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"Ich liebe das Verzetteln"
LITERATUR Gerhard Roth wird sechzig und steckt mitten in den Arbeiten zu seinem Roman-Zyklus "Orkus". Mit dem "Falter" sprach der Schriftsteller über die Macht der Schauplätze, über den Zusammenhang von Recherche und Fantasie, über den Niedergang von Jörg Haider und das Charisma von Alfred Gusenbauer. KLAUS NÜCHTERN

Falter 25 Originaltext aus Falter 25/02 vom 19.06.2002

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Auch Thomas Mach, Gerhard Roths jüngster Held aus dem Roman "Der Strom", der im August erscheinen wird, tritt den "Gang in die Tiefe" an. Er begibt sich in die Katakomben von Alexandria, um den Gründen für den Tod einer Reiseleiterin auf die Spur zu kommen. Und Spuren findet er allerorten: Aufzeichnungen in einem Notizbuch, Fotos in einer Schreibtischlade, ja selbst abstrakte Ornamente oder "die unsymmetrischen Muster", die herumschwirrende Fliegen bilden, scheinen ihm etwas mitteilen zu wollen - von der inneren Stimme, die Mach immer wieder seltsame Anweisungen erteilt, einmal ganz abgesehen.

Wie die Helden, die sich in den Romanen seines auf sieben Bände angelegten Zyklus "Orkus" (bisher erschienen: "Der See", "Der Plan", "Der Berg") stets in undurchsichtige Verbrechen und Machenschaften verstrickt finden, ist Gerhard Roth ein besessener Spurensuchender. Der am 24. Juni 1942 in Graz geborene Schriftsteller, der sein Medizinstudium abbrach und zehn Jahre lang als Organisationsleiter des Grazer Rechenzentrums arbeitete, dringt immer wieder in die Untiefen der (hauptsächlich jüngeren) Geschichte vor, fördert Indizien, Erzählungen, Fundstücke zutage.

Schon in seinem siebenbändigen Zyklus "Die Archive des Schweigens", der soebenin einer zweibändigen Sonderausgabe aufgelegt wurde, unternimmt Roth Reisen an die Peripherie der österreichischen Geographie und Geschichte. Vor allem mit "Der stille Ozean" (1980) und seinem Opus magnum "Landläufiger Tod" (1984) ist es Roth gelungen, die heimische Provinz zum Kosmos zu weiten und der "Objektivität" der Geschichtsschreibung eine Literatur entgegenzustellen, die ihre Kraft aus der Genauigkeit der Beschreibung und Beobachtung und einer sich daran entzündenden, die Randlagen des Bewusstseins und der Sprache mit einbeziehenden Fantasie bezieht.

Falter: Herr Roth, wo werden Sie denn Ihren sechzigsten Geburtstag feiern?

Gerhard Roth: Wie seit längerem geplant, fliege ich nach Madeira. Dort liegt Kaiser Karl begraben, von dem mein nächstes Buch handeln wird - genau genommen von einem Historiker, der über diesen letzten österreichischen Kaiser arbeitet. Ich habe auch zu Pfingsten den 90-jährigen Otto von Habsburg in Bayern aufgesucht, der zehn Jahre alt war, als sein Vater mit 34 Jahren an der spanischen Grippe gestorben ist. Er musste am Ende des Bettes knien, um zu sehen, wie ein Katholik und Kaiser stirbt.

Der Zyklus "Orkus", an dem Sie seit Jahren arbeiten, führte bislang weit von Österreich weg: "Der Strom", der demnächst erscheinende vierte Band, spielt in Ägypten. Wie stark ist denn der Einfluss der Schauplätze auf die Romane selbst?

Manche der Geschichten sind aus den Schauplätzen erwachsen: "Der Plan" etwa spielt in Japan, wohin ich zu einer Lesereise eingeladen worden war, die mich sehr inspiriert hat. Die ursprüngliche Idee war ja, eine alte Weltkarte nach Japan schmuggeln zu lassen. Wie ich in der Nationalbibliothek feststellen musste, waren die aber sehr groß und daher auch sehr schlecht zu schmuggeln. Am selben Tag wurde mir die Erlaubnis erteilt, dort das Autograph des Mozart-Requiems anzusehen, wobei mir aufgefallen ist, dass da ein Eck der letzten Seite fehlt. Mir war sofort klar, dass das noch besser ist als eine alte Landkarte. Ich musste dann allerdings sehr viel nachlesen, da all diese Geschichten um das Requiem sehr umstritten sind.

