Herbert Rudolph hat dieser Tage schon viel mitgemacht. "Im sechsten Bezirk", beklagt der blaue Gemeinderat, "haben sie uns schon mit dem Messer attackiert." Nun steht der Mann mit dem Peter-Rapp-Bart vor dem Bahnhof Heiligenstadt, im Schatten des mächtigen Karl-Marx-Hofes, und drückt zusammen mit der Nationalratsabgeordneten Helene Partik-Pablé den Passanten die Döblinger Nachricht Nr. 2 in die Hand. "Der Bahnhof Heiligenstadt", steht darin geschrieben, "ist durch seine Unübersichtlichkeit schlecht einsehbar und damit für kriminelle Machenschaften leider ein Anziehungspunkt."
Gemeinderat Rudolph sollte Recht behalten. Keine Viertelstunde, nachdem die Bezirks-FPÖ ihr Standl vor der Bastion des Roten Wien errichtet hat, nähert sich von hinten ein gefährliches Subjekt. "Schleicht's eich, es Oaschlecha!", brüllt es und tritt gegen einen Stoß Mathias-"Mein Handschlag zählt"-Reichhold-Folder, die nun der kalte Herbstwind über den Bahnhofsvorplatz wirbelt. Sofort eilt auch schon Johann Peck, der "Organisationsreferent" der Döblinger Blauen, zu Hilfe und packt den Randalierer am Schopf. Es ist nicht sein erster Hilfseinsatz: "Heut hab i schon zwa Buam fotografieren und verhaften lassen!", ruft der Funktionär, "Kinder aus einer Sozialistenfamilie!" Hakenkreuze hätten die Buben auf eine Hausmauer geschmiert. In der Schule, da ist sich Johann Peck sicher, sind die Buben nämlich von "linksextremen Lehrern" politisch aufgehusst worden. "Nur um uns zu schaden."
Sie haben es nicht leicht, die blauen Wahlkämpfer, die auf Wiens Straßen bei Regen und eisiger Kälte die Stellung halten. Eine "Massenflucht" konstatiert die Kronen Zeitung. Vergangenen Donnerstag, nur wenige Minuten, nachdem die Reichhold-Folder vor dem Karl-Marx-Hof geschändet wurden, verließ auch der darauf Abgebildete aus "gesundheitlichen Gründen" das Schlachtfeld. In Kärnten hatten die Parteifreunde zwar den Hund von Sozialminister Herbert Haupt, aber nicht den Spitzenkandidaten Reichhold plakatiert. Haupt ist mittlerweile der vierte Parteiobmann in acht Wochen. Die Auguren in den Meinungsforschungsinstituten sehen gerade noch zweistellige Zahlen über den blauen Balken.
"Es läuft eh ganz gut, besser als erwartet", sagt Johann Peck. Seit 1995 rennt der Straßenbahner für die Blauen. Vorher war er ein Roter. Zu Wohnung und Arbeit ist er nur durch sein Parteibuch gekommen, "das geb ich zu". Aber die Sozialisten, die hätten Skandale verbrochen, "dass es dir den Kugelschreiber verbiagt". Nie wieder würde er diese "Bagage" wählen. "Vorher kaufst da lieber Donauturm einfach." Oder man stellt sich in die kalte Döblinger Novembernacht und verteilt blaue Feuerzeuge.
Menschen wie Johann Peck sind nun gefordert. "All jene, die jetzt nicht aktiv mittun, möchte ich nie mehr in einer FPÖ oder einer FPÖ neu sehen", verkündet Jörg Haider im profil, bevor er wieder einmal zu Saddam Hussein jettet und sich auf die Bundesliste setzen lässt, um vielleicht doch ins Parlament zurückzukehren. Ein paar Funktionäre hören die Signale des zukünftigen FPÖ-Chefs. "Jahrzehntelang waren sie ja die Exponenten einer erfolgsverwöhnten Gruppe", sagt der blaue Ideologe Andreas Mölzer. Die, die sich in den letzten Wochen verabschiedet hätten, seien "ohnehin nur Flugsand".
