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Im Angesicht des Affen
ZOOGESCHICHTE  Der Tiergarten Schönbrunn feiert heuer seinen 250. Geburtstag. Ein historischer Rückblick auf den ältesten Zoo der Welt und seine Besucher: Menschen, die Affen wahlweise mit Glasscherben oder Nüssen fütterten und bei deren Anblick weniger an Darwin als ihr eigenes Amüsement dachten. OLIVER HOCHADEL

TIERGARTEN HEUTE: Vollpension der Tiere

Falter 32 Originaltext aus Falter 32/02 vom 07.08.2002

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Paganinis Wiener Gastspiel im Sommer 1828 stand unter keinem guten Stern. Der erfolgsverwöhnte Geigenvirtuose sah sich übermächtiger Konkurrenz gegenüber: Stadtgespräch war nicht sein Flageolettspiel, sondern ein Wesen mit weit längerem Hals als seinem: Die erste Giraffe war auf dem Weg in die Schönbrunner Menagerie.

Bereits seit Monaten hatte sich die Spannung aufgebaut, da die Öffentlichkeit stets mit Neuigkeiten der tierischen Reise von Alexandria über Venedig nach Wien gefüttert wurde. Eine regelrechte Giraffenmanie brachte Zuckerwerk und Kleidungsstücke mit Giraffenmotiven und Hochfrisuren "à la girafe" hervor. Als die Langersehnte am 7. August endlich eintraf, gab es kein Halten mehr. "Sie ist da! Ist glücklich angekommen! - Wer? Was? - Die Girafe!!! So tönt es jetzt aus fast jedem Munde", beschrieb der Wiener Künstler Eduard Gurk die Stimmung. Um den Andrang der Neugierigen im Zaum zu halten, mussten acht Grenadiere vor dem Käfig Position beziehen.

Für diese Besuchermassen war die barocke Anlage nicht konzipiert worden. Als Franz I. Stephan die Menagerie 1752 gründete, war sie eine private, zur kaiserlichen Repräsentation gedachte Einrichtung. Dies änderte sich, als Maria Theresia 1778 Schlosspark und Menagerie (Tiergarten heißt diese erst seit 1926) für das Volk öffnete. Bald schon gehörte Schönbrunn, "weil es so nahe ist, zu den von den Wienern am meisten besuchten Orten. Alle Tage geht und fährt und reitet es da in hellen Haufen und es ist fast nie leer. Die meisten aber sind um die Thiere in der Menagerie her", schreibt der deutsche Schriftsteller Ernst Moritz Arndt um 1800.

Er selbst interessierte sich mehr für die Wesen vor den Gitterstäben: "Da wird durch die mancherley Späße, Neckereyen, Urtheile und Anmerkungen für den lustigen Seher und Horcher die Menschenmenagerie endlich noch die lustigste." Die Besucher gehören also von Anfang an mit zur Inszenierung der öffentlichen Tierhaltung, Beobachten und Beobachtetwerden sind im Zoo historische Konstanten. So empfiehlt Ludwig Hirschfeld in seinem Wien-Reiseführer 1929: "Sehen Sie sich die Tiere an, aber auch die Zuschauer, die in ihrer Art ebenfalls sehenswert sind."

Unter Aufsicht standen die Besucher auch vonseiten der Menagerieleitung. Der öffentliche Raum des Tiergartens wurde zu einer Art Benimmschule, die das "richtige" Verhalten lehrte, besser: lehren sollte. Denn immer wieder kam es zu unrühmlichen Zwischenfällen. Zu Beginn ließen die braven Besucher auch mal einen Singvogel oder einen Goldfisch mitgehen. Der erste Elefant wurde mit Münzen gefüttert, woran er 1810 elend einging. Im Juni 1841 verendete ein Adler an einer Stichwunde, die er "ohngeachtet des Drahtgitters von dem Käfige höchstwahrscheinlich durch einen Spatzierstock erhalten haben mag", wie die Menagerieleitung vermutete. Im Juli 1903 wurde ein Besucher wegen "Zuwerfens von Bruchteilen eines Spiegels in den Affenkäfig" der Polizei übergeben.

Wer den Käfiginsassen etwas Gutes tun wollte, musste eine stetig wachsende Anzahl an Schildern (nicht einmal) ignorieren: "Das Füttern und Necken der Tiere ist streng verboten. Sie können es also, wie alle andern, ruhig tun", beruhigt Ludwig Hirschfeld seine Leser. Ein Reiseführer von 1844 empfiehlt gar "eine Flasche Wein für den Elephanten, Nüsse und Aepfel für Papageien und Affen, Semmeln für Bären, Goldfische, Vögel und anderes Vieh" mitzunehmen.

Was den "einfachen" Besuchern beim Anblick der Kamele und Braunbären durch den Kopf ging, lässt sich heute mangels Quellen kaum nachvollziehen. Eine Ausnahme bildet der Hofbeamte "Mr. Biedermann" Matthias Franz Perth, der der Nachwelt über fünfzig dickleibige Tagebücher hinterließ, die nichts über seine Arbeit, aber alles über seine ausgedehnten Freizeitaktivitäten verraten. Dazu gehörte auch der Gang in die Schönbrunner Menagerie, meist um seinen jungen Verwandten eine Freude zu machen. Am 4. August 1845 notierte Perth: "Der liebe Edwin war von den Löwen, Tiegern und den andern Thieren kaum wegzubringen. Am meisten aber interessierte ihn der Elefant, und er klatschte vor Erstaunen und Verwunderung in seine kleinen Hände." Kinder waren schon Mitte des 19. Jahrhunderts begeisterte Tiergartengeher, und auch das Ranking der beliebtesten Tiere hat sich seither kaum geändert. Neben Elefanten und Raubkatzen galt das Affenhaus schon bald als "der Hauptanziehungspunkt" der Menagerie.


Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entbrannte eine öffentliche Auseinandersetzung um die Evolutionstheorie Charles Darwins, die sich auf die Frage zuspitzte, ob der Mensch vom Affen abstamme. Als im Oktober 1878 der erste Menschenaffe, ein Orang-Utan aus Java, in Schönbrunn eintraf, notierte der Zoologe Leopold Joseph Fitzinger: "Mit womöglich noch größerem Interesse wendet sich das Publikum den Affen zu." Er vermutete, dass das Affenhaus "die Aufmerksamkeit desselben im höchsten Grade in Anspruch nimmt und zu allerlei Betrachtungen Anlaß gibt, um über die in die verschiedensten Schichten des Volkes gedrungenen Lehrsätze der Darwin'schen Deszendenz-Theorie durch eigene Anschauung und Selbststudien sich ein Urtheil herausbilden zu können".

Aus Fitzinger spricht der Volksbildner, der schon Jahre zuvor gemahnt hatte: "Bis hieher war diese Anstalt mehr zur Befriedigung der Schaulust des Publicums, als zu wissenschaftlichen Zwecken bestimmt." Durch die in den 1840er-Jahren erstmals an den Käfigen angebrachten Schilder mit Angaben zu Name und Herkunftsland hoffte er, dass die Menagerie "für die Besucher derselben insbesondere dadurch belehrend und nützlich geworden" sei.

Ob sich die Menschen im Angesicht der Affen ernsthaft Gedanken über ihren gemeinsamen Stammbaum machten, ist allerdings fraglich. Die Besucher schienen sich vor allem zu amüsieren, wovon "die Lachsalven vor dem großen Affenkäfig, in dem Dutzende der arglistigen komischen Kletterkünstler zum Gaudium ihrer stets zahlreichen Zuschauerschaft die tollsten Dinge trieben", hörbares Zeugnis ablegten.

Was das Unterhaltungsangebot der Menagerie anging, so hinkte diese im internationalen Vergleich stark hinterher. Während die meist Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten deutschen Zoos mit prunkvoll eingerichteten Tanz- und Konzertsälen lockten, hatte die durch ihre barocke Anlage beschränkte Menagerie nicht einmal ein Restaurant zu bieten. Als kaiserlich finanzierte Einrichtung war sie nicht auf Eintrittsgelder und damit auch nicht auf eine Maximierung der Besucherzahlen angewiesen. Dies änderte sich mit dem Ende der Monarchie. Ab August 1921 musste man Eintritt bezahlen, und die Journalistenfrage "Ob ein Tiergarten ohne Biergarten möglich ist oder nicht?" wurde bald mit der Einrichtung einer Gastwirtschaft beantwortet.

Das Publikumsinteresse als wesentliche Triebkraft für die Ausgestaltung der Zoos setzte sich in Schönbrunn spätestens unter dem ersten Nachkriegsdirektor Julius Brachetka (1945-1954) durch. Anfang der Fünfzigerjahre schuf er die ersten Freisichtgehege, wie sie Carl Hagenbeck bereits 1907 in Hamburg eingeführt hatte, um den Besuchern Tiere in freier Wildbahn zu suggerieren. Im Schönbrunner Tiergarten fanden 1951 nach dem Vorbild der Misswahlen zum ersten Mal in Europa Wahlen zum beliebtesten Tier des Zoos statt. 1952 konnte das Publikum zum ersten Mal über den Namen von neugeborenen Tierbabys abstimmen. Der medienbewusste Brachetka schreckte auch nicht davor zurück, den Schimpansen "Honzo" zum Zigarettenrauchen und Whiskytrinken zu verführen und dessen Gefährtin "Madame" in ein Tirolerkostüm zu stecken, um mit witzigen Fotos auf den Tiergarten aufmerksam zu machen.

Der langjährige Direktor Walter Fiedler (1959-1987) versuchte später, den Tiergarten wieder stärker als Bildungsinstitution zu positionieren. Aber auch er trug etwa mit der Einrichtung eines Kinderzoos 1969 den Bedürfnissen der wichtigsten Zielgruppe Rechnung. Denn trotz oder vielmehr wegen des Fütter- und Berührungsverbots scheint das menschliche Bedürfnis nach der direkten Kontaktaufnahme mit dem Tier ungebrochen. Die räumliche Inszenierung des Tiergartens versucht dies so weit als möglich zu kompensieren, sei es durch die Freigehege oder durch Plexiglasscheiben, an denen man sich beim Blick auf die Tiger die Nase platt drücken kann.

Und wehe den Tieren scheint es nicht gut zu gehen. Ende der Achtzigerjahre schlitterte der Tiergarten Schönbrunn in eine schwere Krise, weil Tierschützer und Kronen Zeitung vehement die vermeintlich unzureichenden Haltungsbedingungen kritisierten. Gerade weil der tierliebende Besucher der Dreh- und Angelpunkt des modernen Zoos ist, muss ihm glaubhaft vermittelt werden, dass die Tiere artgerecht gehalten werden und sich wohl fühlen. In "Helmut Pechlaners Zoo der glücklichen Tiere", einem Buch von Gerhard Kunze, ist das die zentrale Botschaft (siehe Kasten). Denn wenn die Tiere froh sind - so muss man den Subtext verstehen -, sind auch die Besucher glücklich. q


Zum Weiterlesen:

Mitchell Ash und Lothar Dittrich (Hg.): Menagerie des Kaisers - Zoo der Wiener. 250 Jahre Tiergarten Schönbrunn. Wien 2002 (Pichler). 480 S., EUR 33,95

Die gleichnamige Ausstellung ist noch bis 27. Oktober im Naturhistorischen Museum in Wien zu sehen.


 
TIERGARTEN HEUTE
Vollpension der Tiere


Die Headliner waren in ihrer Kreativität nicht zu bremsen: Auf "Der Tierkönig" (News) folgte "Der König von Schönbrunn" (Format). Gemeint war ER, Helmut Pechlaner, Direktor des Tiergartens Schönbrunn. Als die Schönbrunner Jaguare im März eine Tierpflegerin tödlich verletzten, konnte sich Pechlaner als tragischer Held positionieren, der bei seinem Rettungsversuch zu spät kam und selbst durch einen Prankenhieb verletzt wurde. Statt eines PR-Debakels im Jubiläumsjahr schossen die Bekanntheits- und Beliebtheitswerte des Tiroler Tierarztes in neue Höhen. Angeblich wünschte sich die Partei-Basis Pechlaner sogar als Nachfolger für Bernhard Görg an der Wiener ÖVP-Spitze.

