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| "Es geht immer um Rettung" |
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LITERATUR In seinem Buch "Die Hochzeit von Auschwitz" rekonstruiert Erich
Hackl die Geschichte eines Wiener Widerstandskämpfers als multiperspektivische Collage. Mit
dem "Falter" sprach er über die Schwierigkeiten, über Auschwitz zu schreiben,
den literarischen Umgang mit historischen Fakten, über die Eitelkeit der Schriftsteller und
seinen "Optimismus des Herzens". KLAUS NÜCHTERN DIE HOCHZEIT VON AUSCHWITZ: "Nur Bruchstücke seines Lebens" |
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Erich Hackl gilt als "Spezialist für die literarische Anverwandlung wahrer Begebenheiten" (Volker Hage im Spiegel). In seinen Büchern kollidiert der Anspruch auf individuelles Glück mit dem blutigen Terror der Geschichte, der bis in die Gegenwart hineinreicht: Zeitzeugen, Verwandte, Wegbegleiter, Hinterbliebene kommen zu Wort, erzählen von einem nachhaltig beschädigten Leben, in dem Hackl aber auch immer jene Momente aufspürt, in denen Menschen einiges, im extremen Falle auch das eigene Leben riskieren, um Gewalt, Unterdrückung und Inhumanität entgegenzutreten. In manchen Fällen gehen die Geschichten, von denen die Bücher erzählen, im richtigen Leben noch weiter - wie etwa im Falle von "Sara und Simón" (1995): Nach 25 Jahren hat die argentinische Mutter ihren verschleppten und mit einem anderen Buben verwechselten Sohn nun doch gefunden. Auch Hackls jüngstes Werk, "Die Hochzeit von Auschwitz", wirkt insofern weiter, als sich die beiden Söhne des Widerstandskämpfers Rudi Friemel, die Halbbrüder Édouard und Norbert, nun im Zuge der Buchpräsentation erstmals in ihrem Leben begegnen werden. Hackl, der Germanistik und Romanistik studiert und einige Bücher aus dem Spanischen übersetzt hat, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Wien und immer wieder auch in Madrid. Für seine Bücher - neben den genannten noch die Erzählungen "Auroras Anlass" (1987), "Abschied von Sidonie" (1989), das (von Paul Flora illustrierte) Märchen "König Wamba", die Aufsatzsammlung "In fester Umarmung" (1996) und der "Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick" (1999) - wurde er in diesem Jahr mit dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet. Sie sind alle im Zürcher Diogenes Verlag erschienen. Falter: Der Stoff Ihres jüngsten Buches, "Die Hochzeit von Auschwitz", ist Ihnen seit 15 Jahren bekannt. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie es fertig hatten? Erich Hackl: Ich musste eine Struktur finden, die dem Material gerecht wird. Dass es im Falle der "Hochzeit von Auschwitz" so viele Perspektiven gibt, hängt damit zusammen, dass diese zehn oder zwölf Leute, die mir das erzählt haben, jeweils nur einen Zipfel der Geschichte kannten. Ich bin der Einzige, der sie nun als Ganzes vorgelegt hat. Ein anderes Problem bestand darin, dass ich über Auschwitz schreiben musste, obwohl ich das nicht wollte. Es gibt ja dieses Gebot von Christa Wolf, dass Menschen, die Auschwitz nicht selbst erlitten haben, in der fiktiven Literatur nicht darüber schreiben dürfen. Haben Sie nie überlegt, einfach ein Sachbuch zu schreiben oder eben eine Reportage? Da sehe ich keinen großen Unterschied. Aber ich will versuchen, das anhand eines anderen Buches zu erklären - Martin Pollacks "Anklage Vatermord".1 Es wird vom Verlag als dokumentarischer Roman angekündigt, ist in Wahrheit aber eine große Reportage - und damit auch eine literarische Gattung. Es ist aber nicht nur deswegen kein Roman, weil Pollack penibel recherchiert hat - diesen Anspruch erhebe ich ja auch -, sondern weil es sich um eine Geschichte handelt, die eigentlich vorbei ist, auch wenn das große Rätsel, wer Morduch