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SOMMERGESPRÄCH Der "Falter" eröffnet seine Serie politischer Sommergespräche, solange noch wirklich Sommer ist. Den Anfang macht der Bundeskanzler. Mit dem "Falter" sprach er über Europa als Festung, Proarabismus und Israel, Revanchismus und Unterstellung, über den parteifreien ORF und anderes mehr. ARMIN THURNHER |
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Die Spielregeln der Falter-Sommergespräche sind einfach. Der befragte Politiker sucht sich einen Freiluftort seiner Wahl aus und hat ein bisschen Zeit. Wolfgang Schüssel musste nicht lange über die Platzwahl nachdenken. Die Kantine am Postsportplatz lag nahe, weil Hobbykicker Schüssel anschließend an einem Spiel "Politiker gegen Journalisten" teilnahm. Der Vorteil: Volksnähe. Der Nachteil: Volksnähe. Das Volk ließ sich denn auch nicht abhalten und kam dem Kanzler während des Gesprächs mit der Bitte um die eine oder andere Intervention näher. Natürlich war auch vom Kicken die Rede. "Perfekte taktische und technische Korsette" beobachtete der Kanzler bei der WM. "Und das tötet den Fußball." Kann man von unserer Politik nicht behaupten, die lebt. Wenn sie auch nicht so hart ist wie der Sport. "Mein lieber Schwan!", sagt der Kanzler, wenn er im Fernsehen sieht, "wie sich die Knochen biegen und die Sehnen schnalzen", und wenn das in der Zeitlupe passiert, denkt er nur noch an die Intensivstation. Indirekter Anlass des Gesprächs war ebenfalls Fußball. Schüssel hatte bemerkt, dass der Autor Nigeria mit Kamerun verwechselte (nach einem Länderspiel gegen Österreich extra unverzeihlich), und dem Falter eine selbst gezeichnete Karte geschickt. Im Gespräch ging es dann doch um den Versuch einer politischen Zwischenbilanz, wobei längere Passagen über Fußball und das seit viereinhalb Jahren betriebene Cellospiel des Kanzlers der Enge des Raums zum Opfer fielen. Nur so viel sei berichtet: Wenns geht, übt Schüssel täglich (nachts mit Dämpfer), er spielt auch schon die eine oder andere Bach'sche Solosonate, und als Traum strebt er die Mitwirkung bei Schuberts C-Dur-Quintett an. Das Match gewann die Kanzler-Truppe übrigens locker 3:1, Sturmspitze Schüssel wirkte flink und bissig, blieb aber ohne Torerfolg. Falter: Was haben Sie gedacht, als ich im "Falter" Kamerun mit Nigeria verwechselt hatte? Schüssel: Ha!! Erwischt? Na ja. Ich schätze den Falter, er ist eine witzige, gut gemachte Zeitung. Kritisch, das ist völlig in Ordnung. Sehr originell und intellektuell, andererseits aber auch sehr erdnah. Das empfinde ich als witzige Kombination. Das gefällt mir. Als wir Ihre Karte abdruckten, kam gleich ein Leserbrief, der sagte: Schüssel lässt den "Falter" lesen. Stimmt nicht. Ich lese ihn selbst. Fast jede Woche. Sie haben ihn als Ihre "Lieblingswiderstandspostille" bezeichnet. Das ist ein Kompliment. Es ist gut, dass es ihn gibt. Irgendetwas im "Falter" wird Sie doch wohl geärgert haben, oder nicht? Na sicher. Alles, was ungerecht ist und was unfair ist. Aber ich wehre mich ja. Was hat Sie am meisten geärgert? Ich bin nicht sehr nachtragend. Ich weiß, dass ich mich einige Male geärgert habe, sicher, aber nicht lange. Lesen Sie überhaupt gerne Pornozeitschriften? (Lacht:) Überhaupt nicht! Das ist nicht meins. Sie wissen ja, dass Jörg Haider den "Falter" als Zeitschrift bezeichnet hat, die "hauptsächlich Pornoinserate bringt". Ah so? Ehrlich gesagt, zu diesem Teil, sollte es ihn überhaupt geben, dringe ich nicht vor. Ich schau mir das erste Drittel an und die Kultursachen. Die Veranstaltungstipps und die Inserate überlasse ich anderen Lesern. Es gibt diesen Teil eh nicht, seien Sie beruhigt! Also ich bin da