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| Nudisten und Puristen |
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DONAUINSEL Vor dreißig Jahren wurde sie als Schutzwall gegen das Hochwasser gebaut. Nicht alle waren damals von der Insel in der Stadt überzeugt. Heute ist die Donauinsel ein Erholungsgebiet für alle: Nudisten, Sportler, Ballermänner und Puristen. JULIA ORTNER, CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos) |
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So gegen elf Uhr kommt die Vindobona und erzeugt Wellen. Schlecht für die Fähre von Franz Josef Felsterl. Immer wenn die Vindobona kommt, schaut Felsterl, dass er sein Schiff vorher am Anlegeplatz an der Donauinsel festgemacht hat und die Fährgäste schon an Land gegangen sind. "Viele spazieren dann weiter zum Heurigen nach Stammersdorf oder besuchen die Erbtante am Friedhof in Jedlesee", erzählt der Fährmann. Seit fast zwanzig Jahren bringt er mit seinem Schiff "Nussdorf" täglich Wanderer, Radler und Badegäste vom Kahlenbergerdörfl zur Donauinsel und retour. Nur von 1996 bis 1998 war Pause für die Nussdorf und Felsterl. Da musste er den Fährbetrieb einstellen, weil während des Kraftwerksbaues Freudenau das flussseitige Ufer der Donauinsel komplett neu gestaltet wurde. "Seit damals gehen viele Leute zum Baden in die Lobau oder ans andere Ende der Insel." Doch jetzt hat Felsterl Hinweistafeln angebracht und schön langsam steigt auch die Zahl der Fährgäste wieder. Wer eine Überfahrt will, zieht an der Anlegestelle an einer Kette und setzt damit ein Signal für den Fährmann, dass Kundschaft da ist. Felsterls Schiff ist für achtzig Personen und fünfzig Fahrräder zugelassen. Unter der Woche nützen nur wenige die Überfahrt. Obwohl man mit der Fähre in knapp fünf Minuten mitten in den wenig überlaufenen Teil der Donauinsel gelangt. Und bei Inselkilometer 17,5 gibts dann nur noch Natur: Grillen zirpen, Nacktbader suchen den raren Schatten der halbhohen Büsche, ein paar Skater und Radfahrer nutzen die steigungslose Asphaltpiste auf dem Damm. Viel mehr als Idylle findet hier nicht statt. Eine Idylle, die so gar nicht geplant war und deren Geschichte gar nicht idyllisch verlaufen ist. Denn als die Bagger vor dreißig Jahren anrollten, um die Donauinsel aufzuschütten, war noch keine Rede von dem heutigen grünen Naherholungsgebiet mit vierzig Kilometern Badestrand, nur zehn Minuten von der City entfernt. Ursprünglich sollte die Insel in der Stadt vor allem einen Schutzwall gegen drohendes Hochwasser bilden: Seit der Überschwemmung 1954, die den Hubertusdamm fast zum Bersten gebracht hatte, wurde in Wien über Hochwasserschutzstrategien diskutiert. So lange, bis die Rathaus-SPÖ ihren schwarzen Koalitionspartner 1969 vor vollendete Tatsachen stellte und den Bau der Donauinsel beschloss - gegen den Willen der ÖVP. Wegen der Donauinsel platzte sogar die Koalition. Die Schwarzen stemmten sich gegen die Milliardeninvestitionen für das geplante Entlastungsgerinne und die Insel, sie wollten das Überschwemmungsgebiet erhalten und die Dämme erhöhen. Und auch der Bund hatte Pläne für die Insel: Mit einer Kaserne, Sportplätzen oder Universitätsgebäuden wollte man das ehemalige Überschwemmungsgebiet wirtschaftlich nutzen. Und die Insel wurde zur Ideologiefrage: "Spaghetti-Insel" nannte die ÖVP das stadtplanerische Jahrhundertprojekt abfällig, 1974 plakatierte sie zum Thema Insel noch kühn "Die Stadt ist krank" - ein Akt der politischen Selbstbeschädigung, der den Schwarzen bis heute nachhängt. "Windsurfen, Nacktbaden und mit der sozialistischen Seele baumeln ? Herz, was willst du mehr!", machte sich Alfred Worm noch 1979 im profil über das rote Riesenprojekt als Proletentreffpunkt lustig. "Am Nacktbadestrand tummeln sich die Nackten und die Roten: Sie zünden Lagerfeuer an, pinkeln ins Badeparadies und schlagen sich des Abends in die Büsche." Aber auch in der SPÖ gab es Inselskeptiker - jahrelang war schließlich nicht klar, wie das neue Erholungsgebiet genau ausschauen sollte. Mächtige Rote wie Finanzstadtrat Hans Mayr waren sich nicht