Erfahrung im Hochpäppeln einer heruntergewirtschafteten Einrichtung hat Pechlaner in der Tat. 1991 waren die Besucherzahlen im Keller, das mediale Image schwer angekratzt und die mit allerlei Unwägbarkeiten verbundene Privatisierung der Schönbrunner Tiergarten Ges.m.b.H. stand unmittelbar bevor. Pechlaner, der, anders als etwa der frühere Direktor Walter Fiedler, auch für die wirtschaftlichen Belange zuständig ist, kann heuer auf eindrucksvolle Zahlen verweisen: Die Besucherzahlen stiegen im Zeitraum von 1991 bis 2001 von 726.632 auf 1.724.456, die Zahl der Jahreskartenbesitzer von 300 auf über 18.000. Das ließ die Einnahmen allein aus den Kartenverkäufen von etwa mehr als einer Million Euro auf über 7,2 Millionen Euro anwachsen, was den Löwenanteil des Jahresbudgets von etwa 8,7 Millionen Euro ausmacht. Der Anteil der staatlichen Subventionen am laufenden Betrieb konnte von siebzig Prozent auf fast null gedrückt werden. Zum Vergleich: Die Eigenfinanzierungsquote der ebenfalls privatisierten deutschen Zoos liegt lediglich zwischen sechzig und siebzig Prozent.

Das Erfolgsgeheimnis liegt in einer Kombination von sorgfältiger Imagepflege mit einem klugen Ausnützen der durch die Privatisierung eröffneten Handlungsspielräume. Die Sponsoren suchen vom Positivimage des Tiergartens zu profitieren und kommen mittlerweile von selbst spendenwillig nach Schönbrunn - das ergibt Mehreinnahmen von gut einer Million Euro jährlich.

Stark angestiegen ist auch die Zahl der "Paten". Mittlerweile etwa 200 Privatpersonen oder Firmen übernehmen die Unterhaltskosten für ein Tier ihrer Wahl, die jährlich zwischen 864 Euro für kleinere Säugetiere und 4356 Euro für Elefanten liegen. Die Feel-Good-Zone des Tiergartens kennt dabei keine Parteien oder ideologischen Gräben. Hilmar Kabas und Alfons Haider haben beide eine Elefanten-Patenschaft übernommen. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein hat sich für den Ameisenbär, die Wiener Stadträtin Renate Brauner für den Brillenkaiman entschieden.

Auch Politiker hoffen also mittlerweile, dass der helle Schein der heilen Tiergartenwelt auf sie fällt. Als Pechlaner im Mai 2000 die sanktionsgeschüttelte Bundesregierung mit Ehepartnern und Nachwuchs in den Tiergarten einlud, nahm diese die "photo opportunity" dankend an, ebenso wie Vizekanzlerin Riess-Passer die Plüschschlange.

Der Tiergarten ist eine Welt für sich, mit etwa 130 Beschäftigten, eigenen Futterwiesen und einem Dieselverbrauch von jährlich 25.000 Liter. Ende 2001 lebten 2756 Tiere (319 Arten), darunter über 1500 Fische, in der immer währenden Vollpension des Tiergartens. Ungleich mehr Tiere wurden an die Hauptmieter verfüttert, darunter 11.380 Ratten, 52.300 Mäuse, 3800 Kaninchen, 1750 Meerschweinchen und über dreißig Tonnen Fisch. Hinzu kamen fast 73 Tonnen Obst, 131 Tonnen Gemüse, 420 Tonnen Stroh und Heu und 17.500 Eier. O. H.


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August 2002 © FALTER
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