vorsichtig, und wenn - eine Zeitschrift muss leben - würde es mich auch nicht stören. Sie waren eben beim Gipfel in Sevilla, dort ist es indirekt ja auch um Populisten gegangen. Es war zu lesen, von Schüssel bis Blair seien sich alle einig gewesen. Europa zur Festung zu erklären sei das neue Rezept gegen Populisten aller Art. Also erstens ist jeder, der in diese Gipfelhöhen vordringt, in gewisser Weise ein Populist. Wenn Sie nur das tun, was Sie selbst für richtig halten, kommen Sie nie in die Nähe eines Gipfeltreffens. Zweitens stimmt es einfach nicht, dass sich mit diesen Beschlüssen von Sevilla Europa zu einer Festung erklärt. Ich präzisiere: Es ist um die Rechtspopulisten gegangen, von den Haiders bis zu den Rasmussens, vor denen sich die etablierten Parteien nach wie vor sehr fürchten. Rasmussen ist ein Liberaler. Die Dinge ins Rollen gebracht hat Tony Blair, auch nicht gerade ein Rechtspopulist. Sie haben - wie hoffentlich auch wir - den richtigen Sensus dafür, dass Sicherheit die Bürger wirklich interessiert. In Frankreich, in Spanien und bei uns ist sie ein Thema. Betroffen von illegalen Migrationswellen sind zu allererst die Mittelmeerstaaten. Griechenland und Italien hatten allein im Vorjahr 250.000 illegale Migranten; Spanien hat fast 100.000, an dritter Stelle kommt mit 50.000 schon Österreich, dann erst kommt Deutschland mit 20.000, alle anderen sind marginal betroffen. Und das jetzt richtig zu machen, rechtsstaatlich auszubalancieren, nicht einfach den Rollladen herunterzulassen oder unmenschlich aufzutreten, trotzdem aber Sicherheit zu geben, das ist eine Kunst. Bei diesem Kunstwerk wird stark mit Ängsten operiert. Es ist ja kaum mehr erlaubt zu sagen, dass gerade Staaten wie Österreich aufgrund ihrer Bevölkerungsstruktur Zuwanderung brauchen. Migration wird dann als Bedrohung empfunden, wenn die Menschen das Gefühl haben, sie wird nicht ernst genommen. In Sevilla ist zum ersten Mal dieses Thema nicht weggewischt worden. Es wurden keine extremen Sanktionen beschlossen, sondern ein Bündel von höchst vernünftigen gemeinsamen kleinen Schritten. Österreichs Ansehen in Europa war ja nach der Regierungsbildung ziemlich tief gesunken, wie wir wissen. Jetzt schaut das etwas anders aus, aber ganz anders noch nicht. Ist das alles schon gegessen? Ich habe in zweieinhalb Jahren jedenfalls mehr Auslandsreisen gemacht als mein Vorgänger in der gesamten Legislaturperiode. Wir haben die Beziehungen mit den EU-Staaten vollkommen normalisiert. Erst unlängst war ich am Rande des Gipfels von Sevilla mit dem neuen französischen Ministerpräsidenten Raffarin gemeinsam beim Abendessen. Das ist ein erstklassiger, hochinteressanter Mann, übrigens auch ein großer Freund Österreichs. Damit ist auch dieses schwierigere Problem vollkommen entschärft. Mit den Nachbarn haben wir sehr gute Beziehungen, mit den Tschechen müssen wir noch besser werden. Aber das gilt für beide Seiten, das darf keine Einbahnstraße sein. Die Frage hat sich nicht so sehr auf die ÖVP bezogen. Das Hauptproblem für Europa waren die FPÖ und Haider. Die meisten sehen natürlich ganz genau hin, wie das die Österreicher machen. Ist das eine Regierung, der man vertrauen kann? Ist das eine berechenbare Politik? Und die Antwort ist ganz klar und eindeutig: ja. Wer immer in den letzten Jahren in der Wirtschafts- und Stabilitätspolitik Probleme gehabt hat, Österreich war es nicht. Aber in der Regierung ist eine Partei, von der man jederzeit erwarten kann, dass Sie die rechtspopulistische Karte zieht und sagt, sie blockiert den EU-Beitritt Tschechiens. Wir haben mit den Tschechen zwei ungelöste Probleme. Das eine ist die Sicherheitsfrage in Temelín. Wir haben einen