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| "Schweigen ist Betrug" |
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KULTUR UND POLITIK Im Wahlkampf taucht eine vergessen geglaubte Figur wieder auf: der engagierte Künstler. Während Kulturpolitik für die Parteien nur ein Randthema ist, werden die Künstler selbst recht schamlos instrumentalisiert. MATTHIAS DUSINI und GERALD JOHN |
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Miriam Schwack kommt aus Braunau und malt. Am liebsten stilisierte Figuren auf blassem Hintergrund. Seit vergangenem Donnerstag sind diese in der Ausstellung "Himmel-Wolke-Zeit" im Wahlkampfcontainer der SPÖ neben dem Burgtheater zu bewundern. Zu ihren Werken sagt die Malerin bei der Eröffnung allerdings nichts. Dafür redet SPÖ-Generalsekretärin Andrea Kuntzl. "Kaum gab es diesen Raum, haben uns viele Künstler angesprochen, ob sie hier ausstellen dürfen", frohlockt Kuntzl: "Die Nachfrage ist enorm." Spontan habe sich eine "Unabhängige Plattform für Alfred Gusenbauer" gebildet, der sich im Nu 8000 Unterstützer angeschlossen hätten. Ab sofort organisiert die "Happy Wende", wie sich die Plattform nennt, Vernissagen im Container. Nach Schwack ist ein gewisser Alois Mitter an der Reihe. Viel sagender Titel seiner Ausstellung: "Schon Schweigen ist Betrug." Die "Happy Wende" ist parteipolitisch freilich ungefähr so unabhängig wie Alfred Gusenbauer selbst. Koordinatorin der Wahlkampfmaschinerie ist die Wiener SPÖ-Gemeinderätin Gerda Themel. Für den Container haben die Parteiaktivisten Nachwuchsmaler per Rundschreiben rekrutiert; für Inserate und Unterstützungserklärungen bohren sie nun wirklich prominente Künstler an - oder solche, die sie dafür halten. "Bergdoktor" Harald Krassnitzer wird seine schauspielgeschulte Stimme für Gusenbauer erheben, wie auch Erwin Steinhauer, Dolores Schmidinger, Marianne Mendt und Andrea Eckert. Ebenfalls in den Dienst der roten Sache stellen sich Arik und Timna Brauer, Sänger Adi Hirschal und Schauspieler Frank Hoffmann. "Ausgemacht ist, dass jeder alles tut, um in die Öffentlichkeit zu kommen", sagt "Happy Wende"-Aktivist Kurt Nekula, der die Promis für Gusenbauer keilt. Auf einen zählt Nekula dabei besonders: "Ich arbeite daran, dass André Heller für uns auftritt. Seit dem Streit um seine Rede können wir uns des Zulaufs kaum erwehren." Die SPÖ-Strategen entzückt hatte der Wiener Eventkünstler vorletzten Samstag bei der live im ORF übertragenen Nestroy-Gala. Seine Laudatio auf den früheren Burgtheater-Direktor Claus Peymann nützte Heller, um den Aufstieg des Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel in Märchenform nachzuerzählen und ihm in indirekter Rede einen "zynischen Egotrip" vorzuwerfen. Die Schauspielerin Andrea Eckert legte als Moderatorin nach und empfahl dem Publikum, dafür zu sorgen, dass der Wahltag am 24. November "nicht wieder in einer Schmierenkomödie endet". Die ÖVP tobte. In der Info-Illustrierten News schimpfte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, dass Heller und Eckert "die Gala massiv für parteipolitische Zwecke missbraucht" hätten. Andreas Treichl, der als Chef der Erste Bank den Preis sponsert, zeigt sich im Kurier überzeugt, "dass Herr Heller beim Konzipieren seiner Rede nicht darüber nachgedacht hat, wie respektlos er sich gegenüber dem Unternehmer verhalten hat". Umweltminister Wilhelm Molterer machte als Drahtzieher der Provokation die SPÖ aus - schon deshalb, weil sie Heller nicht zurechtgewiesen habe. Und plötzlich geht es wieder um: das Gespenst des politisch engagierten