An sich ist halb zehn Uhr abends keine alltägliche Zeit für den Beginn eines Interviews. Stefan Biedermann hat aber einen überzeugenden Grund für die späte Einladung in die Erdberger Altbauwohnung: So lange seine aus Hamburg mit angereiste zweijährige Tochter Emma nicht schläft, wäre an ein vernünftiges Interview nicht zu denken. Das Gespräch findet übrigens am Küchentisch jener Wohnung statt, in der sich das interessanteste Brüderpaar der österreichischen Pop-Szene einst ein Kinderzimmer teilte: Stefans älterer Bruder Klaus ist als Erfinder von DJ Ötzi mit seiner Produktionsfirma Ultimatief heute einer der kommerziell erfolgreichsten Popmusiker des Landes, während Stefan als DJ DSL zu den international renommiertesten zählt und vielerorts als bester HipHop-DJ Europas gehandelt wird.
DJ DSL ist aber nicht nur als Plattendreher eine Ausnahmeerscheinung. Seit Mitte der Neunzigerjahre veröffentlicht der heute 32-Jährige auch beeindruckende Eigenproduktionen und Remixes. Der gute Schmäh kam dabei auch nie zu kurz: 1997 produzierte er als Leiter des Toni-Polster-Fanclubs Erdberg die Hymne "Anton Polster du bist leiwand!", und gemeinsam mit dem Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow veröffentlichte er eine Coverversion von Kurt Sowinetz Misanthropen-Klassiker "Alle Menschen san ma zwider".
Mit seinem CD-Debüt "1" setzt DJ DSL jetzt zum großen Wurf an. Obwohl viele Tracks so oder in anderen Versionen bereits veröffentlicht wurden, ist das Album weit mehr als eine schlichte Werkschau. DJ DSL gelingt hier das Kunststück, den Hörer wie bei seinen teilweise geradezu magisch wirkenden DJ-Sets auf eine abwechslungsreiche und bei allen Verästelungen in sich stimmige Reise mitzunehmen, die von einer relaxten Grundstimmung lebt, ohne sich je in gefälligem Schönklang zu verlieren. Und obwohl - oder gerade weil - die CD weniger als Partymonster, sondern eher als Listening-Album funktioniert, gehört es zu den herausragenden österreichischen Popproduktionen der letzten Jahre.
Falter: Wie ist es doch noch dazu gekommen, dass es DJ DSL nun auch auf CD gibt?
DJ DSL: Schuld ist der CD-Brenner, den ich mir vor einiger Zeit angeschafft habe. Irgendwann habe ich all meine Remixes und die auf Maxis und Kompilationen verstreuten Stücke auf eine CD gebrannt, um sie zu Hause anhören und anderen Leuten vorspielen zu können. Auch Peter Kruder hat eine dieser CDs bekommen und gemeint: "Hey, ich habe eine super Idee - da machen wir eine Platte!"
Peter Kruder ist selbst als DJ und Produzent höchst erfolgreich. War diese Entwicklung vorhersehbar?
Nein, überhaupt nicht. Und ich hätte heute vor einem Jahr auch nicht dran gedacht, je bei G-Stone eine Platte zu machen, weil G-Stone - also Kruder & Dorfmeister - musikalisch doch eine ganz andere Ausrichtung hat. Letztlich gibt es im deutschsprachigen Raum aber keine Firma, die meinen Sound wirklich repräsentieren würde.
Zielt das fertige Album aufs Wohnzimmer oder auf den Club ab?
Für mich zielt es natürlich immer auf den Club, weil ich ja ein DJ bin - auch beim Basteln am Computer denke ich immer an den Club. Das Album dürfte im Wohnzimmer oder im Autoradio letztlich aber fast besser funktionieren. Ich lege meine Sachen selbst ja auch ungern auf, weil sie irgendwie so komisch anders und fast ein bisschen absurd sind.
Was zeichnet eine DJ-DSL-Produktion sonst noch aus?
Ich muss damit zufrieden sein, und zufrieden bin ich erst, wenn die Grundstimmung positiv ist. Dafür muss aber enorm viel zusammenpassen. Halbwegs okaye düstere Sachen entstehen beim Herumprobieren mit Loops und Samples dagegen irrsinnig schnell. Das klingt mir immer zu beliebig, und man hört es ja vielen Platten auch an, dass darauf zufällig etwas zusammengewürfelt wurde, das eben ein bisschen düster und bedrohlich klingt.
