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| Im Wandernadelwald |
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WANDERN Herbstzeit ist Wanderzeit. Im Wiener Stadtgebiet gibt es über 400 Kilometer Stadtwanderwege, auf denen auch ungeübte Stadtspaziergänger schnell zu Treckingfans werden. Aber Obacht: Urban trecking ist trotz der Nähe zur Zivilisation nicht ganz unanstrengend. CHRISTOPHER WURMDOBLER |
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Der Nasenweg bringts. Vom Kahlenbergerdörfl am Donauufer führt der mit spitzen Steinen gepflasterte Weg steil hinauf zum Leopoldsberg. Dabei ist der 1877 errichtete, einzige mit architektonischen Mitteln gestaltete Fußweg Österreichs immer wieder für Überraschungen gut: Dramaturgie zehn Punkte! Von den Aussichtskanzeln und -terrassen ergeben sich immer neue Ausblicke auf die Stadt. Zuerst nur hinüber nach Transdanubien, den Bisamberg, die Donauinsel und das neue Wien bei der Reichsbrücke. Anschließend und nach anstrengender Steigung auch auf den Rest von Wien: den Stephansdom, die Twintowers am Wienerberg, die Wohnsilos in Alterlaa und so weiter. Davor gibt es Hügel, sanfte Hänge mit Weingärten und - zurzeit zumindest - Laubdächer in den leuchtendsten Farben, die auch ein wenig die Sicht versperren. Natur eben, da will man nicht so kleinlich sein. Die Oktobersonne verleiht dem Ganzen noch eine gehörige Portion Kitsch. Kitsch, Blick und Glück hat aber nur, wer der Versuchung widersteht, sich mit dem 38A bequem und direkt auf den Kahlenberg chauffieren zu lassen. Wer jedoch den Stadtwanderweg 1a auf den Leopoldsberg so absolviert, wie er im Folder "Wanderbares Wien" angegeben ist, nämlich über die anstrengenden Serpentinen, wird belohnt. Und wie. Okay, auf den zwanzigminütigen Fußmarsch vom D-Wagen-Stopp Nußdorfer Platz bis zum Kahlenbergerdorf könnte man auch verzichten. Der Weg führt nämlich zwar der Donau entlang (sehr schön), aber über einem braust die Ausfallstraße (sehr laut). Das ist urban, und schließlich hat man sich ja auch auf die Stadtwanderschaft begeben. Das Verkehrsrauschen bleibt dann überhaupt noch ziemlich lange weiter Wanderbegleitung. Auch am wunderschönen Nasenweg. Der Stadtwanderweg 1a vom Nußdorfer Platz auf den Leopoldsberg, den Kahlenberg und zurück ist eine von vielen Routen, die Stadtmenschen direkt vor der Haustüre in die schönsten Landschaften im Stadtgebiet - und ein bisschen darüber hinaus - locken sollen. Über 400 Kilometer gut betreute Stadtwanderwege stellen in Wien ein Freizeitangebot dar, von dem die wenigsten überhaupt wissen. Gerade im Herbst, wenn die Sonne noch ein bisschen wärmt, lockt es viele Stadtmenschen aus den Wohnungen hervor. Wer sich an einem letzten schönen Tag vor Wintereinbruch ein wenig die Beine vertreten will, muss dann nicht unbedingt und zum wer weiß wie vielten Male in der Herde zur Gloriette hinaufmarschieren. Mit etwas Zeit und Ausdauer - für die meisten Stadtwanderwege sind Gehzeiten von drei bis vier Stunden angegeben - gibts mehr Natur, weniger Menschen und einen schöneren Blick auf Wien als von Familie Kaisers Schönbrunner Teesalon aus. Natur pur und wenig Menschen hingegen beim "1a". Gut, nach knapp einer Stunde und etwas außer Atem am Leopoldsberg angekommen, erwarten den einsamen Wanderer über dem Donaustrom auf dem so genannten "Nordkap der Alpen" nicht nur die Reste einer mittelalterlichen Burg und die barocke Kirche St. Leopold, sondern auch Souvenirstandl, Sissiteller und Touristen. Aber alles in Maßen. Und außerdem