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"Fragen Sie Dr. Waldner!"
MUSEUMSQUARTIER Das MQ ist ein Jahr alt. Auch wenn die Besucherstatistiken erfreulich sind: Noch immer sind MQ-Gesellschaft und MQ-Mieter zerstritten, noch immer ist es nicht wirklich gelungen, das kühle Areal mit blühendem Leben zu erfüllen. MATTHIAS DUSINI (Text) und HERIBERT CORN (Fotos)

Falter 24 Originaltext aus Falter 24/02 vom 12.06.2002

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Die Warnung an die Leiter der verschiedenen Institutionen war diplomatisch wie ihr Verfasser: Es wäre sinnvoll, heißt es in einem E-Mail des Direktors der MQ Errichtungs- und Betriebsgesellschaft, die Statements "im Wege der einzelnen Presseabteilungen entsprechend zu akkordieren". Anlass für Wolfgang Waldners Besorgnis: Der Falter plane "einen größeren Beitrag zum Thema ein Jahr MQ". Die Warnung entlockt Dietmar Steiner, dem Direktor des Architekturzentrums Wien (Az W), nur ein resigniert wirkendes Lächeln: "Man würde sich leichter tun, hätte man hier nicht ein alles bestimmendes Über-Ich."
Vor einem Jahr rollte die "erste Eröffnungswelle" an, wie die MQ-Gesellschaft viel versprechend verkündete. Die Welle war ein Rinnsal: Zunächst sperrten nur die Kunsthalle Wien und das Az W ihre neuen oder neu renovierten Räumlichkeiten auf. Im September wurde dann mit einem missglückten Eröffnungsspektakel das offizielle Ende der ersten Bauphase gefeiert. Das Museum Leopold, das ZOOM Kindermuseum, das Museum moderner Kunst (Mumok), das Tanzquartier Wien und die von den Wiener Festwochen genützten Säle in der Winterreithalle sind seither in Betrieb. In einer zweiten Bauphase ist derzeit die Renovierung des an der Vorderseite des MQ gelegenen Fischer-von-Erlach-Traktes im Gang. Hier sollen unter der Dachmarke Quartier 21 einige kleinere Kulturinitiativen Platz finden.
"Das erste Jahr MQ hat gezeigt, dass die Idee, ein Kulturviertel zu schaffen, das zu Pluralismus, Autonomie, Konkurrenz und Ergänzung verpflichtet ist, nach wie vor zukunftsweisend ist. Die Wirklichkeit entspricht leider noch nicht dieser Idee", bilanziert Kunsthallendirektor Gerald Matt.
"Der Vorteil einer Massierung kultureller Einrichtungen wird leichtfertig verschenkt. Das MQ ist, obwohl mitten in der Stadt, von dieser abgeschnitten. Es liegt hinter hohen Mauern versteckt, sodass die Touristen zum Teil vorbeiwandern", ergänzt Mumok-Direktor Edelbert Köb.
"Mit Kunst hat das noch nicht viel zu tun", ächzt Sigrid Gareis vom Tanzquartier Wien. Alles, was man zur Belebung des Geländes tun wolle, habe gleich "Abstimmungsorgien" und "irrsinnige Kosten" zur Folge.
"Am Zentralfriedhof fühle ich mich heimeliger", ätzt Konrad Becker vom Computerclub Public Netbase, der vor einigen Monaten aus dem MQ ausgezogen ist. "Das ursprüngliche Versprechen, dass das MQ ein dynamischer Ort für zeitgenössische Kultur wird, ist nicht in Erfüllung gegangen."
Waldner selbst lassen solche düsteren Töne kalt. Seine Weste strahlt weiß: 1,5 Millionen Besucher, von denen 800.000 ein Ticket gekauft haben (Stand: 11. April). 4000 positive Presseberichte aus- und inländischer Medien. "Das Areal hat sich als einer der wesentlichen Attraktoren durchgesetzt. Mehr als vierzig Prozent kommen herein, um zu flanieren", sagt Waldner zufrieden.
In knappen Worten fasst Elisabeth Leopold, die Mitstifterin des Leopold Museums, ihr Jahr im MQ zusammen. "Die Erfolgsstatistik ist besser als erwartet. An Besuchern hat das Leopold Museum mehr als alle anderen. Die Dachmarke MQ ist für uns sehr ungünstig. Die Besucher wählen selektiv aus und nicht nach der Marke." Wie die Zusammenarbeit mit der MQ-Gesellschaft abgelaufen sei? "Kein Kommentar." Und: "Fragen Sie Dr. Waldner!"
Zwischen der Einschätzung Waldners und jener der MQ-Mieter klaffen Welten. Mit sachlicher, ruhiger Stimme schildert er die Erfolgsgeschichte des MQ, die seine eigene ist. Wie ein abgeklärter Bischof gegenüber aufgebrachten Kirchenkritikern zerlegt er die gegen die MQ-Gesellschaft vorgebrachten Einwände.
