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QUEER CULTURE Lucy McEvil ist längst kein Geheimtipp aus der Queer
Community mehr. Ihre Soloabende sind nicht nur politisch unkorrekt, sondern auch unterhaltsam.
Gerade spielte die Diseuse aus Hütteldorf in Bregenz Theater. Mit ihrer Gruppe O.R.A.L.
eröffnet sie diese Woche das Festival Wien ist andersrum. CHRISTOPHER WURMDOBLER |
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Schlimm", sagt die groß gewachsene Dame, die im dramatisch schwarzen Kleid in der Hängematte liegt. Sie senkt die schweren Lider über die blaugrauen Augen, zieht an ihrer Zigarette und schaukelt in der Abendsonne. Sehr mondän. "Echt schlimm. Ich lebe hier wie eine Nonne." Probenstress nämlich. Zwei Produktionen gleichzeitig im Endspurt. Und dazwischen noch Premiere. Zeit für Stars und Bars bleibt da nicht mehr, leider. Trotzdem wohnt Lucy McEvil nicht im Kloster, sondern in der Villa Valium. Und schließlich: Gin Tonic schmeckt auch im eigenen Garten. Wenn gut er eingeschenkt ist. Die Villa aus der Bühnen-Sitcom mit Kultstatus gibt es tatsächlich. Am äußersten Rand der Stadt in einer Hütteldorfer Kleingartensiedlung steht inmitten eines wunderschönen wilden Gartens jenes Knusperhäuschen, in dem Lucy McEvil seit nunmehr 16 Jahren residiert. Und sich von den Strapazen des Startums ausruht. "Eine Freundin aus Holland war einmal einen ganzen Sommer lang hier", erzählt die Sängerin und Schauspielerin. "Die fand es so entspannend, dass sie meinem Haus den Namen Villa Valium gab." Beim Festival Wien ist andersrum ist Lucy McEvil gleich zweimal vertreten: Einmal mit dem Soloprogramm "Drinkin Again", und - zur Eröffnung - mit ihrem Ensemble in der neuen "Villa Valium"-Folge "Auferstehung" (siehe Kasten). Längst ist die Wiener Diseuse mit Hang zum Toughen, zum Lidstrich und zu Gin Tonic keine subkulturelle Randerscheinung mehr. In wenigen Jahren hat sich die McEvil zum Star entwickelt. Ihre Fans lieben und verehren sie - unabhängig von sexuellen Präferenzen. Zugegeben: Lucy McEvil ist eine Kunstfigur. Ein Mann im Fummel, eine Transe. McEvil ist der Titel eines Songs der Gruppe Blood Sweat and Tears - und auch Programm. Obwohl sie das Image der Bösen eigentlich gar nicht so gerne zugesprochen bekommt. "Ich bin nicht böse", sagt die Diseuse. "Was ich sehe, ist böse. Und das reflektiere ich dann halt." Und zwar durchaus lustvoll. So werden, wie bei allen Kunstfiguren, bestimmte Wesenszüge übersteigert und überhöht, "das hat sich über die Jahre hinweg so entwickelt". Die Figur hat sich mit der Zeit verselbstständigt, die Bandbreite hat mit der Routine und den einzelnen Bühnenprojekten zugenommen. Gerade engagierte sie das Aktionstheater. In der Regie von Martin Gruber spielte sie die Polly in der "Beggars Opera"-Adaption "The Brokers Opera" am Bregenzer Festspielhaus. Ein moderner Musiktheaterabend mit Drum-'n'-Bass-Sound. Schick. Im "Alptraummännlein", ebenfalls eine Produktion des Aktionstheaters, zeigt sie sich wieder von einer ganz anderen Seite: Die Performance verzichtet völlig auf Sprache. Beide Stücke sind ab Spätsommer auch in Wien zu sehen. Lucy McEvil macht Unterhaltungstheater im besten Sinne. Sie spielt mit Äußerlichkeiten, kratzt aber auch an Oberflächen. "Aber wenn man nichts ausstrahlt, dann kann man sich aufbrezeln, wie man will, da kommt dann nichts." Genau deshalb mag Lucy McEvil das Flache, Eindimensionale überhaupt nicht. Und genau das unterscheidet sie auch von vielen anderen, die versuchen, mit Fummel, Schminke und Federboa Showbiz zu machen. "Ich habe nie ‚I will survive' gesungen", sagt McEvil und ist stolz darauf. Sie benötigt keine dreißig Kostümwechsel und die Gay Classics überlässt sie lieber anderen. Ihr erster Soloabend "Drinkin' Again" beschäftigt sich vor allem mit Songs der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Und zwar den eher unbekannten. "In Österreich gibt es immer noch diese Scheu, auch regionales Kulturgut anzufassen", findet McEvil und erzählt von der großen Tradition des österreichischen Chansons in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Von Bronner, Wiener und Co ("intelligente Texte, tolle Musik"), die man halt manchmal von der "etwas miefigen Moral" befreien müsse, "aber da bin ich hemmungslos". Alles sei jedenfalls