|
Zum Archiv |
| Der Reiz der Strenge |
|
MUSIK Das renommierte US-Label Thrill Jockey sorgt für die weltweite
Veröffentlichung des neuen Radian-Albums "Rec.Extern". Mit dem
"Falter" sprach das außergewöhnliche Wiener Trio über strenge
Konzepte und die Lust am Rocken, die Poesie des Sinustons und die vermeintliche Stagnation der
hiesigen Elektronik-Szene. SEBASTIAN FASTHUBER und GERHARD STÖGER |
|
|
"Die Jungs sind ja furchtbar", murmelt Falter-Fotograf Heribert Corn leicht resigniert, nachdem er zwanzig Minuten lang erfolglos gegen die Reserviertheit der drei Radians angekämpft hatte. Allen Sprüchen und Aufforderungen zum Trotz blieben Martin Brandlmayr, Stefan Németh und John Norman seinem Charme gegenüber resistent; konsequent hielten sie an ihren strengen Gesichtsausdrücken und der leicht verkrampft wirkenden Körperhaltung fest. Es ist aber weder übertriebene Coolness noch Arroganz, die Radian vor der Fotolinse zu Säulen erstarren lässt. Die drei nachdenklichen jungen Herren erklären im nachfolgenden Gespräch durchaus glaubwürdig, dass sie es schlicht als unangenehm empfänden, sich als Personen zu exponieren. Dementsprechend sucht man bislang auch auf den Tonträgern der experimentellen Wiener Elektronikband vergeblich nach den Gesichtern der Musiker. "Derartige Fotos sollen ja ein bestimmtes Image fördern", meint Stefan Németh, der Synthesizer- und Computerbeauftragte bei Radian. "Das war aber nie unser Ding. Bei uns soll die Musik selbst etwas transportieren - wobei sie natürlich individuell ganz unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Musik wird ja dadurch zu etwas ganz Besonderem, dass sie eben kein offensichtlicher Transport eines Signals zum Empfänger ist, sondern bei jedem Hörer etwas ganz Eigenes auslöst." Das völlige Zurücktreten der drei Individuen hinter ihre gemeinsame Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil im radikalen Konzeptualismus des Trios. "Wir sind keine Popband", erklärt Brandlmayr, der innerhalb des Kollektivs für Schlagzeug, Vibraphon und Elektronik verantwortlich zeichnet. "Wir sehen uns als Ausführende unserer eigenen Musik, die wir zuvor bis ins Detail entworfen haben." In ihrer knappen Prägnanz sind derartige Aussagen durchaus charakteristisch für das Selbstverständnis und den Sound der Band: Musik entsteht bei Radian nicht aus dem Bauch oder dem gemeinsamen Jammen im Proberaum heraus; sie ist vielmehr das Ergebnis akribischer und gründlich durchdachter Arbeit. Vom Ansatz her trifft dies zwar auch auf ihr demnächst erscheinendes neues Album "Rec.Extern" zu. Radian öffen sich hier aber auch - erstmals in ihrer fünfjährigen Bandgeschichte - einer gewissen Eingängigkeit. Etwaiges Stirnrunzeln ob der Komplexität ihrer Kompositionen wird somit durch einen neuartigen Lustgewinn beim Hören ergänzt. Aufgenommen und produziert wurde "Rec.Extern" vergangenen Winter im Chicagoer Studio von John McEntire, der nicht nur als Kopf der Postrock-Formation Tortoise bekannt ist, sondern auch als zentrale Integrationsfigur der Elektronik- und Avantgardemusikszene Chicagos gilt. "Er ist ein Wahnsinns-Tontechniker - und sehr geduldig", schwärmt Brandlmayr über den Mann an den Studioreglern. Wurden die akustischen Instrumente auf dem letzten, 2000 veröffentlichten Radian-Album "TG11" noch weitgehend im elektronischen Klangkosmos versteckt, wählte man diesmal bewusst eine andere Arbeitsweise: "Wir bekamen wieder mehr Lust, mit den Instrumenten als solchen zu arbeiten und damit auch den Bandkontext stärker ins Spiel zu bringen", erklärt Schlagzeuger Brandlmayr. "Dazu kommt, dass wir bei den neuen Sachen für unsere Verhältnisse weniger formal gedacht haben." Stattdessen arbeitete man verstärkt mit atmosphärischen Elementen, die wiederum durch den Reißwolf der Abstraktion