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| "Ich hab so Herzklopfen" |
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QUEREINSTEIGER Josef Broukal kandidiert für die SPÖ. Im ersten ausführlichen
Interview spricht der ehemalige ZiB-Moderator über den "kalten Zynismus von Kreiskys
Buberlpartie", rote Interventionen im ORF, seinen Austritt aus der SPÖ und seinen Traumjob
Wissenschaftsminister. EVA WEISSENBERGER |
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Josef Broukal macht sich keine Illusionen: "Wer aufs Seil geht und sagt, ich kann Seil tanzen, wird als Ballerina beurteilt." Er erwartet von seinen Kollegen keine bevorzugte Behandlung, nur weil er auch Journalist ist. War. Am Montag um 19.30 Uhr präsentierte Broukal seine letzte "Zeit im Bild". Er verabschiedete sich bei seinem Publikum kurz und schmerzlos wie immer. Seit Freitag hatte er das Angebot dazu, seit Dienstag ist er Politiker: Broukal kandidiert für die SPÖ für den Nationalrat. In Alfred Gusenbauers "Kabinett des Lichts" macht er den Schattenminister für Wissenschaft und Forschung und kehrt nach 27 Jahren im ORF zu den Anfängen seiner Karriere zurück: In den frühen Siebzigerjahren arbeitete er als Sekretär für Öffentlichkeitsarbeit bei der SPÖ-Niederösterreich. Montag Nachmittag traf sich Broukal mit dem Falter zu seinem ersten Interview in seiner neuen Rolle. Heimlich, im letzten Winkerl der ORF-Kantine. Denn nicht einmal seine Chefs wussten zu diesem Zeitpunkt von Broukals Abschied aus dem aktuellen Dienst. Ob er den ORF für immer verlassen wird, weiß er noch nicht: "In der EDV zu arbeiten ist ein geheimer Lebenstraum von mir." Falter: Herr Broukal, in dreieinhalb Stunden moderieren Sie Ihre letzte ZiB. Ab morgen sind Sie Politiker. Haben Sie keine Angst, dass Sie es übermorgen schon bereuen werden? Josef Broukal: Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Heute auf der Straße haben mich noch alle Leute freundlich gegrüßt, morgen wird es nur mehr die Hälfte sein. Ja, es ist eine grobe Verschlechterung der Lebensqualität. Aber wenn man, so wie ich, 27 Jahre lang innenpolitischer Journalist war und dann die Gelegenheit bekommt, auf die andere Seite zu wechseln, dann ist das eine Auszeichnung. Ich wollte immer schon nicht nur kritisieren und beobachten, sondern auch gestalten. Ich habe so Herzklopfen, als wär' ich frisch verliebt. Können Journalisten überhaupt gute Politiker werden? Franz Kreuzer ist ein gutes Beispiel dafür. Er war ein legendärer Journalist, aber als Gesundheitsminister war er nicht ganz so legendär. Wen soll ich jetzt nennen? Hans Jörg Schimanek? Hans Kronberger? Theresia Zierler? (alle Ex-ORF-Mitarbeiter und heute FPÖ-Politiker, Anm.) Okay, it's a mixed record. Aber es gibt auch erfolgreiche Exemplare: Die Uschi Stenzel (Ex-ZiB-Moderatorin, heute ÖVP-EU-Fraktionsführerin, Anm.) genießt heute als Politikerin ein höheres Ansehen als früher. Sie war früher ein extrem vergessliches Huhn. Aber als Politikerin hat sie ihre Tassen perfekt im Schrank. Als hätte sie ihr Leben lang nichts anders gemacht. Der ehemalige FPÖ-Klubchef Peter Westenthaler hat Sie immer einen roten Parteisoldaten geschimpft. Einmal, als Sie Regierungsbeauftragter für die Computerumstellung zur Jahrtausendwende werden sollten, nannte er Sie einen "offiziellen Befehlsempfänger von Rot-Schwarz". Geben Sie ihm nun mit Ihrer Kandidatur nicht im Nachhinein recht? Stenzel hat noch das Mittagsjournal moderiert, als schon alle Welt wusste, dass sie EU-Abgeordnete für die ÖVP werden würde. Das hat niemanden gestört. Man kann perfekt zwischen Beruf und Privatleben trennen, wenn man nur will. Es war lächerlich, mich einen bezahlten Befehlsempfänger zu nennen, nur weil ich dem Land helfen wollte, indem ich drei Monate auf alle Nebenverdienste verzichtet hätte, um mit dem Ehrentitel "Regierungsbeauftragter" durch die Lande zu fahren und zu sagen: "Leute, putzt's eure Computer." Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin nicht einmal Mitglied der SPÖ. Wann sind Sie aus der SPÖ ausgetreten? Mitte der Achtzigerjahre, nachdem der damalige freiheitliche Verteidigungsminister Frischenschlager den Kriegsverbrecher Walter Reeder mit Handschlag begrüßt hatte. Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, dann ist es der absolute Antifaschismus. So bin ich erzogen worden und da kenne ich auch keine Ausreden. Wie die SPÖ aus Koalitionsraison damals herumgeeiert hat, diese Feigheit, das war furchtbar. Ihr Antifaschismus ist bei einem Interview einmal mit Ihnen durchgegangen: Sie warfen Jörg Haider am Abend der Wiener Gemeideratswahl 1991 vor, sein ausländerfeindlicher Wahlkampf habe dazu geführt, dass im Esterhazypark auf jeder zweiten Bank ein Hakenkreuz geschmiert worden wäre. Haben Sie damals gegen das Gebot der Objektivitätsgebot verstoßen? Die Kommission zur Wahrung des Rundfunkgesetzes und der Verfassungsgerichtshof haben das nicht so empfunden. Das war rückblickend gesehen aber schon ein grobes Stück. Aber die ORF-Geschäftsführung hat damals zu nervös reagiert. Nach einem anderen Interview mit einem Freiheitlichen, mit dem späteren Finanzminister Karl-Heinz Grasser, wurden Sie kurzerhand als Report-Moderator abgesetzt. Am Tag nach dem Interview hatte ich frei. Das Büro von Generalintendant Gerhard Zeiler rief mich an, um mir dringend ein Schriftstück zuzustellen. Ich war gerade im Augarten spazieren und ließ es zu einer Trafik bringen. Dort las ich zuerst in der Krone: "Zeiler hat prompt reagiert und Broukal abgesetzt." Erst danach las ich den Brief mit dem selben Inhalt. In einer Redakteursversammlung wurde dann gefragt: "Wieso wusste das die Krone?" Zeiler antwortete: "Weiß nicht, der Broukal hat's ja auch gewusst." Das ist Machiavelli pur. Einen derart kalten Zynismus habe ich weder vorher noch nachher jemals wieder erlebt. Sie haben die Ära von Zeiler und seinem Adlaten Andreas Rudas einmal als Zeit, "in der ich mich gefragt habe, wie viele Tage ich noch arbeiten gehen und mich in den Spiegel sehen kann", beschrieben. Es war damals, unter einer roten Regierung, also schlimmer als in den letzten zweieinhalb Jahren unter Schwarz-Blau? Zweifellos. Kollege Hans Besenböck (damals ZiB-1-Chef, heute bei ATV, Anm.) hat beim lieben Gerhard Zeiler, der ihm vorher jahrelang als Pressereferent von Fred Sinowatz in den Ohren gelegen war, drei Monate lang keinen Termin bekommen. Die nachfolgende Ära Weis habe ich als große Erleichterung erlebt. Die Roten behandelten also Rote, die sich nicht als Parteisoldaten gerieren wollen, besonders schlecht. Sagt das nicht etwas über das Demokratieverständnis der SPÖ aus? Nein, es sagt etwas über das Machtverständnis von Kreiskys Buberlpartie - ja, man muss sie so nennen - aus. Burschen, die mit 25 Ministersekretäre wurden und sich selbst überschätzten. Was war die schlimmste Intervention, die sie je erlebt haben? Es war einer der schrecklichsten Tage meines Lebens: Ich wurde wieder einmal befördert und mein damaliger Intendant sagte: Jetzt gehst dich zum Sinowatz vorstellen. Und gab mir ein paar Zettel mit Interventionen drauf, die ich schlotternd in der Lade aufbewahrte, aber nicht befolgte. Ich galt also automatisch als der Rote. Sinowatz hatte aber die Größe, diesen Antrittsbesuch unnötig zu machen. Er sagte nur: "Wir verlangen nicht mehr als eine anständige Behandlung." Diese Sache ist ein ganzes Leben lang beschämend. Was macht Sie glauben, dass die SPÖ sich geändert hätte? Ich bin von der Art, wie Alfred Gusenbauer das angeht, angetan. Über die formale Performance kann man reden, aber er hat sich ein Gedankengebäude zurechtgelegt, das die alten sozialdemokratischen Werte - Hilfe für die Schwachen, Chancenausgleich - auf zeitgemäße Weise anpackt: Wir können uns nicht alles leisten, aber mit dem Geld, das wir haben, können wir jedem die Chance geben, die er braucht. Sie