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| Fideler Fiaker oder Red Fred? |
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SPÖ Alfred Gusenbauer in Wahlkampf alleine an die Spitze, in die Mitte eines Teams oder ganz weg mit ihm? Und Bürgermeister Michael Häupl aus dem Rathaus holen? Die SPÖ wird die Debatte um ihren Kanzlerkandidaten nicht und nicht los. Der Vergleich macht Sie sicher. EVA WEISSENBERGER und NINA WEISSENSTEINER |
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Trifft man sich dieser Tage mit SPÖ-Funktionären, liegt oft ein weißes Feuerzeug auf dem Tisch. Mit roter Schrift ist darauf gedruckt: "Dr. Alfred Gusenbauer" und "Es ging uns gut, so soll es wieder werden". Der erste Slogan für den Nationalratswahlkampf 2003? Und dafür zahlt die SPÖ dem US-Wahlkampfguru Stanley Greenberg Abertausende Euro? Nein, ein Kärntner SPÖ-Funktionär meinte es gut, ließ die Feuerzeuge auf eigene Kosten anfertigen und schickte Gusenbauer eine Schachtel. Und da behaupte noch einer, der SPÖ-Chef käme bei der Basis nicht an. Trotzdem wird die Partei die Diskussion um den Spitzenkandidaten nicht los. Altbürgermeister ("kein Charisma"), alternde Abgeordnete ("Eisschrank"), Zukunftshoffnungen aus der Provinz ("Teamwahlkampf") - sie alle meckern immer wieder über Gusenbauer. Und jeder linke Stammtisch diskutiert: Soll nicht doch besser Michael Häupl als Kanzlerkandidat antreten? Der Falter hat die beiden roten Frontmänner einem Test unterzogen: Was kann Michael Häupl wirklich besser? Und was könnte sich wiederum der Wiener Bürgermeister von Gusenbauer abschauen? Der Apparatschik-Faktor Gusenbauer will die Partei erneuern - es fehlt ihm nur manchmal die Macht, sich durchzusetzen. Häupl hätte jede Macht - er hat sich die Wiener SPÖ aber ohnehin schon so hergerichtet, wie er sie braucht. Fast zweieinhalb Jahre nach seiner Kür zum SPÖ-Chef hat Gusenbauer noch jede Mühe, einen Hinterbänkler wie Anton Leikam, der betrunken einen Autounfall verursacht hat, zum Rücktritt zu zwingen. "Gusenbauer sollte Machiavelli lesen", lästert ein Wiener Parteifreund, "dann wüsste er, dass man geplante Grausamkeiten nicht ankündigt." Wie Michael Häupl, "der killt lautlos". Im Vorjahr zum Beispiel den aufmüpfigen Stadtschulratspräsidenten Kurt Scholz - ohne Vorwarnung. Vor zwei Wochen richtete Gusenbauer seinen Genossen trotzdem wieder etwas über die Medien aus: Nach der Wahl sollen 15 bis zwanzig neue Gesichter die SPÖ-Fraktion zieren. An die zehn Mandatare gingen in Pension oder wollten aufhören, für die anderen zehn Neulinge will Gusenbauer Mandate dazugewinnen. Sonst geht sich ein solcher Generationswechsel auch gar nicht aus: Denn über die Bundesliste, die einzige, bei der Gusenbauer voll durchgreifen kann, sitzen derzeit Gusenbauer selbst, sein engstes Team und Fixstarter wie Nationalratspräsident Heinz Fischer und Gewerkschaftsführer im Parlament. Zupass kommt Gusenbauer bei seinen Umbauplänen die Frauenquote von mindestens vierzig Prozent, die in der SPÖ ab 2003 für alle Gremien gilt. Einige Landesgruppen wie die Salzburger haben allerdings schon angefragt, ob man die Quote nicht ein bisschen lockerer sehen könnte. "40 ist 40", sagt Gusenbauer dazu. Eine saubere Trennung von Partei und Gewerkschaft wie in Deutschland, wo Bauarbeiter in einem Wahljahr streiken und damit dem roten Kanzler schaden, ist keinem von beiden gelungen. Braucht es auch nicht, findet Gusenbauer: "Es geht um ein präziseres Verständnis der jeweiligen Rolle. Beispiel Postbus: Der ÖGB führt die gewerkschaftliche Auseinandersetzung, wir zeigen die Hintergründe und Alternativen