sind wir ja nicht zum Apfelstrudelessen gekommen, sondern zum Wandern. Also geht es weiter entlang der Höhenstraße, vorbei an der Josephinenhütte und hinüber zum Kahlenberg. Nach einer kurzen Pause beim Maronibrater und erneuter Flucht vor den Auswüchsen des Reisebustourismus führt die Route wieder auf einsamere Wege. Es geht an den Abstieg. Sonnenlicht fällt durch den licht gewordenen Blätterwald, bereits welkes Laub liegt auf dem Pfad. Entgegenkommende grüßen, im Wald und am Berg ist man eben Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft - auch wenn man gerade mal 400 Höhenmeter gemeistert und die Stadt eigentlich noch gar nicht so richtig hinter sich gebracht hat. Als vor zwanzig Jahren bei der MA 49 (Forstamt) das Konzept der Stadtwanderwege entwickelt wurde, stieß man bei der Stadt noch auf jede Menge Unverständnis. Für Hardcore-Wanderafficionados und Puristen waren die Routen am Stadtrand wohl zu harmlos. Die Idee, in unmittelbarer Nähe zu bewohntem Gebiet auf große Tour zu gehen, erschien vielen einfach zu abwegig. Menschen, die sogar zum Bäcker am Eck mit dem Auto fahren, hätten ohnehin wenig Interesse an der Natur direkt vor der Haustüre. Dabei waren genau sie die Hauptzielgruppe der damaligen Projektentwickler. "Ziel war es, neue Besucher aus dem städtischen Raum, keine klassischen Wanderer, in die Erholungsgebiete des Umlands zu bringen", erzählt Andreas Schwab vom Forstamt Wien. Doch Anfang der Achtzigerjahre war die Zeit reif, um wanderfaulen Stadtmenschen die Landschaft und den schonenden Umgang mit der Natur im Stadtgebiet näher zu bringen. Heute gibt es 13 Stadtwanderwege, darunter auch zwei Wanderstrecken rund um Wien mit jeweils über 110 Kilometern Länge (siehe Kasten). Hinzu kommen viele Wanderrouten im Naturschutzgebiet Lainzer Tiergarten, dem 2500 Hektar großen, urtümlichen Wienerwaldgebiet am Rand der Stadt. Erst heuer, zum Zwanzig-Jahres-Jubiläum, wurden vier neue Stadtwanderwege errichtet. Dabei haben es sich die städtischen Waldmenschen in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht einfach gemacht. Die Wanderwege sollen nämlich einige Qualitätsmerkmale aufweisen. So muss jeder Stadtwanderweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln bequem zu erreichen sein. Die Routen sollen stets Rundkurse sein, ein Zurückgehen auf der selben Strecke ist zu vermeiden. Außerdem sollen sie an landschaftlichen, geschichtlichen oder kulturellen Sehenswürdigkeiten vorbeiführen. Bei den Startpunkten wird den Wanderern auf großen Übersichtstafeln die jeweilige Route erklärt, unzählige hölzerne Wegweiser verhindern Verirren weitgehend. Dabei sind die Wege keine "Spazierwege", auf denen alle paar Meter ein Mistkübel steht und auf denen winters gar der Schnee weggeräumt wird. Im Gegenteil: Die Stadtwanderwege sind naturnah geführte Wanderpfade. Toiletten gibts nur bei Einkehrstationen. Und es kann schon passieren, dass nach feuchten Tagen der Pfad durch Gatsch und Pfützen führt. Sehr natürlich und authentisch eben. Doch das Forstamt hat auch so genannte Waldklassenzimmer und Waldlehrpfade angelegt und Stempelstellen eingerichtet. Profigänger lassen sich nämlich die gemeisterte Route bestätigen und holen sich unterwegs einen "Ich war da"-Stempel für den persönlichen Wanderpass. Schon für einen Stempel gibt es die bronzene Stadtwandernadel, wer vier Routen gewandert ist, darf sich die silberne Nadel holen, und für die goldene Auszeichnung muss man sieben Wanderungen absolviert haben. "Die Stadtwandernadel wurde zuerst