sind im "Kabinett des Lichts" für Wissenschaft und Forschung zuständig. Haben Sie die Ambition zum Minister oder Staatssekretär? Ja, sicher. Das hängt aber nicht nur von mir ab, sondern auch vom Wahlergebnis und von den SPÖ-Gremien. Sie sind noch kein richtiger Politiker, ein solcher hätte das jetzt abgestritten. Wie hoch soll die Forschungsquote am Ende der nächsten Legislaturperiode sein? Höher. Ich weiß, das sagen alle. In Zeiten, in denen gespart werden muss, frage ich mich: Wo leistet die Forschung in Österreich Vorzeigbares? Das muss man dann gezielt fördern, nicht quer durch. Projekten, die ohnedies schon abheben, noch mehr Auftrieb geben. Österreich hat erreicht, dass die embryonale Stammzellenfoschung in der EU für ein Jahr ausgesetzt wird. Hätten Sie sich auch dafür eingesetzt? Zynisch gesagt: Jetzt machen es halt die Amerikaner. Aber es ist ein wirklich heikles Thema und ich bin oft erschrocken darüber, was alles schon möglich ist. Ich halte es mit dem Grundsatz: Alles, was missbraucht werden kann, wird missbraucht. Deshalb ist Vorsicht gut am Platz. Ich selbst habe aber das Nabelschnurblut meines jüngsten Sohnes, Oskar, vor eineinhalb Jahren in einen Stickstofftank legen lassen. Das kostet einen Bettel: 20.000 Schilling (1450 Euro) für 20 Jahre. Für den Fall, dass Stammzellenforschung eines Tages verwertbare Ergebnisse bringt. Soll das Unigesetz umgesetzt werden? An den Unis liegt vieles im Argen. Sie sind eine Forschungsstelle, aber sie sind auch ein Dienstleistungsbetrieb und haben eine gesellschaftliche Aufgabe: Sie müssen die Elite des Landes hervorbringen. Die Universitäten und die Wissenschaftsbürokratie gehen aber miteinander um wie ein altes Ehepaar: Sie hassen sich. Und bei allen akademischen Sitzungen sitzt immer einer stumm mit am Tisch: der Steuerzahler, der alles bezahlen muss. Ich will konkrete Ziele formulieren: etwa, dass man sich vornimmt, die tatsächliche Dauer von Massenstudien abzusenken. Es kann doch nicht sein, dass nur ganz wenige in der Mindeststudiendauer fertig werden. Das sagt ÖVP-Bildungsministerin Gehrer auch. Wie geht das? Indem man alle Beteiligten fragt. Die Studierenden kommen derzeit nicht genügend zu Wort. Man muss feststellen, wo genau der Sand im Getriebe ist. Es ist wie bei der Eisenbahn: Wenn die Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt sind, versäume ich den Anschluss. Wenn ich eine Prüfung nicht machen kann, weil der Professor sie erst in drei Monaten anbietet, darf ich auch eine andere Prüfung nicht machen und verliere ein Semester. Was werden die Unis wollen? Mehr Geld. Mit dem Unigesetz 2002, das die Hochschulen in die Autonomie entlässt, ist es außerdem gar nicht mehr die Aufgabe des Ministers, den Sand im Getriebe zu suchen. Sie könnten den Unis aber in den Leistungsvereinbarungen vorschreiben, wie viele Absolventen sie in einem Semester hervorbringen müssen. Bei der Autonomie bin ich skeptisch. Man kann nicht sagen: Das überlassen wir jetzt alles den Unis. Es geht nicht um Gesundbeterei, sondern um mehr Effizienz, um operationale Ziele, die man gemeinsam findet. Und nicht immer kann am Anfang die Forderung nach mehr Geld stehen. Das sind Probleme, wie sie in jedem Industrieunternehmen auftreten. Nur dort werden sie in der Regel gelöst, sonst könnten wir kein Auto kaufen. Bildung ist aber keine Ware wie jede andere. Stimmt. Es soll jeder Numismatik und vorislamische Geschichte Mittelasiens studieren dürfen. Wenn jemand das gründlich und zehn Jahre lang machen will: Bitte, willkommen im Klub! Viele wollen aber schnell fertig werden und fühlen sich durchs System behindert. Denen will ich eine Chance geben. Hat man Sie wegen Ihrer Kompetenz geholt oder weil jeder Ihr Gesicht kennt? Ich nehme an, weil ich bekannt bin und man mir Kompetenz zumutet. Zumutet oder zutraut? Weil man mir zutraut, dass ich etwas umsetzen kann. |
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