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| "Dann schleich ich mich" |
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MUSIK Mit "Mercy, Mercy, Mercy", "In a Silent Way" und "Birdland" schrieb er Musikgeschichte. Er wurde 25 Jahre lang ununterbrochen zum besten Keyboarder der Welt gewählt. Und er hat den Groove. Am 7. Juli wird Joe Zawinul siebzig Jahre alt. ALBERT HOSP |
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"Und der Pepi musste immer spielen!", sagt Josef Erich Zawinul, steht auf und holt mir ein Stückl Kruste vom Schweinsbraten aus der Küche, zum Kosten. Die Küche steht in Kalifornien; die Gedanken Zawinuls sind in einer anderen Küche: Oberkirchbach, Wienerwald, Anfang der 1940er-Jahre. Es ist eng, wenn die Familie Zawinul zusammensitzt. Alle singen, alle genießen Großvaters Selbstgebrannten; auch der Bub, der sich zwecks Begleitung der Volkslieder das Akkordeon umgeschnallt hat, wischt manchmal heimlich über den Hahn des Schnapsfasses. Mit der linken Hand drückt er weiter die Bässe, mit der rechten genehmigt er sich einen Tropfen. Aber wichtiger als jener verstohlene Schluck ist sein Job: "... immer spielen". Gern macht ers nicht immer, auch wenn er die Musik an sich heiß liebt; immer nur spielen, was die anderen wollen, das geht auf Dauer nicht. "Wenn das nicht besser wird, dann schleich ich mich." Das könnte eines der vielen griffigen Lebensthemen sein, die Josef Erich Zawinul zugeschrieben werden. Oder hat er sie wirklich alle schon einmal selbst formuliert? "Be happy, but don't be satisfied." "Man muss spielen, was im Herzen ist, und sonst nix, das kann ich dir sagen." "Wannst Schwammerl finden willst, musst ein Teil des Waldes werden." Wenn er gut aufgelegt ist, kommen ihm die zitierfähigen Aussagen leicht von den Lippen. Zitierfähig? Wie schreibt man das auf, diese Mischung aus Wienerisch und Amerikanisch? Beides hört sich aus seinem Mund völlig überzeugend und (auch wenns paradox scheint) akzentfrei formuliert an. Etwa, wenn er die schon legendäre Begebenheit aus der Zeit um 1960 erzählt: Zawinul war damals, als einziger Weißer in der Band, mit der Sängerin Dinah Washington in Texas unterwegs. Wenn er nachahmt, wie ihn eine weiße Sheriff-Frau in breitem Texanisch fragt: "Where are you goin', boy?"; wenn er sich darauf selbst die Antwort gibt: "I geh da rauf und spiel"; wenn er Dinah Washington zitiert: "Wann der ned spielt, sing i ned"; und dann den Clubbesitzer flehen lässt: "Bitte, Dinah, die haun mir den ganzen Club zsamm!" - das lässt sich kaum in irgendeine Schriftsprache übertragen. Dasselbe gilt für Zawinuls Musik. Sie ist nichts für Partituren. Die werden immer erst nach dem Ausformulieren am Keyboard von der ersten Aufnahme abgehört und abgeschrieben. Alles, was er jemals komponiert hat, komme aus dem Moment der Inspiration, erzählt Joe Zawinul auf der Terrasse, die wahrscheinlich von jedem Journalisten als Symbol für Zawinuls Leben und seinen Erfolg beschrieben wird. Gut, wieder einmal: Man sitzt mit Blick auf den Pazifik. Die Gegend heißt Big Rock. Das lässt auf eine gute Aussicht schließen. Big Rock, Malibu, Santa Monica, Kalifornien. Tief unterhalb des Grundstückes hört man zwar den Ocean Highway lauter rauschen als den Ozean selbst. Aber der Ausblick macht alles wett. Die Terrasse (auf der ein Schild mit der Aufschrift "Biergarten" am Boden liegt) befindet sich zwischen Studio und Wohnhaus. Musik und Familie. Im Studio ("Music Room") werken Joe, diverse Musiker und einer der drei Söhne, Ivan, Papas Cheftechniker. Im Wohnhaus werkt Maxine, Joes Ehefrau seit 1963. "Sie war das erste schwarze Playboy-Bunny. Und die waren damals Stars. Heute sinds vielleicht Oberinnen - Kellnerinnen. Das war im Birdland. Ich hab eigentlich alle im Birdland kennen