Nationalratsabgeordnete, die um ihr Mandat zittern, Bezirksfunktionäre, die sich noch einen Posten erhoffen, und Studenten, die sich ein bisschen Geld verdienen wollen, sie halten noch einmal zusammen. Tragische Helden. Verteilen Wahlgeschenke, deren Parolen und Kandidaten schon bei der Übergabe Vergangenheit sind. Nur die Reichhold-Taschentücher auf denen "Xundheit!" steht, bergen noch ein wenig Wahrheit in sich. Rund vier Millionen Euro, so munkelt man in der Parteizentrale, kosten die neuen Devotionalien, Broschüren und Plakate, die nun auf den neuen Spitzenkandidaten Haupt zugeschneidert werden müssen. Und wer weiß, wie lange der sich hält?
Bahnhof Wien Mitte. Ein freiheitlicher Jugendfunktionär, der hier nicht genannt werden will, reißt einen braunen Karton auf, auf dem "Humpi" steht. Eine Herde blauer Elefanten lächelt aus der Schachtel. Die Lügen, mit denen einst Hilmar Kabas die Beleidigung des Bundespräsidenten in Abrede stellte, haben sich in niedliche Stofftiere verwandelt. "Kannst gleich wegschmeißen, Mutti, die sind vom Haider", sagt ein kleiner Bub, dem eine ältere Bezirksrätin das Stofftier zusteckt. Ein Wahlkämpfer kann es verstehen: "Die sind uns vom Wiener Wahlkampf überblieben. Wir sind ja von den Neuwahlen überrascht worden", sagt der Bursche in der orangen "Mathias Reichhold"-Jacke. Auch die plüschigen "Königskobras" und "Jörgi"-Bären würden noch in unzähligen Kisten in den Kellern der Parteizentralen lagern. Nur "Stoffhendln" für den Biobauer Reichhold habe man zum Glück noch nicht produzieren lassen. Warum hier alles so eingeschlafen wirkt? "Eingeschlafen? Wir sind noch nicht einmal aufgewacht", sagt die Reichhold-Jacke.
Donaustadt, Zentrum Kagran. Dort, wo Wiens Arbeiter am Abend in die Busse Richtung Peripherie steigen, wartet der 26-jährige Johann "Joschi" Gudenus von der "Jugend für Herbert Scheibner" bei einem FPÖ-Stand auf den Wiener Spitzenkandidaten und zupft an seinem seltsamen rostbraunen Sakko. "Kunst-Rauleder", klagt er. Alle von der "Jugend für Herbert Scheibner" müssen diese Sakkos tragen, um modern zu wirken. "Der Herbert hat gesagt, dass ich mir das anziehen soll, sonst seh ich zu konservativ aus", erklärt Gudenus im nasalen Schönbrunner Deutsch. Doch der Herbert kommt heute nicht mehr her. Also muss Gudenus selbst seine Parolen ("Kein Türkisch an Wiener Schulen, kein Erasmus-Programm mit der Türkei") und Prospekte unters Volk bringen. Auf einem Flugblatt ist der Verteidigungsminister mit einer alten Frau und UNO-Generalsekretär Kofi Annan zu sehen: "Jeder hat irgendein Problem. Einer hört immer zu: Herbert Scheibner", steht in dem Prospekt.
Auf den Plätzen, auf denen heute Leute wie Joschi Gudenus kämpfen, gabs früher große Bühnen. In riesigen Zelten und Hallen wetterten blaue Spitzenpolitiker neben Fahnen schwingender Parteijugend gegen Überfremdung, Drogen und Proporz. Heuer gibt es in Wiens Vorstädten keine Shows und schon gar keine tobenden Massen mehr. Die Popstars und Feschisten sind verschwunden.