Halsmann umgebracht hat, offen bleibt. Pollack hat das Buch dem Andenken zweier Menschen gewidmet: dem an eine junge Studentin, die dem als Vatermörder inhaftierten Sohn Philipp Halsmann viele Briefe ins Gefängnis schrieb und damit Trost spendete; und an einen jüdischen Kaufmann aus Innsbruck, der sich vom ersten Moment an für Philipp Halsmann eingesetzt hat. Für mich sind das die geheimen Hauptfiguren. Aber beide sind tot. Vielleicht ist das der Unterschied: dass der Autor bei dieser Geschichte eigentlich nichts mehr retten konnte. Ich glaube, wenn man sich realen Fällen widmet, geht es immer auch um Rettung. In meinem Falle leben noch die beiden Söhne von Rudi Friemel, denen ich ihre Familiengeschichte geben kann. Ist das der höchste Ehrgeiz: mit Literatur noch einmal ins Leben einzugreifen? Das ist kein Ehrgeiz, sondern der Antrieb. Aber es wiegt mehr als das Ästhetische? Nein. Das kann man ja nicht trennen! Ich muss mich um die Darstellungsweise bemühen, weil ich nur dadurch meine Wahrheit zum Ausdruck bringen kann. Es ist ein ganz bescheidener Ansatz: Mit Literatur kann ich nichts bewirken, aber eine kleine außerliterarische Wirkung gibts doch. Durch "Abschied von Sidonie" haben die Leute in Sierning (Ort in der Nähe von Steyr, d. Red.) endlich einmal zur Kenntnis genommen: Das Dirndl hat bei uns gwohnt. Und für Sidonies Pflegebruder war das Buch auch eine Waffe gegen das Schweigen und Unverständnis seiner Umgebung. Aber das "Retten-Wollen" ist entscheidend? Es gibt einen Ausspruch von Kafkas Freundin Milena Jesenská, wonach ein Journalist, der nicht hofft, dass das Elend durch seine Reportagen auch gelindert wird, ein verkommener Mensch sei. Das wäre das traditionelle Konzept eines engagierten Schreibenden. Und als solchen sehen Sie sich nicht? Die Formulierung von Milena Jesenská trifft auch auf Agitationsliteratur zu. Auf die Kampfhaltung von Schriftstellern und Publizisten zur Zeit der Volksfront, die bestimmte Verbrechen aus strategischen Gründen auch verschwiegen haben. Dieses Schweigen würde mir, hoffe ich, schwer fallen. Meine Haltung ist schon durch das Wissen um die Fehler der Intellektuellen damals geprägt. Rudi Friemels Söhne müssen im Schatten eines Helden heranwachsen. Das hat doch schon auch was Verstörendes für nachfolgende Generationen: diese Konsequenz und Härte, mit dem das politische Engagement über das private Glück und die Familie gestellt wurde. Man darf nicht so tun, als hätte er die Wahl gehabt: Wenn man in bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse hineingeworfen wird, ist der Freiraum nicht so groß, wie er sich aus unserer Rückprojektion darstellt. Was hat Sie an dem Stoff der "Hochzeit von Auschwitz" denn am meisten interessiert? In Rudis Biografie fallen zwei Dinge zusammen, die mich wohl immer zum Schreiben drängen: Das ist einerseits die Sehnsucht nach dem privaten Glück und andererseits das Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Rudi Friemel war politischer Häftling, er hat sich sein Schicksal also, zynisch gesprochen, aussuchen können - im Unterschied zu denen, die als Juden oder Roma verfolgt und ermordet wurden. Es war ein bewusster Akt des Widerstands, der ihn nach Auschwitz geführt hat. Gäbe es auch Stoffe, die Ihnen schlicht zu deprimierend wären, um darüber zu schreiben? Ja, schon. Das wären wohl die Täter-Geschichten. Aus einer Scheu, sich in solche Personen hineinzuversetzen? Nein. Das wäre wahrscheinlich sogar leichter. Aber ich will Erfahrungen gewinnen, die mich auch bestärken, durch die ich mich weniger einsam fühle. Zu schreiben, wie schlechte Menschen sind - das ist für mich Kitsch. Normalerweise assoziiert man Kitsch eher mit den guten Menschen. Und Rudi Friemel war offensichtlich eine ambivalente Figur, etwas, was