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"Ich bin das Landtmann"
ZIRKUS  Ab Samstag gastiert der Circus Roncalli wieder vor dem Wiener Rathaus. Mit dem "Falter" sprach Roncalli-Erfinder und -Direktor Bernhard Paul über den geklonten Clown im Cirque du Soleil, seine Abneigung gegen Starbucks, den Wiener Schmäh und seine Pläne für den Prater. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 36 Originaltext aus Falter 36/02 vom 04.09.2002

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Das Gespräch findet in der Lobby eines Fünfsternehotels statt und nicht im gemütlichen Salonwagen. Das liege aber ausschließlich daran, dass der Rathausplatz noch nicht frei sei und die Zirkuswagen erst einige Tage später bezogen werden können, sagt der PR-Manager. Denn selbstverständlich logiert der Zirkusdirektor dann mit seiner Familie nicht im Luxushotel, sondern, genauso wie seine 150 Mitarbeiter, im - ebenfalls luxuriösen - historischen Salonwagen.

Als Bernhard Paul, 55, gemeinsam mit André Heller 1976 von Wien aus die "Zirkuskunst erneuern" wollte, hielten ihn die meisten für einen Träumer. 25 Jahre später ist der Circus Roncalli immer noch da. Jetzt gastiert der Originalzirkus, der seit Jahrzehnten seine Homebase in Köln hat, mit seinem Jubiläumsprogramm "25 Jahre Roncalli" in Wien.


Falter: Herr Zirkusdirektor, der Circus Roncalli kommt nach Wien, kurz nachdem der Cirque du Soleil hier wochenlang gastiert hat. Wie bekommt man da noch Aufmerksamkeit?

Bernhard Paul: Es muss auch in Wien eine Erholung geben. Der Cirque du Soleil ist ja eigentlich gar kein Zirkus.

Sondern?

Eine Unterart. Amerikanisches Showbusiness, dem man anmerkt, dass es mit viel Geld gestopft ist. Da muss ich sagen: Mit der vollen Hosen stinkt sichs leicht. Ich liebe es mehr, wenn jemand mit nichts etwas macht. Unser russischer Clown Jigalov beispielsweise ist fast normal angezogen, geht ungeschminkt in die Manege und macht eigentlich nichts. Aber wie er das macht - die Leute liegen am Boden vor Lachen. Soleil hat beispielsweise die Rechte an bestimmten Comedynummern, die jedes Jahr von wem anderen gespielt werden: Der geklonte Clown - sehr gefährlich! Der Mensch kann doch nicht so unwichtig sein. Mir ist der Cirque du Soleil zu kommerziell. Er vereint die beste Sound- und Lichttechnik, wirklich gute Kostüme, aber das Ganze hat keine Seele. Das ist Franchisesystem. Der McDonald’s schmeckt auch überall auf der Welt gleich. Wenn ein Künstler ersetzbar ist, ist er kein Künstler mehr.

Was ist an Ihrem Circus so besonders?

Ich suche mir Originale, denen helfe ich aufzublühen. Die Aufgabe des Regisseurs ist es, aus dem ganzen Haufen was zu machen, was stimmig ist und wo die Wärme der Menschen spürbar wird. Das zeichnet Roncalli aus. Und deswegen sind wir nach 25 Jahren immer noch ausverkauft. Dieses Ding ist mit Liebe gemacht. Wenn die Zirkusse Kaffeehäuser wären, dann wär ich das Landtmann und die Starbucks.

Starbucks gibt es ja mittlerweile auch in Wien ...

Ich weiß. Und ich werde sie nie betreten.

Ist Roncalli denn immer noch ein Wiener Zirkus?

Was er auf keinen Fall ist, ist ein globaler Zirkus. Es gab ja mal so was wie den Wiener Schmäh. Da saßen sie im Kaffeehaus zusammen und haben Schmäh geführt wie andere Billard spielen. Der Manfred Deix und ich, wir konnten Leut’ zum Weinen bringen, wenn wir wollten. Wir waren gefürchtet.

Inwieweit hat Ihnen denn der Wiener Schmäh geholfen bei Ihren Unternehmungen in Deutschland?