Künstlers, der in Österreich automatisch in die Nähe einer Partei gestellt wird. Der SPÖ kommt das nicht ungelegen. "Gusenbauer möchte sein Apparatschik- und Betoniererimage loswerden", sagt der Meinungsforscher Christoph Hofinger vom Sora-Institut. Öffentliche Auftritte mit Repräsentanten der Kunstszene könnten ihm dabei helfen: "Das drückt Liberalität aus. Schließlich trauen die Leute Künstlern zu, einer Partei auch dann kritisch gegenüberzustehen, wenn sie diese unterstützen." Außerdem will Gusenbauer demonstrieren, dass die SPÖ heute tatsächlich eine andere sei als unter seinem Vorgänger Viktor Klima. Der wenig kunstbeflissen wirkende Klima hatte einst das Kulturministerium abgeschafft und die Kunst zur Chefsache erklärt. In der Szene erntete er damit Gespött und Zorn: In einer Demonstration trugen aufgebrachte Kunstschaffende die Kulturpolitik symbolisch in einem Sarg zu Grabe. Ähnlich schlechte Nachrede hatte die SPÖ, als sie in Wien auch noch den Kulturstadtrat an die ÖVP abtrat. Erst mit dem Antritt der ÖVP-FPÖ-Regierung im Mai 2000 begann die Stimmung umzuschlagen. Ein neues Feindbild betrat die Bühne: der Schauspieler Franz Morak, Kunststaatssekretär von schwarz-blauen Gnaden. Bei Podiumsdiskussionen, Eröffnungen und Preisverleihungen wurde er ausgepfiffen, ehemalige Kollegen stempelten ihn als Verräter ab. Der Sturm legte sich im Laufe der Zeit zwar, dennoch blieb Moraks Verhältnis zu vielen Künstlern verkrampft. Die Salzburgerin Ulrike Lienbacher etwa bekam im Mai 2001 den Förderpreis für bildende Kunst überreicht, der von der Kunstsektion im Bundeskanzleramt vergeben wird. "Es wäre absurd gewesen, den Preis abzulehnen, schließlich hatte ich mich ja selbst darum beworben", erinnert sich Lienbacher, "aber ich wollte in einigen kritischen Sätzen anmerken, dass ich die Zusammenarbeit der ÖVP mit einer autoritären, rassistischen Partei nicht verstehe." Morak reagierte wie oft in solchen Fällen: Er bekam einen roten Kopf und verließ rasch den Raum. Lustvoll verbreitet die SPÖ seit Moraks Amtsantritt denn auch das Bild des verbitterten Staatssekretärs, der einsam neben den Büffets der Premierenfeiern und Vernissagen steht, weil sich partout niemand mit ihm abgeben will. Moraks Mitarbeiter bringt sie damit auf die Palme. "Dieses Bild entspricht in keiner Weise der Realität", protestiert Moraks Büroleiter Helmut Wohnout und fischt einen Packen Veranstaltungsfolder aus seiner Mappe, die Moraks Akzeptanz in der Kunstwelt dokumentieren sollen. Seine Initiative "Kunst gegen Gewalt" präsentierte er gemeinsam mit Timna Brauer. Auch bei der Galerienmesse Kunst Wien hat er sich "wunderbar unterhalten". Und die Oskar-Werner-Ausstellung im Theatermuseum mit "seinen alten Freunden vom Burgtheater" war ohnehin ein Heimspiel. "Den Wiener Kulturstadtrat trifft er bei Veranstaltungen allerdings selten", sagt Wohnout. Der Clinch zwischen SPÖ und ÖVP hat auch eine sehr persönliche Facette: Der wichtigste SP-Kulturpolitiker, der Wiener Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny, war als Sektionschef im Bundeskanzleramt von Morak einst entmachtet worden, ehe er in die Wiener Landesregierung übersiedelte. Mailath beansprucht für sich, zumindest die Wiener Kulturwelt mit Subventionen vor dem Sparkurs der Regierung gerettet zu haben: "Morak hat nicht einmal um zusätzliches Geld gekämpft. Stattdessen setzte Schwarz-Blau Kulturschaffende unter Druck, sich nicht kritisch zu äußern, wenn sie Förderungen erhalten wollten." Moraks Konter: "Mailaths verunglückte Ausschreibungen in Wien standen regelmäßig unter dem