Vertrag, an den halte ich mich auf Punkt und Beistrich, aber es muss jeder Politiker oder jeder Journalist in Prag verstehen, dass es nicht gerade Vertrauen bildet, wenn jede zweite Woche irgendein kleinerer Störfall passiert. Das zweite noch völlig ungelöste Thema hat mit der FPÖ überhaupt nichts zu tun. Ich habe im Vorjahr den Karlspreis der Sudetendeutschen bekommen - und kein FPÖ-Politiker -, weil ich die Frage der Vertreibungen angesprochen habe. Es ist gut, wenn ein linker Schriftsteller wie Günter Grass dieses Thema dem Vergessen entreißt und die Dinge beschreibt, die damals wirklich geschehen sind. Sie sind nicht die Schuld der heutigen Generation. Aber von heutigen Demokraten muss man darauf eine andere Antwort erwarten als "Darüber verhandeln wir nicht" oder "Das war die fünfte Kolonne Hitlers" oder "Das Thema interessiert uns überhaupt nicht". Ich biete Lösungen an, die übrigens von sehr vernünftigen Leuten in Tschechien längst diskutiert worden sind. Wenn wir uns aufeinander zu bewegen, warum soll das kein gemeinsamer Erfolg werden? Weil es nicht als Angebot zum Dialog verstanden wird! Dass die Tschechen nach ihrem totalitären Regime eine gewisse Zeit gebraucht haben, um sich dieser Frage zu nähern, ist doch klar. Und genauso klar ist, dass es auf unserer Seite auch verschiedene Interessen gibt. Da gibt es einen offen revanchistischen Standpunkt, der mit großer Lust von der FPÖ vertreten wird, weil die eine Möglichkeit sieht, das nächste Thema nach Temelín aufzuheizen. Da kann man schwer sagen, das muss diskutiert werden wie alle anderen historischen Themen auch. Sie sind geschwind mit Ihren Wertungen. Revanchismus! Kann man dem Europäischen Parlament unterstellen, dass es revanchistisch ist? Nein, ich unterstelle es ganz konkret der FPÖ, den Altdeutschnationalen, die andere Interessen haben als - sagen wir - ein Karl Schwarzenberg oder als die Brünner Studenten, die auf ihre Weise dieses Thema aufgegriffen haben. Man kann von verschiedenen Richtungen her kommen und trotzdem gemeinsam was Vernünftiges wollen. Wir in der Bundesregierung wollen gemeinsam einen Dialog führen. Zum Dialog gehört Redebereitschaft und Respekt vor den Grenzen des anderen. Niemand von uns kann erwarten, dass die heutige moderne demokratische Tschechische Republik ein Drittel des Landes zurückgibt. Aber wir haben mit den Slowenen einen ganz ähnlichen Dialog geführt. Slowenien hört zu. Sie haben Verfahren eingeleitet, die Hälfte dieser Verfahren sind positiv erledigt. Kein Mensch kommt auf die Idee, dass damit die Existenz Sloweniens infrage gestellt ist. So führt man einen Dialog. Das mögen Ihre Interessen sein, und das glaube ich Ihnen auch. Aber Jörg Haider und der FPÖ glaube ichs nicht. Deren Vorgangsweise war provokativ, zum Teil revanchistisch grundiert und hat auch entsprechende Reaktionen hervorgerufen. Das stimmt nicht. Nehmen Sie die Vizekanzlerin. Wir sind ja oft gemeinsam nach dem Ministerrat nach verschiedenen Provokationen im tschechischen Wahlkampf gefragt worden: Sie hat erstklassig, professionell reagiert. Daher seien Sie vorsichtig mit diesen Wertungen. Die bringen nichts, die stimmen auch nicht. Das steht Ihnen nicht. Ich lasse mich so lang beruhigen, bis ich das nächste Mal von ihr wieder höre, Jörg Haider hat mit allem Recht, was er sagt. Das habe ich noch nie gehört. Von der gerade so gelobten Frau Vizekanzler hört man das periodisch. Sind Sie es eigentlich müde, Sie immer in Schutz zu nehmen? Nein, gar nicht. Sie ist eine wirklich gute Partnerin. Und es ist auch spannend, mit ihr zusammenzuarbeiten. Ist das Gute daran vielleicht, dass Sie sie so sehr in Schutz nehmen müssen? Für mich? Ist das nicht