Das Gewaltmonopol muss aber ganz klar beim Staat bleiben", sagt Wiesinger. "Wir sehen uns nur als Ergänzung zur Exekutive", meint Herbst. "In Bereichen wie Drogenkriminalität oder bei Demonstrationen können wir die Polizei nicht ersetzen", ergänzt Landrock. Gemeinsam haben sich die großen Sicherheitsfirmen auch zu einer Grundausbildung ihrer Mitarbeiter nach EU-Norm entschlossen. Freiwillig, denn nach der Gewerbeordnung kann jeder, der "geeignet und zuverlässig" ist, Häuser, Geschäfte und Menschen bewachen. Für einfache Portierjobs muss man laut EU-Norm zumindest einen 3-Tages-Basiskurs machen, für einen Job beim Flughafensicherheitsdienst sind es immerhin ganze drei Wochen Ausbildung. Die Löhne sind dem bescheidenen Ausbildungsniveau angepasst - ein Wachmann verdient im Schnitt nicht mehr als 1450 Euro brutto. Nur wenige speziell geschulte Personenschützer kommen auf 2900 Euro brutto. Doch auch wenn Sicherheit ein Niedriglohngewerbe bleibt, wollen die großen Firmen weg vom ungeliebten "Nachtwächterimage".
Projekte wie die Sicherheitsexperten mit Turnschuhen in der Kärntner Straße sollen dabei helfen. Auch wenn sich so mancher durch die flotten Wachleute erst richtig bedroht fühlen könnte - glaubt Psychologin Ehmayer. "Die City-Cops können alleine durch ihre Präsenz auf der Straße das Gefühl von Unsicherheit wecken. Die Leute beginnen sich zu fragen, was gibt es denn hier, was man beschützen müsste? Muss ich mich fürchten?" Eine paradoxe Situation in einer an sich sicheren Stadt wie Wien. Ganz zu schweigen von den möglichen Folgewirkungen. "Unsicherheit und Unbehagen können zu einem aggressiveren Klima in der Stadt führen", meint die Psychologin. Schließlich seien private Sicherheitsleute auf den Straßen auch als Signal einer gewaltbereiten Gesellschaft zu verstehen, ihren Besitz mit Gewalt zu verteidigen.
Dass ein privater Wachtrupp am Rudolfsplatz in der Innenstadt schon einmal kurz und erfolglos für Sicherheit sorgte, bis sich dort die Auftraggeber selbst von ihren Sicherheitsmenschen bedroht fühlten, hat die Geschäftsleute in der Kärntner Straße nicht komplett abschrecken können: Zehn Kaufleute sollen bereits einen Vertrag für die Private City Patrol unterschrieben haben. Dreißig Teilnehmer wünscht sich die Securitas bis zum Start des Projekts am 3. Juni - auch wenn derzeit kaum ein Geschäft zugeben will, dass es den Schutz der Wachleute in Anspruch nehmen möchte. So hat etwa der Konzernsprecher von Humanic sogar via Leserbrief heftig dementiert, dass zwei seiner Filialen die Private City Patrol buchen wollen.
"Viele Geschäftsleute sind wegen der negativen Schlagzeilen der letzten Zeit etwas beunruhigt", sagt Oliver Feistmantl, Juniorchef eines Optikerbetriebs in der Kärntner Straße. Wer liest schon gerne in der Zeitung, dass er die Sicherheitsleute vielleicht auch fürs Vertreiben von lästigen Bettlern und Straßenkünstlern vor den eigenen Auslagen einsetzen würde. Oder dass er mithilfe der Wachmänner den Angestellten ein bisschen auf die Finger schauen will. Feistmantl zahlt die 219 Euro monatlich für die Private City Patrol, weil er damit Langfinger von seinen Brillen abhalten will. "Ladendiebstahl ist ein Riesenproblem für uns, und einen eigenen Wachmann fürs Geschäft können wir uns als 4-Mann-Betrieb nicht leisten." So einer würde nämlich zirka 3600 Euro monatlich kosten - ein Betrag, den sich diebstahlgeplagte Klein- und Mittelbetriebe durch den Gemeinschaftswachmann sparen können.
Rainer Trefelik, Obmann der Kaufleutevereinigung der Kärntner Straße, hat Verständnis für die Nöte der Geschäftsleute. So richtig gefallen will ihm die Idee von der Private City Patrol allerdings nicht. "So eine Patrouille könnte schon ein gewisses Unsicherheitsgefühl auf den Straßen erzeugen, das ist nicht unbedingt gut fürs Image", meint Trefelik. Außerdem sei es nicht einzusehen, dass die Kaufleute für mehr Sicherheit selbst aufkommen müssten - das wäre doch schließlich Aufgabe der Exekutive.
Das Geschäft mit der Sicherheit wird weiterhin wachsen. Hauptsache, man weckt keine negativen Emotionen und sorgt nicht für unfreundliche Schlagzeilen. Deshalb überlegt die Securitas jetzt, die orangen Jacken ihrer Wachmänner gegen unauffälligere einzutauschen. Sogar auf den martialischen Private-City-Patrol-Aufdruck will man jetzt verzichten: "Service in trust" soll stattdessen beruhigend von den Uniformen leuchten. "Wir wollen wirklich niemanden verunsichern", sagt Martin Wiesinger. Nur dezente Geschäfte sind gute Geschäfte.

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Mai 2002 © FALTER
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