Verdacht der politischen Postenbesetzung. Er soll lieber einmal in die Schuhe des Kulturstadtrates hinweinwachsen, ehe er dem Bund gute Ratschläge erteilt." Eine Einschätzung, die angesichts der Subventionspraxis in Wien allerdings kaum jemand in der Kulturszene teilt. Die SPÖ tat sich anfangs schwer, die Schwarz-Blau-feindliche Stimmung in der Kunstszene für sich zu nutzen. Frischer wirkten jene aktivistischen Gruppen, die sich in ihrer Kritik stärker auf die Antiglobalisierungsbewegung bezogen als auf Thomas Bernhard oder Johann Nestroy. In Anlehnung an die Initiative Attac in Frankreich wollte etwa das von Künstlern und Intellektuellen gegründete Label gettoattack eine "Infrastruktur für alle, die etwas machen wollen, zur Verfügung stellen", sagt die Historikerin Carola Platzek. Ähnlich unkonventionell wie die Labelidee waren auch die Propagandamittel: Als Keilerinnen für Mozartkonzerte verkleidete Aktivistinnen verteilten etwa Flugblätter an nichts ahnende Touristen. Doch die Protestwelle verebbte bald. Geblieben ist eine Internetadresse, ähnlich wie bei vielen anderen Grüppchen und Gruppen, wie der vom Publizisten Robert Misik, dem Historiker Doron Rabinovici und der Philosophin Isolde Charim gegründeten Demokratischen Offensive. "Wir haben unterschätzt, welchen Aufwand politische Arbeit bedeutet", sagt Platzek. Schließlich sei gettoattack auch an den eigenen Widersprüchen zerbrochen. Statt basisdemokratischer Offenheit hätte eine "unglaubliche Eitelkeit" um sich gegriffen. Platzek: "Man hat Sachen zerredet, die noch gar nicht in Sicht waren, etwa eine rot-grüne-Regierung, die gar nicht so gut wäre, weil man sie dann nicht mehr kritisieren könne." Ein Hauptproblem aller Initiativen des Winters 2000 sei darin gelegen, "dass immer alle nur auf die FPÖ reagiert hätten, statt eigene Inhalte zu formulieren". Die Künstler und Intellektuellen der so genannten Widerstandsbewegung stießen erst einen lang gezogenen Anti-Haider-Schrei aus und räumten dann sang- und klanglos das Feld - um es Großkünstlern wie André Heller, Claus Peymann oder Peter Turrini zu überlassen, die ihre Mischung aus politischem Pathos und eitler Selbstinszenierung bereits vor der Zeit der Mitte-Rechts-Regierung zelebriert hatten. Das wieder entflammte Interesse der Parteien an den Künstlern stößt manchem Umworbenen freilich unangenehm auf. "Man hat von diesen Personen jahrelang nichts gehört; ein paar Wochen vor der Wahl soll man dann aktiviert werden", klagt ein Wiener Künstler, der sowohl von der SPÖ als auch von den Grünen angesprochen wurde und ungenannt bleiben will. Sein Kollege Heimo Zobernig hat sich ebenfalls verweigert: "Ich möchte nicht in undifferenzierter Weise als Parteigänger in Erscheinung treten." Dem Kurier berichtet die Schauspielerin Erika Pluhar: "Ich bin im SPÖ-Befürworterkomitee schon dringestanden, bevor ich überhaupt etwas gesagt habe." Ein Komitee für Wolfgang Schüssel ist ebenfalls im Entstehen begriffen. Die bisherigen Namen auf der Liste sind wenig überraschend: Die Salzburger-Festspiele-Präsidentin Helga Rabl-Stadler, der Regisseur Gerhard Tötschinger oder Wilfried Seipel, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums. Grünen-Chef Alexander van der Bellen soll ebenfalls Rückhalt aus der Kunstszene erhalten - auch in Form kreativer Ideen. In einem Rundmail will etwa die Wiener Landtagsabgeordnete Marie Ringler Künstler aushorchen, "welche Mittel und Wege wir deiner Meinung nach einsetzen sollen, um Menschen wie dich und deine FreundInnen zu erreichen und vielleicht davon zu überzeugen, grün