man im Wienerischen einen "Hallodri" nennt. Seine Briefe aus dem Gefängnis, wo er sehr offen von seinem Verhältnis zu den Frauen schreibt, sind aber schon wortwörtlich wiedergegeben? Aus dem Spanischen rückübersetzt. Die offiziellen Briefe waren Deutsch, aber diesen Kassiber hat er auf Spanisch geschrieben. Sie haben das ins Deutsche übersetzte Spanisch zum Teil austrifiziert. Das wäre dann ein Fehler meinerseits. Da müssten Sie mir eine Stelle nennen. Es gibt eine Passage, da spricht Rudis Schwägerin Marina davon, dass Sie der "Anstandswauwau" ihrer Schwester gewesen sei. Ich habe Ursula Baumhauer, die deutsche Lektorin, gebeten, mir alle Austriazismen anzustreichen. Da war sie wohl zu großzügig. Oder den Anstandswauwau kennt man auch außerhalb Österreichs. Wenn nicht, dann hab ich hier übers Ziel geschossen. Sie haben nicht nur den Überlebenden, die Sie getroffen haben, sondern auch dem ermordeten Rudi Friemel eine Stimme verliehen. Konstantin Kaiser2 hat einmal gesagt, dass es der Literatur immer auch um Verständigung zwischen Lebenden und Toten geht. Das ist ein Leitmotiv, das ich über alle meine Texte setzen könnte. Und wenn ich die Trennung zwischen den Lebenden und den Toten nicht anerkennen will, warum soll sich dann nicht auch Rudi Friemel äußern? Einen Toten reden zu lassen, das war auch eine kleine Hommage an den Schriftsteller Christoph Hein, der in "Horns Ende" den Mut dazu aufgebracht hat. Allen Ihren Büchern liegen "historische" Begebenheiten zugrunde. Lehnen Sie gegenwärtige Stoffe überhaupt ab? Sie meinen vermutlich eine Geschichte, die auch in der Gegenwart beginnt. Auch da würde mich dann die historische Dimension interessieren. Wenn ich diese deutsche Literatur lese, in der ständig Zahnärzte vorkommen und Villen in Grunewald, und schon im ersten Absatz "dachte er" steht - das sind schon Gegenwärtigkeiten, die mich furchtbar langweilen. Der Mensch ist ein historisches Wesen, und die Missachtung dieser Dimension lehne ich ab. Außerdem bin ich ja auf alle meine Geschichten in einem bestimmten Moment gestoßen, der damals meine Gegenwart war. Ich befinde mich beim Schreiben eh ständig in der Gegenwart. Ein Stoff, der näher an Ihrer eigenen Biografie liegt, interessiert Sie prinzipiell nicht? Im Moment würde ich auf so etwas nicht kommen. Hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass wir alle - im Vergleich zu den Schicksalen, von denen Sie erzählen - nur über ziemlich läppische Wohlstandsbiografien verfügen. Ja, schon. Aber das heißt ja nicht, dass ich nichts wert bin. Es hängt einfach mit meinem Interesse zusammen: Es hat immer Dinge gegeben, die mich mehr interessieren als das eigene Ich. Ich habe früh zu schreiben begonnen, dann aber nach einiger Zeit gemerkt, dass ich über all die Erfahrungen, die ich bis dahin gemacht hatte, schon geschrieben habe. Da gab es nicht Neues. Wahrscheinlich bin ich auch deswegen auf die Erfahrungen anderer gestoßen. Und man spiegelt sich doch ohnedies in Menschen, über die man schreibt: Wie ich von denen erzähle, verrät ja etwas von meinem Temperament und Charakter. Der deutsche Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke hat in einem Interview sinngemäß einmal gemeint: Gott bewahre mich davor, etwas erfinden zu müssen. Gilt das auch für Sie? Ich spreche niemandem das Recht ab, fiktiv zu arbeiten. Wenn man anständig recherchiert, kann man sich von da aus auch in die Gefilde der Fiktion emporheben. Die Grenze verläuft nicht zwischen Fiktion und Dokumentarismus - man muss bloß wissen, worüber man schreibt. In der Laudatio anlässlich des Solothurner Literaturpreises, der im Juli an Sie verliehen wurde, wird nicht nur - wie üblich - die suggestive Lakonie Ihrer Prosa hervorgehoben, sondern auch, dass sie "rhythmisch