Laufen Sie nicht auch Gefahr, sich bei den Recherchen zu verzetteln?

Ich liebe das Verzetteln! Der "Tristram Shandy" von Lawrence Sterne beispielsweise ist ein Buch, das überhaupt eine einzige Verzettelung darstellt. In der Pragmatik des Schreibens muss aber einmal Schluss sein mit dem Verzetteln. Der Stoff muss so stark werden, dass man den täglichen Kreuzweg zum Schreibtisch geht und dennoch animiert ist, sich weiter damit zu beschäftigen.

Ist es denn ein Kreuzweg?

Ja, schon. Es ist schon schlimm, wenns draußen schön ist oder man eigentlich was anderes machen könnte. Laufen Recherchen und die Schreibarbeit parallel? Ein Reißbrett wie Doderer habe ich nicht. Ich habe allerdings zehn Jahre in der elektronischen Datenverarbeitung gearbeitet, in der es die so genannten Flow Charts gibt - ein Entwurf für ein Programm, der im Wesentlichen Kupplungsstellen aufzeigt: Wo muss wann was passieren, damit das und jenes funktioniert. So weit gehe ich schon, dass ich diese Punkte herausfinde.

Wie stark orientieren Sie sich an dem, was Sie vor Ort vorfinden?

Im Falle des "Landläufigen Todes" gab es etwa zwanzig Notizbücher und 10.000 Fotos, und ich hatte nur einen Bruchteil davon für den "Stillen Ozean" verwendet, bei dem ich mich recht genau an das Material gehalten habe. Es blieb mir eine riesige Materialsammlung, von der ich nicht wusste, wie ich diese Hunderten einzelnen Geschichten in ein einziges Buch fassen sollte. Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich den Roman nicht linear erzählen kann, sondern dass ich ihn wie einen fliegenden Bienenschwarm betrachten muss. So habe ich diesen Stoff in den Griff bekommen. Ich habe während der ganzen Arbeitszeit aber keine einzige Notiz und kein einziges Foto mehr angesehen, wodurch sich das Material sehr stark verändert und mit der Fantasie vermischt hat.

Ihr neuer Zyklus "Orkus" soll auch wieder sieben Bücher umfassen: "Der See", "Der Plan", "Der Berg" sind bereits erschienen, "Der Strom" kommt im August, "Das Labyrinth" und "Die Stadt" sind geplant. Macht sechs Bände - habe ich mich verrechnet?

Der siebente ist der Bildband. So wie "Im tiefen Österreich" als Bildband die "Archive des Schweigens" eingeleitet hat, soll ein solcher am Ende von "Orkus" stehen. Nach den "Archiven des Schweigens" hatte ich vor, einen Wien-Roman mit der Hauptfigur Jenner zu schreiben, dem Mörder aus den "Archiven". Beim Ausarbeiten der Figuren und ihrer Lebensläufe habe ich nach eineinhalb Jahren allerdings gemerkt, dass das zu aufwendig wird. Daher habe ich mich entschlossen, über jede dieser Figuren einen Roman zu schreiben, und dass sich diese dann alle im sechsten Band in Wien begegnen sollen. Das gibt mir große Freiheiten - bis zum fünften Roman, dem Flaschenhals, durch den alles durch muss, damit das Wien-Buch funktioniert.

Sie schreiben gewissermaßen in Konkurrenz zu einer ganz berühmten Kollegin: "Harry Potter" ist ja auch auf sieben Teile angelegt.

Aber Joanne K. Rowling ist nach mir gekommen. Außerdem bin ich schon beim zweiten Siebenteiler.

Haben Sie "Harry Potter" gelesen?

Nein. Vielleicht habe ich nach dem "Orkus" Zeit, mit Frau Rowling Gedanken auszutauschen. Ich finde diese Erfindung der neuen Mythen aber sehr interessant. Wir sind halt noch mit "Grimms Märchen", den griechischen Sagen und dem "Nibelungenlied" aufgewachsen. Außerdem war mein Großvater ein großartiger Erzähler. Er war eines von zwölf Kindern, ein Glasbläser, der als Sohn eines österreichischen Gastarbeiters in Istanbul geboren wurde und mit 17 auf die Walz gegangen ist - zu Fuß nach Dresden, dann nach Bremerhaven. Eigentlich wollte er nach Amerika auswandern, hat aber ein Schiff nach Cardiff genommen und dort dann kein Geld mehr gehabt. Schließlich hat er als Heizer gearbeitet, weil er als Glasbläser große Hitze vertragen hat. Nach vier Jahren ist er von Hamburg dann wieder zu Fuß nach Graz gegangen. Der hatte natürlich viel zu erzählen. Das war die Verzauberung meiner Kindheit.