Nachdem Sie 1995 von den Lesern des deutschen Popmagazins "Spex" zum DJ des Jahres gewählt wurden, haben Sie einen öffentlichen Auflege-Stopp eingelegt. Hätte ein Erfolg der Platte denn einen neuerlichen Rückzug zur Folge?
Nein, denn mein Auflege-Stopp war keine Reaktion auf diese Spex-Geschichte, sondern auf meinen Lebenswandel die Jahre davor. Irgendwann wurde es mir einfach zu viel, bis zu viermal pro Woche aufzulegen und praktisch nur mehr in der Nacht zu leben. Zufälligerweise musste ich damals auch gerade zum Zivildienst, da war klar, dass ich mir die Nächte bis auf weiteres nicht mehr um die Ohren schlagen kann. Ich habe in dieser Zeit aber gemerkt, dass mir etwas abgeht, wenn ich nicht auflege - und zwar ganz gewaltig.
Mit dem Familienleben lässt sich das Auflegen heute vereinbaren?
Einerseits ist es sehr schwierig, weil ich am Wochenende immer weg bin und weit herumfahre, andererseits hat das DJ-Leben den Vorteil, dass ich unterm Strich sehr viel mehr Zeit mit meiner Tochter verbringen kann als bei einem klassischen Nine-to-Five-Bürojob.
Der Wochenendverdienst reicht also aus?
Mehr schlecht als recht, aber ich habe ja nichts anderes gelernt und seit der Matura auch nichts anderes gemacht.
Welche Rolle spielt Ihr Bruder Klaus bei dieser Entwicklung?
Eine extrem große: Als älterer Bruder hat er immer alle Sachen ausgecheckt und mir praktisch serviert. Er hat irgendwann auch die ersten HipHop-Platten nach Hause gebracht. Für mich war das erstmals nicht nur Musik, die ich gut fand, sondern etwas ganz anderes - einfach extrem Spitze. Darauf bin ich sozusagen hängen geblieben.
Die Begeisterung alleine macht allerdings noch keinen DJ.
Als ich 15, 16 war, hat mein Bruder schon im U4 aufgelegt. Er hat sich auch Technics-Plattenspieler und ein Mischpult gekauft, und das am Bügelbrett im Kinderzimmer aufgebaut. Ich habe dann einmal einen Fernsehbeitrag über das Scratchen gesehen, das mich so fasziniert hat, dass ichs sofort ausprobiert hab.
Wann hat der Weg aus dem DJ-Labor im Kinderzimmer erstmals hinaus an die Öffentlichkeit geführt?
Ich habe damals jeden Tag nach der Schule sechs, sieben, acht Stunden nur Scratchen geübt - alles mit den Plattenspielern und den Platten meines Bruders. Der hat mich dann ungefragt bei einem DJ-Wettbewerb angemeldet, und mich davor noch ins Kennedys verfrachtet, damit ich mein Scratch-Programm vorm Wettbewerb zumindest einmal öffentlich vorführe. Bei dieser Gelegenheit habe ich Sugar B, also Martin Forster, und Peter Kruder kennen gelernt, die mich gefragt haben, ob ich als Scratcher den Pausenclown bei einem Konzert ihrer Band Dr. Moreau's Creatures machen wolle. Eine Woche später waren sie dann schon als mein Fanclub bei diesem DJ-Wettbewerb. Ich war zwar so nervös, dass ich die Nadel kaum halten konnte, aber immer noch gut genug, um zu gewinnen. Danach habe ich bei ihrem Konzert mitgemacht, und so hat sich alles ergeben.
In der Folge waren Sie ja auch an dem österreichischen Welthit "Bring Me Edelweiss" beteiligt, oder?
Das war eines der ersten Kommerz-Projekte, in die mein Bruder involviert war. Ich habe auf der Platte gescratcht, und dann haben sie mich auch überredet, im Video mitzuspielen. Sie wollten das nicht selbst tun und haben halt irgendwelche Deppen gebraucht, die den Kasperl herunterreißen.