Können kritische Kulturvereine wieder ins MQ zurückkehren? Kein Problem, Angebote seien unterbreitet worden. Was wird unternommen, um das MQ nach außen hin sichtbarer zu machen? Schon vor zwei Jahren hätte er einen Infoscreen vorgeschlagen, ohne dass die Institutionen darauf reagierten. Es wird aber nach einer Lösung gesucht. Wird die Dachmarke MQ in Zukunft weiterhin beworben? Er hätte keine Dachmarke, sondern eine höchst erfolgreiche Standortmarke geschaffen.
Für jeden sachlichen Einwand hat Waldner zwei Gegenargumente. Wer so fest im Glauben ist, lässt sich durch nichts erschüttern. Lediglich auf die häufig geäußerte Kritik, dass Waldner seine Pflichten als Facility-Manager - eine Art technischer Leiter des MQ - zugunsten seiner Tätigkeit als Veranstalter vernachlässige, reagiert er mit spürbarer Emotion. "Ich sehe mich nicht in der Rolle des Glühbirnenauswechslers. Ich plane sogar, das Facility Management auszulagern. Ich bin von den Eigentümern beauftragt, die Rolle der Gesellschaft als Nutzer und Bespieler, als Garant der Vielfalt und Flexibilität und der temporären Bespielung wahrzunehmen. Das ist manchen nicht recht, manchen egal und Dritten willkommen."
Das Lieblingsprojekt von Waldner als Veranstalter ist das vom Kunstkritiker Vitus H. Weh betreute Quartier 21, das den Fischer-von-Erlach-Trakt, einige Räume im hinteren MQ-Teil und die Innenhöfe umfasst. Im Sommer werden die ersten Kulturvereine in die ehemaligen Reitställe ziehen, und der Künstler Josef Trattner wird die Höfe mit großen, roten Schaumstoffwürfeln möblieren. Die MQ-Pressestelle verspricht "einen inspirierenden Sommersitz zum Liegen, Lagern und Ausspannen".
Die MQ-Hauptmieter haben sich bei ihren Outdoor-Plänen in Zurückhaltung zu üben: Jede Veranstaltung muss von Waldners Büro genehmigt werden, sogar Miete wird verlangt. "Das Problem besteht darin, dass der öffentliche Raum hier kein öffentlicher ist", sagt Dietmar Steiner. "Jedes Auto, das länger als dreißig Minuten hier steht, wird wegen Besitzstörung angezeigt." Anders als in anderen Schanigärten dürfen die MQ-Wirte nur bis 22 Uhr im Freien servieren, da die Flächen rechtlich wie Wohnräume behandelt werden. "Gerade während der Festwochen ist das eine Katastrophe", sagt Una Abraham, die das Café Una neben dem Az W betreibt. Wie sie sich als tägliche Benutzerin hier fühle? "Mir fehlt eine Infrastruktur für Normalsterbliche: ein Greißler, eine Trafik."
Während Waldner vorne am Altar den Erfolg des MQ predigt, ertönt aus den Seitenschiffen das Lamento der Häretiker. Für die Kunsthalle hätte sich "der MQ-Effekt als vernachlässigbar erwiesen", sagt Gerald Matt. "Die Menschen kommen wegen der Kunst und den Künstlern, nicht wegen eines Logos." Zwar sei es zu einer Steigerung der Besucherzahlen um zwanzig Prozent gekommen, aber nur "durch entsprechend attraktive Projekte". Synergien zwischen den einzelnen Institutionen sieht Matt eher durch die Inhalte als durch den Ort gegeben. Immerhin hätten die zahlreichen internen und öffentlichen Auseinandersetzungen mit der MQ-Gesellschaft einen positiven Effekt gehabt - "Korpsgeist und Solidarität zwischen den Häusern".
Auch Tanzquartier-Chefin Sigrid Gareis hätte sich "mehr Synergien" erwartet. Viele Leute kämen trotz, nicht wegen des MQ ins Tanzquartier. Und: "Die Künstler, die hier arbeiten, finden das MQ am Anfang toll. Aber je länger sie da sind, desto mehr bemerken sie, dass das noch nicht wirklich lebt."
"Viele Besucher beschweren sich über das Leitsystem", erzählt Martina Simbürger vom ZOOM Kindermuseum. Auch wenn die Besucherzahlen "über den Erwartungen liegen", sei das Areal für ihre jungen Besucher insgesamt keine Attraktion. "Die Restaurants sind für unser Publikum zu teuer." Es fehlen Sitzgelegenheiten und schattige Plätze in den Höfen. An solchen Details wird plastisch, worin die Mieter die Aufgaben der MQ-Gesellschaft sehen: dafür Sorge zu tragen, dass das Fahrwerk läuft.
"Wenn man das MQ mit einem Formel-1-Rennen vergleicht, dann ist es notwendig, dass der Chefmechaniker nicht gleichzeitig auch versucht, Pilot zu sein. Wir gehen davon aus, dass er sich seiner Aufgabe widmet und damit den Piloten das Leben leichter macht", sagt Gerald Matt. "Ich bin Pilot - oder besser: Jolly Joker", pariert der ÖVP-Mann Waldner den Aufschlag des SPÖ-Vertreters Matt. "Die Institutionen denken nur an sich selbst. Ich habe den Überblick."