Was haben Sie denn damals gelesen?

"Doktor Doolittle", später Jules Verne und "Sherlock Holmes". Dann kam eine Rock-'n'-Roll-Phase und ich wollte nur noch ganz schwierige Dichter wie Hölderlin lesen. Damals ist auch der Wunsch entstanden, selber etwas zu schreiben, was man nicht versteht. Es hat mich viele Jahre beschäftigt, unverständliche Literatur zu machen.

Was zählen Sie dazu?

Das gibt es nicht mehr, und es hätte auch niemand gedruckt. Ein wenig von dieser Haltung ist in "die autobiographie des albert einstein" eingeflossen. Leo Navratils Arbeiten zu den "geisteskranken" Künstlern waren dann auch sehr einflussreich.

Über die Künstler von Gugging haben Sie in der "Reise ins Innere von Wien" geschrieben, aber auch im "Landläufigen Tod" gibt es Hunderte von poetischen Notizen eines Wahnsinnigen. Entspricht das der vielleicht etwas romantischen Auffassung, dass hinter dem Wahnsinn eine Wahrheit sichtbar wird, die mit unserer Normalsprache nicht erfasst werden kann?

Das hat weniger mit Sprache als mit einer Haltung zu tun. Die Hauptfigur aus dem "Landläufigen Tod" ist deswegen ein Sprachloser, den man für wahnsinnig hält - erst in der "Stadt" wird man erfahren, wer er wirklich ist -, weil ich überzeugt war, dass nur jemand über all die Ereignisse sprechen kann, der als verrückt gilt. Es war als Gegenposition zu den Historikern gedacht, die in klassischer Sprache über Geschichte referieren.

In den Titeln Ihrer Bücher - "Am Abgrund", "Im tiefen Österreich" oder "Eine Reise ins Innere von Wien" - kommt immer wieder eine Tiefen-Metaphorik zum Tragen. Halten Sie Österreich für ein besonders abgründiges Land?

Nein. Aber es ist historisch etwas passiert, was anderswo so nicht geschehen ist. Ich habe das auch zu Hause vorgefunden: Mein Vater war bei der NSDAP, meine Mutter bei der braunen Schwesternvereinigung; der eine Großvater war Monarchist, der andere Sozialdemokrat, der Onkel hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Und alle haben sich nach dem Krieg im Garten getroffen und Karten gespielt. Zwischendurch gab es heftige politische Debatten, und dann ist weitergespielt worden.

Es ist also nicht einfach nur geschwiegen worden?

Über die wesentlichen Sachen - die Enteignungen und die Konzentrationslager - ist schon geschwiegen worden. Gesprochen wurde über den Krieg, die eigenen Heldentaten und die eigenen Leiden.

Wie hat sich der Onkel, der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat, mit dem Nazi-Papa getan?

Mein Vater war eher unpolitisch. Weil er als Siebenbürger zum Heer einberufen wurde und meine Mutter nicht nach Rumänien mitgehen wollte, hat er die rumänische Staatsbürgerschaft niedergelegt und wollte die österreichische annehmen. Weil aber Hitler einmarschiert ist, konnte mein Vater nur deutscher Staatsbürger werden und ist dmit der Kaltblütigkeit des Unpolitischen deshalb zur NSDAP gegangen. Er hat nur in Lazaretten gearbeitet und auch unterschiedslos alle behandelt, weswegen es mit dem Onkel keine Konflikte gab. Der Großvater wiederum hat uns sehr geliebt und wollte sich mit dem Schwiegersohn, der schon gestraft genug war, weil er nicht arbeiten durfte, nicht auch noch zerstreiten. Nach dem Krieg kam dann eines Tages der sozialistische Bezirkschef und hat meinem Vater einen Job versprochen, falls er zur SPÖ geht. Also hat das mein Vater gemacht, und ist Arzt im Arbeitsamt Graz geworden.

Wie war das dann mit Ihnen und Ihrem Vater? Irgendwo habe ich die Formulierung "erst am Totenbett versöhnt" gelesen.

