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Wovon No Angels träumen
AUDIO & VIDEO  Amadeus ist bereits verkauft, der Virgin Megastore soll demnächst verkauft werden, ein slowenischer Musikmarkt kommt (vielleicht), Hartlauer rüstet auf: Der Bild- und Tonträgermarkt ist in heftiger Bewegung, und das, obwohl die Spannen klein und die CDs eigentlich zu billig sind. CARSTEN FASTNER und KLAUS NÜCHTERN

Falter 39 Originaltext aus Falter 39/02 vom 25.09.2002

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Das Geschäft mit Tonträgern läuft nicht gerade prächtig: Im vergangenen Jahr ging der Umsatz um beinahe zehn Prozent zurück. Erstmals, so rechnet IFPI Austria, der Verband der Österreichischen Musikwirtschaft, vor, stünden den 20,6 Millionen verkauften Original-CDs mit 15 Millionen CD-Rohlingen und fünf Millionen Musikkassetten etwa gleich viele Leer-Tonträger gegenüber: Aus dem Internet oder mit CD-Brennern kopierte Original-CDs graben dem Handel das Wasser ab.
"Die Industrie spricht von 17 bis 18 Prozent Rückgang, ich sage, sie haben 48. Und die haben wir auch", kommentiert Harald Quendler, langjähriger Chef des Wiener Labels und Schallplattenvertriebs Extraplatte. "Es gibt niemanden, dem es wirklich gut geht. Wir merken das auch an der Zahlungsmoral", umreißt er den depressiven Zustand der Branche.
Die Wiener Mariahilfer Straße ist ein gutes Beispiel für die Turbulenzen des Marktes. Mit dem Virgin Megastore, dem Saturn gleich vis-à-vis und dem etwas weiter stadtauswärts gelegenen Amadeus-Haus siedeln drei Mega-Player der audiovisuellen Unterhaltungsindustrie an Wiens populärster Einkaufsstraße. Amadeus, dessen 3500 Quadratmeter Verkaufsfläche umfassendes Media-Haus erst im Juni 1999 eröffnet wurde (nachdem die Amadeus-Kette ein Jahr zuvor von der Libro AG gekauft worden war), befindet sich mittlerweile im Besitz der größten Buchhandlungskette des deutschsprachigen Raumes: Die Thalia-Gruppe, eine Tochter des hierzulande durch die gleichnamige Parfümerie-Kette bekannten Douglas-Konzerns, hat vor wenigen Wochen Amadeus übernommen. Vorerst will sie sich dabei, wie Amadeus-Geschäftsführer Wolfgang Heger bestätigt, auf die Kernkompetenz, also auf den Buch- und Papierhandel konzentrieren: Die Läden - von denen 18 als Amadeus-Filialen weitergeführt und vier von einem noch nicht bekannt gegebenen Eigentümer gekauft und unter neuem Namen übernommen werden - sollen in den nächsten Wochen mit dem Abverkauf ihrer CD-, Video- und DVD-Bestände beginnen. Den Anfang bereits gemacht hat das Haus in der Mariahilfer Straße, die Bestände an Klassik-CDs werden seit letzter Woche um fünfzig Prozent verbilligt abverkauft.
Eine endgültige Entscheidung ist damit noch nicht gefallen. "Buchnahe Videos, CDs und DVDs" (Heger nennt "Harry Potter" und "Der Schuh des Manitu" als Beispiele) werde es in den Amadeus-Filialen immer geben. Der Ausverkauf sei im Sinne einer Neuordnung des Lagers notwendig geworden. In Zukunft werde man den Audio- und Videobereich verstärkt über das Internet betreuen: www.buch.de ist in Deutschland schon jetzt ein Partner der Thalia-Gruppe. Bei der Neueröffnung der Amadeus-Filialen am 1. Oktober werden die Läden jedenfalls "mit aktueller Ware bis unter die Decke gefüllt sein".
Wird Amadeus im oberen Teil der Mariahilfer Straße vom deutschen Müller-Konzern Konkurrenz gemacht (Kommentar Wolfgang Heger: "Jede Laus beißt."), indem er neben Parfümerie- und Spielwaren auch noch CDs zu Kampfpreisen anbietet, bekämpfen sich weiter unten Saturn und Virgin Megastore. Wie die Expansionsbeauftragte Birgit Jandl von der in Graz ansässigen M2 Immobilien GmbH gegenüber dem Falter bestätigt, ist der Plan der slowenischen Elektrohandelskette BOF (Building of Fun) nach wie vor aufrecht, 2003 den Virgin Megastore zu übernehmen und dort auf drei Ebenen "mit einem völlig neuen Konzept" mit einem Geschäft für (zu jeweils einem Drittel) Bücher, CDs, Videos und DVDs sowie Elektrowaren aufzuwarten. Auch bezüglich der extrem hohen Mietkosten sei eine grundsätzliche Lösung bereits gefunden, die definitive Entscheidung aber noch nicht gefallen.
