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Das Lachen des Himmels
LITERATUR AUS AFRIKA Nach wie vor weitgehend ignoriert, zieht Afrika zumindest in der Kultur zusehends mehr Aufmerksamkeit auf sich. Aminata Sow Fall, Nuruddin Farah, Moses Isegawa oder Wole Soyinka repräsentieren unterschiedliche Generationen von Schriftstellern, die eine wachsende Leserschaft mit der Realität und den Träumen eines Kontinents vertraut machen. ERICH KLEIN

Falter 28 Originaltext aus Falter 28/02 vom 10.07.2002

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"Der Banale negert herum", schrieb der deutsche Expressionist Carl Einstein zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner einflussreichen Schrift über die "Negerplastik". Das Interesse für die Exotik Afrikas war immer nur die Rückseite von Imperialismus. Carl Einsteins nach heutiger Diktion wenig politkorrekte Polemik hingegen zielte auf eine rationale Analyse afrikanischer Kunstformen, die er als den größten Kunstwerken der Menschheit ebenbürtig ansah und denen es - und somit Afrika überhaupt - erst einmal Interesse und Anerkennung entgegenzubringen gelte.
Carl Einsteins Diagnose, der zufolge sich gelangweilte Europäer an der Exotik des Afrikanischen ergötzen, ist auch hundert Jahre später kaum etwas hinzuzufügen. Obwohl in jüngster Zeit alles Afrikanische Konjunktur hat - von der World Music bis zu Ausstellungen à la "Flash Afrique" -, obwohl Okwui Enwezor zum künstlerischen Leiter der Documenta in Kassel bestellt wurde und dem ebenfalls aus Nigeria stammenden Romancier Chinua Achebe heuer der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, sind dergleichen Veränderungen noch immer marginal - angesichts eines 900 Millionen Einwohner zählenden unbekannten Kontinents, der mit seinem nur vierprozentigen Anteil am Welthandel ja tatsächlich auch vernachlässigbar scheint. Zeitgeschichte wird anderswo gemacht.
Im Großen und Ganzen bietet sich im Zusammenhang mit Afrika ein bekanntes Bild: Visionen von Tod und Untergang, Aids, Hungersnöte, Sahelzone, Bürgerkriege, blutige Diktatoren. Apocalypse now! Einfache Gegenprobe: Wer kann einen afrikanischen Schriftsteller nennen? Im besten Fall fällt einem der schwarzafrikanische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka ein.
Dass es sich bei afrikanischer Literatur - die es im Grund genommen genauso wenig gibt wie europäische - um ein schillerndes, höchst vitales Konglomerat handelt, das die Fortsetzung realistischer Dichtung des 19. Jahrhunderts (mit wichtiger Bezugnahme auf die Russen) mit modernen Schreibtechniken der Europäer und Amerikaner verbindet und zugleich alte orale Traditionen integriert, ist - zumindest im deutschen Sprachraum - kaum bekannt. Afrikanische Autoren verstehen es zu erzählen, und sie wissen, was sie erzählen müssen.
Zum Beispiel gelang dem 1963 im Uganda des Idi Amin geborenen Moses Isegawa, der nach dem Besuch eines katholischen Priesterseminars vier Jahre als Geschichtslehrer arbeitete und 1990 in die Niederlande emigrierte, mit seinem Romanerstling "Abessinische Chronik" ein internationaler Erfolg. Er wurde mit Gabriel García Márquez und Dostojewski verglichen. Isegawas Einstellung zur Literatur zeichnet ein "westlicher" Pragmatismus aus: "Ich verließ Uganda, um dorthin zu gehen, wo Bücher in großen Mengen geschrieben und verlegt werden. Wenn ich ein Basketballspieler gewesen wäre, wäre ich nach Amerika gegangen; als Schriftsteller suchte ich mir Europa aus."
Auch seinen zweiten Roman "Die Schlangengrube" schrieb er auf Niederländisch. Rasche Cuts kennzeichnen die Dramaturgie dieses Romans über die Banalität des Bösen. Bat Katanga, der Protagonist, kehrt nach dem Studium in Cambridge nach Uganda zurück. Unter Idi Amin herrschen nicht nur Korruption und Gesetzlosigkeit, die täglich praktizierte Folter ereilt auch den jungen und erfolgreichen Beamten des Energieministeriums in leitender Position, der glaubt, jenseits politischer Intrigen Karriere machen zu können. Verrückte Generäle, eine dubiose Agentin namens Victoria, eine liebende Ehefrau samt traditionellem Familienverband geben den einfachen Plot eines Entwicklungsromans ab, der durch Mord, Totschlag und den totalen Untergang des Staates Uganda im Bürgerkrieg führt und zugleich eine subtile Analyse der Diktatur darstellt. Das einzig gültige Gesetz heißt Grausamkeit, für die sich außerhalb Ugandas in der Welt des Kalten Krieges niemand interessiert.
Angesichts dieser blutrünstigen Pornografie des Alltags bleibt Isegawa immer lakonisch: Als Babit, Bat Katangas Frau, ermordet wird - der Kopf wird ihr fein säuberlich abgeschnitten -, benötigt Isegawa für die Beschreibung der Toten nur einen einzigen Satz: "Der Rumpf lag in der Wanne, die Arme schlaff an den Seiten, der Ehering im Licht hell blinkend." Das Rasiermesser des Leides und der Trauer durchfährt den Leser ob des Zynismus des Mordes und der Knappheit von dessen Beschreibung. Mit dem nächsten Satz, in dem mit wenigen Worten viel gesagt wird, ist die Tragödie gebannt: "Trauer lässt uns zwischen Kindlichkeit und Rohheit schwanken."