Orientierungslose Besucher, die in einem Gebäude umherirren, das an Kafkas "Schloss" erinnert: Was das MQ im Großen, ist das Mumok im Kleinen. Daher hat Direktor Köb sein Sammlungsbudget in den Umbau des eben erst eröffneten Gebäudes gesteckt. Seit zwei Wochen ist das Museum verriegelt. Stellwände werden eingerissen, um Platz für die Kunst und Luft für die Besucher zu schaffen. Die Besucherstatistik sei für das Mumok dennoch positiv ausgefallen. Immerhin 130.000 Besucher hätten den dunklen Würfel vor den Umbauarbeiten besucht. "Das ist immerhin doppelt so viel wie vorher mit zwei Häusern", erläutert Köb.
"Zuwächse, aber nicht in dem von uns erwarteten Ausmaß", konstatiert Dietmar Steiner vom Az W. "Wir rechneten, dass wir mit zwei Ausstellungsräumen auf 100.000 Besucher pro Jahr kommen müssten. Es werden aber maximal 50.000 sein." Der Architekturkritiker Steiner verweist aber nicht nur auf das mangelhafte Facility-Management der MQ-Gesellschaft und deren Bürokratismus. In zwei Punkten sei die Architektur des MQ danebengegangen. Der gravierendste Fehler in der Infrastruktur war die Einsparung der unterirdischen Erschließung, wobei eine Zufahrt an der Burggasse und eine Ausfahrt bei der Mariahilfer Straße vorgesehen war. "Das heißt, dass die Zulieferung nie funktionieren wird."
Zweitens: "Man hätte die Reithalle abreißen müssen, spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem klar war, dass sie keine Lobby für anliegende Institutionen sein wird wie im ersten Entwurf von Ortner & Ortner geplant. Es war ein absoluter Fehler, die zwei Hallen in die Reithalle hineinzustopfen, die wie ein Riegel da steht. Das hätte eine offene, metaphorisch gesprochen: transparente Geschichte sein sollen. Die Kunsthalle da hinten dran ist wirklich ein Fehler."
Eines ist mir bereits in meinen ersten Gesprächen aufgefallen: Es besteht quasi ein innerer Befehl, das MuseumsQuartier abzulehnen", sagt die Soziologin Annette Baldauf, die an einer vergleichenden Studie über den Einfluss der Kulturindustrie auf Stadtentwicklungen arbeitet. Nach dem City Walk in Los Angeles und dem jüdischen Viertel in Krakau beginnt sie nun eine Analyse des MQ. "Die Intention der MQ-Planer war es, Altes mit Neuem zu verbinden. Mein erster Eindruck ist: Es ist weder alt noch neu." In Bezug auf die viel beschworene Unterschiedlichkeit der einzelnen Institutionen meint sie: "Ich sehe das MQ innen eher als homogenes Gebilde. Vielleicht ist es schwierig, die Institutionen voneinander abzuheben, wenn das MQ nach außen hin so hermetisch wirkt."
Eine Beobachtung habe ihr geholfen, den Geist des Ortes zu erfassen. Ein Mädchen jonglierte im Innenhof mit einigen Ringen, einfach so. Schon nach kurzer Zeit warfen Touristen Münzen auf ihren Pullover. "Jeder, der hier hereinkommt, erfasst intuitiv: Dies ist ein durch und durch kommerzieller Platz." Während des Interviews sitzt Baldauf im Garten des spärlich gefüllten Café Una. Es ist elf Uhr morgens. Im Becken vor der Kunsthalle plantschen Kinder. Es ist sehr heiß für einen Morgen im Juni. Der Marmor des Leopold Museums strahlt in diese Fußgängerzone für Besserverdiener.
Auf die Frage nach einem filmischen Vergleich für das MQ verweist Dietmar Steiner auf die Schlussszene in Michelangelo Antonionis "Professione: Reporter": Die Kamera fährt über ein verlassenes spanisches Dorf. Der Architekt Laurids Ortner zog im Falter-Interview anlässlich der MQ-Eröffnung vor einem Jahr einen anderen Vergleich: "Sie gehen durch einen gebauten de Chirico, durch eine Umgebung, die Sie vielleicht einmal geträumt haben: Keiner der Teile ist unbekannt, aber die Zusammenstellung der Teile befremdlich, weil die Tagesreste in dem Traum eigenartig kombiniert sind."
Die in New York lebende Vorarlbergerin Baldauf gerät über diesen Vergleich ins Sinnieren. Gleicht das MQ nun eher einem Bühnenbild, einer Filmkulisse oder einem Gemälde? "Es hat eher etwas von einem statischen Bild, würde ich sagen, und sehr wenig von einer dynamischen Bühne."


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Juni 2002 © FALTER
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