Dergleichen Gerüchten begegnet Saturn-Geschäftsführer Alfons Wagner mit ostentativer Gelassenheit: "Wenn sich ein neuer Darsteller einstellt, werden wir den herzlich begrüßen." Der im Februar 1997 eröffnete Saturn hat erst vor zwei Jahren eine zusätzliche, 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche umfassende Etage für Video, DVD, CDs und Software eingerichtet. Der Wettbewerbsvorteil von Saturn: Der Elektrogroßmarkt muss das Geschäft nicht - so wie der Virgin Megastore - mit Audio- und Video-Entertainment machen. So wie die großen Supermärkte Käufer mit billigem Fleisch zum Einkaufspreis oder darunter anlocken, so kann Saturn CDs, Videos und DVDs zum Dumpingpreis anbieten - als Draufgabe zum TV-Gerät, zur Play-Station oder zum Handy. Auf die Frage, ob die Ware tatsächlich unter dem Einkaufspreis angeboten werde, meint Wagner mit sanftem Sarkasmus: "Es ist nicht unsere Aufgabe, die Konkurrenz zu beruhigen, sondern den Kunden ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten."
Der landläufigen Meinung, dass CDs noch immer viel zu viel kosten, widerspricht Uschi Pollanka aus der Sicht der Fachfrau. Pollanka, die den größten Teil ihres Berufslebens im Tonträgerhandel zugebracht hatte und von 1992 bis 1998 den Einkauf für die Rock/Pop-Abteilung im Virgin Megastore besorgte: "Die Spannen bei CDs sind irrsinnig schlecht. Bei der Abnahme von tausend Stück des jüngsten Bon-Jovi-Albums haben wir 14,40 Euro bezahlt. Ich habe nie verstanden, dass Mediamarkt oder Saturn die CD zu diesem Preis oder darunter verkaufen. Und mir haben Vertreter geschworen, dass diese Märkte keinen besseren Preis kriegen." In die Höhe getrieben werden die Preise allerdings durch die Industrie. Konnte Pollanka zu Beginn im Virgin Megastore - "die ersten zwei, drei Jahre waren super, ich hätte auch umsonst dort gearbeitet" - das Sortiment überaus individuell betreuen, freizügig aus Großbritannien, Japan und den USA importieren (und damit nicht nur die Auswahl bereichern, sondern auch bis zu drei Euro pro CD billiger einkaufen), so wurde das später durch die in Österreich ansässigen Majors unterbunden, die hierzulande mittlerweile nur noch Büros unterhalten: In den letzten Jahren wurden Lager aufgelöst, das Personal drastisch reduziert. Der Einkauf wird europaweit zentral geregelt.
Karl Bednarik, der als Ver- und Einkäufer von (mittlerweile längst nicht mehr existierenden) Läden wie Schallplattenwiege und Hannibal und schließlich bei Virgin und Amadeus die Branche seit dreißig Jahren von innen kennt, sieht einen ganzen Berufsstand mit einem spezifischen, dem Konsumenten durchaus dienlichen Ethos vom Aussterben bedroht: "Früher lag die Verantwortung beim Einkäufer. Das waren Leute, die keine Quereinsteiger waren, sondern nach dem Prinzip ,Learning by doing' in ihren Beruf gewachsen sind. Ende der Achtzigerjahre wurde auf Zentraleinkauf umgestellt: Da hat halt einer eine so genannte Hack'n gemacht. Die Leute haben nur mehr Zahlen im Kopf. Genau aus diesem Grund ist ein Herr Rošcic (der ehemalige Ö3-Chef Bogdan Rošcic, Anm. d. Red.) zu Universal gegangen."
Unter den Leuten, die das Geschäft von der Pieke auf gelernt haben, kursieren jede Menge "Worst-of"-Anekdoten, die den Niedergang einer Branche illustrieren sollen: von Video-Einkäufern, deren berufliches Selbstverständnis mit einer Privatexistenz ohne Videorekorder bestens vereinbar ist, bis hin zu CD-Einkäufern, die - eine Jimi Hendrix-CD in Händen - nachfragen, ob "der" denn wichtig sei und bestellt werden müsse.