auf." Das Marxometer Die Sozialdemokraten Europas sind derzeit eher mit ihren Wahlniederlagen als mit dem Entwickeln neuer Visionen beschäftigt. Also müssen sich die österreichischen Roten selber die Köpfe zerbrechen: "Gusenbauer sucht nach einer neuen Synthese aus Sozialismus und Liberalismus - jenseits des dritten Weges", sagt SPÖ-Vordenker Karl Duffek, der Leiter des Renner-Institutes: "Denn der dritte Weg ist für ihn Neoliberalismus mit ein bisserl Sozialstaat." Im Vorjahr philosophierte Gusenbauer von einer "solidarischen Hochleistungsgesellschaft", wofür er von einigen Genossen, darunter auch Häupl, arg gescholten wurde. Also spricht Gusenbauer inzwischen von der "Gesellschaft mit fairen Chancen für alle". Er meint aber immer noch dasselbe: "Weg vom paternalistischen, hin zum aktivierenden Staat." Gusenbauer geht nicht von der Gleichheit aller Menschen, sondern von ihrer Ungleichheit aus. "Der Staat", meint er, "soll jeden, egal auf welcher Stufe er sich befindet, abholen, die gleichen Startchancen geben und ermächtigen, alleine zu entscheiden." "Verglichen mit seinem Vorgänger ist es jedenfalls das reinste Vergnügen, mit Gusenbauer über seine Visionen und Programme zu diskutieren", findet Duffek: "Das gilt übrigens ebenso für Häupl und dessen Vorgänger." Auch wenn er es nicht so raushängen lässt, Michael Häupl ist ebenfalls ein Intellektueller. Und auch er lässt weiterdenken: Andreas Höferl betreut einen "Wirtschaftsarbeitskreis", der sich mit Kreditwirtschaft, Wachstum, Arbeit und Verteilung beschäftigt. "Häupl will wissen: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen durch die Globalisierung verändert?", erzählt Höferl: "Er bekennt sich zu einem modernen Sozialstaat, der in der Lage ist, den Menschen Sicherheit zu geben." Der Frauen-Bonus Die SPÖ wird traditionell von etwas mehr Frauen als Männern gewählt. Sowohl Häupl als auch Gusenbauer sehen jedoch wie Machos aus. Umso mehr bemühen sie sich um die weibliche Zielgruppe: Gusenbauer umgibt sich mit zwei Bundesgeschäftsführerinnen und lobt einzelne Mandatarinnen oft und explizit. Vor zwei Wochen stellte er ein Zehn-Punkte-Programm für Frauen vor: Zuschüsse für technische Betriebe, die Mädchen ausbilden, 100.000 Kindergartenplätze, Unterhaltsvorschuss für Kinder, deren Väter nicht zahlen, höhere Pensionen für Frauen. Das Kindergeld will Gusenbauer nicht mehr abschaffen, sondern um einen längeren Kündigungsschutz ergänzen. Was die SPÖ-Frauen ein wenig vor den Kopf stieß: Sie halten das Kindergeld noch immer für ein "soziales Verbrechen" (Ex-ÖGB-Frauenchefin Irmgard Schmidtleitner) und hätten lieber ihr Modell der "Elternzeit" mit einem einkommensabhängigen Karenzgeld in Gusenbauers Programm gesehen. Gusenbauer hat das Thema allerdings nicht erst gestern entdeckt: Mitte der Achtzigerjahre lud ihn Johanna Dohnal, damals noch Frauen-Staatssekretärin, als einzigen Mann in einen Frauenarbeitskreis und Mitte der Neunziger unterschrieb er als erster Mann eine Unterstützungserklärung für das Frauenvolksbegehren. Häupl weiß, wo er nicht so glaubwürdig wirkt, und äußert sich daher eher selten zur Frauenpolitik. Für dieses Thema hat er seine beiden Vertrauten, Vizebürgermeisterin Grete Laska und Frauenstadträtin Renate Brauner. Der Erfolg gibt ihm Recht: Nach der jüngsten Umfrage der SPÖ-Wien, erstellt vom Meinungsforschungsinstitut "Triconsult", geben die Wienerinnen Häupl die Sympathienote 2,3. Zum Vergleich: Kanzler Wolfgang Schüssel kommt bei den Frauen in der Hauptstadt auf 3,55. Gusenbauer ist hingegen laut einer Format-Umfrage nur 25 Prozent der Österreicherinnen sympathisch. Damit