gedreht wurden. Im "Haus der Lehrer" am Berliner Alexanderplatz sampelten Radian etwa die Geräusche eines alten Aufzugs, um aus diesem Repertoire Musik zu generieren. Den Einwand, dass sich heutzutage ohnehin jeder Sound elektronisch generieren ließe, empfinden die drei Klang-Wissenschaftler fast als Beleidigung: "Synthetische Signale sind ungleich einfacher aufgebaut als Geräusche oder auch gesampelte Live-Instrumente, die als Signal weit komplexere Informationen in sich tragen", erklärt Nemeth. "In einer Umweltsituation steckt derart viel drin - das lässt sich auf digitaler Ebene einfach nicht herstellen." An manchen Stellen klingen Radian zwar auch auf ihrem dritten Album noch etwas ungreifbar und trocken. Gerade der verstärkte Einsatz rhythmischer Elemente und die Tatsache, dass mit dem mächtig rockenden Stück "Jet" sogar ein kleiner Hit aufs Album gepackt wurde, verleihen "Rec.Extern" aber eine vergleichsweise ungewöhnliche Direktheit und Körperlichkeit: "Wir wollten nicht mehr so extrem zurückgenommen sein, sondern das Material an manchen Stellen expressiver gestalten und mehr Ausbrüche möglich machen", so Nemeth. Die Problematik, gleichzeitig aber auch der Reiz am Erarbeiten der neuen CD lag für die Band im Widerspruch, der zwischen ihrer konzeptionell verordneten Selbstbeherrschung und dem Wunsch nach einer gewissen Körperlichkeit besteht. Gerade für den Bassisten John Norman - jenem Teil von Radian, der dem Losgrooven schon aufgrund seiner Vergangenheit in Rockbands wie Mastalsky am stärksten zugetan ist - stellt der Dualismus von Körper und Geist eine ständige Gratwanderung dar: "Wie weit kann man expressiv oder körperlich werden, ohne dass es dabei zu Referenzen an Rock- oder Popmusik kommt? Ich spiele ja auf der Platte hin und wieder ein so genanntes Riff, das aber stets abbricht, bevor es als solches überhaupt erkennbar wird." Ihrem hehren Avantgardeanspruch zufolge stehen erkennbare strukturelle Referenzen an erster Stelle der Radian'schen Verbotsliste. Da dieser selbst auferlegte Wunsch nach einer gänzlich referenzfreien Musik in der Praxis kaum einzulösen ist, gerät die Arbeit an neuem Material auch immer wieder ins Stocken, wie Brandlmayr eingesteht: "Sobald die Musik zu sehr in irgendeine Richtung einordenbar wird, gibt es bei uns einen Stop." Und Németh, der auch im Gespräch am konsequentesten am strengen Gestus des Foto-Shootings festhält, ergänzt: "Ich finde es einfach langweilig, Musik zu machen, die ich schon kenne. Wozu brauche ich eine Band, die etwas so spielt wie eine Band vor zwanzig Jahren? Die Gefahr an dieser Haltung ist, dass man sie als Selbstgeißelung sieht, aber das ist es überhaupt nicht. Es hat durchaus seinen Reiz, noch eine gewisse Strenge zu haben!" Versteht man diese Strenge nicht nur konzeptionell, sondern auch als Element zur Irritation konventioneller Hörgewohnheiten, so drückt sie sich auf "Rec.Extern" am markantesten im gelegentlichen Einsatz von meist extrem hochfrequenten Sinustönen aus. Sie nehmen die Direktheit und den Flow mancher Stücke wieder ein wenig zurück. Dass sie aber gerade der Pophörer ausschließlich als verstörend empfinden könnte, ist für Németh schlicht unverständlich: "Die Klarheit eines Sinustons oder sinusähnlichen Tons hat für mich beinahe etwas Poetisches. Es geht bei der Verwendung um die Leidenschaft und Klarheit, die ein Sinuston dadurch bekommt, dass er auf das Mindeste eines Tons abgespeckt ist. Für mich liegt darin ein ganz besonderer Reiz, natürlich ein sehr herber. Aber als Provokation sind die Sinustöne bei uns auf keinen Fall gedacht." Nicht nur die Widersprüche zwischen Körperlosigkeit und Expressivität, zwischen schönen und herben Klängen, zwischen minimalistischer Feinarbeit und stimmungsvoller Dichte machen den besonderen