schön für Sie, wenn Sie immer wieder sagen müssen, die ist ja gar nicht so schlimm ...? Ich sage ja nicht, "sie ist nicht so schlimm", ich sage es positiv. Meine Antwort ist von Respekt getragen. Das will ich Ihnen auch vermitteln. Warum muss von vornherein alles, was in einem bestimmen Lager steht, abgewertet werden? Wir haben in der ÖVP ja auch nicht nur Lichtgestalten. Auch Menschen, die keine pränatale politische Bindung haben, auch Persönlichkeiten in anderen politischen Lagern verdienen Respekt. Da gehört die Vizekanzlerin dazu. Sie waren früher selber Außenminister. Da müssen Sie sich in den letzten zwei Jahren allerhand bei dem gedacht haben, was vonseiten der FPÖ gekommen ist. Der Besuch Haiders bei Saddam Hussein, die Frau Vizekanzler pirscht sich in Israel an, obwohl der Botschafter und andere Politiker sagen, sie ist unerwünscht ... Also, das habe ich mutig gefunden. Da hat sie völlig Recht. Zum Besuch Haiders bei Saddam Hussein habe ich das Nötige gesagt. Es war wirklich nicht gescheit. Das kann ja nicht die Linie der FPÖ sein, die vor einigen Jahren noch massiv und zu Recht das irakische Regime kritisiert hat. Aber man darf das irakische Regime nicht in den gleichen Topf werfen wie das irakische Volk oder die arabische Welt. Wir haben beste Beziehungen mit der arabischen Welt, mit Mubarak, mit dem jungen jordanischen König, mit Syrien, mit dem Iran, der kein arabischer Staat, aber ein wichtiger Staat in der Region ist. Wir registrieren schmerzlich, dass Israel noch immer nicht die Beziehungen zu uns normalisiert hat, obwohl wir - glaub ich - gerade in diesem Bereich sehr vernünftig und differenziert argumentieren. Ich bedauere das ausdrücklich. Aber ich finde es völlig in Ordnung, wenn der Herr Scheibner nach Afghanistan, in den Iran oder nach Syrien oder Ägypten fährt. Oder der Bundespräsident oder ich selber oder die Außenministerin. Und die Vizekanzlerin hat als Sportministerin jedes Recht der Welt, bei Qualifikationsspielen dabei zu sein. Es war eine krasse Unhöflichkeit, dass sie nicht in der gebührenden Art und Weise empfangen wurde, wie man eben diplomatische Gäste oder Staatsgäste aus aller Welt empfängt, was übrigens vielen Israelis peinlich war. Das ist Israels eigentlich nicht würdig gewesen. Aber es war nicht verwunderlich, bedenkt man, dass die rechte FPÖ-Fraktion an traditionell rechte proarabische Tendenzen anknüpft und damit auch antisemitische, antizionistische Tendenzen meint. Das ist ziemlich eindeutig bei Haider der Fall und auch bei Stadler. Bei Scheibner und Riess-Passer mag es anders sein. "Proarabisch" müssen wir aus unserem Sprachgebrauch streichen. "Proarabisch" darf nicht heißen "antisemitisch". Ich meinte, dass sich hinter diesem so genannten Proarabismus etwas anderes verbirgt, etwas anderes mitgemeint ist, nämlich Antisemitismus. Das ist eine Unterstellung. Ich bin gewarnt durch diese abstruse deutsche Debatte. Ich sehe Israel als ein befreundetes Land an. Ich sehe aber auch viele arabische Länder als befreundete Länder an. Man muss in einem Dialog unter Freunden kritiseren können, dass Israel in rhythmischen Abständen die palästinensischen Städte besetzt. So wird der Terrorismus nicht wirklich bekämpft. Ich verstehe jede Aufregung in der israelischen Regierung und im israelischen Volk über die Selbstmordattentäter. Ich verstehe auch die Bitterkeit gegenüber der palästinensischen Führung, die zu lange zugeschaut hat, nicht wirksam agiert hat. Aber wir dürfen nicht "proarabisch" oder "propalästinensisch" automatisch mit Antisemitismus oder feindlicher Einstellung gegen Israel gleichsetzen. Ich habe die subjektive Tatseite der FPÖ gemeint, nicht die Lage im Nahen