Aus einem ganz anderen Pathos schreibt der nigerianische Literaturnobelpreisträger des Jahres 1986, Wole Soyinka. Als Dramatiker, Essayist, Lyriker und Romancier weiß sich der 1936 geborene Soyinka nicht nur einer traditionellen, klassisch realistischen Schreibweise verbunden; als Vertreter der ersten Generation von Schriftstellern nach der Entkolonialisierung engagierte er sich auch unmittelbar politisch. Für seine Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung in Biafra in den 1970er-Jahren wurde er eingesperrt, in den 1990er-Jahren wurde Soyinka, der während seines langjährigen Exils an amerikanischen Universitäten lehrte, aufgrund seines Protests gegen die nigerianische Regierung mehrfach mit dem Tod bedroht.
Die Vergangenheit der Sklaverei und die Möglichkeit von Versöhnung in den ehemaligen Diktaturen sind Soyinkas jüngste Hauptthemen. Zentrale Forderung: Europa und Amerika müssten endlich die Verbrechen von Sklaverei und Kolonialismus als solche anerkennen und einen Schuldenerlass für die im internationalen Wettbewerb heillos überforderten afrikanischen Staaten erwirken. Was das eigene Land betrifft, setzt sich Soyinka seit Jahren kritisch mit den Verbrechen Nigerias auseinander, eine Amnestie der Täter - wie sie die südafrikanischen Versöhnungskommissionen vorsehen - lehnt er kategorisch ab.
"Die Ausleger", ein früher Roman aus dem Jahre 1965, beschreibt anhand von fünf Freunden die nigerianische Gesellschaft in den 1960er-Jahren, kurz nach der Unabhängigkeit. Ein Journalist, ein Außenministeriumsbeamter, ein Maler, ein Universitätslehrer und ein Ingenieur suchen in endlosen Gesprächen, Rückblenden und Partybesuchen ihren Platz in der neu geschaffenen schwarzen Bourgeoisie. Anders als in Moses Isegawas zynisch blutrünstiger Welt herrscht hier noch Spott über die Nachahmung der ehemaligen Kolonialmacht England.
Das endlose Geschwätz der jungen afrikanischen Elite bewegt sich zwischen halbexistenzialistischen Saufgelagen à la Hemingway und pathetischen Naturbeschreibungen: "Der Regen des Mai wandelte sich im Juli in die geschlitzten Arterien des Opferstiers; aus Millionen Einstichen blutete der hinter zuckenden Wolkenbuckeln verborgene Himmelsstier, schwarz, überfüttert für das eine große Fest." So weit das Setting für eine Autofahrt bei heftigem Regen. So ausgefallen exotisch Soyinkas Landschaften anmuten, so präzise sind seine detaillierten Schilderungen und Dialoge: "Ich hätte beim Bier bleiben sollen. Der Whisky hat meine ganze Negritude ausgebrannt." Die Gespräche über Frauen, das Verhältnis zur eigenen Tradition, das Bild von Amerika und Afrika, die Suche nach der eigenen Identität, all das wirkt retrospektiv etwas antiquiert, ein Bild des jungen Afrika bekommt man in Soyinkas Roman auf jeden Fall. Wobei man dabei auch die Hautfarbe der Protagonisten sowie den Ort des Geschehens vergisst.