Das Wienertum hat mir insofern geholfen, als es wie Training mit Bleiweste war. In Wien ist einfach alles wahnsinnig schwer. Hier sitzen heute noch dieselben Leute im Café Hawelka, die vor 25 Jahren, als ich weggegangen bin, dort gesessen sind und gesagt haben: "Die lassen uns ja nie hochkommen, wir könnten eh." Ich finde es ganz wichtig, dass man von Wien weggeht. Und dann kann man ja als Sieger auch wiederkommen. Mein erstes Erfolgserlebnis in Deutschland war, dass ich mit jemand ausgemacht habe, dass wir uns um 15 Uhr treffen, und er war tatsächlich pünktlich da. In Wien kommt der vielleicht übermorgen um vier. Plötzlich kann man effektiv arbeiten. Man muss nicht zuerst alles wegräumen und Geschirr abwaschen, bevor man kocht, man kann gleich kochen. Die Deutschen sind besser als ihr Ruf. Sie haben halt nur nicht wahnsinnig viel Humor.

Und was ist mit dem exotischen Touch Ihres Wientums?

Ich war eigentlich gar nicht so exotisch. Das, was ich gemacht habe, war viel exotischer. Da kommt einer 1976 und macht einen Zirkus. Das ist so, wie wenn heute einer sagt: "Ich mach ein Espresso auf." Da fragen die Leute auch, wieso. Und plötzlich ist es ein Riesenerfolg, und dieses Espresso ist in der ganzen Welt Vorbild. Mir hat natürlich auch viel geholfen, dass ich Zirkusdirektor studiert habe: Ich hab zuerst Hoch- und Tiefbau gemacht, dann Grafik studiert, war Art-Director beim profil und bei der Werbeagentur GGK. Ich habe so viele Dinge gemacht, die ich plötzlich im Zirkus habe brauchen können: Medienarbeit, technisches Verständnis, Marketing, Bühnenbild. Dazu kam, dass ich von Kind an alles über Zirkus gesammelt habe.

Am Anfang scheint Ihnen der Rahmen, das Drumherum des Zirkus wichtiger gewesen zu sein.

Das stimmt. Wenn ich ein Regisseur bin, muss ich mir schließlich auch zuerst das Schauspielhaus bauen. Als Rahmen für das Stück.

Wie unterscheidet sich ein Roncalli-Programm von vor zwanzig Jahren vom aktuellen?

Nehmen wir einen ganz anderen Zirkus her, den Formel-1-Zirkus: Früher sind sie da maximal 100 km/h gefahren. Heute, wenn sie mit 350 km/h in die Kurve gehen, sind die Leute noch genauso beeindruckt. Die Sensation wächst mit den Leuten. Jeder hat ein Auto, aber mit 350 km/h in die Kurve - das ist schon was. So gesehen, ist unser Zirkus ein Anachronismus. Der wird nicht sterben, sondern ist schon lange tot. Wir haben ein rollendes Museum.

Aber kultiviert Ihr Zirkus nicht gerade dieses Altmodische?

Ich finds halt schöner. Ein altes Hotel ist schöner als ein neues. Mit dem Orientexpress nach Venedig reisen ist schöner als mit dem Intercity nach Frankfurt.

Haben Sie an Ihrem Wohnwagen eine Satellitenschüssel?

Ja, aber so, dass mans nicht sieht. Wie soll ich sonst den ORF hereinbekommen?

Sie treten ja in Ihrem Zirkus immer noch als Clown Zippo auf. Wollten Sie damit schon mal aufhören?

Ich habs mal probiert. Aber das hat sich schwer gerächt. Aber es gibt auch Tage, an denen ich woanders sein muss.

Werden Sie dann ersetzt?

Ich habe ein Double.

Was? So wie bei Soleil, mit aufgeklebtem Schnauzbart und so?

Nein, der macht ja nicht auf mich.

Das wäre wahrscheinlich auch schwierig. Sie haben mittlerweile so etwas wie die Marke Bernhard Paul entwickelt. Sie kennen die halbe Welt, eine Bank hat sie in den Mittelpunkt einer Werbekampagne gestellt.

