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UNTERHALTUNG Mit der Wiedereröffnung von Hübners Kursalon im Stadtpark erhält Wien eine legendäre Location zurück. Auf der anderen Seite der City können seit Mai Freunde "alternativer" Tanzmusik wieder das Gesellschaftstanzbein schwingen - im ebenfalls legendären Volksgarten Tanzcafé. THOMAS PRLIC und CHRISTOPHER WURMDOBLER |
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An einem lauen Sommerabend hat es unter den alten Kastanienbäumen und den riesigen Platanen neben dem Kursalon im Stadtpark niemand besonders eilig. Auf den Gartensesseln im Kiesbett streckt ein Pärchen alle viere von sich, in der schweren Ledergarnitur unter der gelben Überdachung lockern zwei Businesstypen ihre Krawatten, daneben haben es sich Jungmenschen in braunen Korbsesseln gemütlich gemacht. Leise Musik düdelt aus den Lautsprechern, der Barkeeper schenkt Freibier aus - schließlich ist es der Eröffnungsabend der neuesten Chill-out-Einrichtung im Stadtpark: Kursalon-Pavillon steht auf dem Flyer, der am Gitter beim Eingang baumelt. Die Clubveranstalter von Sunshine Enterprises, die auch in der Meierei im Stadtpark Partys organisieren, sind die neuen Pächter des Pavillons neben dem frisch renovierten Kursalon und wollen bis Ende September ihre Summer Lounge offen halten. "Es soll eher wie ein Lokal sein, kein Club", sagt Sunshine-Chef Matthias Kamp. Statt Tanzmusik werden hier deshalb entspannte Klänge aufgelegt. Dafür wird nebenan im Kursalon sehr wohl getanzt. Und zwar im Dreivierteltakt, wie schon vor hundert Jahren. Nach seiner Renovierung wurde das Haus im April neu eröffnet. Seither finden hier wieder regelmäßig Johann-Strauß-Konzerte und Wiener-Walzer-Shows statt. Auch auf der Terrasse vor dem Kursalon soll sich demnächst alles im Walzertakt drehen. "Wir wollen das Flair der vergangenen Zeit wiedergeben", meint Josip Susnjara, Chef des Konzertveranstalters Sound of Vienna und Geschäftsführer der Kursalon-Betriebsgesellschaft. Bespielt wird das traditionsreiche Gebäude vom Salonorchester Alt Wien, geplant sind auch Veranstaltungen mit Opernsängern und Balletttänzern. "Es gibt ein 3-Säulen-Konzept für den Kursalon: Konzerte, Räume zum Anmieten und eine gastronomische Einheit", erklärt Susnjara. Wer das Restaurant führen wird, will Susnjara allerdings ebenso wenig verraten wie den Eigentümer des Gebäudes - der langjährige Pächter, Johannes Hübner, soll als neuer Besitzer in den Kursalon, der seinen Namen trägt, zurückgekehrt sein (siehe Kasten). Bereits zu Jahresanfang wurde als Restaurantbetreiber der Wiener Gastronom Mario Plachutta kolportiert, der sein Engagement allerdings wieder zurückgezogen hat. Wer nun tatsächlich in den noblen Räumlichkeiten auftischen darf, wird sich in den kommenden Tagen entscheiden. Im neuen Kursalon sollen allerdings nicht nur Walzerfreunde und Touristen auf ihre Kosten kommen. Dafür, dass hier auch nachtaktive Partygänger abtanzen, wollen Julia und Harry Lametta sorgen. Sieben Jahre lang hat das Paar im U4 den Club "La Notte Italiana" veranstaltet. Im Juni beendeten die beiden "auf eigenen Wunsch" ihre Tätigkeit im Meidlinger Discokeller und mieteten von Josip Susnjara das Untergeschoß des Kursalons. "Es soll eine Veranstaltungslocation werden, wo man alles machen kann, was man in so was machen kann", sagt Harry Lametta. "Diskothek ist mir zu einseitig, es soll ein richtiger Club werden, mit Bar und Musik, sieben Tage die Woche geöffnet." Während im Kursalon-Pavillon nur leise Musik gespielt wird, fürchten sich die Lamettas mit ihrem Kellerlokal nicht vor Lärmbeschwerden: "Wir haben Ein- und Ausgänge zum Park, also überhaupt kein Anrainerproblem. Damit können wir endlich mal Lärm machen - soweit das notwendig ist." Vorerst wird noch umgebaut, Mitte Oktober hoffen die Lamettas ihren Club eröffnen zu können, welche Musik an den unterschiedlichen Tagen laufen soll, steht aber noch nicht fest. So viel ist allerdings schon fix: Italienische Nächte