Wir haben uns politisch nicht versöhnt. Es war nicht möglich, sich mit ihm darüber auszusprechen. Ich habe das mindestens zwanzig Mal versucht. Die Konflikte sind aber erst mit der Waldheim-Affäre richtig ausgebrochen. Davor hat er uns nur eingebläut, dass wir keiner Partei beitreten und dass wir nicht zum Militär gehen sollen. In Waldheim hat mein Vater dann den unschuldig Verleumdeten gesehen, für den er sich selbst gehalten hat.

Sehen Sie im Nachhinein die Waldheim-Zeit auch als jenen auto-hygienischen Prozess, in dem Österreich mit großer Verspätung die Nazizeit aufgearbeitet hat?

Ganz im Gegenteil: In der Verteidigung Waldheims durch die ÖVP sind Sprachformen wieder gesellschaftsfähig gemacht worden, die davor zusammengekehrt in der Ecke gelegen sind. All das ist plötzlich wieder enttabuisiert worden, was auch zum Erfolg von Jörg Haider beigetragen hat. Heute gelten er und Pim Fortuyn als schicke Tabubrecher; vielleicht, weil sie manchem das Nachholen der Pubertät ermöglichen.

Aber selbst Leute wie Cees Nooteboom oder Harry Mulisch erklären uns, dass Fortuyn schon irgendwie sehr wichtig war, weil man jetzt endlich über Dinge reden kann, die bislang unter den Teppich gekehrt worden sind.

Ich kann das auch nicht nachvollziehen, habe aber zu wenig Kenntnisse der politischen Situation in den Niederlanden. Es ist aber ein sehr eigenartiges Land, in dem die Wohnungen keine Vorhänge haben. Dieses ständige Darstellen der eigenen Harmlosigkeit, die Unmöglichkeit, ein wirkliches Privatleben zu führen, ist als Erklärung vielleicht plausibler als alles andere.

Man muss irgendwo auch mit seinen schmutzigen Geheimnissen allein bleiben können.

Ja, das ist ein Schutz. Das braucht jeder Mensch.

Sie beschreiben im "Landläufigen Tod" ja sehr schön die strukturelle Scheinheiligkeit, die dadurch entsteht, dass wir zwar einerseits "monströse Wucherung" an uns selbst feststellen, andererseits aber "annehmen, die anderen dächten und seien so, wie sie sich nach außen hin geben". Als Schüler hat man ja auch geglaubt, man ist der Einzige, der onaniert.

Das war für mich, der ich noch katholisch erzogen worden bin, natürlich ein Problem. Aber es gibt auch andere Bereiche. Ich habe ja keine Ahnung, was Leute, die mir sehr nahe sind, wirklich treiben. Die machen wahrscheinlich die ungeheuerlichsten Sachen. Das ist aber ein eher philosophischer oder literarischer Diskurs. Ich glaube nicht, dass man Fortuyn oder Haider als Befreier der unterdrückten Gedanken sehen kann.

Es sind Politiker, die eine Unterdrückung fantasieren, die es in dieser Weise nie gegeben hat..

Ja. Man denke an diese neu eingesetzte Privat-Polizei. Das ist ja kein Zufall, sondern alles gewollt. Und sehr oberflächlich. Funktionieren tut es trotzdem. Bis zu einem gewissen Grad ist Haider ja auch geheimnislos. Alles, was es über ihn zu sagen und zu wissen gibt, ist gesagt worden, und jeder, der es wissen will, weiß es. So viel, wie über ihn gesagt worden ist, gibt es gar nicht zu sagen. Bruno Kreisky hat Hannes Androsch einmal eine "Sphinx ohne Geheimnis" genannt. Das trifft auf Haider in noch viel größerem Ausmaß zu. Der ist halt der lustige Bergführer, der klassische klasse Bursch aus der Provinz. Ich glaube allerdings, dass sein Höhepunkt mittlerweile überschritten ist.

Besteht eine Tendenz zur Normalisierung?

Das geht natürlich alles über die Brieftasche. Die Leute haben geglaubt, dass immer nur bei den anderen durchgegriffen wird, aber nie bei ihnen selbst. Das passiert aber, und das Kapital des Vertrauens ist dadurch verloren.