Literatur als moralischer Grundstein einer Gesellschaft, so lautet die Maxime des Romanciers Nurrudin Farah, der 1945 in Somalia geboren wurde. Das Studium der Philosophie und Literatur in Indien, lange Aufenthalte in Italien, in den USA und in Deutschland haben Farah zum Weltbürger, die zahlreichen Übersetzungen seiner Werke ihn zum derzeitigen Shooting Star der afrikanischen Literatur gemacht. Acht seiner Bücher sind auch auf Deutsch erschienen, der jüngste Roman, "Duniyas Gaben", ist Teil einer Trilogie über Somalia am Vorabend des Bürgerkrieges. Zentrales Motiv: Suche nach der eigenen Identität am Beispiel einer Hebamme, deren Tochter ein Findelkind mit nach Hause bringt.
Anders als Soyinkas Versuch, die Totalität einer jungen Gesellschaft an ihrem Ausgangspunkt der Freiheit darzustellen, verfügt Farah über die Erfahrungen, wohin dieses Projekt in den diversen afrikanischen Ländern geführt hat: in die Korruption und das Chaos. Das Findelkind ist dabei Allegorie der afrikanischen Abhängigkeit von einer Entwicklungshilfe, die Farah auf unverhohlen harsche Weise kritisiert: "Es gab keine Unabhängigkeit. Durch die Hintertür kamen die Kolonialbeamten zurück, als Experten, Berater und Entwicklungshelfer. Heute kommen die Arbeitslosen aus Europa und Amerika - die Mehrheit der Entwicklungshelfer ist unintelligent, ungebildet und desinteressiert, die Arbeit ist für sie bloß ein Job."
In der Zeitschrift Literaturen merkte Sigrid Löffler gelassen an, dass Farahs Romane komplexer und vieldeutiger seien, als es dessen politische Ansichten zur internationalen Afrikapolitik vermuten ließen. Farah gelingt es auf brillante Weise, moderne Prosa mit Legenden und politischen Mythen zu verknüpfen, die den Vergleich mit Thomas Mann oder Robert Musil nicht zu scheuen brauchen. Die Hebamme und zweifache Mutter Duniya steht - nach zwei gescheiterten Ehen - mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität und bewegt sich zugleich halb traumverloren auf der Suche nach der großen Liebe durch die somalische Hauptstadt Mogadischu. Der plötzlich auftauchende Intellektuelle Bosaaso umwirbt sie, das in die Familie aufgenommene Findelkind verwirrt die sich anbahnende Liebesgeschichte, während der die erwachsene Duniya erst einmal schwimmen und dann Auto fahren lernt - elementare und zugleich symbolische Schritte der Emanzipation einer Frau, die sich an die traditionellen Lebensumstände einer afrikanischen Großfamilie gebunden weiß.
Auf subtile Weise lässt Nuruddin Farah seine Figuren über Glück und Unglück, Sexualität und Religion, über Schöpfungsmythen und Frisuren parlieren, er deutet schicksalsträchtige Entwicklungen ebenso elegant an, wie er klassische Liebesszenen zu inszenieren weiß. Die Erzählung endet mit der Frage von Duniyas Tochter: "Enden nicht alle Geschichten mit einer Hochzeit?", worauf ihr Bruder antwortet: "Alle Geschichten feiern, um es einmal wehmütig auszudrücken, die unverbrauchten Energiequellen der Menschlichkeit zwischen Frauen und Männern." Worauf der Erzähler abschließend kommentiert: "Und sie küssten sich, während die anderen immer noch auf ihr Wohl tranken. Die Welt war ein Publikum, das bereit war, Duniyas Geschichte von Anfang an zu hören." Dem Happy End ist nichts hinzuzufügen.

