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Geburtstage sind gefährlich. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Todesdaten oft ganz nahe bei den Geburtstagen liegen? Wenn man auf Friedhöfen durch die Gräberreihen spaziert, merkt man es, dass viele Menschen oft ganz kurz vor oder nach ihrem Geburtstag gestorben sind. Denken Sie nur an Queen Mum oder Ernst Jandl. Woran das liegt? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil es gilt, noch etwas abzurunden. Ich weiß auch nicht, ob diese Sterbe-Geburtstagskoinzidenz nur für Menschen oder auch für Einrichtungen gilt? Haben nicht der Konsum und Julius Meinl kurz vor ihrem Konkurs beziehungsweise Verkauf noch ein Jubiläum gefeiert? Was ist mit dem FC Tirol? Mit Libro? War nicht die erfolgreichste österreichische Fernsehsendung, der "Seniorenclub", genau 25 Jahre alt, ehe man sie eingestellt hat? Geburtstage sind gefährlich, daher sollte man sie vielleicht besser ignorieren.
Jeder Beruf hat seinen Albtraum. Der Albtraum eines Geburtstagskindes aber ist es, sich selbst nicht zu erleben. Der Albtraum des Schriftstellers ist der unwiederbringliche Verlust seines Manuskriptes, was dem Filmvorführer der Filmriss, ist dem Fußballer das Eigentor, dem Fußballfan ein Weltmeister Amerika, dem Schauspieler das Blackout. Der Albtraum eines Nachrichtensprechers ist der nicht mehr zu kontrollierende Lachkrampf, während ein Totengräber wohl nichts so sehr fürchtet wie das Ausrutschen und Ins-offene-Grab-Fallen vor versammelter Trauergemeinde. Was dem Versicherungsbetrüger die vergessene Polizze, ist dem Schneider ein Mottenbefall, dem Prosekturgehilfen ein lebendiger Toter. Den Albtraum eines Falter-Redakteurs aber kenne ich natürlich nicht. Ich hoffe freilich, dass nicht ich, als nicht mehr enden wollende geburtstagsredende Franzobel-Spirale, dazu werde: zum Albtraum-Leitmotiv in den Sandmännchenkisten der Falter-Redaktion.
Jetzt jedenfalls ist es zu spät. Jetzt kann man den Geburtstag nicht mehr verheimlichen, jetzt hat mich die Falter-Mannschaft längst gebeten, heute Abend eine kleine Geburtstagsrede zu halten, und mittlerweile stehe ich ja auch bereits vor Ihnen mit aufgezogener Textspirale, komme dieser Bitte gerne nach und stelle mit Erstaunen fest, dass sich zumindest mein Albtraum von der in einer Bierlache zerrinnenden Druckertinte am Manuskript, einer Bierlache, die ich entweder meiner eigenen Tollpatschigkeit oder, in der gesteigerten Albtraumvariante, der Böswilligkeit eines anderen Festredners verdanke, vielleicht Armin Thurnher, möglicherweise weil der Herausgeber des Falter, der Siegfried Unseld der Wiener Stadtzeitung gewissermaßen, weil dieser geschätzte Armin Thurnher also erfahren hat, dass ich noch immer nicht weiß, wie man ihn jetzt genau schreibt, ja, ich ihn sogar irgendwann einmal der Verwandtschaft mit der freilich ganz anders zu schreibenden Nachrichtensprecherin Ingrid verdächtigt habe. Turmherr wie der Ritter oder Turnherr wie der Zirkeltrainer? Oder gar Turner wie der Maler? Oder Törner wie der Einraucher? Ja, aber vielleicht hat er, Thurnher, ja auch erfahren, dass ich ihn irgendwann einmal optisch mit dem Landeshauptmann Oberösterreichs verglichen habe? Oder verdanke ich die albtraumhaft zerlaufende Druckertinte am Manuskript einem Viennale-Verantwortlichen, der von meinem Anti-Cineastentum weiß, davon, dass ich in den vergangenen 15 Jahren zwar gezählte viermal im Kino gewesen bin, aber nie, kein einziges Mal davon einen Film gesehen habe: Dreimal habe ich selbst vorgelesen, einmal war ein Konzert. Er vielleicht rächen will, dass der Falter mit mir quasi eine Anti-Ilse-Aichinger mit der Geburtstagsrede beauftragt hat, einen Anti-Cineasten, damit nur ja keine Gefahr besteht, hier Filme nacherzählt zu bekommen.