Osten. Ja, aber das führt sehr leicht zu objektiven Gleichsetzungen. Und das geht nicht. Dann wird nämlich auch ein Dialog mit Israel nicht mehr möglich. Wir können hier jetzt leider keine Nahostdebatte führen. Die ist sehr spannend, das ist eins der wichtigsten Themen überhaupt für Europa. Umso frivoler kommt es mir vor, wenn man Spielchen damit treibt. Ihr Regierungspartner liebt es, auf allen Ebenen solche Spielchen zu spielen, überall zu zündeln. Zum Beispiel auch in der Kärntner Ortstafelfrage. Soeben hat Haider wieder gesagt, die Forderung der Slowenen interessiere ihn nicht, darüber verhandle er nicht einmal. Wobei die Slowenen nichts anderes wollen als die Umsetzung des Spruchs des Verfassungsgerichtshofes. Na, also wirklich! Ich kenne die Dossiers im Detail. Vier Jahre lang ist das verhandelt worden. 1976 sind dann mit Ach und Krach neunzig Ortschaften herausgekommen. Seit dieser Zeit ist die Bevölkerungszahl der Slowenen - jedenfalls die angegebene Sprachzahl der Slowenen ? zurückgegangen. Da kann man nicht ernstlich vierzig Jahre später 396 zweisprachige Ortstafeln verlangen. Das ist absurd. Die Gespräche, die wir führen, laufen Gott sei Dank nicht in der Öffentlichkeit, die sind relativ konstruktiv. Soll das heißen, Haider macht in der Öffentlichkeit nur Theater und ist dann hinter den Kulissen eh ganz anders? Nein, ich sage nur, dass es nicht hilft, dass jetzt Gesslerhüte aufgestellt werden. Einer sagt, keine einzige Tafel, die andern sagen 400 Tafeln - wem soll denn das nützen? Finden Sie nicht, dass in den öffentlichen Attacken auf den Verfassungsgerichtshof und dessen Präsidenten Adamovich beträchtlich viel Porzellan zerschlagen worden ist? Bei dessen Erkenntnis hätte ich mir jedenfalls im Begründungsteil etwas mehr Subtilität gewünscht. Die Attacke auf die Person des Verfassungsgerichtshofspräsidenten war unpassend, weil er gar nicht mitstimmen darf. Auch der Verfassungsgerichtshof selber ist von Haider attackiert worden. Ja, aber es steckt ein wahrer Kern in seinen Angriffen. In einem so sensiblen Bereich muss sich das Gericht schon auch der Mühe unterziehen, hinzufahren und vor Ort nachzusehen, was übrigens der Verfassungsgerichtshofspräsident empfohlen hat. Adamovich wollte einen Lokalaugenschein. Das ist abgelehnt worden. Es gibt die These, Österreich gehört entweder zum Westen oder Österreich gehört zu Mitteleuropa. Was würden Sie sagen? Österreich ist für mich geographisch und auch von der Befindlichkeit her im Herzen Europas, das gefällt mir besser. Ich frage, weil im Westen jetzt die Rechten gewinnen und in Mitteleuropa die Linken. Das würde also heißen, dass Sie bei der nächsten Wahl verlieren und abgelöst werden. Der Trend ist kein Genosse mehr. So viel kann man in Europa schon sagen. In den Beitrittsländern schon. Auch nicht. Bei den Tschechen haben die Kommunisten als Einzige gewonnen, in Ungarn hat Victor Orban dazugewonnen und sein Ergebnis fast verdoppelt. Das Hauptproblem in Mittel- und Osteuropa ist ja, dass es die traditionelle gewachsene europäische Parteienlandschaft nicht gibt. Wo ist die Mitte? Das ist mein Plädoyer, ruiniert euch die Mitte nicht! Bei uns gibts dafür nur mehr die Mitte, alle wollen Mitte sein. Na, gar nicht. Gusenbauer will links sein. Die Freiheitlichen sind deutlich rechts. Das werden wir Gusenbauer nächste Woche fragen. Aber glauben Sie nicht, dass Österreich jetzt ein bisserl gar schwarz geworden ist? Es ist ja ziemlich alles eingeschwärzt. Der ORF, unter dem Titel der Entpolitisierung, ist komplett schwarz. Wieso? Ich weiß nicht wieso, ich konstatiere es. Die Monika Lindner ist ja keine Schwarze, um Gottes willen. Das ist eine parteiunabhängige