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| Jenseits der Grenze |
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BORDERLINE Stefan hat seinen Freund erschlagen, zerstückelt und in einer
Blumenecke eingemauert. Dafür wurde der psychisch Kranke zu lebenslanger Haft verurteilt,
kürzlich hat der Oberste Gerichtshof das Urteil aufgehoben. Immer mehr Menschen leiden im
Geheimen und unauffällig an Borderline: einer Krankheit an der Grenze von Neurose und Psychose.
JULIA ORTNER |
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Wenn es Abend wird, schneidet sich Studentin Pia die Arme auf. Ganz professionell, ausgestattet mit Rasierklingen, Alkohol, Papiertaschentüchern. Wenn dann das Blut fließt, wenn sie die klaffende Wunde sieht, fühlt sie sich befriedigt. Danach verstaut sie ihre Utensilien, verarztet sich und tut so, als wäre nichts gewesen. Die junge Frau fügt sich körperlichen Schmerz zu, "um zu spüren, dass ich noch lebe". Die Fotos von den blutenden Armen kann man sich auf einer der zahlreichen Selbsthilfeseiten für Borderlinekranke im Internet anschauen, genauso wie Pias Leidensgeschichte. Ein klassischer Fall von selbstverletzendem Verhalten, wie es die Ärzte nennen. Ein klassischer Fall von Borderlinesyndrom - einer psychischen Krankheit im Niemandsland zwischen Neurose und Psychose. Borderline, eine Störung von so genannten "emotional instabilen Persönlichkeiten", gehört noch immer zu den exotischen Krankheiten, von denen die breite Masse nicht viel weiß. Außer wenn ein schwerst gestörter Borderliner einmal wirklich Unheil anrichtet. Wie der 26-jährige Oberösterreicher Stefan, der vergangenes Jahr im Mittelpunkt des ersten österreichischen Borderlineprozesses stand. Er hat seinen Freund erschlagen, gesegnet, ihm die Hoden herausgeschnitten, ihn dann zersägt und in der Blumenecke im Wohnzimmer eingemauert - ohne irgendein Motiv. Stefan ist schwerst gestört, aber nicht geisteskrank, lautete die Expertise des renommierten Gerichtspsychiaters Reinhard Haller damals. Der Mann wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher eingeliefert. Vor kurzem hat der Oberste Gerichtshof das Urteil allerdings aufgehoben, der Fall wird jetzt neu verhandelt: Die Frage der Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten sei "nicht ausreichend" geklärt worden, befand der OGH. An solchen blutigen Dramen weidet sich der Boulevard, von den vielen Borderlinern, die um ein normales Leben ringen, berichtet er nicht. Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten, vorwiegend Frauen, sollen nach vorsichtigen Schätzungen bereits an dem Syndrom leiden - nach Suchtkranken und Depressiven wäre das schon die drittgrößte Gruppe psychisch Kranker. Diese Kranken sind Grenzgänger am Grat zwischen Neurose und Psychose - ein Grat, der manchmal sehr schmal sein kann. "Die meisten Menschen sind neurotisch, das ist eigentlich normal. Der Borderliner überschreitet die Grenze dieser Normalität", erklärt Peter Gathmann, Universitätsprofessor, Chef der psychosomatischen Ambulanz am AKH und Borderlineforscher. Verursacht wird die Krankheit in den ersten Lebensjahren des Kindes durch einen Mangel an emotionaler Zuwendung von den Eltern - gefährdet sind vor allem Kinder, die sich selbst überlassen werden, um dann von den Eltern wieder umso intensiver an sich gebunden zu werden. Liebes- und Hassgefühle für die Eltern werden als bedrohlich empfunden und so gut wie möglich verdrängt. "Bei zahlreichen Borderlinefällen waren in der Kindheit auch Gewalt und sexueller Missbrauch im Spiel", sagt Psychotherapeut Gathmann. Borderliner haben nicht gelernt, dass jemand gut und böse sein kann, sie teilen ihre Welt ausschließlich in Schwarz und Weiß ein. Die Grautöne der Normalität gibt es in dieser Welt nicht. Die Kranken können nicht mit Frustration umgehen: Wenn etwas nicht genau so läuft wie sie es sich vorstellen, folgt eine unendliche Enttäuschung. Der einzige Weg, damit umzugehen: die Selbstverletzung. "Bei der geringsten Spannung kommt es zu übertriebenen Abwehrreaktionen und Selbsthass: Fressanfälle, Selbstverletzungen, Alkohol, Drogenmissbrauch oder Prostitution", erklärt Psychotherapeutin Carina Brey, die in ihrer Praxis Borderlinepatienten betreut. Und immer wieder die Frage, die sich der Patient selbst nicht beantworten kann: Warum tue ich mir das eigentlich an? Borderliner schädigen aber nicht nur sich selbst, sondern machen oft auch ihrem Umfeld schwer zu schaffen. Plötzliche Ausbrüche intensiver