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Schau, ein Viennabike!
GRATISRAD Auch beim zweiten Anlauf ist der Wiener Leihfahrrad-Versuch Viennabike Hauptthema: Was ist erlaubt, was ist verboten? Wer vernadert wen bei wem? Und sind die Wiener vielleicht einfach zu wienerisch für das Projekt? CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und Heribert Corn (Fotos)

VIENNABIKE INFOTEAM: "City 1" auf Rad-Jagd

Falter 31 Originaltext aus Falter 31/02 vom 31.07.2002

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Sie klingeln, scheppern, klappern und kurven wieder durch die Stadt: Seit zwei Wochen sind 1200 rosa und blaue Viennabikes erneut unterwegs. Der zweite Start des rot-grünen Gratisradprojekts verläuft unter leicht geänderten Vorzeichen - die Benutzer "unterschreiben" bei Einwurf der Zwei-Euro-Pfandmünze und der Entnahme des Rades vom Terminal einen Vertrag, "Infoteam" genannte Securitys passen auf, dass die Bikes ordnungsgemäß benutzt werden. Wer gegen die Spielregeln verstößt, dem drohen fünfzig Euro Strafe. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die sich nicht an die Regeln halten. Eigentlich sehr viele. Sehr zum Ärger der Projektbetreiber - und all jener, die das Prinzip Viennabike für eine gute Sache halten.

Zwei Lastwagen und 17 Mitarbeiter sind bei Viennabike damit beschäftigt, Gratisräder, die unerlaubterweise in Wiens Außenbezirken gelandet sind, zurückzuholen. Und zwar 24 Stunden am Tag. "Derzeit sind es noch 150 bis 180 Räder, die wir pro Tag zurückholen müssen", sagt Michael Kuhn, Sprecher von Viennabike. Immerhin. Und: Tendenz fallend. Komplett abhanden kämen aber immer weniger Räder. "Es scheint, als hätten wir es geschafft", gibt sich Kuhn zuversichtlich. "Die Wiener haben gelernt, mit dem Gratisstadtrad umzugehen." Trotz der Sisyphusarbeit ist ihm das Lachen nicht vergangen. Man sei weiterhin frohen Mutes und freue sich über den Anklang, den das Projekt bei seinem zweiten Anlauf vor 14 Tagen wieder gefunden habe: "Das Ganze ist halt ein Spiegelbild der Wiener Seele."

Dass die Menschen hierzustadt anscheinend nicht in der Lage sind, mit Projekten wie dem Viennabike umzugehen, möchte Professor August Ruhs den Wienern und der Wiener Seele nicht so leichtfertig unterstellen. "Ohne Bezüge zu anderen Populationen lassen sich keine wirklichen Aussagen über die Wiener Seele treffen", sagt der Psychiater und Psychoanalytiker am AKH. Überhaupt sei Vorsicht vor Vorurteilen angebracht, um nicht vorschnell zu behaupten, Wiens Seele sei schwärzer als die Seele Stockholms. Sie sei jedoch weitaus weniger schwarz als die römische Seele. "Aber vielleicht ist die Wiener Seele dadurch charakterisiert, dass sie weniger Zusammenhalt zeigt bei Auflehnung und Rebellion", analysiert Ruhs. "In anderen Städten scheinen mir die Bewohner solidarischer zu sein. In Wien herrscht da ein wenig der Hausmeistergeist, den anderen zu denunzieren." Im Großen und Ganzen sei aber die Wiener Seele nicht so schlecht. "Sie ist eher in der Nähe des Ganovenhaften als des Kriminellen angesiedelt." Gerade nach der letzten Wiener Wahl sei kein Grund vorhanden, sich über den Zustand der Wiener Seele ernsthaft Sorgen machen zu müssen.

Immerhin: Der viel beschworene Hausmeistergeist treibt viele Wiener ans Telefon, um nicht regelgerechte Benutzungen der Viennabikes zu melden. Unter der Hotline-Nummer 253 12 53 können Störungen, beschädigte und versperrt abgestellte Räder oder andere vorschriftswidrige Benutzungen ("Die fahren zu dritt auf einem Radl!") gemeldet werden. Um die 400 Anrufe werden täglich im Callcenter Goodnews entgegengenommen - vieles klärt sich oft von selbst auf. So meldet eine Anruferin aus Transdanubien, die ihren Namen "lieber nicht" sagen möchte, dass sie gerade eine Nachbarin dabei beobachtet hat, wie diese ein Viennabike in den Keller schleppt. Aber "man will ja nichts sagen". Vernadert. Aufgelegt. Fertig. Wenig später ruft die frisch Verpetzte an und meldet, ein beschädigtes Rad gerettet zu haben, es stehe zur Abholung bereit in ihrem Keller. Oft lässt sich auch die Route eines Fahrraddiebs anhand der eingehenden Anrufer nachverfolgen. "Da bekommst du einen Anruf vom Praterstern, dann einen von der Lassallestraße und einen von der Reichsbrücke", erzählt eine Mitarbeiterin von Goodnews.