gelernt. Miles. Ellington. Joe Louis. Deswegen ist auch das Stück so ehrlich." Der Moment der Inspiration, "Birdland" als Beispiel: Das Stück aus dem Jahr 1977, für das er dreimal den Grammy erhielt (in der Urfassung sowie in den Versionen von Manhattan Transfer und Quincy Jones), erkennt man an den ersten drei Tönen, die unnachahmlich rhythmisch platziert sind. "Birdland" groovt bereits, bevor es richtig begonnen hat. Was ja im Endeffekt dem Begriff "groove" ("Ackerfurche") ganz wörtlich entspricht: Groove ist weniger eine musikalische Aktion als vielmehr ein bereits geschaffener Zustand, in den man sich begibt und von dem man gelenkt wird. Zawinul groovt. Birdland groovt. Aber hören Sie nicht immer Birdland. Hören Sie auch nicht immer nur den nächsten Cut auf "Heavy Weather". Hören Sie einmal "Teen Town", die temperamentvolle Komposition des genialen Bassisten Jaco Pastorius. Den Punkt erwischen, an dem jegliche Äußerung erst Sinn macht. Nicht lange brauchen, um zum Punkt zu kommen. "Get to the point" mag sich Zawinul immer schon gedacht haben, wenn ihm etwas nicht getaugt hat. "Wenn das nicht besser wird, dann schleich ich mich." Im Wien der Fünfzigerjahre kam es ihm so vor, als "kratzten wir da nur ein bissl an der Oberfläche von etwas herum, das nicht einmal unsere eigene Musik ist". Obwohl die Ensembles von Fatty George durchaus Achtbares leisteten, obwohl er etwa den Saxophonisten Carl Drewo als "einen der größten überhaupt" empfindet. Er schleicht sich, im rechten Moment. 1959, als er längst erkannt hatte, das im Wort JAZZ seine eigenen Initialen sind, fährt Zawinul mit einem Stipendium für das Berklee College of Music in Boston per Schiff in die Neue Welt. In Berklee bleibt er nicht einmal ein Semester, wird vom Fleck weg in die Band des Hochleistungstrompeters Maynard Ferguson engagiert. Dann folgen einige Tourneen mit Dinah Washington. Dann die knapp zehn Jahre mit dem Saxophonisten Julian Cannonball Adderley. Für Adderley ist Zawinul "Brother Joe", der natürlich auch bei einem Benefizkonzert für "Operation Breadbasket" mitspielt. Auf der CD "Country Preacher" ist jenes Ereignis aus den 1960er-Jahren festgehalten: Da hört man eine Eröffnungsansprache von Reverend Jesse Jackson (ja, der spätere Konkurrent von Ronald Reagan), der, in guter Prediger-Tradition, nur zwei Worte braucht, um zu formulieren, worum es im Leben gehe: "Walk tall!" Egal was geschieht, ruft Jesse Jackson, bewahre dir den aufrechten Gang. Am Ende der kurzen Rede, wenn Jackson mit unvergleichlichem Crescendo in den begeisterten, mehrfachen Ruf "Walk tall!" ausbricht, hört man Adderley im Hintergrund einzählen, und eine Musik bricht los, die das Konzert als Gospel-Funk-Messe definiert. "Walk Tall" - eine Komposition von Joe Zawinul ... Hören Sie also nicht immer nur "Mercy, Mercy, Mercy" - "Walk Tall" ist auch nicht schlecht. "Ich hab in meinem ganzen Leben vielleicht in vier Bands gespielt. Fünf vielleicht." Bitte sehr: Cannonball Adderley Quintet, Weather Report, Zawinul Syndicate. Was sonst noch? Wahrscheinlich, meint Zawinul, noch die Zusammenarbeit mit Carl Drewo, "back in Österreich", wie er sagen würde. Und? Weather Update, die Band im Niemandsland nach der Auflösung von Weather Report? Kaum. Viel eher gehört jenes Kollektiv in die Liste, das am 18. Februar 1969 in New York City zusammenkam: Dave Holland. John McLaughlin. Tony Williams. Chick Corea. Herbie Hancock. Wayne Shorter. Miles Davis. Josef Zawinul (tatsächlich, auf dem Cover heißt er "Josef"). Die Platte besteht aus nur drei Kompositionen, und nach einer ist sie benannt: "In a Silent Way" von Josef Zawinul. Jetzt dürfen wir aber schon ein bissl auf ihn stolz sein, egal, ob er es jetzt wirklich mit Blick auf den verschneiten Stadtpark erfunden hat oder nicht. Das