besser, interessanter und neuer als die tausendste Brecht-Bearbeitung, sagt McEvil, verdreht dramatisch die Augen und fordert ein "zehnjähriges Aufführungsverbot für Surabaya Johnny". In der neuesten Villa-Valium-Folge macht sie sich nicht nur über Country-Nummern her ("schamlos"), sondern versucht sich auch noch im Bereich Jazzrock. Oder am "Heavy Chanson" (McEvil) eines Enzensberger. "Ich vergreif mich gerne an Sachen", sagt die Sängerin, die mit den Kollegen der Villa Valium bereits einen gefeierten Wienerlied-Abend zusammengestellt hat: "Man muss sich die Dinge einfach aneignen, sie zu ‚Gay Classics' machen." Österreichisches Liedgut dürfe nicht Gehrer und Schüssel allein überlassen werden, sagt die Diva in Anspielung auf das soeben neu herausgebrachte "Rot-weiß-rote Liederbuch" der sangesfreudigen ÖVP-Politiker. "Ganz davon abgesehen, dass die das wirklich miserabel machen." Obwohl McEvil sich durchaus als politischen Mensch bezeichnen würde, findet sie Kabarett in den meisten Fällen "superöde". Die Zeit sei reif, hochgradig politisch inkorrekt zu sein. Klar schöpft sie aus der Queer Community, mit deren Unterstützung sie es erst zur Szenegröße geschafft hat. Deren Umgangsformen und Codes werden persifliert und parodiert. Trotzdem ist das Theater der großen Schönen mit Divapotenzial nicht nur für die Szene interessant. Auch wenn eine wichtige Wiener Kulturschaffende die Einladung zu einer Premiere mit der Begründung ausschlug, sie halte "subkulturelles Theater, das sich über die geschlechtliche Orientierung definiert", gesellschaftspolitisch für fragwürdig. "Ich will hier doch keine Ghettofestspiele machen", so McEvil. Den Gradmesser für Erfolg hat sie trotzdem innerhalb der Community gefunden: "Ich habe viele lesbische Fans. Das war für mich der Punkt zu sagen: ‚Jetzt hab ichs geschafft.'" Denn gerade Lesben (aber nicht nur) hätten oft Probleme mit politischen Unkorrektheiten wie den häufig reaktionären Frauenbildern von Männern im Fummel. Eine Ausbildung - zumindest im Bereich Theater - hat McEvil nie absolviert. Anfangs habe es noch den "herben Charme des Unperfekten" gegeben, "aber wenn du weitermachst und es ändert sich nichts, dann kannst du noch so viele Freunde haben, die kommen dann auch nicht mehr zu deinen Stücken". Sozusagen als Naturtalent perfektionierte sie mit der Zeit ihr Können. Aber jeder Schauspieler habe ohnehin nur eine gewisse Bandbreite. Und eigentlich gebe es - ohne jetzt werten zu wollen - eh nur zwei Arten der Darstellerei: "Einerseits die Akteure, die ihr Handwerk grandios beherrschen, andererseits die divaesken Figuren, die mehr oder weniger sich selbst spielen." McEvil zählt sich - erraten - zur zweiten Gruppe. Obwohl: "Diva ist ja auch schon wieder so ein inflationärer Begriff." Zumindest in Sachen Alter ist sie Mega-Diva: "Ich war schon immer da." Seit vier Jahren tritt Lucy McEvil jetzt ausschließlich mit (mittlerweile siebenköpfiger) Band auf. Regisseur Rüdiger Hentzschel, der auch die "Villa Valium"-Folgen in Szene setzt, gibt McEvils Solos Form und Gestalt. Der Musiker Paul Hille arrangiert nicht nur Altes, sondern hat bereits den ein oder anderen eigenen Text der Diseuse vertont. Zum Halbplayback singen? "Hab ich noch nie gemacht. Würde ich auch nie machen." Mit Band zu singen, sagt sie, ohne "esoterisch klingen" zu wollen, das habe eine ganz eigene Qualität, eine ganz eigene Energie. Gearbeitet wird mit extrem knappen Ressourcen, bis vor kurzem musste McEvil sogar in der Gastronomie arbeiten, um die Produktionen zu finanzieren. Seit ein paar Monaten kann sie von der Schauspielerei leben. "Es wird noch größer werden", hofft Lucy McEvil auf den Fortschritt ihrer Karriere. Nein, zu Auftritten im Ausland würde sie nicht Nein sagen. Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Solange ihre Villa Valium am Wiener Stadtrand noch steht, sie im langen Schwarzen durch die Anlage spazieren und sich immer hierher zurückziehen kann. Zum Entspannen. Mit Zigaretten, Gin Tonic und Schaukel. Q Festival WIEN IST ANDERSRUM "Verlockungen" vom anderen Ufer Manche Dinge erklären sich dann doch nicht von selbst: "Großmutter, wir danken dir", heißt es auf den Plakaten, die für das Festival Wien ist andersrum werben. Darauf zu sehen: eine so genannte Trümmertranse, die, spöttisch dreinblickend, vor rustikaler Eichenschrankwandkulisse Hakenkreuzfahnen bügelt. Der verstörende Slogan spielt auf die österreichischen Neonazis an, die vor ein paar Wochen am Heldenplatz mit Transparenten, auf denen "Großvater, wir danken dir" zu lesen war, der deutschen Wehrmachtssoldaten kollektiv gedachten. Die Veranstalter möchten damit einerseits auf die Opfersituation von Lesben und Schwulen im Nationalsozialismus verweisen, jedoch auch anmerken, dass Lesben und Schwule damals auch auf der Täterseite standen - und dabei nicht nur Hakenkreuzfahnen ausgebügelt haben. Aha. Zum siebten Mal findet heuer das "Festival der Verlockungen vom anderen Ufer" (so der Untertitel) statt. Provokante Werbung ist seit jeher fixer Bestandteil des Programms. Genauso wie die bewährte Auswahl an internationalen - mittlerweile auch hierzulande bekannten - sowie lokalen Künstlerinnen und Künstlern aus der Queer Culture: Fünf Theaterabende, eine Reihe musikalischer Soloauftritte und Stand-up-Comedy. Der Ausweitung des Theaterprogramms seien, bedingt durch die Subventionspolitik, Grenzen gesetzt, sagt Festivalleiter Hannes Sulzenbacher. Vom Bund bekommt das aufmüpfige und politisch aussagekräftige Festival kein Geld (Sulzenbacher: "Die Nichtsubventionierung von Wien ist andersrum durch den Bund - begründet mit reichlich fragwürdigen, teils auch bizarren Argumenten - ist nur ein weiterer Ausdruck der kulturellen und gesellschaftspolitischen Kluft, die seit dem Februrar 2000 durch Österreich geht"). Die Stadt und eine Reihe von Unternehmen sponsern jedoch die nicht nur bei Wiens lesbischer und schwuler Community beliebte Veranstaltungsreihe. Mit einem Heimspiel eröffnet die Comedy-Truppe Ensemble O.R.A.L. - bestehend aus Lucy McEvil., Dusty O., Aleks und Rettig - Wien ist andersrum mit einem neuen Abenteuer aus der "Villa Valium". Nach Delogierung, Flugzeugentführung, Blutrache oder dem Kampf mit einer lächelnden Außenministerin dreht sich die jüngste Folge der Bühnen-Sitcom um Transzendenz. "Auferstehung" heißt auch die Produktion, die einmal mehr versucht, Wienerlied, Country & Western, Chanson und - neu! - sogar Jazzrock auf einen Nenner zu bringen. Daniel Isengard wird derzeit in New York als Bar- und Cabaretsänger gefeiert. In Wien zeigt der smarte Deutschfranzose sein Programm "Now More Than Ever": Amerikanische Standards, Songs von Knef bis Eurythmics und aktuelle Popinterpretationen. The Gablitzers gehören bereits zu den Stammgästen bei Wien ist andersrum. Diesmal steht die "Carmen"-Version des Kölner Trash-Theatermachers Walter Bockmayer ("Geierwally") auf dem Programm: Andalusien meets Austria. Vergangenes Jahr gehörten Malediva zu den Europride-Stars, heuer präsentiert das Duo Schaulaufen einen kabarettistischen Chansonabend zum Thema Paarbeziehung. "Böse und politisch, charismatisch und absurd", urteilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Soloabende gibts noch von der Amerikanerin Ursula West (Country), Maren Kroymann (Frauen-Satire, die männliche Klischees vorführt und persifliert - vergangenes Jahr hat das Publikum angeblich getobt vor Vergnügen), Lucy McEvil ("Drinkin' Again", siehe Hauptgeschichte), Tim Fischer ("Walzerdelirium") und Georgette Dee (die deutsche Diseuse und Diva schlechthin). Emmi Hempel-Bertie und ihr Herr Willnowsky gehören ebenfalls zu den Stammgästen beim Festival, und es bleibt zu hoffen, dass "All About Emmi" mehr Witz und Esprit hat als die Kommentare der beiden unlängst bei der "Wien ist andersrum"-Song-Contest-Party. Bewegungstheater zeigt Kris Niklison - neu bei Wien ist andersrum. Die argentinisch-holländische Künstlerin untersucht in "Dilemma" mittels Tanz, Performance und Akrobatik am Trapez, am Fernsehsessel oder fliegend an Seilen das Thema "Lieben und geliebt werden". Hauptspielort des Festivals wird heuer die Casanova Revue Bar in der Dorotheergasse sein. Vor zwei Jahren hat Wien ist andersrum dieses plüschige Prachtambiente auf mehreren Etagen für Theaterabende wiederentdeckt. Großmutter wird sich freuen. C. W. Wien ist andersrum, 6. bis 29. Juni, Spielplan im "Falter"-Programmteil; Infos, Termine und Tickets: www.andersrum.at |
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Juni 2002 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at