Wut können zu Gewaltattacken führen. "Die Borderlinepersönlichkeit kennt keine Grenzen: Egal, was man tut, es reicht einfach nicht. Das ist auch in den Beziehungen der Patienten ein großes Problem", weiß Therapeut Gathmann. "Zahlreiche Patienten neigen zu intensiven, aber unbeständigen Partnerschaften." Dabei wird der Partner abwechselnd total idealisiert oder völlig abgewertet - das Schwarz-Weiß-Denken der Kranken zieht sich durch ihr ganzes Leben. Verlustängste, das Scheitern der Beziehung lassen die Borderliner dann wieder den Schritt über die Grenze machen: Die innere Leere, die sie so fürchten, droht sie zu verschlingen, sie haben kein Gefühl für sich selbst. "Erst wenn ich Blut fließen sehe, weiß ich, dass ich am Leben bin": Diesen Satz hört Gathmann immer wieder von den Betroffenen. Borderline ist aber nicht nur eine Kindheitsstörung, sondern auch ein Zeitphänomen: In einer immer schwerer überschaubaren Welt mit immer brüchigeren Beziehungen kann sich aus einer leichten Persönlichkeitsentwicklungsstörung eine massive Borderlinestörung entwickeln: Deswegen setzen die Experten auf Früherkennung. Borderlinekranke können nicht einfach als Psychopathen abgestempelt werden. Der Borderliner verbirgt sich nicht nur hinter dem jungen Mädchen mit Bulimie oder hinter dem obdachlosen Alkoholkranken, sondern genauso hinter dem Workaholic mit Managerjob oder der kreativen Künstlerin. "Es gibt von sehr gering strukturierten Persönlichkeiten, die kaum ihr Alltagsleben bewältigen, bis hin zu sehr hoch strukturierten Persönlichkeiten mit überdurchschnittlicher Intelligenz und hoher sozialer Kompetenz, diverse Typen von Borderlinern", betont Psychotherapeutin Brey. Gemeinsam ist ihnen allerdings eines: Sie haben keine Hemmschwellen, keine Schmerzgrenzen, keine Sensoren für sich selbst: Seien es nun Patienten, die bis zum Umfallen arbeiten, oder Leute, die solche Fressanfälle haben, dass ihnen der Magen einreißt. Wie weit verbreitet Borderline in der Bevölkerung schon ist, hat auch das Forschungsprojekt gezeigt, das die Borderlineexperten Gathmann und Brey vergangenes Jahr am AKH initiiert haben. Nach ersten Medienberichten riefen 2000 Menschen an, 400 kamen auf der Suche nach Hilfe ins Krankenhaus. Mit einer intensiven, jahrelangen Psychotherapie (kombiniert mit anderen Therapieformen), manchmal auch mit medikamentöser Unterstützung, können die meisten Borderliner lernen, mit dem Syndrom umzugehen und damit gut zu leben. "Zwei, drei Mal pro Woche muss man sich für die Therapie allerdings Zeit nehmen", sagt Peter Gathmann. Er hat beim Kampf um die Grenzgänger auch mit anderen Problemen zu ringen: Das Borderlineforschungsprojekt am AKH ist ausgelaufen, es fehlt an Sponsoren für eine Fortsetzung. Und während der Strom der Patienten, die nicht wissen, was ihnen fehlt, nicht abreißt, gibt es nach wie vor nur wenige Ärzte, die sich mit der schwierigen Borderlinetherapie beschäftigen. Borderliner sind eben oft nicht wie die jungen erfolreichen Neurotiker, die einmal in der Woche zur Sitzung kommen. Da klingeln Verzweifelte um drei Uhr früh ihren Arzt aus dem Bett, da werden blutverschmierte Tagebücher in die Therapie mitgebracht, da wird der gute Doktor zum bösen Psychiater, wenn er einmal einen schlechten Tag hat und dem Patienten vielleicht nicht die Aufmerksamkeit geben kann, die der Borderliner immer von ihm erwartet. Borderliner brechen sich selbst die Knochen, träufeln sich Benzin in die Augen, schneiden sich Körperteile bis auf die Knochen auf, schlucken Glasscherben oder dämpfen sich Zigaretten auf der Haut aus. "Manchmal, wenn die Leute zu uns kommen, muss man sie zuerst auf die Notfallambulanz schicken", meint Brey. So etwas will sich nicht jeder Therapeut antun. Und nicht jeder Patient, der sich selbst gerne als Borderliner sehen will, ist tatsächlich einer. Immer, wenn die Zeitungen groß von einem spektakulären Borderlinefall berichten, kommen auch Gesunde auf den Gedanken, sich die Diagnose "Borderline" zuzulegen. Dann wären Leute mit diversen Vorstrafen gerne Borderliner, um besser dazustehen. Oder junge Männer versuchen auf die psychische Krankheit zu pädieren, um sich vor dem Bundesheer zu drücken. Die Menschen, die tatsächlich im Grenzland zwischen Normalität und Psychose leben müssen, kommen hingegen manchmal fast zu spät drauf, was ihnen fehlt. Informationen und Hilfe unter Tel. 405 73 60, psychotherapiepraxis@gmx.at, www.borderline.at |
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