Zumindest dieser Albtraum von der Druckertinte in der Bierlache hat sich bislang nicht erfüllt, ja auch eine Pupillenstarre scheint nicht einzutreten, und die Geburtstagskinder, scheint es, erleben sich auch selbst, obwohl ich nochmals warnen muss, Geburtstage sind gefährlich, Geburtstagen darf man nicht trauen. Habt Obacht vor Geburtstagen. Ich halte von Geburtstagen naturgemäß also nicht so viel. Im Gegensatz zu meiner Frau, der ein Geburtstag der wichtigste Tag des Jahres überhaupt ist, bin ich ein ziemlicher Geburtstagsignorant. Ja, seit ich einen ganzen Nachmittag in der Astgabel eines Apfelbaums verbracht habe, um Ausschau zu halten, wann denn die drei in der Zehnerpause spontan eingeladenen Mitschüler endlich kommen würden, um mit mir meinen zehnten Geburtstag zu feiern, und wir (meine Eltern) ? wie auch die von mir Eingeladenen (deren Eltern) ? damals, 1977, im Geburtsjahr des Falters also, noch kein eigenes Telefon, sondern nur einen so genannten Viertelanschluss besaßen, der irgendwelcher Mitviertler wegen dauernd besetzt gewesen ist, ich also den ganzen Nachmittag aus der Apfelbaum-Astgabel nicht herausgekommen und zusehends in Enttäuschung und Erfrierung versunken bin, seit damals habe ich eine leichte Geburtstagsaversion. Mein Geburtstag ist nämlich nicht am 6.6., sondern am 1. März, und der war damals wie immer eigentlich eher kalt. Erst am nächsten Tag habe ich die Gründe für das Nichterscheinen meiner Freunde dann erfahren. Bei einem hatte der Vater Nachtschicht, musste schlafen und konnte ihn nicht fahren, der andere war Bauernkind, musste am Hof helfen, der dritte hatte glatt vergessen.
Seit damals bin ich also ein Geburtstagsskeptiker, was ich aber, das gebe ich gerne zu, bis 1986 meiner Verwandtschaft keineswegs auf die Nase gebunden habe. Solange nämlich gab es ja Geschenke. Partys freilich gab es nie. Wobei ich das mit den Geschenken ja bis heute noch nicht ganz kapiere. Weshalb werden Geburtstagskinder beschenkt? Handelt es sich um einen symbolischen Mutterkuchenersatz? Eine Reserveplazenta? Oder wird schlicht das Überleben gefeiert? Egal!
Ich bin 1981 mit der Hauptschule Lenzing das erste Mal in Wien gewesen, kann mich aber nicht erinnern, damals auf den Falter gestoßen zu sein. Wobei mir von dieser so genannten Wienwoche ohnehin nichts in Erinnerung geblieben ist, als dass den reiferen Mädchen dauernd von Zuhältern eine Arbeit versprochen worden ist, wir pubertierenden, Mad und Yps lesenden Buben aber, wohl aus Frust darüber, allen voran eben jener Schichtarbeitersohn, Hans Peter Lenzeder, der vier Jahre vorher zu meiner Geburtstagsfeier nicht gekommen war, schon damals, 1981, 120 Kilo wog und den etwas außergewöhnlichen Berufswunsch Dickster-Mann-der-Welt hatte, uns mit Unmengen der zu jener Zeit heftig beworbenen Inzersdorfer Pusta- und Zigeuneraufstriche vollstopften.
Das nächste Mal war ich erst wieder 1986 in Wien, um eine Gemma-liegn-Brieffreundin aus der Steiermark zu treffen. Und damals, es war just in jenen Tagen, in denen neben dem Gemma-liegn auch Tschernobyl passierte, stieß ich, das weiß ich noch genau, das erste Mal auf einen Falter. Nicht bloß das Format irritierte mich, nein, auch der Name, der mir damals nichts anderes als Schmetterling bedeutete, was eher nicht sehr progressiv besetzt gewesen ist. War das also das viel gepriesene Lebensgefühl die Wiener? Wie eine Butterfliege? Papillon? Aber ich war natürlich auch in keinster Weise vorbereitet, hießen doch die fortschrittlicheren Zeitungen, die man bei mir daheim in Lenzing damals bekommen konnte, Wiener, MOZ, Basta oder Extrablatt. Da ein Gutteil meiner Kindheit aus Einkaufsfahrten ins nahe gelegene Freilassing bestand, kannte ich auch Titanic und Konkret, ja sogar das Pardon war mir vertraut.