nur als eine Art Lockmittel eingesetzt", sagt Andreas Schwab, "aber sie ist noch immer äußerst beliebt." Auch nach Jahren hängen also noch viele Wiener an der Wandernadel und stecken sie sich stolz an den Hut. Jährlich werden zwischen 2500 und 3000 Stück davon vergeben. Nach der etwas desillusionierenden "Kahlenberg-Experience" und der Abstiegsstrecke gehts auf dem Stadtwanderweg 1a noch ein kurzes Stück auf asphaltierter Straße, dann kommt noch ein wunderschönes Stück. Denn die Route führt jetzt durch Weingärten: Mitten hindurch auf Feldwegen und vorbei an noch nicht abgeernteten Reben, den schönsten Heurigenlokalen dieser Gegend und hinein in einen Wald. War die Strecke zuvor teilweise sogar kinderwagentauglich, wirds jetzt ein bisschen gatschig, steil und eng. Wohl dem und der, die festes Schuhwerk haben. Von wegen Ausrüstung: Wenn einem beispielsweise im Lainzer Tiergarten Wanderer begegnen, die so aussehen, als wären sie gerade unterwegs auf einer Himalayaexpedition, dann ist das gar nicht so abwegig. Findet man zumindest im Forstamt. Gerade im Lainzer Tiergarten könne man sich mühelos einen ganzen Tag aufhalten. Und wer so lange unterwegs sei, brauche halt nicht nur ein kleines Jauserl, sondern Essen, Trinken und Picknickdecke. Wobei natürlich die Stadtwanderungen stets auch an Hütten, Gasthöfen, Heurigen und anderen kulinarischen Verlockungen vorbeiführen. Obwohl sich das Naturbewusstsein der urbanen Trecker in den vergangenen Jahren gewandelt hat, müssen Mitarbeiter des Forstamts Besucher immer noch auf richtiges Verhalten in der Natur aufmerksam machen: Hunde anleinen, Müll wieder mitnehmen, Wege nicht verlassen, keine Blumen pflücken, Jungtiere nicht berühren und nicht rauchen sind die wichtigsten Gebote, die meist auch brav eingehalten werden. Frustrierend ist da schon die Zerstörungswut. Schilder und Hinweistafeln werden regelmäßig kaputtgemacht, vor allem wenn sie in besiedeltem Gebiet stehen. Beim Forstamt hat man sich schon darauf eingestellt und produziert für neu gestaltete Wege die Beschilderung gleich in dreifacher Ausführung. Neues werde prinzipiell erst einmal zerstört, so Andreas Schwab. Der Schaden, der durch demolierte Tische, Bänke oder Schautafeln entstehe, belaufe sich trotzdem auf rund 70.000 Euro jährlich. Ein paar Schilder für den erst heuer errichteten Stadtwanderweg 1a dürften auch schon abhanden gekommen sein. Im Wald über dem Kahlenbergerdorf kann es nämlich kurzzeitig zu Irritationen und Verirrungen kommen. Aber wer jetzt einfach der grün-weiß-grünen Markierung folgt, findet irgendwann auch den empfohlenen Waldbachsteig, der entlang eines plätschernden Bächleins zurück ins Dorf führt. Da alle Ausgangs- und Endpunkte der Wiener Stadtwanderwege mit den Öffis zu erreichen sind, stünde hier einem Heurigenbesuch nach getaner Beinarbeit eigentlich nichts im Wege. Weil aber rostet, wer rastet, gibts statt Kahlenberger Südhang noch ein bisschen Donaustrandpromenade. Nach insgesamt knapp zwei Stunden Gehzeit gibts dann wieder Stadt und D-Wagen. Wobei im Stadtwanderfolder für die elf Kilometer lange Tour die Gehzeit mit drei bis vier Stunden durchaus realistisch angegeben ist. Mit mehr Zeit für Natur und Aussichten fällt einem dann vielleicht auch nicht erst in der Straßenbahn ein, dass man vergessen hat, in der Josephinenhütte den Wanderpass abstempeln zu lassen. Also alles nochmal von vorn? Jederzeit. Für die bronzene Stadtwandernadel immer. Mitwanderer: Stefan Haupt
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