zu wählen". Auch "Ideen für Aufkleber und Flugblätter" seien erwünscht. Die SP-Aktivisten buhlen sogar um materielle Zuwendungen: Verschiedene Künstler berichten von Fax-Anfragen des "Vereins für offene und soziale Demokratie" um Sachspenden in Form von Bildern und Skulpturen - "idealerweise Originale" - für eine Auktion. Die Erlöse kommen dann der Gusenbauer-Plattform "Happy Wende" zugute. Das Verantstaltungskonzept verspricht angenehme Atmosphäre: Als Musik dient "leichter Jazz", das Buffet umfasst "200 Stück Brötchen, Mineralwasser, Wein" und das Referat von Ex-SP-Kulturminister Rudolf Scholten dauert nur zehn Minuten. Thema: "Beschädigung und Vergiftung des politischen Klimas." Kulturpolitik hingegen kommt im bisherigen Wahlkampf so gut wie nicht vor. Die Grünen, die von zahlreichen Künstlern als Partei ihrer Wahl bezeichnet werden, haben in ihrem Wahlprogramm auf die Kultur fast vollständig vergessen. Neben der eher unrealistischen Forderung nach einer pauschalen Erhöhung des Kulturbudgets um sechzig Millionen Euro finden sich noch zwei vage Verweise auf eine neu zu gestaltende Künstler-Sozialversicherung und ein zu schaffendes "Kulturenministerium", in dem die "bisher zersplitterten Kunst- und Kulturagenden und die österreichischen Kulturforen in aller Welt" vereint werden sollten. Die Kandidatur des Künstlers Wolfgang Zinggl (Wochenklausur, Depot) gilt in der Kunstszene auch nicht gerade als der Weisheit letzter Schluss einer grünen Kulturpolitik: Seinen auf soziale Belange hin erweiterten Kunstbegriff (vgl. Falter 40/02) empfinden viele als Provokation. "Diese Erweiterung ist in Wahrheit eine orthodoxe Verengung auf eine bestimmte kunsttheoretische Anschauung", sagt ein Wiener Galerist. Sorgfältiger hat die ÖVP die Kulturpassagen in ihrem Wahlprogramm ausgearbeitet. Allerdings drehen sich diese hauptsächlich um Wahlversprechen der letzten Wahl - etwa die steuerliche Absetzbarkeit von Kunstankäufen oder die Ausweitung von Fördermaßnahmen für den österreichischen Film. Bei der SPÖ wiederum ist von einer Medienkulturoffensive, steuerlichen Begünstigungen für Künstler und sonst von nicht viel die Rede. "Es geht uns um zwei Dinge", sagt SP-Kulturstadtrat Mailath-Pokorny: "Den Dialog mit den Künstlern zu führen und mit genügend Geld Kunst zu ermöglichen." Möglicherweise kann er das bald auf anderer Ebene praktizieren. Nachdem in Gusenbauers "Kabinett des Lichts" bereits Wolfgang Petritsch als Außenminister und Josef Broukal als Wissenschaftsminister sitzen, wollen die Sozialdemokraten auch einen Kandidaten für das Kulturressort, in dem die Kompetenzen für die Bereiche Kunst, Kultur und Medien vereint werden sollen, präsentieren. Mancher SP-Insider glaubt, dass es sich dabei um den Kulturstadtrat handeln könnte. Vielleicht wird es aber doch André Heller. Und vielleicht wird die Aufregung dann noch größer als beim Amtsantritt Moraks. "Heller, als Künstler von Künstlern belächelt, könnte zu einem Schlag gegen die Kunst ausholen, von dem sie sich lange nicht erholt", warnte der Wiener Schriftsteller und Morak-Freund Michael Scharang nach Hellers Nestroy-Rede in der Presse vor einem Eventkünstler im Ministerrang. Neue Nahrung bekamen die Verschwörungstheorien am vergangenen Sonntag bei der Premiere des Botho-Strauß-Stücks "Groß und klein" im Volkstheater. In der Pause steckten Alfred Gusenbauer, André Heller und Rudolf Scholten konspirativ die Köpfe zusammen. Höchst verdächtig auch die Hauptdarstellerin des Abends: Andrea "Schmierenkomödie" Eckert. |
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