Und trotzdem war ich auf diese Erstbegegnung mit dem Falter in keinster Weise vorbereitet, was sich schon daran zeigte, dass ich ihn als simple Programmzeitschrift missbrauchte, mit seiner Hilfe einen Kabarettabend ausgerechnet der Hektiker besuchte, woraufhin sich sowohl die Beziehung mit meiner Gemma-liegn-Brieffreundin als auch mit dem Kabarett radikal erledigt hatten.
Nicht aber mit dem Falter. Der ist mir in den vergangenen 16 Jahren, in denen ich nun schon in Wien lebe, immer wichtiger geworden. Und je mehr der Fellnerismus die österreichische Zeitungslandschaft verunmöglicht, desto mehr wird dieser zarte Falter zu einer Bastion für einen unabhängigen Journalismus, einem letzten Medium, in dem Menschen wie der von mir verehrte Phettberg möglich sind. Mindestens seit nunmehr acht Jahren, in denen ich zeitbedingt kaum noch einer Abendunterhaltung bedarf, weil ich sie meist ja selbst bin, ist mir der Falter keine Programmzeitschrift mehr, sondern eine Wochenzeitung mit Programm, die, so scheint es mir, zusehends erwachsen geworden ist. Das Hochner-Interview, die gewonnene Klage gegen Haider oder auch die Tatsache, dass man den Falter mittlerweile auch am Bahnhof in Attnang-Puchheim bekommt, sind wohl nur die äußersten Zeichen dieser Reife.
Der Falter ist ein bisschen ein Signal dafür, dass doch noch nicht alles ganz verloren ist, machen auch die Libros alle Buchhandlungen kaputt, um sich dann selbst zu suizidieren, zerstören die Treibmittel-Fertigteigwärmer-Ketten alle Bäckereien, richtet die Regierung allen sozialen Fortschritt zugrunde, stehlen die Wiener Gratisräder, lädt man Grissemann/Stermann nicht zum Song Contest ein und machen auch die Fellners alle anderen Zeitungen kaputt. Wozu mir einfällt, dass ich vorige Woche auf einem Kurzurlaub in der Türkei zwei News-Reporter getroffen habe, die zum ersten Mal in ihrem Leben selbst ein ganzes News gelesen hatten und entsetzt waren, glaubhaft entsetzt, weil sie persönlich natürlich für ganz etwas anderes standen und als Beispiel auch gleich Thomas Forstner zur Hand hatten, der sich auch nie wirklich mit seinen Schlagern identifizierte, sondern immer Hardrock machen wollte, wie vielleicht ja auch alle anderen, die irgendetwas anrichten, persönlich möglicherweise nett sind, glauben, dass sie nichts dafür können und privat für anständige Dinge eintreten, sich aber trotzdem in die Karriere-Pflicht nehmen lassen und zumindest, wie sie sagen, vorübergehend in irgendwelche Zwänge-Hierarchien, um also, sich selbst entfremdet, etwas zu tun, womit sie eigentlich nicht einverstanden sind, um später einmal, wenn sie außer einer vagen Ahnung nichts mehr davon wissen, so sein zu können, wie sie glauben, dass sie wirklich, wirklich einmal gewesen sind. Wird also diese Welt von dieser Ich-mache-das-jetzt-nur-weil-es-nicht-anders-geht-Mentalität beherrscht und kaputt gemacht, dann ist es Balsam, etwas Authentisches, etwas Echtes, nämlich einen Falter herumflattern zu sehen.
Ist bei einem Menschen der 25er nur als Ausnahmefall eine Leistung, so gilt das keineswegs für eine Stadtzeitung wie den Falter. Da ist jedes Jahr eine Leistung, und da gilt es auch zu gratulieren. Und auch, wenn ich immer noch der Meinung bin, dass Geburtstage gefährlich sind, man aufpassen muss, gehört diese Gefahr doch auch irgendwie dazu, wünsche ich dem Falter, und der Viennale selbstverständlich auch, dass noch viele kommen mögen. Singen, weil ich es nicht kann, werde ich jetzt nicht, nur sagen: Happy birthday to you.
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