wird es auch im Kursalon-Keller wieder geben. Während es beim Stadtpark good old Vienna - und auch die aktuellere elektronische Variante - spielt, kommen auf der anderen Seite der City im Volksgarten echte Riviera-Gefühle auf. Gepflegtes Ambiente, Beleuchtung, Blumen, Palmen und Cha-Cha-Cha - genauso sieht es aus und klingt es in den Filmen mit Peter Alexander, die das Fernsehen sonntagvormittags bringt. Das Tanzcafé im Volksgarten ist sehr mondän. Und seit einiger Zeit boomt hier auch wieder das gepflegte Ausgehvergnügen. Seit 1947 sind die drei Volksgarten-Betriebe - und das Palmenhaus im Burggarten - im Besitz der Familie Böhm. Vater Peter Böhm hat die Geschäfte mittlerweile an seine Kinder Andreas, Barbara und Michael weitergegeben. Letzterer kümmert sich um Disco und Banane, seine Geschwister um Pavillon und Palmenhaus. Das Lokal im mittleren Teil der Volksgarten-Unterhaltungsgebäude - wegen seiner Halbkreisform auch liebevoll "Banane" genannt - ist schon seit fast 180 Jahren ein beliebter Ort für Tanzfreudige. In den späten Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Cortische Café adaptiert, mit Tischchen, Tischlampen, Terrassen und Blumenbeeten versehen. Aus dieser Zeit stammt auch das Betondach mit gläserner Kuppel, unter dem damals Stars wie Ella Fitzgerald mit großen Unterhaltungsorchestern an der frischen Luft Musik machten. Schlagersänger Udo Jürgens soll hier seinerzeit die ersten Auftritte gehabt haben. Es heißt, er habe als Kellner gejobbt, und wenn die Band Pause machte, durfte er auf die Bühne, auf der sonst Größen wie Horst Winter oder Joe Zawinul spielten. In den vergangenen Jahren wurde die Volksgarten-Banane eher halbherzig bespielt. Sie diente als Location für Clubs, Firmenfeste oder als Kapazitätspuffer, wenn es in der benachbarten Discothek zu eng wurde - die beiden Lokale sind durch gläserne Türen miteinander verbunden. Gesellschaftstanz wurde nur sporadisch gepflegt. Vor ein paar Jahren hieß es sogar, dass der aus Wien-Erdberg stammende Weltjazzer Joe Zawinul in der Volksgarten-Halle seinen eigenen Wien-Club "Birdland" bekäme. Die Stadt versprach - allerdings erst nach Vorlage eines ausgefeilten Konzeptes - einen Baukostenzuschuss von zehn Millionen Schilling (ca. 730.000 Euro). Für den Fall der Realisierung muss das Gebäude saniert, müssen Schallschutz zur Disco, ein neuer Fußboden und eine technische Ausstattung eingebaut werden. Als Zawinul unlängst anlässlich seines siebzigsten Geburtstags in Wien gefeiert wurde, war das Wiener "Birdland" aber kein Thema mehr. Obwohl Michael Böhm versichert, dass es immer noch Pläne gebe, die allerdings "frühestens 2004" verwirklicht werden können. Bis es so weit ist, wird der schönste Ort im Volksgarten wie gehabt für Konzerte, Partys und als gepflegtes Tanzcafé genutzt. Wobei Letzteres jetzt konsequenter betrieben werden soll. Seit Mai 2002 sorgt Christoph Neuer dafür, dass am Wochenende die Fans von Tango, Rumba oder langsamem Walzer das Tanzbein schwingen können. Freitag- und samstagabends, sonntags gibts "Tanztee" - bei freiem Eintritt. Wenn das Wetter passt, wird unter freiem Himmel getanzt, ansonsten in der Säulenhalle. "Der Volksgarten ist Wiens schönste Open-Air-Location", sagt Neuer. Der ehemalige Boxershort-Produzent organisiert schon seit vier Jahren im Parkhotel Schönbrunn Tanzveranstaltungen. Nun hat ihn Michael Böhm als Konsulent engagiert, die Banane gesellschaftstanzmäßig wieder aufzupäppeln. Vergangenes Jahr stellte Neuer bereits ein gut besuchtes Swingfestival zusammen. Unter anderem haben die Ray Gelato Giants auf der Bananenbühne ihre "Aftershowparty" gefeiert, nachdem sie Robbie Williams' Swingambitionen in der Londoner Royal Albert Hall begleitet hatten. Regelmäßig sollen wieder Swingbands live auftreten (am 25. Juli spielen 5 in Love Musik aus den 30s, 40s und 50s), ansonsten kommt die gepflegte Tanzmusik aus dem Plattenkoffer. An schönen Sommerabenden tummelten sich heuer schon 450 Gäste im Blumengarten. Immerhin: Für 