sicher, ob die Insel tatsächlich 100.000 Wiener täglich anziehen könnte ? heute kommen an schönen Tagen bis zu 200.000. Rudolf Bednar, damals Leopoldstädter Bezirksvorsteher und einer der eifrigsten Verfechter des Inselprojekts, erinnert sich an die Zurückhaltung mancher Parteifreunde: "Der Hans Mayr war eben aus dem 15. Bezirk. Und je weiter ihre Bezirke von der Donau entfernt waren, umso weniger notwendig erschien manchen das teure Projekt." Für Bednar ist die Insel noch immer "ein Segen für ganz Wien" - sein Bezirk war vorher auch immer wieder direkt vom Hochwasser bedroht. Nach einem langwierigen städtebaulichen Wettbewerb und diversen Expertenrunden einigte man sich 1979 auf ein grundlegendes Nutzungskonzept: keine Verbauung auf der Insel, ein reines Erholungsgebiet mit klar eingeteilten Nutzungszonen. Im Norden und Süden der 21 Kilometer langen Insel sollte unberührte Natur neben Sporteinrichtungen, Grillplätzen, Badegästen, Naturfreunden und FKK-Anhängern erhalten bleiben. Im Mittelteil rund um die Donauplatte sollte ein Gastronomieviertel für Umsatz sorgen. "Der Grundgedanke war, die Insel für alle sozialen Gruppen und alle Nutzungen zu erschließen: vor allem für ärmere Bevölkerungsgruppen, die sonst keinen freien Raum in der Stadt haben", sagt Bruno Domany, der das Donauinselprojekt von Anfang an als Planer, Jurymitglied im städtebaulichen Wettbewerb und schließlich als einflussreicher "Donauinselkoordinator" begleitet hat. Die Insel als Symbol für das rote Wien - eine Stadt, die dem Bürger seinen persönlichen Badestrand mit Ballermann-Atmosphäre und einem jährlichen Gratisfest für drei Millionen Leute vor die Tür baut, direkt mit der U-Bahn zu erreichen. Aber auch in anderer Hinsicht war das einstige Hochwasserschutzprojekt ein Meilenstein: Im Laufe der Planung regte sich nämlich auch im Magistrat der Ökogedanke - wenn auch anfangs zaghaft, wie sich Planer Domany, mittlerweile leitender Beamter bei der MA 22 (Umweltschutz), erinnert. "Einmal sind wir - ein ganzer Tross Beamte und Planer mit dunklem Anzug, weißem Hemd, Krawatte - bei einer offiziellen Ortsbegehung am Ufer gestanden, ein paar Nackerte sind gekommen und haben uns beschimpft, dass wir die Bäume dort nicht abschneiden dürfen, sonst würden sie sich anketten." Begegnungen, die die Ökos unter den Inselplanern beeindruckten: Die Uferböschungen wurden im Lauf der Bauzeit flacher und naturnaher gestaltet, der Baumbestand wie zum Beispiel am Toten Grund im Süden der Insel größtenteils erhalten. Dem Charme der Insel konnte sich auch die ÖVP irgendwann nicht mehr entziehen - als sich Anfang der Achtzigerjahre immer mehr Wiener für ihre Insel erwärmten, war sie keine "Spaghetti-Insel" für Proleten mehr. Und um die Kosten von sieben Milliarden Schilling (zirka 509 Millionen Euro) wurde nicht mehr gestritten. Nach dreißig Jahren hat die Insel ihre eigenen Gesetze und Regeln. "Start", "Ziel" ist alle paar hundert Meter auf den Asphalt der Inselstraße gemalt: Überbleibsel privater Wettkämpfe für Teilnehmer auf zwei oder acht Rädern, die hier irgendwann einmal stattgefunden haben. Auch "FKK" ist zu lesen oder "Landesgrenze" - schließlich befindet sich der oberste Inselzipfel bereits in Niederösterreich. Zwei durchtrainierte Inlineskater starten hier in "NÖ", bei Kilometer 21, zum Inselduell am Mittag. Eine knappe Stunde und knapp zwölf Kilometer später werden die beiden mit Wasserflaschen bepackten Sportler beim Wasserskilift ankommen. Gleichzeitig, "weil es ein faires Rennen war". Nach einer kurzen Pause gehts zurück zum Start. Solche Trainingsmöglichkeiten, sagen sie, seien ideal: keine Autos, gerade Straße, frische Luft. Und, weil es unter der Woche ist, auch nicht so viele andere Inlineskater oder Radler, die ihnen den Platz für weite Schwünge wegnehmen könnten. Nebenan beim Wasserskilift versucht das Jungvolk, Skateboards mit Wakeboards zu vertauschen. Doch auf Wasser surft es sich offensichtlich anders. Erst recht mit mehr als 35 Stundenkilometern. Im Gegensatz zu den Cracks, die mit ihren Saisonkarten "jede freie Minute" hier