liegt er hinter den anderen drei Bundesparteichefs abgeschlagen an vierter Stelle. Der Nerd1-Malus Eine SPÖ-Abgeordnete führte unlängst einen zwölfjährigen Buben durchs Parlament. Sie trafen Alfred Gusenbauer: "Das ist schon eine coole Bude, oder?", fragte der SPÖ-Chef. Man muss sich eben auf die Zielgruppe einstellen: Gusenbauer besucht jede Woche eine andere Schule, zwischendurch Lehrwerkstätten, Uni-Diskussionen und Zivi-Vereine. Zielgruppenumfragen, die belegen, wie gut er bei den Jungwählern ankommt, habe er keine, aber "in den Focusgruppen werden meine Reden sehr gut aufgenommen", versichert Gusenbauer. Häupl kann sich zugute halten, dass er bei der letzen Landtagswahl die Jungen zurückerobert hat: Hatten 1996 noch die Blauen die Mehrheit bei den unter Dreißigjährigen, waren die Sozialdemokraten 2001 wieder die Stärksten. Bei der eigenen Parteijugend sind beide recht beliebt: Die rote ÖH-Chefin Andrea Mautz erinnert sich an einen "harten, aber guten Streit" mit Gusenbauer über ihre Koalition mit den kommunistischen Studenten. Und an "väterliche Verhandlungen mit Wiener Schmäh" über die Studentenfreifahrt mit Häupl. Den 25-jährigen Wiener Gemeinderat Jürgen Wutzelhofer beeindruckte Gusenbauer, als in seiner Rede nach der Wahl zum Parteichef die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre thematisierte. Das war zwar längst Parteilinie, bloß kümmerte das damals noch niemanden. In Wien kann Wutzelhofer das mit Bürgermeister Häupl nun umsetzen: "Ich bitte ihn aber nur dann um einen Termin, wenn es um eine echte Chefsache geht. Für Unwichtiges hat er keine Zeit." Das Landei-Gütesiegel Eines hat Häupl Gusenbauer auf alle Fälle voraus: Er ist ein Wahlsieger. Aber wie ziehen der Bürgermeister-Bonus und die Heurigen-Kompetenz ("Der Fiaker ist ein Teil von mir") in der Provinz? Die mögen doch keine großkopferten Wiener. Am Land käme der Ybbser Gusenbauer vielleicht besser an. Die roten Strategen glauben jedoch an Häupls Wandlungsfähigkeit zum Landei, sollte der Rathaus-Chef zum Kanzlerkandidaten avancieren. PR-Berater Dietmar Ecker: "Dann würden wir ihn halt nicht als waschechten Ottakringer, sondern eher als Wahlwiener, der ursprünglich aus einem kleinen Ort in Niederösterreich stammt, positionieren." Der Champagner-Check Auf dem internationalen Parkett rutscht Alfred Gusenbauer nicht so leicht aus: Er spricht Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Gusenbauer war in seiner Jugend Vizepräsident der Sozialistischen Jugendinternationale, später bekleidete er dieselbe Funktion in der Sozialistischen Internationale. Er ist seit elf Jahren Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates und hielt vor dem EU-Beitritt Österreichs Kontakt zur SPE-Fraktion im Europäischen Parlament. Daher hat er in ganz Europa alte Freunde: die Regierungschefs von Finnland (Paavo Lipponen), Schweden (Göran Persson) und Deutschland (Gerhard Schröder). Den neuen tschechischen Regierungschef lernte Gusenbauer kennen, als er kurz nach der Wende nach Südböhmen reiste, um mitzuhelfen, eine sozialdemokratische Partei aufzubauen. Vladimir Spidla war damals noch Leiter des lokalen Arbeitsamtes. Gusenbauers internationale Kontakte trugen ihm aber auch das Image des Vaterlandsvernaderers ein: Während der Sanktionen schlürfte er mit dem damaligen französischen Außenminister Hubert Vedrine Champagner in Paris. Seither inszeniert Gusenbauer seine Reisen nach Brüssel, Israel oder die USA nicht für die Medien. Häupls Kontakte zu Parteifreunden im Ausland konzentrieren sich auf Deutschland. Seit seiner Zeit bei den Sozialistischen Studenten ist er