Reiz von Radian aus. Das Trio ist generell kaum einem Genre oder einer spezifischen Szene zuordenbar und nimmt als Band - noch dazu als eine, die mit "richtigen" Instrumenten arbeitet - in der fast ausschließlich aus Einzelarbeitern und temporären Kollaborationen bestehenden Wiener Elektronikszene eine Sonderstellung ein. Eine Konsequenz dieser Position ist der mit dem neuen Album vollzogene Wechsel vom Wiener Mego-Label (siehe Interview mit Mego-Betreiber Peter Rehberg im unten stehenden Kasten) zum US-Groß-Indie Thrill Jockey, der in den frühen Neunzigern übrigens für die Veröffentlichung einer Platte der österreichischen Indie-Rock-Band H.P. Zinker gegründet wurde. Mittlerweile bewegt sich das Programm des Labels stilistisch zwischen Postrock, Elektronik, Jazz, Avantgarde und schrägem Underground-Pop. Die Entscheidung zum Labelwechsel fiel laut Norman aber nicht aus symbolischen, sondern schlicht aus pragmatischen Gründen: "Thrill Jockey hat eine funktionierende Infrastruktur für Bands, während Mego mehr eine Infrastruktur für einzelne Laptopmusiker aufgebaut hat, was für uns auf Dauer nicht einfach war. Mit der Zeit ist da eben der Wunsch gewachsen, dass unser Label uns auch als Band behandeln kann. Das ist bei Thrill Jockey optimal: Im Herbst etwa schicken sie uns anlässlich des zehnjährigen Jubiläums mit einem großen Band-Package auf Konzertreise durch die USA und Europa." Obwohl dabei kein Wien-Termin eingeplant ist, fühlen sich die drei Musiker den Strukturen der hiesigen Szene nach wie vor verbunden. Wenn etwa der besonders aktive Martin Brandlmayr sein neues Solo-Projekt Schaller vorstellen möchte, kann er dies im Rahmen des Elektronik-Festivals "Phonotaktik" tun. Gemeinsam mit Norman trat er kürzlich mit einem Improvisationsensemble bei den "Konfrontationen" in Nickelsdorf auf. Und für kleinere Projekte und Ausflüge ins DJ-Gewerbe gibt es immer noch das Gürtellokal rhiz - oder das ursprünglich als dessen Zweigstelle belächelte neue Elektronik-Lokal Fluc am Praterstern, das sich jedoch binnen weniger Monate als äußerst eigenständiger Ort mit spannender Programmierung erwiesen hat. Eine funktionierende Label-Landschaft existiert bekanntlich nicht erst seit gestern, und mit dem Wiener Musik-Fanzine Skug verfügt man auch über ein Medium, das die Aktivitäten in der Grauzone zwischen Elektronik und Improvisation sehr genau dokumentiert. Dennoch ging die Zahl der einschlägigen Veröffentlichungen in letzter Zeit zurück, und nicht wenige Platten und Positionen wirkten ein wenig formalisiert und festgefahren. Wie erleben Radian das Einkehren des Alltags in die Wiener Szene? "Der anfängliche Kick ist sicher nicht mehr da - aber das ist auch natürlich", meint Brandlmayr. "Es geht in diesem Zusammenhang ja immer auch um das Neue - und in der Frühphase der Wiener Elektronikszene war es leichter, dieses Gebot zu erfüllen. Jeder Sound war eine Neuigkeit, und das ist inzwischen nicht mehr so einfach möglich. Heute bemüht man sich verstärkt um die genauere Ausformulierung." Sein Band-Kollege Németh kann ebenfalls keine Stagnation erkennen. Im Gegensatz zu Radians eigenem Anspruch empfindet er die ständige Suche nach etwas Neuem in Zusammenhang mit der Wiener Elektronikszene geradezu als eine journalistische Torheit: "Diese Forderung ist für mich absurd - ich verlange von einem Bluesmusiker ja auch nicht, dass er den Blues ständig neu erfindet. Bei derartigen Entwicklungen, wie sie auch in der hiesigen Elektronikszene zu beobachten waren, gibt es anfangs eine extrem steile Kurve, auf die dann eher eine oszillierende Bewegung folgt. Man kann einfach nicht erwarten, dass die Kurve gleichförmig verläuft; es ist schlichtweg nicht forderbar, dass permanent gleich viele aufregende Dinge passieren. Außerdem glaube