Bad News: In der Früh und nach Mittag gehen die meisten Hinweise bei der Hotline ein. Wenn es regnet und blitzt und nur wenige draußen unterwegs sind, geht auch die Zahl der Anrufer zurück. "Viele finden das Bike-Projekt gut und möchten es mit ihren Beobachtungen unterstützen", sagt ein Callcenter-Mitarbeiter. "Aber bei manchen hört man auch förmlich die Freude am Verpetzen." Und manchmal sei auch blanker Rassismus zu hören. Wo die Räder überall auftauchen, zeigt sich dann an den Vernaderungsprotokollen: Aus allen Wiener Bezirken - vom feinen Döbling bis zum proletarischen Simmering - kommen die Anrufe. Die Gendarmerie in Schwechat hat zwei Viennabikes sichergestellt. Auch das Rad, das in Kärnten gefunden wurde, wurde der Hotline gemeldet. Und "die impertinenten Töchter von dem UNO-Mitarbeiter bei uns im Haus" haben laut Protokoll auch zwei Viennabikes bei sich gehortet.

Funktionstüchtige Räder werden selten gemeldet. Die meisten Bikes sind abgesperrt - "mit Fremdschloss", wie es in Callcenter-Sprech heißt. Beschädigte Räder finden sich ebenfalls in allen Gegenden. "Im dritten Bezirk hab ich ein paar Kids erwischt, die bremsend Schleiferl auf den Asphalt gemalt haben", erzählt ein Mitarbeiter des Infoteams. Der Mann, dessen Aufgabe es ist, Viennabikes vor unsachgemäßer Benutzung zu schützen, hat die Kids gefragt, was das soll. Die lachten nur und meinten, dass nirgends darauf hingewiesen wird, dass das verboten sei. "Soll man jetzt auch noch auf die Räder draufschreiben, dass es nicht erlaubt ist, sie kaputt zu machen?" In der Viennabike-Werkstatt tauchen täglich Räder auf, deren Zustand die Vermutung nahe legt, dass jemand damit mit dreißig Stundenkilometern gegen Mauern gerast ist. Oder die Räder landen gleich im Donaukanal. Da können sie dann mediengerecht von Tauchern herausgefischt werden.

Psychoanalytiker August Ruhs findet trotz allem das Vandalentum in Wien "fast niedlich" - verglichen mit anderen Metropolen. Allerdings glaubt er, dass die Viennabike-Aktion auch "ein gewisses Aggressionspotenzial" in sich trägt: "Manche Menschen halten es nicht aus, dass sie etwas bekommen und dann wieder hergeben müssen." Dass es trotz kleiner Fortschritte immer noch sehr danach aussieht, als würde das Viennabike an den Wienern scheitern, erklärt Ruhs mit der schlechten Kommunikation der Betreiber: "Das Problem des Projekts ist, dass der Bevölkerung von Anfang an die Motive und Agenturen dieser Aktion nicht bekannt gemacht wurden. Es ist nicht klar, ob das eine Aktion der Stadt für die Bürger ist oder eine Werbeaktion eines oder mehrerer Konzerne mit Profitinteressen. Es kann ja kein Zufall sein, dass man überlegt, die Fahrräder nur Handybesitzern zukommen zu lassen. Zwischen dieser Kontrollmöglichkeit und den Unterstützungsfirmen reimt sich doch etwas. Das könnte unter Umständen einen bestimmten Hass auf neoliberale kapitalistische Tendenzen fördern, da die meisten Benutzer der Viennabikes nicht Leute mit neoliberaler Gesinnung sind. Der faule Kompromiss zwischen Sozialdemokratie und Neoliberalismus stinkt möglicherweise für viele."

Ruhs' Lösungsvorschlag: Man sollte kommunizieren, dass es sich beim Viennabike um ein Angebot seitens der Stadt handelt, dass die Fahrräder letztlich Allgemeingut sind und dass man nicht als kostengünstige Werbetafel auf zwei Rädern durch die Stadt radeln muss.

Mit einer Million Euro hat die Stadt die Viennabikes subventioniert. Das Projekt finanziert sich jetzt vor allem mithilfe von Sponsoren. Und die dürften ohnehin sehr dankbar für die Werbung sein. Die Räder fallen auf im Stadtbild, sind Gesprächsthema, und dauernd zeigt wer: "Schau, ein Viennabike!". Und neue Kooperationspartner haben sich auch schon gefunden. So will eine Botendienstfirma mit hundert Kleintransportern beim Radmelden helfen und verlorene Räder aus den Außenbezirken zurücktransportieren. Und 800 Funktaxilenker halten nachts Ausschau nach den blauen und rosafarbenen Zweirädern. Demnächst können weitere Werbeflächen am Freirad gemietet werden.