durchgestaltet" sei. Wenn das so gesagt wurde, dann ehrt es mich, weil ich mich erkannt fühle und dieser Aspekt angesichts der Dominanz der ungewöhnlichen Inhalte oft keine Beachtung findet. Ich schaue sehr auf den Wortklang und den Rhythmus, versuche, dem Atem einer Person gerecht zu werden. Das betrifft aber nicht nur die literarische Arbeit im engeren Sinne, sondern gilt auch für Artikel und Rezensionen. Ihre Auftritte als Zeitungsautor halten sich aber in Grenzen, ebenso wie Ihre tagespolitischen Kommentare. Ist das selbst auferlegt oder werden Sie nicht gefragt? Wenn man zweimal etwas ablehnt, verschwindet man. Und zwar so weit, dass man glaubt, man existiert wirklich nicht mehr. Es hängt aber auch mit meiner politischen Sozialisation in den frühen Siebzigerjahren zusammen, mit Verweigerung - wir haben die Leute verachtet, die ständig den Mund offen hatten. Dahinter stand auch der romantisch-proletarische Gestus: Die sind auch nicht gscheiter als die normalen Leute. Aber so ist es auch; würde ich einen Kommentar zur FPÖ oder zu irgendeiner kulturpolitischen Affäre schreiben, wäre der so hilflos und dumm wie das meiste, was dazu gesagt und geschrieben wird. Außerdem finde ich Beschreibungen von Vorgängen meistens interessanter als Behauptungen. Es wird in den Medien nur mehr behauptet, kommt mir vor. Und früher war das anders? Ich glaube schon. Heutzutage ... Als im Frühjahr die "endlose Geschichte" von Sara und Simón nach 25 Jahren doch noch zu Ende gegangen ist und die Mutter ihren Sohn gefunden hat, habe ich darüber etwas geschrieben. Ich dachte, das sei eine Nachricht, die die Menschen bewegt. Ich bin aber bei Zeitungen auf keinerlei Interesse gestoßen. Eine Redakteurin der Zeit hat mir erst gestern geschrieben: Es täte ihr leid, aber nachdem der Artikel ein halbes Jahr im Stehsatz war, könne sie ihn nicht mehr bringen, und wenn ich ihn nirgends unterbringe, bekäme ich ein Ausfallshonorar. Der Kulturredakteur des Tagesanzeigers meinte, er wisse nicht, ob das die Leser interessiere. Nur das "Spectrum" der Presse hat ihn gebracht. Ihre Zurückhaltung wird aber von den Medien auch goutiert: in "News" wurden Sie erst vor kurzem als "stillster aller Stars" apostrophiert. Ich empfinde mich weder als Star noch als still. Diese Beschreibung findet sich aber immer wieder. Ich habe relativ spät zu publizieren begonnen, war also nicht naiv, kannte gewisse Mechanismen des Literaturbetriebs. Deswegen habe ich immer zu bremsen versucht, wenn ich aufgefordert wurde, etwas zu kommentieren. Wie sich heute Autoren wie Grass, Nooteboom, Saramago, Tabucchi, mittlerweile sogar John Berger aufführen, finde ich zum Kotzen - sie erliegen der eigenen Eitelkeit und glauben, dass es wichtig ist, sich ständig und zu allem zu äußern. Das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Es wird eine Maschinerie in Gang gehalten, die man eigentlich bekämpfen müsste. Öffentliche Lesungen machen Sie aber schon? Natürlich. Ich gehe auch an Schulen. Dem Verstand nach muss man Pessimist sein, aber den "Optimismus des Herzens", wie das Gramsci genannt hat, schöpfe ich auch aus meinen Erfahrungen mit jungen Leuten. Der Prozentsatz der Empfindsamen bleibt, glaube ich, konstant. 1 Das soeben bei Zsolnay erschienene und im "Falter" 32/02 besprochene Buch rollt den legendären "Fall Halsmann" aus den Zwanzigerjahren auf, in dem der jüdische Fotograf Philipp Halsmann des Mordes an seinem Vater Morduch bezichtigt wurde. 