Einen großen Schritt über die afrikanische Love-Story mit Happy End vor weniger dramatischem Hintergrund macht die Senegalesin Aminata Sow Fall mit ihrem Roman "Die Rückkehr der Trommeln". Das Buch ist im frankophonen Westafrika Mittelschullektüre, ein afrikanischer "Catcher in the Rye", dessen 12-jähriger Protagonist Nalla dem Lockruf der Trommeln und der traditionellen Ringkämpfe folgt. Als Sohn eines Tierarztes und einer im Gesundheitswesen tätigen Beamtin, beide in Europa ausgebildet und den westlichen Werten von Fortschritt und Aufklärung verpflichtet, gerät Nalla mit Unterstützung seines Nachhilfelehrers immer mehr in den Bann alter Mythen. Seine Freundschaft zu einem Palmweinverkäufer und einem Ringer (Ringen ist der senegalesische Nationalsport) führt zu Lernstörungen.
Die Eltern wissen dagegen kein anderes Mittel als Therapie und Psychiatrie, sie versprechen dem Buben ein Mofa und für die Zukunft ein Auto. Nalla wehrt sich, indem er nächtliche Ausflüge in die Arena zu seinen geliebten Kämpfern unternimmt. Die Einsicht der Eltern, dass sie ihren Sohn nach "nichts sagenden Prinzipien" und unter Verleugnung der traditionellen Werte erzogen haben, bereitet ein Happy End vor: Wiedersehen beim Ringkampf, Begeisterung des Vaters und Ratlosigkeit der Mutter: "Sie ging weiter."
Aminata Sow Fall (siehe Interview im Kasten) ist vielleicht die bedeutendste afrikanische Autorin und hat mit der "Rückkehr der Trommeln" ein kleines Meisterwerk verfasst, das als Einstieg in die afrikanische Literatur nur wärmstens empfohlen werden kann. "Der Himmel lacht in seiner ganzen Pracht", heißt es in einem der traditionellen Gesänge zur Anfeuerung der Ringkämpfer. Der Leser dieses Buches wird sich nicht anders fühlen. Alle Exotik empfindet man hier schon als Heimat. "Das Tagesgestirn scheint für euch."

Moses Isegawa: Die Schlangengrube. Roman.
Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. München 2002 (Karl Blessing). 318 S., O 22,60.

Wole Soyinka: Die Ausleger. Aus dem Englischen von Inge Uffelmann. Zürich 2002 (Ammann).
343 S., O 22,60.

Nuruddin Farah: Duniyas Gaben. Aus dem
Englischen von Klaus Pemsel. Frankfurt/M. 2001 (Suhrkamp). 358 S., O 26,60.

Aminata Sow Fall: Die Rückkehr der Trommeln.
Aus dem Französischen von Cornelia Panzacchi. München/Wien 2001 (Edition Kappa). 176 S., O 18,40.


INTERVIEW AMINATA SOW FALL
"Ich neige immer zu Synthesen"

Aminata Sow Fall wurde 1944 in St. Lousi/Senegal geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft in Paris arbeitete sie als Gymnasiallehrerin. Sie war Präsidentin des senegalesischen Schriftstellerverbandes, 1987 gründete sie das Centre Africain d'Animation et d'Echanges Culturels und den Verlag Edition Koudiaì. Die Bücher (zuletzt: "Die Rückkehr der Trommeln" - siehe den Artikel auf dieser Seite) der vielleicht wichtigsten afrikanischen, heute in Dakar lebenden Autorin erscheinen in deutscher Übersetzung bei Lamuv und in der Edition Kappa.