filigrane Stück mit seinen schillernden Farben, ohne jeden Rhythmus, ein durchgehendes Rezitativ, ein instrumentaler Sprechgesang, ein geflüstertes Gespräch - es gehört tatsächlich zu den Marksteinen der Musikgeschichte. "Ich hör mir eigentlich überhaupt keine Musik an. Interessiert mich nicht. Was mich interessiert, sind die Menschen selbst. Ich bin ein guter Observierer." Zawinul kam in Miles Davis' Band und ging schon wieder. "... dann schleich ich mich." In a silent way? Nein, er hat immer aufgezeigt und vor dem Abgang noch gesagt, warum er geht. Im Fall von Miles Davis nicht, weil es dort "nicht besser wurde", sondern weil er endlich, nach fast zwanzig Jahren als Sideman, seine eigene Band gründen wollte. Der Wetterbericht gehört dazu. Egal, was für Grauslichkeiten in den Nachrichten erzählt werden, am Ende muss für die Wettervorhersage Platz sein. Weather Report - das Einzige, worauf man sich verlassen kann. Das Wetter selbst allerdings, darauf kann man sich nie verlassen. Beides passt zur Gruppe, deren Namen der Saxophonist Wayne Shorter erfand. Weather Report wurde 15 Jahre alt, ein Symbol für die 1970er-Jahre, deren Vorboten in den Sechzigern und deren Ausläufer in die Achtziger. Unplugged geht gar nichts mehr. Die Technik wird immer handzahmer. Am Beginn fuhrwerkt Zawinul noch mit vielen Kabeln herum, um der frühen Synthesizer Herr zu werden. Dagegen wirkt Wayne Shorter, mit einem Saxophon und sonst nichts, wie ein ruhiger Gegenpol auf der Bühne. Sehr schnell macht Zawinul die Entwicklung der Klangtechnik per Tasten (keys) zu seinem Metier und hat immer weniger Kabel um den Hals und immer mehr Sound per Knopfdruck parat. Beim Anhören der Weather-Report-Platten, die zum Großteil noch vor Erfindung der CD entstanden, frage ich mich, ob es nicht eines der wichtigsten Merkmale Zawinul'scher Kunst sei, sich immer gerade noch im Zaum zu halten. Hier, ob auf "Heavy Weather" oder dem Live-Album "8:30", ist er zum Keyboarder geworden. Natürlich, auch "Mercy, Mercy, Mercy" spielt er schon nicht mehr am akustischen Klavier, sondern mit einem E-Piano (einem klassischen Wurlitzer); aber jetzt, mit Weather Report, ruft er all die Geister der künstlichen Klänge - und wirkt doch nie als ratloser Zauberlehrling. Genau ein Vierteljahrhundert lang ist er Jahr für Jahr, ohne Unterbrechung, im Magazin Downbeat zum besten Keyboarder gewählt worden. Zugegeben, Zawinuls Musik nach der Auflösung von Weather Report 1985 kommt mir manchmal etwas schwer verdaulich vor. Meine Erinnerungen an Zawinul live reichen zwar leider nur bis zum Jazzfest Wiesen, irgendwann in den Achtzigern, zurück, als Bobby McFerrin solo auf die Bühne kam und das vorangegangene, sehr laute Konzert von Weather Update mit einem Ton vergessen machen konnte. Aber: Im Sommer 2001 erlebe ich ein Konzert vom Zawinul Syndicate auf der Burgruine Güssing und sehe einen vitalen Mann mit Schnauzer und vier junge Kollegen ein Konzert spielen, das durch Lebensfreude, formvollendetes Zusammenspiel und einen kristallklaren Sound auch einen eingefleischten "Mercy"-Liebhaber wie mich begeistert. Zawinul ist ein echter Musikant. Den Schnauzbart trägt er "scho laang", Joe heißt er, "seit ich die amerikanischen Filme g'sehn hab". Aus der Küche in Malibu holt er eine alte Kracherlflasche aus Oberkirchbach. Aber das haben sicher schon viele Journalisten erzählt. Josef Erich Zawinul wird am kommenden Sonntag siebzig. Soange ihn "die Menschen selbst" wirklich interessieren, wird ihm der Stoff für neue Platten nie ausgehen. Albert Hosp ist Musikjournalist und Redakteur bei Ö1. Die beiden Interviews für diesen Text führte er im Sommer 2001. |
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Juli 2002 © FALTER
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