2 Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, Autor des gemeinsam mit Siglinde Bolbecher verfassten "Lexikons der österreichischen Exilliteratur" (Wien 2000). Am 16.9., 19 Uhr, präsentiert Erich Hackl im Camineum-Saal der Österreichischen Nationalbibliothek (1., Josefsplatz 1) sein neues Buch. DIE HOCHZEIT VON AUSCHWITZ "Nur Bruchstücke seines Lebens" Zwölf Menschen, die ihm "ihre Erinnerungen anvertraut haben", nennt Erich Hackl im Abspann seines Romans. Vier von ihnen, so wird uns mitgeteilt, sind mittlerweile verstorben. Unter ihnen auch Hermann Langbein (1912-1995), Spanienkämpfer und Auschwitzüberlebender, der unter anderem mit seinem Buch "Menschen in Auschwitz" Wesentliches zum Wissen um das Todeslager beigetragen hat und Hackl die vorliegende Geschichte "aufgetragen" hat. Die Diktion ist kaum zufällig gewählt. Ein solcher Auftrag ist wohl immer auch eine Bürde, gilt es doch, der Biografie und den Erinnerungen der Befragten gerecht zu werden. Entsprechend skrupulös und mitunter etwas hölzern in seiner ostentativen Programmatik beginnt auch Hackls rekonstruierende Zusammenschau der "Begebenheit": "Ich warne dich: Da sind nur Bruchstücke seines Lebens, und in meinem Kopf ergeben sie kein klares Bild", wendet sich Marina Ferrer Rey an den Zuhörer, bevor sie von ihrem Schwager erzählt, dem 1907 geborenen Automechaniker, Sozialisten und Draufgänger Rudi Friemel, der am 18. März 1944 in Auschwitz Hochzeit mit Marga(rita) Ferrer feierte - im Beisein des gemeinsamen Sohnes Edi. Das Lagerorchester spielt auf, im Lagerbodell wird dem Ehepaar eine Zelle frei gemacht. "Die Hochzeit von Auschwitz" ist eine vielstimmige Collage, wobei es für den Leser nicht immer ganz einfach ist, zu entschlüsseln, wer gerade das Wort hat. Dass die einzelnen Figuren unterschiedliche Tiefendimensionen haben (ein böser Nazi wurde aus Polizeiprotokollen "gesampelt"), liegt in der Natur der Sache, dass sie in ihrem Idiom nicht immer ganz überzeugend geraten sind, wohl weniger ("die deutschen Brüder waren nicht davon abzubringen, dass Österreich auf ihrer Erbsensuppe dahergeschwommen ist"). Als heimliche Heldin muss jedenfalls Marina gelten, die sich selbst treffend als "forsch" charakterisiert und die für ihre Schwester wohl nicht die allergrößte Geduld aufgebracht, ja diese nachgerade ein bisschen verachtet haben dürfte: "Marga (...) war das typische Frauchen. Sie hat sich gern hübsch angezogen, geschminkt, die Lippen angemalt. Aber sie war zimperlich." Gewiss liegt ein Verdienst des Autors gerade darin, dass er keine geschönten Heldenporträts seiner Protagonisten abliefert und sie ihrer Ambivalenzen nicht beraubt. Rudi Friemel selbst wird ebenfalls als widersprüchliche Figur skizziert; ein lebenslustiger Hallodri und Herzensbrecher, der in den Briefen an seine Frau offenherzig über sein Verhältnis zum anderen Geschlecht spricht: "Ich habe die Frauen genommen, wie sie gerade kamen, und nicht allzu sehr geschätzt. Es gab keine Tragödie, aber ich fühlte auch nie das, was man wahre Liebe nennt. So ging das jahrelang dahin. Erst im Gefängnis habe ich beschlossen, diese flüchtigen Beziehungen sein zu lassen und mich ganz meiner Arbeit und dem politischen Kampf hinzugeben." Am 30. Dezember 1944 wird Friemel, der gemeinsam mit anderen einen Fluchtversuch unternimmt, gehängt - im Hochzeitshemd. Hackl zeigt, wie das Schicksal einer Generation bis in die nächste fortwirkt: Rudis und Margas Sohn Édouard (auch dessen Halbbruder Norbert, Sohn aus Friemels erster, bald geschiedener Ehe, kommt zu Wort) muss mit der Hypothek des väterlichen Vorbilds leben: "Niemand hat mir beigebracht, wie man einem Helden hinterherlebt." Auf diese Weise entsteht aus den einzelnen Passagen ein facettenreiches Bild, das beim Leser einen starken Eindruck von der bedrückenden Macht der Geschichte, aber auch vom beeindruckenden Elan jener vermittelt, die sich gegen diese gewehrt haben. KLAUS NÜCHTERN Erich Hackl: Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit. Zürich 2002 (Diogenes). 185 S., EUR 17,40 |
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