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Junger Wilder Südrand
WEINBAU  Sie haben mit Imageproblemen zu kämpfen, obwohl sie einen ganz guten Wein machen: Die 320 Winzer, die auf 680 Hektar in Wien ihren Wein anbauen. Michael Edlmoser aus Mauer ist einer der jungen erfolgreichen Weinmacher. CHRISTOPHER WURMDOBLER

SCHÖNE HEURIGE: Ausg’steckt is’

Falter 33 Originaltext aus Falter 33/02 vom 14.08.2002

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Wenn Michael Edlmoser morgens mit dem Traktor in seinen Weingarten fährt, genießt er nicht nur die Ruhe und Natur hier am Südrand Wiens, bei Mauer. Auch der Blick vom Südhang auf die Stadt ist einzigartig von hier oben. "Viele fahren in die Steiermark und kennen dort jeden Hügel, dabei ist es doch auch bei uns wunderschön", sagt der Winzer. Ursprünglich wollte der 26-jährige Spross einer Weinhauerfamilie, der seit einiger Zeit zu den "jungen Wilden" unter den Wiener Weinmachern zählt, gar nicht in den Betrieb seiner Eltern einsteigen. "Wein und Heurige, das war früher für mich immer mit alten Leuten verbunden", erzählt Edlmoser. "Da wollte ich eigentlich nichts damit zu tun haben." Bei zwei längeren Aufenthalten in Kalifornien hat der Jungwinzer aber erlebt, dass Wein "nicht nur zum Aufspritzen" da ist und man beim Weinbau "unglaublich tolle Dinge" machen kann. Als Edlmoser 1998 dann seine erste eigene Ernte verarbeitete und sein Riesling auf Anhieb Wiener Landessieger wurde, war das eine Art Bestätigung - und Anreiz weiter zu machen. Auch wenn die älteren Kollegen seinem Tun noch ein wenig kritisch gegenüberstehen und Kollegen aus den Bundesländern mauschelten, die paar Wiener Winzer würden die Preise unter sich ausmachen. Heuer hat er es mit seinen Weinen unter anderem zum Bundessieger und zum dreifachen Landessieger geschafft. Schon plant er, die Keller und Produktionsstätten des Familienbetriebes auszubauen. Weingärten müssen umstrukturiert, neue Sorten angebaut, alte kultiviert werden. "Ich will versuchen, in das Ganze einen Change hereinzubringen", sagt Edlmoser. Und das, obwohl es "eine verdammte Hacken" ist.

Das Wiener Klima, die Böden und die Lage der Stadt sind ideale Voraussetzungen für den Weinanbau. Bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit sollen hier Wildreben gewachsen sein. Archäologen haben auch Kulturreben nachgewiesen. So wurde bereits 750 v. Chr. in Wien Wein angepflanzt, gekeltert und getrunken. Kelten, Illyrer und Römer betätigten sich ebenfalls als Winzer. Es ist also nicht - wie oft angenommen - ausschließlich den Römern zu verdanken, dass in Wien der Wein wohnt. Immerhin brachten diese von Italien neue Sorten an die Donau. Noch im späten Mittelalter waren große Teile der heutigen Stadtbezirke voller Weingärten. Den Grundstein für den Wiener Heurigen - also Ausschank und Verkauf eigener Weine ab Hof - legte Kaiser Joseph II. 1784. "Wir geben jedem die Freiheit, die von ihm selbst erzeugten Lebensmittel, Wein und Obstmost auszuschenken", ließ der Kaiser damals verlautbaren.

Heute wird innerhalb der Wiener Stadtgrenzen auf 678,3 Hektar Wein angebaut - so viel wie in keiner anderen Stadt auf der Welt. Das Wiener Weinbaugebiet erstreckt sich dabei vom 21. Bezirk über die Donau zum 19. Bezirk, von dort über den 16. und 17. Bezirk mit eher kleineren Flächen bis zum 23. Bezirk und im Südosten zum 10. Bezirk. Von den 320 Weinbaubetrieben wirtschaftet etwa nur noch die Hälfte im Haupterwerb, der Großteil des produzierten Weines wird in den Heurigen ausgeschenkt. Die durchschnittliche Ernte beträgt abhängig vom Jahr etwa 25.000 bis 30.000 Hektoliter - das entspricht immerhin bis zu zwölf Millionen Vierterl Wein. Meist wird der typische "Heurige" hergestellt, ein unkomplizierter Jungwein. In guten Lagen werden aber auch Rieslinge, Weißburgunder und Grüne Veltliner, kräftige Chardonnays und Spitzenrotweine produziert. Viele, vor allem kleinere Betriebe, kämpfen ums Überleben. "Den Menschen muss neben dem Heurigen vor allem die landschaftserhaltende Funktion der Wiener Weinhauer bewusst werden", sagt Robert Fitzhum, bei der Wiener Landwirtschaftskammer zuständig für die Weinhauer. "Nur so kann es gelingen, dass diese einmalige Region aufgrund des Rückgangs der Weinbaubetreiber nicht Immobilienspekulanten in die Hände fällt und verbaut wird."