Ist es nicht sehr seltsam, wenn Sie heute DJ Ötzi, den bislang größten Erfolg Ihres Bruders, hören?
Nein, überhaupt nicht. Irgendwie finde ich DJ Ötzi sogar ganz cool, der Typ ist einfach ein Knaller. Alleine, wie er ausschaut, wie er sich bewegt - der ist sehr telegen, spricht mehr oder weniger jeden an - und meine Tochter findet ihn auch super. Bei "Hey Baby" ist sie immer schwer am Abrocken.
DSL steht für "DJ Superleiwand". Warum stellen Sie dem noch ein zusätzliches "DJ" voran?
"Das ist der DSL" hört sich ja an wie "Das ist der Franzobel". Nix gegen den Typen, aber das ist einfach ein depperter Name. "Franz Zobel" wäre schon deutlich besser. Und DJ DSL, das ist wie Vor- und Nachname, das klingt irgendwie weniger gelackmeiert.
Ihre Wahlheimat Hamburg ist die größte Popmetropole im deutschsprachigen Raum, während sich in Wien - sieht man von der Elektronikszene der letzten Jahre ab - nie viel getan hat. Worin liegen die zentralen Unterschiede?
Seit ich vor dreieinhalb Jahren übersiedelt bin, werde ich das ständig gefragt, kann es aber nach wie vor nicht wirklich sagen. Meinem subjektiven Empfinden nach ist das Leben in Wien hundertmal leiwander - also Clubs, Konzerte, persönliche Kontakte … Komischerweise verhält es sich mit dem realen Output an Tonträgern genau umgekehrt. Zu einem guten Teil liegt das wahrscheinlich an der generellen Mentalität der Leute.
Also an der sprichwörtlichen Wiener Langsamkeit und Gemütlichkeit?
Es dauert in Wien schon alles länger, wobei ich das nicht einmal schlecht finde. In Hamburg arbeitet man einfach effizienter, konzentrierter und professioneller: Dort wirst du es auch kaum erleben, dass man zehn Stunden im selben Café abhängt und nur Schmäh führt und Blödsinn redet.
Gehen Sie jemals selbst tanzen?
Nein, ich komme mir blöd dabei vor - und wahrscheinlich nicht zu unrecht. Ich habe mich immer für die Musik interessiert, aber als normaler Besucher geht man ja entweder zum Tanzen in einen Club oder um jemanden aufzureißen. Tanzen traue ich mich nicht, und Frauen aufreißen war auch nie mein Spezialgebiet. Als DJ habe ich was zu tun und kann trotzdem alles miterleben.
Wie fand Toni Polster eigentlich die Fanclub-Hymne für ihn?
Er hat gesagt: "Des habts guat gmacht, Burschen!" Das kann ich auch beweisen, ich habs auf Kassette.
Haben Sie als Ex-Fanclubleiter heute noch Kontakt?
Nein, null. Nachdem Toni Polster seine aktive Karriere beendet hatte, hat sich auch der Fanclub aufgelöst. Worüber ich auch nicht unfroh bin: Schon damals sind nämlich Gerüchte aufgetaucht, dass er ein Haberer vom Westenthaler und vom Haider wäre. Das wäre natürlich ein ordentlicher Gewissenskonflikt gewesen.
Gibt es derzeit - national oder international - einen Fußballer, der leiwand genug für ein vergleichbares Stück wäre?
Nein, da fällt mir keiner ein.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der Austria Wien?
Ich kann dem Prohaska nur zustimmen: Es macht einfach keinen Spaß mehr, Austria-Fan zu sein. Ich möchte nicht alles verteufeln, nur weil Geld im Spiel ist, aber da vergeht es einem doch, oder? Ich fürchte ja nur, dass den Stronach plötzlich alle gut finden, falls der Plan aufgeht und die Austria in zwei Jahren tatsächlich ins Champions-League-Semifinale kommt.
Letzte Frage: Kann Ihre Tochter mit Ihrer Musik schon etwas anfangen?
Sie fährt bislang am meisten auf DJ Ötzi und Bob Marley ab. Wenn meine Sachen zu Hause laufen, ist das zwar auch cool, und sie tanzt und singt mit, aber ich weiß nicht, ob ihr die Musik wirklich taugt oder obs nur dran liegt, dass sie es einfach schon hundertmal gehört hat. q
Aktuelle CD: DJ DSL: 1 (G-Stone / Black Market); erscheint am 4.11.