Das ist nicht gewollt. Früher war ich einer der introvertiertesten Menschen überhaupt. Das hat sich aber dann entwickelt. Durch den Rock 'n’ Roll. Der Deix und ich haben in Bands gespielt - unser Sänger war der Lukas Resetarits, damals hieß er noch Erich. Wir haben hauptsächlich Stones gespielt und uns die ersten Mädels aufgerissen. Das war heilsam. Wennst mit der Gitarre rumgangen bis, da warst plötzlich wer. Bei der ersten Pressekonferenz 1976 in Bonn stand der André Heller vorne und hat gesagt, er ist der Heiland und hat alles erfunden, und ich hab den Kassawagen gestrichen, weil ich mich so geniert hab. Genauso wie bei der Clownrolle. Als Kind wollt ich Clown werden, aber wie es dann so weit war hab ich gesagt: "Das kann ich nicht." Dann kams aber so, dass ich Schulden gehabt habe und wir einen Clown für ein Trio brauchten. Die Premiere rückte näher, und ich hab gewusst, jetzt gehts um die Wurscht. Ich musste in die Manege und hab mich am Anfang hinter einer riesigen Nase versteckt. Das hat sich entwickelt. Ich wollte nie bekannt sein. Ich wollte auch nie Geld machen.

Hätten Sie nicht irgendwann sogar alles hingeschmissen, wenn Sie mit dem Zirkus Geld hätten machen wollen?

Wahrscheinlich. Ich wollte einfach den Zirkus meiner Kindheit wieder machen, und der war in meinem Kopf drin.

Und der sah so aus wie der Circus Roncalli?

Er hat sich verklärt. Und ich hab das Verklärte realisiert. Wenn ich ihn so gemacht hätte, wie er damals wirklich war, hätte man vielleicht "La Strada" aufführen können. Beim Sammeln bin ich auf Fotos des Zirkus aus meiner Kindheit gestoßen. Heute sieht das eher deprimierend aus.

Sie gehen mit großem Perfektionismus ans Sammeln und Aufstellen von alten Dingen heran. Sie sammeln nicht nur historische Zirkusdinge und Jahrmärkte, sondern auch Wiener Kaffeehäuser und komplette Ladeneinrichtungen. Wie stehen die Pläne, diese Sammlung in Wien zu zeigen?

Es gibt bestimmte Dinge, die sollte man nicht vergessen. Dazu zählt auch die Alltagskultur. Ich habe sechzig alte Wiener Läden, darunter ein Jugendstilfleischhauer. Der hat einen Tresen aus Porzellan mit Schweineköpferelief, eine Decke aus Glas und ein Fries mit Hinterglasmalerei: Kinder und Zwerge tragen Würste und Schinken. Diese Sammlung soll nach Wien, wenns aus Wien kommt. Ich hab ein Rohkonzept für ein benutzbares Museum im Prater verfasst. Jetzt reden wir wieder mit der Stadt.

Und das soll funktionieren? Das Kuriositätenkabinett "Kaleidoskop" ist ja dort unlängst gescheitert.

Da hab ich von Anfang an gesagt, dass das nicht funktioniert. Aber ich weiß, wie so was funktioniert. Ich würde gerne noch im hohen Alter was für Wien machen. Statt H&M oder McDonald’s in der Stadt wird man dann wieder das alte Wien sehen. Im Prater halt, aber da gehört es hin. Als eine Kindheitsverlängerung, als Heimweh. Nostalgie heißt eigentlich Heimweh.

Heimweh nach Zeiten, die wahrscheinlich gar nie so waren?

Das ist ja wieder nur das Bühnenbild. Ich plane eine Konzertmuschel, in der Gruppen wie die Extremschrammeln auftreten. Dort wird man Wurst von glücklichen Hühnern bekommen, Torte ohne Geschmacksverstärker.

Apropos: Schmecken Ihnen Mannerschnitten in Köln auch?

Das Drumherum ist nicht unwichtig. Aber wir sitzen manchmal zu Hause und machen uns ein richtiges Wiener Sonntagsessen. Weils Spaß macht. Das Leben ist zu kurz, um billigen Wein zu trinken.


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