"Was waren schon die Achtzigerjahre", fragt die zierliche Frau mit den schwarzen Zöpfen. "Die Achtzigerjahre waren entsetzlich." Marianne Kohn sitzt in ihrem neuen Lokal Hyde Park, einer plüschigen Schwulenbar in der Sonnenfelsgasse 17, und weiß, wovon sie spricht. Wie kaum jemand hat die 57-Jährige Szenen, Trends und Moden kommen und auch wieder verschwinden sehen. Mit ihrer Art hat Kohn die Nachtkultur der Stadt geprägt und manche Menschen lieben sie dafür. Ein paar mögen sie weniger, aber nach mehr als 25 Jahren in der Wiener Szene, sagt sie, sei ihr das auch herzlich wurscht.
Aufgewachsen in Wien, mit Opernmusik ("ich habe die Callas live gehört und kann bis heute sämtliche italienischen Opern mitsingen") und einem nicht verwirklichten Traum, Sopranistin zu werden ("meine Stimme war leider zu tief"), lebte sie in den wilden Sechzigerjahren in Rom. In Cinecittą jobbte Kohn als Cutterin - unter anderem arbeitete sie an Filmen von Fellini und Pasolini mit. Anfang der Siebzigerjahre kehrte sie nach Wien zurück, arbeitete als MTA im Spital und als "Schlagzeugerin ohne Rhythmusgefühl" fürs Theater. 1974 lernte sie den späteren Vater ihrer Tochter kennen. Der war damals Kellner im - heute noch existierenden - Lokal Motto und ist heute Rechtsanwalt. Im Motto gabs dann auch den ersten Szene-Job - als Garderobiere. "Für mich war das damals die ideale Kombination von Fortgehen und Arbeit", sagt sie rückblickend. Die Nachtarbeiterin stand in legendären Szenehütten wie dem Schoko hinter der Budel. Anfangs noch unbedarft ("an meinem ersten Abend hat der Ambros einen Tequila mit Zitrone bestellt, und ich hatte keine Ahnung, was das ist"), dann aber umso exzessiver: "Ich habe nichts ausgelassen." Kohn war mit dabei bei den "besten Jahren" des U4, und als die Club-Kultur in die Stadt kam, war die Szenefrau mit von der Partie. Sie arbeitete beim legendären Club Soulseduction montags in der Volksgartendisco, machte im Monte eine Dienstagsparty, half Johannes Hoschek im Technischen Museum beim Clubben, lud mit Karin Löffler in den eigenen Club "Babyland" ("aber das war ein Flop") und wurde schließlich Chefin einer wunderschönen, aber schlecht gehenden und desolaten Bar in der Innenstadt. "Die Loos-Bar war immer schon ein Wunschtraum von mir gewesen. Sie war jahrelang falsch geführt worden. Ich habe zu den Eigentümern gesagt, dass ich es einen Monat lang probiere, wenns nicht funktioniert, geh ich wieder." Mitterweile schupft die Kohn bereits seit sieben Jahren erfolgreich das kleine Lokal. Und jetzt also das neue Hyde Park in der Sonnenfelsgasse: Anfang der Neunzigerjahre hatte sie hier schon einmal eine Nachtbar, das Mazeltov. "Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn du ein Lokal zurückbekommst." Das Hyde Park ist "men only". Mittwochs dürfen auch Frauen kommen, donnerstags gibts den "Roten Salon", bei dem Freunde mit Freunden trinken - der "Gastgeber" trinkt dann auf Kosten des Hauses.
"Ich bin weder prominent noch sonst was", sagt die bekannteste Bar-Frau der Stadt. Doch durch die richtigen Kontakte zum richtigen Zeitpunkt wurde sie über all die Jahre zu einer Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Menschen: Promis, Unbekannte, Szenemenschen, Schwule, größere und kleinere Legenden. Helmut Lang kennt Kohn seit einer Ewigkeit. Die Verbindung zu dem Modemacher bezeichnet sie als "Lebensbeziehung", eine Freundschaft, "die so lange hält, bis einer von uns stirbt". Lang, der seit Jahren in New York lebt, habe sich auch durch den Erfolg nicht verändert, sagt sie. Ganz im Gegensatz zu Falco. Der sei "zum Arschloch geworden", weil er am Ende nur noch Jasager um sich herum gehabt habe. Eine Marianne Kohn macht keinen Unterschied zwischen Star und Nobody. Und sagt jedem die Meinung. Die "Wahrheit ins Gesicht", wie sie es nennt. Die meisten Menschen schätzen das an ihr.
"Ich bin halt ein Freak und ein Hippie", meint die zweifache Großmutter und - seit kurzem - Pensionistin über sich selbst. Indiz dafür sei, dass sie sich das Personal aus "Winnie the Pooh" auf die Schultern hat tätowieren lassen. Oder ihr Faible für alte Autos - sie fährt einen dreißig Jahre alten Carman Ghia; ein Opel Rekord Baujahr 1953 wartet noch darauf, restauriert zu werden. "Aber eigentlich bin ich eine jüdische Prinzessin", sagt sie. Denn schließlich bedeute ihr Nachname im Hebräischen so was wie uraltes Königsgeschlecht. Womöglich ist Marianne Kohn ja sogar eine Königin: eine Königin der Nacht - wenn auch mit tiefer Stimme.
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