erstklassige Fachfrau. Der Herr Rammerstorfer ist ein erstklassiger Fachmann. Und Finanzchef Wrabetz ist ein eindeutiger Sozialdemokrat. Sie wollen doch nicht sagen, dass der ORF rot ist. Nach allem, was man aus dem Unternehmen hört, war er noch nie so schwarz. Ich lehne das ab. Ich weiß bei den meisten überhaupt nicht, wo sie hingehören. Es ist mir auch wirklich wurscht. Man muss ja der ÖVP und Ihnen wirklich ein Kompliment machen, mit so wenig Stimmen so viel Macht anzuhäufen, das ist, glaube ich, weltweit unerreicht. Sie überschätzen uns! Wie kann ich Sie überschätzen, das ist arithmetisch nachweisbar. Fragen Sie einmal die Redakteure vor Ort, wann sie je von uns Druck kriegen. Das möchte ich gern wissen. Da gibts genug Beispiele, wo "Betrifft"-Sendungen zu gewissen Themen nicht stattfinden, weil der Herr Khol interveniert ... Kein einziger Politiker sitzt mehr im Stiftungsrat, keine Parteisekretärin, keine Intervenienten. Der ORF war noch nie so frei. Das ist auch richtig so. Dass das Innenministerium nun eingeschwärzt wird, wie es vorher nie eingerötet wurde, können Sie kaum bestreiten. Sogar die braven Gendarmeriebeamten streiken. 14 Polizeidirektoren, rot. 14 Gendarmeriechefs, rot. 14 Kripochefs, rot. Das ist die Realität heute. Und da sagen Sie mir, da wird etwas eingeschwärzt? Wirklich nicht. Der Herr Strohmeyer ist unter Nachsicht aller Auflagen und fachlichen Kriterien in den letzten Tagen vom Innenminister Schlögl zum Gendarmeriegeneral befördert worden. Der einzige Rote, der noch in leitender Stellung ist, ist der Sicherheitsdirektor Buxbaum. Alle anderen Roten wurden rausrotiert oder auf bedeutungslosen Stellen geparkt und durch Schwarze ersetzt. Das glaube ich nicht. Eine früher rein rote Phalanx ist halt jetzt etwas bunter geworden. Das ist richtig, und das halte ich auch für gescheit. Herr Gaugg, der uns ja alle durch seine öffentlichen Bemühungen erfreut, ist ja auch so ein Fall von Postenschacher. Dem die SPÖ genau die gleiche Spitzenposition angeboten hat unter der Voraussetzung, dass ein Roter Generaldirektor in der Vereinigten Pensionsversicherungsanstalt wird. Ich habe hier nicht die SPÖ zu verteidigen, aber Gaugg ist so klar ein öffentlicher Fall der FPÖ und der Regierung, wie es klarer eigentlich nicht mehr geht. Als Alternative gab es einen sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär. Da würd ich durchaus sagen, der kann das. Gaugg ist ein ehemaliger oder noch immer freiheitlicher Nationalratsabgeordneter und Sozialsprecher. Die Frage ist: Kann ers? Er kanns. Ihm fehlt die B-Prüfung. Die fehlt auch dem Gegenkandidaten. Es gibt jetzt ein neues Kartellgesetz. Halten Sie es für möglich, dass es bei Medien zur Anwendung kommt? Das ist ja Ihr Lieblingsthema, mit dem Schlusssatz, den Sie jedes Mal schreiben - dass man im Nachhinein die Kronen Zeitung schwächt. Von der Mediaprint hat der Kurier durchaus profitiert. Sie machen vielleicht sogar durch die Forderung nach dem Zerschlagen der Mediaprint jemandem eine Freude, die Sie vielleicht gar nicht intendiert haben. Sie meinen Herrn Dichand. Der Erfolg der Kronen Zeitung ist etwas ganz anderes. Den werden Sie durch ein Kartellgesetz nicht ändern können. Ich spreche nicht nur von der Mediaprint, auch von der News-profil-Fusion. Die gehört entflochten, genauso wie meiner Meinung nach auch die Mediaprint entflochten gehört. Der "Kurier" ist längst saniert. Aber im Nachhinein hat das wenig Sinn. Sie sind Realist und glauben, das Kartellgesetz wird hier nicht angewendet werden. Da wird sich gar nix ändern. |
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Juli 2002 © FALTER
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