BLINDFOLD TEST
"Der nackte Wahnsinn!"
Es waren nicht unbedingt die ausgefallensten Platten, die der Falter DJ DSL in dessen Wiener Wohnung zum Blindfold-Test auf den Plattenspieler legte. Und DJ DSL hat sie auch alle erkannt. Außer einer. Und die stammte ausgerechnet von seinen Freunden Kruder & Dorfmeister, auf deren Label G-Stone auch seine erste CD erscheint.
Grandmaster Flash: "The Wheels Of Steel" (Sugarhill Records, 1981)
"Genialster Geniestreich aller Zeiten, der nackte Wahnsinn! Das wichtigste Stück der DJ-Kultur überhaupt. Dabei hat das Stück nicht nur eine neue Technik präsentiert, es ist auch musikalisch so zeitlos und super gelöst, dass man es noch in fünfzig Jahren als absoluten Knüller zur Spitzenzeit einer Party auflegen wird."
Edelweiss: "Bring Me Edelweiss" (GIG, 1988)
"Das habe ich wahrscheinlich seit zehn Jahren nicht mehr gehört. Aus heutiger Sicht bin ich erschrocken, was für ein inhomogener Fleckerlteppich das eigentlich ist. Ich hatte das anders in Erinnerung. Rein soundmäßig ist es aber sehr gut gemacht, und es wundert mich nach wie vor nicht, dass es damals so erfolgreich war."
Waxolutionists feat. Skaraab, Thaistylee, Manuva: "Supercity" (Automatique, 2001)
"Da ist eine Anhäufung von guten Leuten am Werk, die sich alle extrem engagieren und auch leiwande Sachen machen; die Essenz dieser Zusammenarbeit hat ihren Höhepunkt aber noch nicht erreicht. Daher hoffe ich, dass sie lange durchhalten."
45 King: "Standing Start" (Ultimate Dilema, o.J.)
"Der 45 King hat vermutlich als Erster Platten veröffentlicht, die nur aus Loops bestehen. Und um sich einen fünf Minuten lang geloopten Beat anhören zu können, muss dieses kleine Segment in sich einfach so perfekt, stimmig und zeitlos sein, dass du keinen zusätzlichen Firlefanz mehr brauchst. Ich bin ja immer auf der Suche nach möglichst zeitlosen Sachen und sehr vorsichtig bei allem, das nach Zeitgeist oder Modeströmung riecht."
Kruder & Dorfmeister: "Original Bedroom Rockers" (G-Stone, 1993)
"Das kenne ich nicht. Ich finde es nicht schlecht, aber mir ist das nicht zwingend genug - da sind zu viele Ablenkungsmanöver drin. Das ist Kruder & Dorfmeister? Ich habe die Platte zwar wirklich nicht, aber es ist schon peinlich, dass ich es nicht erkannt habe. Ich fand das zwar immer leiwand, gleichzeitig war es mir aber nie heftig genug."
Urbs & Cutex: "Back In The Days" (Hong Kong Recordings, 2001)
"Das ist meine absolute österreichische Lieblingsplatte ever. Urbs & Cutex, ein Gigantenmachwerk und eine der Platten, von der ich in unsicheren Momenten beim Auflegen weiß: Wenn ich die spiele, sind die Leute auf jeden Fall positiver Stimmung."
Ol Dirty Bastard feat. Lil Mo: "Good Morning Heartache" (Elektra, 1999)
"Ol Dirty ist definitiv einer der Ärgsten überhaupt. Ich habe einmal vor seinem Konzert in der ausverkauften Arena aufgelegt, und er ist extrem verspätet auf die Bühne gekommen: Die kamen aus dem Publikum auf die Bühne geklettert, und jeder hatte eine leere Schnapsflasche in der Hand. Dann hat er die längste Zeit über meine Instrumentals drübergesungen und irgendwann hat er sogar mit meinen Platten gescratcht. Insgesamt war das eine unglaublich intensive und echte Performance und neben KRS-One das beeindruckendste Konzerterlebnis meines Lebens."
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