Winds of Change also in Wien Mauer. Mit seinem Geländemotorrad ist Michael Edlmoser schon lange nicht mehr unterwegs gewesen. "Ich weiß gar nicht, warum ich es überhaupt noch habe", sagt er und lacht. "Eigentlich borgen es sich nur meine Freunde aus." Ursprünglich wollte der Jungwinzer einmal Sänger werden. Mit seiner Band Epik hat er sogar schon drei CDs produziert. Die Sangeskarriere liegt derzeit auf Eis: Biken und Rocken - dafür bleibt keine Zeit. Ein Arbeitstag kann schon einmal 19 Stunden haben, und wenns sein muss steht der Absolvent der Weinbauschule in Klosterneuburg auch um drei Uhr früh an der pneumatischen Schlauchpresse. Bei jeder Ernte hat er dazugelernt. "Von den Böden her haben wir hier geniale Voraussetzungen, genialen Wein zu machen", erzählt Edlmoser. Maximal fünf Traktorminuten vom Hof entfernt sind die Weingärten. "Was die Traube nicht mitbringt, lässt sich auch im Keller nicht rausholen." Einerseits gibt es den Lehmhang, mit wasserspeicherndem Schwemmlehmboden. Der andere Hang hat einen Lehm-Löss-Muschelkalkboden, der ideal ist für zickige Rotweinsorten und den preisgekrönten Riesling, den "König der Weine". Oder "Extremspielereien" wie den Cabernet Sauvignon.

Wenn der junge Winzer neu anpflanzt, dann "nicht diese alte Gemischter-Satz-Sache" (bei der diverse Rebsorten durcheinander angebaut und gleichzeitig geerntet werden), sondern etwas "für die Zukunft". Vier bis fünf Jahre dauert es, bis junge Reben Trauben tragen. Nach und nach werden die guten Gärten jener Winzer aufgekauft, die ihre Betriebe dicht machen. Als Andenken erhalten die Hänge die Namen der Ex-Besitzer.

Neun Hektar Weingärten bewirtschaften die Edlmosers derzeit. Von der Kapazität her stehe man komplett an. Über kurz oder lang müsse hier investiert werden. Nicht weil dadurch der Wein noch besser wird, sondern weil Arbeitsprozesse erleichtert und vereinfacht werden können. "Dem Wein ist es wurscht, ob Fliesen an der Wand picken", sagt Edlmoser, der sich trotz seines selbstbewussten Auftretens ein wenig für die veralteten Produktions- und Lagerstätten im Keller seines Elternhauses zu schämen scheint. Stahltanks mit 1000 oder 5000 Liter Fassungsvermögen, dazwischen ein paar Barrique-Fässer: In Kalifornien sehen Weinbaubetriebe anders aus. Da gibt es voll klimatisierte Hallen, gabelstaplertauglich und leicht zu reinigen. Aber noch muss mit den bestehenden Gegebenheiten gelebt und gearbeitet werden. Vieles - vor allem am Sektor der qualitativ höchstwertigen Weine - ist noch Handarbeit beim Weinmachen. Der Betrieb verfügt zwar auch über Erntemaschinen, die ab Ende September bis in den Oktober hinein die vollreifen Trauben von den Rebstöcken rütteln und einsammeln. Aber manche Sorten müssen auf traditionelle Weise von Hand geerntet werden. Behutsam werden sie in Kisten verfrachtet, um ebenso behutsam weiterverarbeitet zu werden.

Wenn dann abends die Ernte eingefahren ist, lässt Edlmoser die Trauben acht bis zehn Stunden rasten ("Ich bilde mir ein, sie entfalten dann erst ihr Aroma wirklich"), bevor sie gepresst werden - um drei Uhr früh. "Aber wenn dann die Auszeichnungen kommen, weiß man, wofür man das getan hat." Manchmal fragen ihn die Heurigengäste, wo er denn seinen hervorragenden Wein zukaufe. "Nichts kaufen, selber machen", antwortet der "junge Wilde" vom Südrand dann. Achtzig Prozent der Produktion wird im eigenen Betrieb ausgeschenkt, der Rest ab Hof verkauft. Zu seinen Abnehmern zählen nicht nur Privatkunden, sondern auch die Gastronomie, unter anderem das Edelrestaurant Steirereck.

Doch die Weingärten am Rande der Stadt sind nicht nur landwirtschaftlich genutzte Flächen. Sie sind auch landschaftsprägend und dienen als Naherholungsgebiet. "Der Lebensraum Weinbaugebiet erfüllt neben der primären Produktionsfunktion des Qualitätsproduktes Wein vor allem auch ökologische Funktionen", sagt Robert Fitzhum von der Landwirtschaftskammer. Ein Hektar Weingarten liefert den Jahressauerstoffbedarf für 25 Menschen. Ein Hektar Wald versorgt nur zehn Menschen mit Sauerstoff.