800 Besucher wäre Platz. "Die Leute, die zu uns kommen, haben höhere Ansprüche an die Musik", erzählt Neuer. Seine DJs wüssten, welchen Stil sie wie lange auflegen können, ohne die Tänzer "totzuspielen". Langsamer Walzer, Tango, Rumba: Schlurfgeräusche von der Tanzfläche. Unermüdlich ziehen die Paare hier ihre Kreise. Zum Ausrasten gehts zum Heimattischchen, bei Sekt und Soda. Auch einzelne Herren und Damen sind gekommen. Und der Altersdurchschnitt ist eher älter, auch wenn zwischendurch ganz junge Tanzschulabsolventen ihr Glück am steinernen Parkett versuchen. Adrette Kleidchen, Bund- und andere Falten sind die Regel. Hier wird noch aufgefordert, ganz die alte Schule. Aber, und darauf ist Veranstalter Neuer stolz, wie in Amerika wird hier gegenseitig "engagiert". Das bedeutet, dass auch die Dame den Herrn zum Tanze bitten darf. Oder die Dame die Dame - schließlich sei man aufgeschlossen. Aber ein Aufrisslokal soll das Tanzcafé nicht sein. In erster Linie gehts hier ums gepflegte Eh-schon-Wissen. HÜBNERS KURSALON "Hier werde ich sterben" Pfirsichfarben und vanillegelb strahlt die Fassade des frisch renovierten Kursalons im Stadtpark. Am neu asphaltierten Parkplatz halten ein paar dunkle Limousinen, Angestellte in weißen Jacken und schwarzen Hosen eilen umher. Über der Einfahrt prangt ein Schild. Darauf steht, unübersehbar für jeden, der hier vorbeikommt: Hübners Kursalon. Johannes Hübner, langjähriger Pächter des 1867 erbauten Gebäudes, soll im Kursalon wieder das Sagen haben - obwohl er dort 1996 hinausgeworfen wurde. Die Stadt hatte Hübners Pachtvertrag gekündigt, weil er, so die offizielle Begründung, das Gebäude nicht instand gehalten hatte. Doch der "Herr Doktor", wie der 88-Jährige auch genannt wird, wollte nicht so einfach gehen. Nach zehnjähriger Prozessdauer bekam die Stadt vor Gericht schließlich doch Recht und ließ den unliebsamen Pächter delogieren. Nicht nur im Kursalon war Hübner der Stadt ein Dorn im Auge. Erst vergangenen Herbst musste der Großgastronom, dem unter anderem auch das Parkhotel Schönbrunn gehört, die Meierei im Stadtpark räumen - ebenfalls nach jahrelangem Prozessieren. Seit jeher umstritten ist Hübner auch wegen seiner angeblichen Nähe zur äußerst rechten Szene. Unter anderem wurde im Oktober 1997 das Rechts-außen-Blatt des FP-Beraters Andreas Mölzer, Zur Zeit, in der Meierei im Stadtpark der Öffentlichkeit präsentiert. Im November vergangenen Jahres trafen sich die Spitzen der europäischen Rechtsparteien auf Burg Kranichberg - die seit 1980 in Hübners Besitz ist. In der Meierei finden derzeit noch Clubveranstaltungen statt, im Herbst soll der Umbau des heruntergekommenen Gebäudes beginnen, neuer Pächter wird das Nobelrestaurant Steirereck. Der Kursalon hingegen soll heute in Hübner'schem Familienbesitz sein. Nach Hübners Rausschmiss vermietete die Stadt Wien das Gebäude an die Casinos Austria, die ein Spielkasino samt Spitzengastronomie in den Kursalon bauen wollten. Die Pläne scheiterten, die Stadt überließ das Gebäude schließlich für hundert Millionen Schilling (7,3 Mio. Euro) dem Ex-Billa-Eigentümer Karl Wlaschek. Der wiederum verkaufte im vergangenen Jahr den Kursalon einer Liegenschaftsverwertungsgesellschaft. Mit dem Beginn der Renovierungsarbeiten tauchten Gerüchte auf, Hübner stecke dahinter und wäre der wahre Eigentümer des Gebäudes. Der jedoch dementierte damals öffentlich. Dem Falter gegenüber bestätigte Johannes Hübner jetzt, das Gebäude von Wlaschek gekauft zu haben. Auf Nachfrage meint Hübner allerdings, nicht er selbst sei Eigentümer des Kursalons, sondern "die Familie". Fünfzig Millionen Schilling (3,6 Mio. Euro) habe er in die Renovierung "der Ruine" am Ring investiert und "alles persönlich gemacht". Und dann gibt der streitbare Herr Doktor zu Protokoll: "Ich sage Ihnen etwas: Ich bin hier geboren, und hier werde ich auch sterben." T. P. |
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Juli 2002 © FALTER
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