Den Mythos von der großen, bösen Unterhaltungsindustrie, die den engagierten kleinen CD- und Videohändlern den Lebensnerv zieht und die Versorgung des Konsumenten mit dem wahren und guten Stoff unterbindet, ist aber nicht für jeden nachvollziehbar. Georg Hoanzl betreibt eine Agentur (er betreut unter anderen Josef Hader, Projekt X und Stermann/Grissemann), produziert Kabarettvideos, vertreibt CDs und hat seit kurzem auch einen Buchverlag. Für ihn ist eine friedliche und fruchtbare Koexistenz zwischen großen Mediamärkten und kleinen Händlern kein Widerspruch: "Diese Partner schaukeln gegenseitig den Markt hoch." Hoanzl vergleicht das Entertainment-Business mit dem für biologische Lebensmittel: "Gäbe es Billa mit seiner ’Ja, natürlich’-Schiene nicht, würden auch viel weniger Bioläden existieren." Ihm ist der Umstand, dass es in der Branche kracht, gar nicht so unrecht: "Wenn was crasht, muss man nachdenken."
Hoanzl sieht auf dem gesamten Unterhaltungsmarkt "ein latentes Bedürfnis" nach kompetent betreuten Läden, die auf ein solides Sortiment zurückgreifen und den Kunden auch beraten können. Ein entsprechender "Nischenmarkt" könnte - so Hoanzl optimistisch - in den nächsten zehn, zwanzig Jahren bis zu 15 Prozent des gesamten Marktes ausmachen. "Die CD ist zu einem Mitnahmeprodukt verkommen. Sie ist schon verkaufbar, aber nicht zu den Bedingungen der Industrie. Eine CD, die so verkauft wird wie im Laden der Extraplatte auf der Währinger Straße, kann halt keine 16 Euro kosten. Da müssten eigentlich 7 bis 14 Euro Handling-Gebühr draufgeschlagen werden. Oder der Quendler verlangt Eintritt fürs Betreten des Geschäfts." Mit Harald Quendler, dem Betreiber der Extraplatte, teilt Hoanzl trotz diametral entgegengesetzter Stimmungslage allerdings eine Einschätzung: "Der Video- und CD-Markt ist ein Markt des Angebotes." Sperrt ein Händler zu, gehen die Käufer nicht einfach zum nächsten, sondern geben ihr Geld überhaupt für etwas anderes aus.
Damit das nicht passiert, assistiert Hoanzl derzeit auch einem der - aus regionaler Sicht - Big Players der Branche: Die 152 Geschäfte umfassende Foto-Kette Hartlauer war in den Achtzigerjahren schon einmal Österreichs größter Tonträgerhändler, bevor er sich dann aus dem Geschäft mit CDs weitgehend zurückzog. Mit 23. September beginnt nun die mittlerweile von Robert F. Hartlauer geleitete Firma mit dem groß dimensionierten Wiedereinstieg ins Audio- und Videobusiness. Wobei die Firma Best of Music and Movie, der Hoanzl als Gesellschafter angehört, dafür sorgen soll, dass auch die kleinen regionalen Filialen mit einem Mindestsortiment von etwa 500 "aktuellen Medienprodukten" versorgt werden. In einem Interview mit dem Branchenblatt Sound & Media erklärte Robert Hartlauer, er werde mit "scharfen", aber marktgerechten Preisen aufwarten und sich im Sortiment an den Ö3-Charts ausrichten. Mit einem solchen Sortiment kann man zwar weder den Großhändlern noch den Fachhändlern ernsthafte Konkurrenz machen. Es wird nur, wie Georg Hoanzl anführt, dafür gesorgt, "dass niemand von Güssing nach Oberwart fahren muss, wenn er sich die neue Ostbahn-Kurti-CD kaufen will". Der Clou an der Kooperation: Hartlauer erspart sich die Lagerkosten und den Einkauf, die Bestellung und Platzierung des Sortiments besorgen die Best-of-Music-Leute.
Optimistisch angesichts solcher und ähnlicher Neuordnungen im Plattenhandel bleibt auch Richard Winter, der Chef des Wiener Tonträgervertriebs Gramola und Betreiber der gleichnamigen Klassik-Fachhandlung auf dem Graben. "Der Wegfall von Amadeus ist gerade für die Spezialistenlabels und -vertriebe kein allzu großes Problem. Die Konsumenten werden die konspirative Ecke beim Fachhändler suchen." Angst davor, im immer stärker um sich greifenden, Ö3-kompatiblen Einheitsangebot mit seinem nach weniger marktgerechten Kriterien zusammengestellten Sortiment unterzugehen, hat Winter nicht. "Schaun Sie, die Großen verkaufen eben die hundert besten Platten von den No Angels oder von Robbie Williams. Und wir verkaufen die 10.000 zweitbesten. Das ist in Summe eine ganz schöne Menge, von der die No Angels nur träumen können."

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September 2002 © FALTER
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