verbringen, enden die ersten Versuche der Anfänger meist nach ein paar Metern. Ob Action oder Ruhe: Hans ist das egal. Der 43-jährige Schichtarbeiter hat momentan Tagesfreizeit und nutzt diese, um ziemlich warm angezogen und mitten im Nacktbadebereich zu fischen. "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", sagt er. Und: "Die Nackerten stören mich nicht." Die Fische offenbar schon. Denn erstens lassen sie sich heute nicht blicken, und zweitens fischt es sich in der Dämmerung angeblich besser. Das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs gegenüber ist kein Störfaktor. Gleich zwei Angelruten hat Hans ins trübe Wasser der neuen Donau ausgeworfen. Karpfen gäbe es hier und Hechte. Ein 25-Kilo-Exemplar habe er schon einmal herausgeholt, erzählt der Hobbyfischer. Und überhaupt: Dass es Fische gibt, spricht ja auch für die gute Wasserqualität hier. Ins Wasser mag er trotzdem nicht. "Das überlass ich lieber den Nackerten." Über die Donauinselgastromeile bei der Reichsbrücke schallt Sirtaki und Hitparadenmusik. "Sunken City" heißt die Ess-, Trink- und Entertainmentanlage vis-à-vis des neuen Stadtteils Donaucity und der Copa Cagrana. Seit gegenüber Büros und Wohnungen gebaut wurden, bemüht man sich hier um einen Imagewechsel: weg vom trashigen Ballermann-Ambiente der vergangenen Jahre hin zu gehobener Gastronomie und gepflegten Cocktaillounges. "Wir haben es endlich geschafft, die hässlichen weißen Plastikmöbel gegen edle Holztische und Sessel auszutauschen", sagt Karl Hofbauer und ist sichtlich stolz. Hofbauer ist so etwas wie der Chef der Sunken City. Vor acht Jahren hat der ehemalige Segelschulbesitzer diesen Gastrobereich übernommen und komplett umgebaut. 17 Lokale - auf der Insel und auf schwimmenden Pontons - gibt es, Hofbauer sucht zu seinem Konzept passende Gastronomen. Die übernehmen die Lokale komplett eingerichtet. "Ich verpachte nicht, sondern mache mit meinen Partnern langfristige Mietverträge und kümmere mich um das Marketing." Und passend zum neuen, schicken Gegenüber auf der Platte soll jetzt eben auch das gastronomische Niveau steigen. Mittags gibts Lunch für die Büromenschen, abends wird noch immer lautstark gefeiert. Denn eigentlich, sagt Hofbauer, sei seine Sunken City schon ein "Abendgebiet". Probleme mit den neuen Nachbarn gegenüber gäbe es nicht. Die vier lauten Lokale wurden rundum verglast und zu schwimmenden Discos umgebaut. Bleibt die Frage, wieso gerade hier die Wasserqualität des Entlastungsgerinnes so schlecht ist. Ist den Gästen vielleicht der Gang auf eine der beiden Zentraltoiletten zu umständlich? Das kann sich zumindest der Manager gar nicht vorstellen: "Wir haben die schönsten Toiletten auf der neuen Donau", sagt Hofbauer. Noch etwas, worauf er wirklich stolz sein kann. Der Boom rund um Sunken City und Copa Cagrana brachte der Stadt nicht nur gute Einnahmen, sondern auch einen Wickel, der durch die Zeitungen geisterte: Bruno Domany, der 1979 zum Donauinselkoordinator ernannt wurde und die Umsetzung des städtischen Nutzungskonzepts vor Ort umsetzte, geriet in den Neunzigerjahren zwischen die Fronten der konkurrierenden Wirte: Ein paar warfen dem "Vater der Donauinsel" Korruption und Freunderlwirtschaft vor: Er würde die Platzhirschen der Copa Cagrana begünstigen - Vorwürfe, von denen Domany freigesprochen wurde. "Wenn man klare Richtlinien durchzusetzen hat, werden manche enttäuscht, da macht man sich auch Feinde", meint Domany heute lakonisch. Solche Wickel gibts an den Badeplätzen der Insel nicht, auch nicht zum Thema Badebekleidung. An die ausgewiesenen FKK-Zonen halten sich ohnehin nur die wenigsten. Ob jemand angezogen oder nackt in der Sonne brät, interessiert hier niemanden. Ganz im Gegensatz zu früher: "Die Polizei hat es längst aufgegeben, sich der Nahtlosbräuner näher zu widmen", ätzte Alfred Worm einst im profil. "So manches Pferdchen stolziert quer durch die Reihen der lernbegierigen Kinder und geizt nicht mit den Reizen." |
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Juli 2002 © FALTER
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