ich, dass man das Geschehen innerhalb der Wiener Elektronik nicht wirklich anders beurteilen würde als vor ein paar Jahren, wenn man sich nur den jetzigen Stand der Dinge mit frischen Ohren anhören könnte. Es ist übertrieben, hier über Stagnation zu jammern - eine gewisse Gelassenheit gegenüber musikalischen Zweigen und deren Entwicklung wäre durchaus angebrachter." Abgesehen davon gebe es in Wien neben so verdienstvollen Größen und Qualitätsgaranten wie Christian Fennesz oder Peter "Pita" Rehberg ohnehin auch weiterhin großartige neue Musik, gibt Brandlmayr zu bedenken und führt Philipp Quehenberger als herausragendes Beispiel dafür an. Auf seiner bei Cheap Records erschienenen Maxi "Q.B B.Q." führte der für seine unkonventionellen Live-Auftritte bekannte Quehenberger kürzlich experimentelle Elektronik mit einem trashigen Punkrock-Ansatz zusammen. Als generelle Tendenz innerhalb der experimentellen Szene nennen Radian die Entwicklung weg von der Abstraktion und hin zu konkreterem Material und einem stärker persönlich gefärbten Ansatz. "Das findet sich beispielsweise bei einem Martin Siewert, der plötzlich seine Akkorde auspackt, genauso wie auf der letzten Platte von Christian Fennesz", bemerkt Brandlmayr. John Norman sieht in der gegenwärtigen Situation gar einen besonders experimentellen Charakter; viele Musiker würden mittlerweile ganz neue Ansätze verfolgen: "Die Protagonisten des so genannten Wien-Hypes haben sich weiterentwickelt und überlegen oder machen durchwegs neue Sachen. Leute, die früher eher Partymusik gemacht haben, arbeiten jetzt an etwas Anspruchsvollerem, während Leute, die wirklich sehr, sehr ernste Musik gemacht haben, plötzlich Lust aufs Gegenteil bekommen. Aber momentan erscheinen eben nicht zehn Platten gleichzeitig, die das dokumentieren würden, sondern jeder werkelt ruhig vor sich hin." Im Laufe des ausführlichen Falter-Gesprächs sind die anfangs sehr reservierten Radian bei aller Besonnenheit irgendwann doch aufgetaut. Befragt nach den ästhetischen Kriterien für experimentelle Elektronik, lässt sich John Norman gar zu einem Statement wie "Wenns rockt, dann rockts" hinreißen, und Brandlmayr ergänzt amüsiert, dass sein Kollege beim Bassspielen im Proberaum neuerdings sogar aufstehen würde. Nur Németh schüttelt irritiert den Kopf, wenn die anderen zwei Drittel des Trios beim gemeinsamen Depeche-Mode-Hören regelmäßig fast zu weinen beginnen: "Da werden sie immer ganz verklärt. Ich stehe nur verständnislos daneben." Auf die Frage nach ihrer aktuellen Lieblingsmusik nennt Németh dann auch den japanischen Noise-Meister Otomo Yoshihide, während Norman neben den US-Elektronik-Rockern Trans Am Unerwartetes wie die britischen Hardrock-Punks Motörhead und das letzte Album von New Order anführt. Auch Brandlmayr schätzt Pop - und schwört auf MP3-Filesharing: "Letztens habe ich mir fünf Stunden alte Aufnahmen von Prince heruntergeladen." Ähnlich undogmatisch zeigt sich das Trio bei der Zusammenstellung des Line-ups für ein fiktives Musikfestival ihrer Wahl. Brandlmayr möchte die Experimentalelektroniker Autechre und die Synthie-Pop-Melancholiker Depeche Mode hören; Norman würde den jamaikanischen Dub-Meister Lee "Scratch" Perry und die heimische Elektro-Boygroup Wipeout programmieren. Nur Németh zögert so lange, bis seine Kollegen ungeduldig einwerfen: "Jetzt sag schon: Otomo und Brian Eno!" Németh erklärt sich mit dem Vorschlag einverstanden, und man einigt sich schließlich noch darauf, dass es der Brian Eno der Glamphase sein müsse und er zumindest für die Hälfte seines Auftritts die frühen Roxy Music mitbringen solle. Aktuelle CD: Rec.Extern (Thrill Jockey/Trost; erscheint am 26.8.), www.radian.at |
|
Zum Archiv |
|
nach oben August 2002 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |