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| These Boys are Tocotronic |
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MUSIK Mit ihrem jüngsten Album mutieren Tocotronic endgültig von der stilprägenden Indie-Schrummel-Formation zu den Beatles der deutschsprachigen Popszene. Mit dem "Falter" sprachen Dirk von Lowtzow und Jan Müller über den Spaß am Zitieren, die Sehnsucht nach Utopie und ihr Faible für die Sisters of Mercy. GERHARD STÖGER |
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"Dort aus dem Dunkel schauen zwei Augen und ihr Blick ist finster und schön. Ich merk es genau, doch kann es kaum glauben wir werden verwundet durch das, was wir sehen. Ich merk es genau, doch kann es kaum glauben der Kampf, den wir führen, muss weitergehen." Tocotronic: "Free Hospital", 2002 Dirk von Lowtzow ist ein außergewöhnlich höflicher Mensch. Es gibt zwar Dinge, die der Sänger, Songwriter und Gitarrist nicht leiden kann, aber er überlegt es sich lieber dreimal, bevor er seine Antipathien dezidiert artikuliert. Gar nicht ausstehen kann es der 31-Jährige etwa, wenn Leute auf den Konzerten seiner Band Tocotronic jene Lieder lauthals mitgrölen, die er ihnen gerade vorzusingen versucht. Entsprechend betrübt wirkt von Lowtzow, wenn ihn die stumpfe Masse bei ruhigen Passagen wieder einmal übertönt. Leidend steht er da, und man merkt, wie ihm die Frage durch den Kopf geistert, warum Teile des Publikums nicht begreifen wollen, was die Band seit Jahren vorexerziert: dass Rockmusik nicht nur eine klischeefreie Zone, sondern auch ein Paralleluniversum sein kann, das dem alltäglichen Lauf der Dinge eine durch und durch demokratische und grundhumanistische Alternative entgegenhält. Anstatt die Konzertbesucher aber aufzufordern, doch, bitteschön, endlich einmal den Mund zu halten oder beim nächsten Mal doch lieber zu den Toten Hosen zu gehen, schüttelte von Lowtzow in solchen Fällen nur missmutig seinen Kopf. Mit dem sechsten Album von Tocotronic, das schlicht den Bandnamen im Titel trägt, dürfte sich diesbezüglich einiges ändern. Von Lowtzow ist zwar höflich wie eh und je; seine Lieder haben sich aber merklich verändert. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) formuliert der Exil-Freiburger auf diesem bei aller Vielfalt wunderbar geschlossenen Werk konsequent aus, was auf dem 1999 veröffentlichten Vorgänger "K.O.O.K." bereits in Ansätzen vorhanden war. Vor dem stets präsenten Hintergrund der eigenen Geschichte erfinden sich Tocotronic praktisch neu: An die Stelle der einstigen Lo-Fi-Kracher sind inhaltlich rätselhafte und musikalisch bis ins letzte Detail ausgetüftelte Midtempo-Songs gerückt; der seit Wochen auf FM4, MTVIVA & Co rotierende und das Album eröffnende Singlevorbote "This Boy Is Tocotronic" führt mit seinen markanten Ohrwurmqualitäten jedenfalls eindeutig in die Irre. "Eines ist doch sicher: Eins zu eins ist jetzt vorbei!", singt von Lowtzow im letzten der 13 Stücke auf "Tocotronic", um die vollzogene Veränderung noch einmal ganz klar zu benennen. Gerade dieses "Eins zu eins" machte Tocotronic 1994 als Vorgruppe einer Blumfeld-Tour über Nacht bekannt: Präzise Alltagsbetrachtungen verwandelten sich in ihren schrummeligen Indie-Rock-Songs zu lakonisch-nörgeligen Slogans, in denen sich bald ein Massenpublikum wiedererkennen sollte. Dass der kommerzielle Erfolg dabei ohne ästhetische oder inhaltliche Zugeständnisse an den musikalischen Mainstream funktionierte, ist nicht die einzige Parallele zu den amerikanischen Grunge-Superstars Nirvana. Wie die Band um Kurt Cobain verkörperten auch Tocotronic eine selbstverständliche, im Kern angenehm antirockistische Form politischer Korrektheit, die gerade innerhalb der muffig-misogynen Rockkultur noch immer eher die Ausnahme denn die Regel darstellt. Im Musikbusiness stieß diese Haltung übrigens immer wieder auf Unverständnis. 1996 etwa, als Tocotronic den VIVA-Cometen in der Kategorie "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" erhalten sollten. Die Band kam zwar zur Verleihung, lehnte die Preisannahme aber mit der Begründung ab, dass weder ihr Alter noch ihre Nationalität einen besonderen Anlass zum Stolz böten. Tocotronic hatten zu diesem Zeitpunkt bereits drei Alben veröffentlicht, deren insgesamt 44 Stücke im Zeitraum eines knappen Jahres aufgenommen worden waren. Das Debütalbum "Digital ist besser" hatte das Trio in gerade einmal vier Novembertagen heruntergeklopft, drei weitere Tage fürs Abmischen füllten die Produktionswoche. Heute verbringen Tocotronic alleine für die Aufnahme und das Feinarrangement von 15 Stücken ("Manifesto" und "HiFi-Science-Fiction" sind als Bonustracks auf der ersten Single gelandet) gut eineinhalb Jahre im Electric-Avenue-Studio des Hamburger Musikers und Produzenten Tobias Levin. "Uns allen war klar, dass das, woran wir da arbeiten, fast größer ist als das, was wir können", meint von Lowtzow rückblickend und benennt mit diesem Mut zum Risiko einen der vielen Unterschiede zwischen Tocotronic und ihren selbstgefälligen Epigonen wie den österreichischen Langeweilern Heinz oder den populistischen deutschen Baukasten-Indierockern Sportfreunde Stiller. "Die letzte Platte ist zwar auch in sechzig, siebzig Studiotagen entstanden, aber die Arbeitsweise selbst hat sich strukturell nicht wesentlich von der zu den Platten davor unterschieden - wir haben die Stücke geschrieben, sind dann ins Studio gegangen und haben sie eben bestmöglich aufgenommen. Diese Lagersituation hat sich aber als enorm kräftezehrend erwiesen. Daher wollten wir für die neue Platte gemeinsam mit Tobias eine mehr oder weniger workshopartige Situation schaffen und erst einmal gucken, wohin der Ball rollt." Im kommenden Jahr feiern Tocotronic ihr zehnjähriges Bandjubiläum; seit ihrer selbst produzierten ersten 4-Song-EP sind bereits mehr als acht Jahre vergangen. Exakt jene Zeitspanne also, in der die größte Popband aller Zeiten ihr gesamtes Werk geschaffen hat. Im direkten Vergleich zu den Beatles - die von einer charmanten Beatcombo innerhalb kürzester Zeit zu einer kunstsinnigen Jahrhundertband wurden - sind die drei Hamburger inzwischen wohl beim "Weißen Album" angelangt. Eine allzu theoretische Herangehensweise an ihre Musik weisen die beiden Bandmitglieder aber zurück. "Natürlich macht man es nicht nur aus dem Bauch heraus", meint Jan Müller. "Wir haben uns auch bei der letzten Platte vorher sehr genau überlegt, was uns interessiert und wie man das umsetzen kann. Jetzt war es genau so, nur dass die Sachen, die uns mittlerweile interessieren, eben schwieriger zu erzeugen sind." Dass die Texte von einem Theoriefundament getragen würden, verneint von Lowtzow: "Ich habe vielmehr versucht, sie mit möglichst wenig Bastelarbeit schnell zu schreiben - fast schon im Stil des automatischen Schreibens." Diese Aussage mag angesichts der metaphorisch-verrätselt wirkenden Texte überraschen. Weiß man allerdings um von Lowtzows Leidenschaft für die Schriften von Gilles Deleuze und Michel Foucault, die Filme Dario Argentos und Kenneth Angers und seine Tätigkeit als Kunstkritiker für die Kölner Zeitschrift Texte zur Kunst, so wird der veränderte Gestus der Lyrics schon etwas nachvollziehbarer. Standen Tocotronic früher für eine subjektive Erzählung von Alltagsleben, an das das Publikum problemlos andocken konnte, hat von Lowtzow in seinen Texten inzwischen zu einer echten Individualität gefunden, die entsprechend schwieriger zu durchschauen ist. "Uns selbst kommen die Texte gar nicht so verrätselt und schwierig vor", meint er. "Tatsächlich glaube ich, dass es enorm viel Zeit gekostet hätte, um Texte zu schreiben, die diese subjektivistische Sicht auf ein Alltagserleben haben und das gut in griffige Slogans packen können. Dabei hätte man sich an einem Format abarbeiten müssen, das man selber vor einer gewissen Zeit definiert hat, und das hätte einen dann in die Rolle eines Werbetexters gebracht. Um wieder ähnlich unbefangen und spontan - wie beispielsweise auf unserer ersten Platte - schreiben zu können, mussten die Texte in eine ganz andere Richtung gehen." Während die Musik auf "Tocotronic" einen scheinbar selbstverständlichen Bogen vom düsteren Post-Punk von Joy Division über ausgefuchsten Progressiverock und den euphorischen Pop von Prefab Sprout bis hin zu French-House-Versatzstücken spannt und dabei doch immer "tocotronisch" klingt, funktionieren die Texte auf zwei Ebenen. Man kann sie entweder unmittelbar als assoziative lyrische Werke genießen oder sich aber auf die Suche nach ihren mehr oder weniger direkt anklingenden Referenzen machen. Das suggestive Bild des nicht löschbaren Feuers im Stück "Alles wird in Flammen stehen" verweist dann etwa auf Harun Farockis Anti-Vietnamkriegsfilm "Nicht löschbares Feuer", in dem der Regisseur die Wirkung von Napalm nicht erklärte, sondern durch das Ausdämpfen einer Zigarette am eigenen Körper demonstrierte. In den ersten Zeilen des Stücks "Dringlichkeit besteht immer" heißt es wiederum: "Das Licht aus. Den Schalter um. Hier ist das Imperium. In meinem Blick gibt es kein Zurück und kein Ende." Trotz der unverhohlenen Science-Fiction-Begeisterung der Band verweist das "Imperium" nicht auf Star Wars, sondern auf das Buch "Empire" der Gesellschaftskritiker Antonio Negri und Michael Hardt. Müller und von Lowtzow betrachten den Spaß am Identifizieren der Zitat-Quellen als kleinen Zusatz-, nicht aber als Hauptgewinn. Ein genaueres Ausweisen der diversen Anspielungen wäre von Lowtzow schlicht zu oberlehrerhaft: "So etwas wie ,nicht-löschbares Feuer' ist zuerst einmal ein super Ausdruck; und da ist es unwichtig, ob man weiß, dass das ein Filmtitel von Hanon Farocki ist oder nicht. Man will die Leute ja nicht bekehren." Das gilt gerade auch für ihre jüngere Hörerschaft, die von den neuartigen Inhalten bei Tocotronic vielleicht irritiert sein könnte. Von Lowtzow: "Es wäre ja ganz schrecklich, wenn man spezifische Sprachen für unterschiedliche Altersgruppen suchen würde, um verstanden zu werden. Tatsächlich ist das ja keine Altersfrage. Warum sollen das nicht auch jüngere Menschen verstehen - auf welche Art auch immer. Vielleicht gibt es da ganz produktive Missverständnisse. Es verbietet sich für mich nachgerade, immer auf Verständlichkeit abzuzielen." Tatsächlich könnten einzelne Sätze der Platte durchaus zu geflügelten Worten werden - wenn sie einen im Gegensatz zu älteren Tocotronic-Texten auch nicht sofort als solche anspringen. "Man möchte die Halbwertszeit natürlich möglichst verlängern", bemerkt Jan Müller dazu. "Auf unseren alten Platten sind aus heutiger Sicht schon Stücke dabei, die sehr zeitgeistig sind, und so etwas wollten wir diesmal vermeiden." Für Dirk von Lowtzow sind es gerade die schwierigen, scheinbar hermetischen und unzugänglichen Platten, die ihn selbst als Hörer am längsten beschäftigen: "Ohne dass es groß etwas mit uns zu tun hätte, aber ‚Tilt' von Scott Walker wäre ein Beispiel für eine derartige Platte. Ich erinnere mich, wie schön es war, die immer wieder zu hören und zu enträtseln. Auch bei HipHop-Platten verwiesen die Stücke oft in viele verschiedene Räume, in denen sich ständig neue Türen öffnen - ,36 Chambers of Shaolin' von Wu-Tang Clan etwa, das ist ja auch so ein wahnsinniges, aber unglaublich spannendes Dickicht." Ein "verwunderlicher Optimismus" würde die neuen Stücke durchströmen, meint die Presseinfo zu "Tocotronic". Und tatsächlich kristallisieren sich aus dem lyrischen Dickicht der Texte immer wieder hoffnungsvolle, ja rebellische Momente heraus. "Wir haben bewusst versucht, diese Larmoyanz, die uns ein bisschen angeheftet wurde, zu vermeiden und so etwas wie eine Utopie zu schaffen", erklärt Müller. Woran sich diese Utopie festmachen lässt? Von Lowtzow: "Vielleicht in dem Wunsch, dass man einer eigenen Schicksalshaftigkeit entrinnen und sich in größere Zusammenhänge stellen will. Es gibt etwa Textzeilen wie ,Wir müssen uns verschwenden an die Sache, die viel größer ist, als wir verkraften können'. Man versucht eben, sich nicht in seiner konkreten kleinen Welt zu verorten, sondern eher in einem größeren gedankenräumlicheren Zusammenhang - spaciger, irgendwie." Durchaus irdischer Natur sind dagegen die Zitate der Hitsingle "This Boy Is Tocotronic", die neben einem Van-Halen-Gitarrensolo und dem bei Technotronic geklauten Songtitel ("This Beat Is Technotronic") auch Anklänge an die alte Hymne "This Corrosion" der Düsterrocker Sisters of Mercy enthält. "Früher haben wir einfach irgendwelche Stücke als Single ausgekoppelt", erklärt von Lowtzow. "Seit ,Let There Be Rock' (von 1999, die Red.) interessiert uns aber das Format Single als solches, und wir haben gemerkt, wie viel Spaß es macht, Singles bewusst mit Zitaten zu spicken. Zumindest Jan und ich sind bekennende Fans der Sisters of Mercy. Bei denen ist alles so schön ausgedacht, und sie sind auch sehr humorvoll." Die Qualität eines kürzlich gemeinsam besuchten Hamburg-Konzerts der Band beurteilen die beiden Tocotronics aber durchaus unterschiedlich. "Begeisterung hat sich eingestellt", meint Müller, während von Lowtzow relativiert: "Na ja, wirklich magische Momente hat das Konzert nicht geliefert." Einig ist man sich hingegen, dass sich das eigene neue Album nicht mehr im Trioformat auf die Bühne bringen lässt. "Wir waren mit der Live-Umsetzung unserer letzten Platte im Nachhinein etwas unzufrieden, da wir es uns durch die Rückübersetzung auf das klassische Trio sehr einfach gemacht haben", meint Müller. Anstatt aber wie einst die Beatles vor der Komplexität der eigenen Musik zu kapitulieren, wachsen Tocotronic live bis auf weiteres eben zum Quartett an. Ob diese Veränderung die Fans vom Mitgrölen der Lieder abhalten kann, wird sich weisen. Tocotronic: Tocotronic (L'Age D'Or/Zomba), erscheint am 10.Juni. Tocotronic live: 15. Juni, Wiesen. |
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Juni 2002 © FALTER
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