Falter: Viele junge Senegalesen träumen heute davon, nach Europa zu gehen, da sie hier keine Hoffnung mehr sehen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in Dakar unübersehbar: Neben den Slums sieht man die protzigen Viertel der Neureichen.
Aminata Sow Fall: Es hat sich ein tief gehender Wandel in unserer Gesellschaft vollzogen. Früher wurden den Menschen ihre Ideen und Ideale zuerst in der Familie, dann in ihrer unmittelbaren Umgebung vermittelt. Ein Meister wurde respektiert. Diese Werte sind heute verschwunden, und ein wesentlicher Teil der Energie eines jeden Einzelnen ist auf materielle Werte fixiert. Die Weltbank sagt, es muss gespart werden, die Regierung stimmt dem zu. Die Studenten streiken und verlangen Stipendien. Dabei wagen die Politiker es nicht einmal, zuzugeben, dass sie keine Mittel haben. Ich verstehe, wenn die jungen Leute weggehen wollen. Dabei bin ich aber keine Anhängerin einer Ideologie des Weggehens um des Weggehens willen. Ich selbst könnte als Schriftstellerin nicht ohne mein Land leben.
Sie haben in Paris studiert, sind anschließend aber nach Dakar zurückgekehrt.
Ja. Ich ging für drei, vier Jahre weg; nicht zurückzukehren stand gar nicht zur Diskussion. Ich hatte das Glück, dass ich das ganze nötige kulturelle Gepäck schon hier bekommen hatte. Ich hatte allen Respekt vor meiner eigenen Kultur und dementsprechend auch vor der französischen. Für mich gibt es zwischen beiden Bereichen überhaupt keinen Konflikt - was vielleicht auch mit meinem Temperament zu tun hat. Ich neige immer zu Synthesen.
Es wurde Ihnen Ihre enge Verbundenheit mit der französischen Kultur vorgeworfen. Warum schreiben Sie nicht in Ihrer Muttersprache Woloff?
Ich habe immer französisch geschrieben. Meine ersten Texte sind 1962 entstanden, als ich Studentin an der Sorbonne war. Woloff gab es nur als eine rein mündliche Sprache. Es gab nicht einmal Transkriptionen davon. Als ich mein erstes Buch zu einem Verleger brachte, sagte er, er würde das nicht veröffentlichen, weil es allzu senegalesisch, allzu lokal gebunden war.
Als Ihr Roman "Die Rückkehr der Trommeln" erschien, wurde Ihnen andererseits vorgeworfen, Sie würden sich zu sehr mit der traditionellen Welt beschäftigen.
Es gibt im Senegal heute eine Menge von Intellektuellen, die viel von der Authentizität der senegalesischen Kultur reden. Mein Interesse dafür haben sie früher aber als höchst künstlich kritisiert: Sow Fall beschäftigt sich immer mit der Tradition, sie hat ein Problem damit. Ich habe aber keins.
Eine andere prekäre Frage Ihres literarischen Werks ist die des Feminismus. Ihr senegalesischer Kollege Ousmane Sembene hat einmal gesagt, er würde den Tag, an dem sich die afrikanischen Frauen an den Männern rächen, lieber nicht erleben.
Das ist Sembenes Art, die Frauen zu sehen. Er weiß ganz genau, dass sich die Frauen eines Tages revanchieren könnten. Ich selbst hatte nie das Gefühl, dass ich mich für etwas rächen müsste. Mir war die Stärke der Frauen immer bewusst. Radikale Feministinnen haben mich dafür heftig kritisiert. Ich sagte mir immer: Ein Mann kann denken, ich auch; er hat physische Kraft - ich habe andere Qualitäten. Ich mag die Frauen nicht, die wie verrückt in der Börse herumlaufen, die nur die Männer nachäffen und keine Zeit mehr haben, irgendetwas genauer zu überlegen. Ich habe 1968 in Paris erlebt: Die Frauen wollten nicht einmal mehr schön sein.
Angeblich geben die Senegalesinnen sehr viel Geld für Kleidung aus; sie gelten als die schönsten Frauen Afrikas.
Ja, da wird ziemlich verschwendet. Einerseits gibt es die Männer, die wollen, dass sich die Frauen ständig aufputzen; andererseits ist schöne Kleidung aber einfach ein Teil unserer Kultur.
Interview: ERICH KLEIN


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Juli 2002 © FALTER
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