Wie beurteilen Sie denn die Rolle der Medien in Sachen Haider? Vor allem ein Magazin wie "News" hat doch den Mann, den es vorgeblich kritisiert, zu einer Art Popstar gemacht, indem es ihn immer wieder aufs Cover gehievt hat - und sei es als Beelzebub der österreichischen Innenpolitik.

Ich reiße manchmal schon die Covers runter - auch von profil und anderen Zeitungen -, weil ich mir das nicht mehr anschauen kann. Mir geht es wie dem Mann in dem Cartoon von Gerhard Haderer, der vor dem Fernseher dauernd kotzen muss, wenn Khol und Westenthaler auftreten.

Also fühlen Sie sich in Ihrer Opposition zur derzeitigen Regierung doch nicht so wohl, wie Sie einmal gemeint haben.

Das ist ein sehr schwieriges Kapitel. Als die SPÖ mit der ÖVP regiert hat, wollte ich nicht andauernd Haiders wegen Rücksicht nehmen und sozusagen ganz staatstragend argumentieren. Ich hatte damals öfters das Bedürfnis, einmal in Opposition zu sein. Weswegen ich mir manchmal mit einer gewissen Schadenfreude denke: Okay, jetzt habts das, was ihr gewollt habt. Das ist aber nicht meine Grundeinstellung.

Ist Ihre Distanz zur Politik größer geworden? Sie haben ja seinerzeit ein Buch über Kreisky geschrieben und sind dafür auch ziemlich gezaust worden - nicht zuletzt von Thomas Bernhard. Wenn Sie heute Alfred Gusenbauer auffordern würde, ein Stück des Weges mit ihm zu gehen ...?

Heute habe ich nicht mehr so viel Kraft wie vor zwanzig, dreißig Jahren. Meine Haltung hat sich nicht geändert, aber ich werde seltener darüber schreiben und das gegebenenfalls dafür ausführlicher tun. Gusenbauer halte ich jedenfalls für die plausibelste Alternative. Auch van der Bellen ist eine Alternative. Wenn ich mir die Staatsdame Riess-Passer oder die Staatsmänner Häupl, Khol oder Westenthaler so ansehe, dann weiß ich nicht, durch welches Charisma sie Gusenbauer überlegen sein sollen. Auch wer Haider in Ried gehört und gesehen hat, kann höchstens von dem Bierzelt-Charisma eines ordinären Witzereißers sprechen.

Ihre Formulierung vom österreichischen "Nazi-Gen" ist Ihnen auch von vielen Linken übel genommen worden.

Das beruht auf einer unpräzisen Wiedergabe unter anderen durch Karl-Markus Gauß. Ich habe in einem News-Interview bloß gemeint: "Die Österreicher sind - um es in der Sprache der Nationalsozialisten zu sagen - genetische Nazis." Ich habe mich über diese Diktion lustig gemacht!

In einem ORF-Interview haben Sie erst unlängst davon gesprochen, "dass mehr als fünfzig Prozent der Österreicher zumindest teilweise nationalsozialistisches Gedankengut in den Köpfen hat". Einer von uns beiden muss also zumindest ein Teil-Nazi sein.

Das ist eine sehr primitive Auffassung von Statistik. Ich behaupte nur, dass viele von den unpolitischen Leuten fragmentarischem nationalsozialistischem Gedankengut anhängen und dann besonders empört reagieren, wenn man ihnen sagt, dass das die Nazis auch gedacht haben. Dabei bleib ich auch. Es ist doch absurd, wenn jemand wie Helmut Zilk behauptet, Haider könne kein Nazi sein, weil er erst in den Fünfzigerjahren geboren ist.

Im "Standard" haben Sie einmal erklärt, Sie gehörten nicht der Denkschule an, in der sich der damalige "profil"-Herausgeber Hubertus Czernin und der "Falter" befänden. Worin besteht diese Denkschule denn?

Ich würde sagen, dass das eine gewisse studentische Form des Denkens ist. Es ist auch ein Markenzeichen des Falter, der halt eine Art gut gemachte Studentenzeitung ist. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Bloß finde ich es eben nicht so witzig, wenn der Falter nach den Wahlen erklärt, welche Autoren nun auf welchen Routen in welche Länder "emigrieren" müssen. Einigen wir uns darauf, dass das "studentisch" ist.


Gerhard Roth: Die Archive des Schweigens. Frankfurt a.M. 2002 (S. Fischer). Zwei Bände, gebunden. 1800 S., EUR 131,60

Der Roman "Der Strom" erscheint am 21.8. bei S. Fischer.



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