Michael Edlmoser kostet ein paar Muskateller-Beeren. Obwohl es noch ein paar Wochen hin sind bis zur Ernte, schmecken sie schon süß. Trauben naschen direkt von der Rebe? Spritzmittel würden nur noch ganz selten verwendet, meint der Winzer. Naturnaher Anbau ist in Österreich üblich. Unkraut zwischen den Rebstöcken wird untergepflügt oder gemäht. Und Schussanlagen oder Netze als Schutz vor räuberischen Vogelschwärmen kommen in der Weinbauregion Wien gar nicht erst zum Einsatz. Hier naschen eher die Städter. Viele seiner Kollegen spritzen Kalk auf die ersten paar Reihen, um Traubendiebe abzuhalten. Dem jungen Winzer aus Mauer sind ein paar weggenaschte Trauben egal. "Sollen die Leute doch herauskommen und sehen, wie schön es da ist", sagt er. "Solang sie nicht mit Plastiksackerln anrücken."

Lesetipp: Berndt Anwander: Wo der Wein wohnt. (Falter Verlag). 350 S., EUR 25,50

 
SCHÖNE HEURIGE
Ausg’steckt is’


Dass der Wiener Heurige nicht unbedingt was mit singenden alten Menschen, Weinseligkeit und Touristen, die das alles glauben, zu tun hat, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Um die 130 Heurigenbetriebe gibt es in Wien. Hauptmerkmal ist, dass im echten Heurigen nur Weine aus Eigenproduktion ausgeschenkt werden dürfen. Um Heurigenbesuche attraktiver zu machen, hat die Wiener Landwirtschaftskammer vor einem Jahr eine Imageoffensive gestartet. 64 Heurigen erfüllen die harten Kriterien der Tester und dürfen das Logo mit dem Weinglas tragen. Hier eine Auswahl an wirklich schönen Heurigen, inklusive Daten (in Klammern), wann "ausg’steckt" ist:

Edlmoser, 23., Maurer Lange Gasse 123, Tel. 889 86 80, tägl. 14.30-24 Uhr. Schöner Hof im Süden der Stadt, mehrfach ausgezeichnete Weine - darunter der Bundessieger Weißburgunder (siehe Story), leider kein Ausblick, da mitten im Ort. (8.9.-26.9., 7.11.-25.11.)

Göbel, 21., Stammersdorfer Kellergasse 151, Tel. 294 84 20, Sa, So ab 11, Mo ab 15 Uhr. Da Hans-Peter Göbel Architekt ist, siehts entsprechend "designermäßig" aus. Hervorragende (Rot-) Weine, laut Florian Holzer "absoluter Siegeranwärter" (ganzjährig geöffnet).

10er Marie, 16., Ottakringer Straße 222-224, Tel. 489 46 47, tägl. 15-24 Uhr. Eine Buschenschank der etwas rustikaleren Art, Hausmannskost, kaltes und warmes Heurigenbüffet, toller Kastaniengarten. Hier heurigt auch der Bürgermeister (ganzjährig geöffnet).

Wieninger, 21., Stammersdorfer Straße 78, Tel. 292 41 06, Mi, Do, Fr 15-24, Sa 14-24, So 12-24 Uhr. Was beim Wieninger auf den Heurigentisch kommt, gehört weinmäßig zum Allerbesten. Sehr ambitionierte Küche (bis 22.12.).

Sirbu, 19., Kahlenberger Straße 210, Tel. 320 59 28, Mo-Sa 15-24 Uhr. Ein Geheimtipp ist der Heurige der Sirbu-Brüder keiner mehr - Garten, Lauben, Wiese und vor allem die Aussicht sind trotzdem toll. Weine und Essen natürlich auch, (bis 15.10.).

Nierscher, 19., Strehlgasse 21, Tel. 440 21 46, Mo, Do, Fr, Sa, So ab 15 Uhr. Schöner Heuriger im verwilderten Garten, kaltes und warmes Buffet (keine große Auswahl, aber gut). Bei "Oma Nierscher" fühlt man sich ein wenig, als sei man ganz privat auf Besuch (bis 31.10., 15.12.-31.1.).

Kierlinger, 19., Kahlenberger Straße 20, Tel. 370 22 64, tägl. 15.30-24 Uhr. Der urigste Heurige in Heiligenstadt, der beste Liptauer (Geheimrezept!) von überhaupt. Goldmedaillengewinner für Rheinriesling und Weißburgunder, großer Gastgarten (1.9.-14.10., 3.11.-16.12.).

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August 2002 © FALTER
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