mit Schröder und dessen ehemaligen Finanzminister und Konkurrenten Oskar Lafontaine ganz gut. Mit den Bügermeistern von Berlin und München betreibt er Lobbying in Brüssel. Auftritte bei internationalen Bürgermeisterkonferenzen überließ Häupl früher aber schon einmal seinem ÖVP-Vize Bernhard Görg. Und wenn er mit Walter Nettig in Südostasien, Kanada und den USA neue Märkte erschließt, unterhält eher der Wiener Wirtschaftskammerpräsident die Geschäftspartner. Denn Häupls Englisch ist nicht das beste. "Er macht trotzdem Eindruck", erzählt der ehemalige SPÖ-Stadtrat Hannes Swoboda: "Auch wenn ihn Gäste, die er durchs Rathaus führt, oft nicht verstehen, so spüren sie, dass er sich auskennt." Die Achterl-Achsen Das beste Wahlergebnis nützt nichts, wenn man nachher keine Koalition zustande bringt. Neben Walter Nettig hat Häupl noch zwei sehr gute schwarze Freunde: Bundespräsident Thomas Klestil und den Landeshauptmann von Niederösterreich, ÖVP-Königsmacher und -mörder Erwin Pröll. "Mit dem Pröll stimmt einfach die Chemie", sagt ein Mitarbeiter Häupls. Sie kennen einander schon aus der Zeit, als beide noch Umweltlandesräte waren. Offizielle Termine mit schwarzen Regierungsmitgliedern, wie bei der 75-Jahr-Feier der Raiffeisen Zentralbank vor wenigen Wochen, machen Häupl heute auch nicht mehr grantig, manchmal rennt sogar schon "ein wenig der Schmäh", erzählt ein hoher ÖVPler. Zu Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer, Innenminister Ernst Strasser und Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer hat Häupl einen guten, sachlichen Draht. Und in Wien hält er sich die Grünen mit 23 rot-grünen Projekten warm. Der Kontakt zwischen SPÖ und den Grünen schlief auf Bundesebene nach dem Abgang von Klub-Chef Peter Kostelka, mit dem Grünen-Sprecher Alexander Van der Bellen sehr gut konnte, etwas ein. In den letzten Monaten wurde die Beziehung wiederbelebt: Gusenbauer und Van der Bellen haben einander drei, vier Mal getroffen. Gespräche mit der Regierung ergeben sich im Nationalrat - am Rande des Plenums und auf rein inhaltlicher Ebene mit Molterer, Gehrer oder Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. Bei den schwarzen Wirtschaftsfunktionären kommt Gusenbauer ganz gut an: Er plaudert regelmäßig mit Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl. Das Sondierungsgeschick "Sollte nach der nächsten Wahl wieder Rot-Schwarz kommen", meint ein SPÖ-Insider jetzt schon, "bestimmt nicht Gusenbauer das Strickmuster, sondern Häupl." Denn der Parteivorsitzende hat keine Erfahrung im Auspackeln einer Regierung. Auch Häupl soll jedoch nicht der Meister des grünen Tisches sein, sagen zumindest die Schwarzen: "Dem kann man ja das letzte Hemd ausziehen", soll Wolfgang Schüssel über Häupls Verhandlungsqualitäten einmal gewitzelt haben. Anlass dafür war die eher zurückhaltende Rolle des Wiener Bürgermeisters bei den Sondierungsgesprächen. Ein Beobachter über den Herbst 1999: "Häupl sagte damals kaum ein Wort. Wenn ihn seine Truppen nicht gestoppt hätten, hätte er zu allem Ja gesagt. Sein Harmoniebedürfnis ist enorm." SPÖ-Verhandlungsteilnehmer Rudolf Edlinger, damals Finanzminister, sieht das differenzierter: "Landeshauptmann Pühringer von der ÖVP und Häupl saßen als Vertreter der Länder im Team. Ihre Aufgabe war es lediglich, deren Interessen zu wahren." Die Abseitsfalle Wer nun noch immer nicht weiß, wen er lieber als roten Kapitän sehen würde: Außerhalb der WM-Zeiten ist Gusenbauer Rapidler, Häupl Austrianer. |
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Juni 2002 © FALTER
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