Und die Zahl der entführten Räder geht laut Viennabike-Sprecher Michael Kuhn auch zurück: "Unsere Maßnahmen haben gegriffen, nach mehr als fünfzig Vertragsstrafen und zwei Dutzend Strafanzeigen wissen die Leute heute, dass es kein Kavaliersdelikt mehr ist, ein Viennabike unsachgemäß zu verwenden oder zu beschädigen." Solang in Wiens Straßen noch geklappert und geklingelt wird, scheint alles in Ordnung zu sein.
 

VIENNABIKE INFOTEAM
"City 1" auf Rad-Jagd


Grell schallt der Pfiff über die Aspernbrücke bei der Urania. Der Mann, der da verbotenerweise mit dem rosa Viennabike Richtung zweiter Bezirk unterwegs ist, dreht sich wie erwischt kurz um - und tritt in die Pedale. "Bei meinem Pfiff bleibt sonst jeder stehen", sagt Sabine Altmann, steigt aufs Rad und nimmt die Verfolgung auf. Eine rote Ampel stoppt sie, der Fahrraddieb entkommt ihr. "Ich könnte oft heulen vor Wut bei roten Ampeln", sagt Altmann. Aber für ein Rad werde sie sich sicher nicht in Gefahr begeben. Bei aller Einsatzfreude. Seit ein paar Tagen gehört die zierliche, aber resolut auftretende dreißigjährige Securitas-Mitarbeiterin zum Infoteam, das im Auftrag des Gratisradbetreibers die Benutzer aufklären und unsachgemäße Behandlung der Räder verhindern soll. Zwar meist mit Erfolg, aber immer wieder gibts auch Niederlagen. Zwölf Stunden täglich ist Altmann als "City 1" mit ihrem blauen Dienstrad unterwegs an der Viennabike-Grenze entlang des Donaukanals: "Eines der anspruchsvolleren Einsatzgebiete", sagt sie.

Zwei Touristen, die ebenfalls bei der Urania mit blauen Leihrädern über die Brücke wollen, lassen sich per Pfiff stoppen. Das Paar aus Deutschland zeigt sich einsichtig. Nein, das habe man nicht gewusst, man wolle nur zum Prater, jetzt bleibe man in der erlaubten Zone. Überhaupt Touristen: "Die sehen das Riesenrad und sind nicht zu halten." So wie die drei Jungs aus Ungarn, die wenig später der Aufpasserin auf ihrer Streife die Praterstraße herunter sogar noch eine Zeit lang hinterherradeln. Passanten rufen den Ungarn zu, dass es verboten ist, hier zu fahren. Doch die Jungs fühlen sich auch noch im Recht, nachdem sie angehalten werden: "Wir fahren doch auf dem Radweg", sagen sie. "Ja, aber in der falschen Gegend", lautet die Antwort. Das Trio wird zurückgeschickt - mit einer Viennabike-Karte und ohne Datenaufnahme. Die wäre nämlich möglich. Den Falschfahrern flattert dann eine Rechnung über fünfzig Euro ins Haus - sollten sie ihre echte Adresse angegeben haben.

Bei Touristen ist Sabine Altmann nachsichtig. Auch bei Wienern, die ihr versichern, nicht gewusst zu haben, dass sie in der Gegend falsch sind. "Der hat mir voll ins Gesicht gelogen", sagt sie bei einem, den sie gerade zurückgeschickt hat. Wenig später wird genau derselbe junge Mann erneut versuchen, ein Gratisradl in den zweiten Bezirk zu entführen. Diesmal ist die Securitas-Frau schneller und passt ihn schon beim Terminal ab. Manche Radlsünder werden auch rabiat und bedrohen und beschimpfen sie. Die meisten sind einsichtig.

Sabine Altmann hat den Botschaftsfall aufgedeckt (ein Diplomat hatte in seiner Wohnung drei Viennabikes gehortet), einen Mitarbeiter des Verkehrsministeriums im Prater erwischt und Räder aus Hinterhöfen und Hauseingängen gezerrt. "Ein super Job", sagt sie. Das "Jagen", der Kontakt zu den Leuten, all das taugt ihr. Dass das Viennabike-Projekt an der Dummheit der Wiener scheitern könnte, findet sie schade. "Es wäre beschämend, wenn in einer Weltkulturstadt so ein Projekt nicht möglich wäre."

Im Prater, gleich beim Riesenrad, stehen drei rosa Fahrräder mit einem rostigen Zahlenschloss aneinander gekettet. "Sie sind aber schnell", sagt der herbeigeeilte Parkwächter. Er habe nämlich gerade bei der Hotline angerufen und die Räder gemeldet. "Drei Engländer waren das." Die Drei-Zahlen-Kombination des Schlosses ist leicht zu knacken. Altmann meldet der Zentrale, dass die Räder nicht abgeholt werden müssen: Sie führt sie selbst zum nächsten Terminal an der Bezirksgrenze. "Die müssen schließlich gefahren werden", sagt sie. In ihrer Stimme schwingt ein ganz klein wenig Pessimismus mit. Irgendwie scheint "City 1" zu ahnen, dass sie die Räder schon bald wieder aus dem zweiten Bezirk herausholen muss.

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Juli 2002 © FALTER
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