Nun muss die Basis selbst kreativ werden. Bei der "Schnitzelwirtin", weit draußen in Aspern, lädt die blaue Sektion des 140.000-Einwohner-Bezirkes Donaustadt zur "Halloween-Euro-Teuro-Party". Das "Duo-Schubidu" heizt mit dem Keyboard und alten Schlagern die Stimmung an. Sogar der Verteidigungsminister hat sich angesagt. Um 13,7603 Schilling kann man diesen Abend ein Bier trinken und des Schillings gedenken. "Wir wollen hier einen Beitrag zum Weltspartag leisten, er ist nicht mehr das, was er einmal war, nachdem die Banken ans Ausland verkauft wurden. Wir bedanken uns bei der Schnitzelwirtin. Damit bin ich schon fertig", sagt der Nationalratsabgeordnete Martin Graf. Zu mehr politischen Inhalten bringt er es nicht. Das Duo Schubidu spielt "Comment ça va?". Die Basis wiegt sich im Takt. Die Kellnerinnen sind als Monster verkleidet und tragen schaurige Spinnweben am Kopf.
Früher wäre das Hinterzimmer der "Schnitzelwirtin" beim Besuch eines blauen Ministers bummvoll gewesen. Heute mampfen gerade einmal vierzig Leute im Festsaal ihr Schnitzel hinunter. Reservierte Tische bleiben frei. Als Scheibner mit einer Stunde Verspätung den Saal betritt, wird er nicht wirklich wahrgenommen. Keine Standing Ovations, nicht einmal einen Begrüßungsapplaus für den Minister. Scheibner schüttelt die Hände aller Gäste, setzt sich an einen Tisch am Rande des Saales und stiehlt sich mit den Händen ein Schnitzerl von seinem Sitznachbarn. Eine alte Frau bittet um ein Autogramm. Dann tritt er auf die dunkle Tanzfläche und freut sich, "dass ich bei Ihnen in Aspern bin". Er wirkt dabei so bescheiden, als hätte er sich mit seiner Zukunft als einfacher Abgeordneter bereits abgefunden. Der Parteikassier muss während seiner Rede sogar ein paar mal "Ruhe, bitte!" in den Saal schreien, weil das Parteivolk noch immer schwätzt. Dann folgt eine Rede, die selbst Matthias Reichhold eingefallen wäre. "Man hat ja gemerkt, dass alles teurer geworden ist. Jetzt weiß man, wieso alle so schnell den Euro wollten", murmelt Scheibner ins Mikrophon. Ein paar Worte zur "rot-grünen Homoehe" und dem "Haschisch aus der Trafik". Endlich kann Scheibner sein Schnitzel weiter essen und die Basis ihre eingeschlafenen Füße auf der Tanzfläche bei einer Bill-Haley-Nummer wecken.
Das Schlusswort des Spitzenkandidaten wurde immerhin mit ein bisschen Applaus bedacht: "Jetzt packen wirs an. Wir werden zeigen, dass man gerade jetzt die FPÖ braucht."
HERBERT HAUPT
Blauer Platzhalter
Als Herbert Haupt nach dem Knittelfelder Parteitag bei einem Krisentreffen der FPÖ im September zum neuen FP-Spitzenkandidaten gekürt wurde, war er sichtlich gerührt. Zehn Tage später übernahm Mathias Reichhold den Spitzenkandidaten-Job. Da wirkte Haupt sichtlich erleichtert.
Für die Partei in Krisenzeiten einzuspringen, ist Haupt gewohnt. Schon bei den Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP war Haupt für das Sozialkapitel verantwortlich. Minister wurde er nicht. Erst im Oktober 2000 sprang der Tierarzt aus Spittal an der Drau für die glücklose FP-Sozialministerin Elisabeth Sickl ein. Und als Parteiobfrau Riess-Passer zurücktrat, sprang er als neuer Spitzenkandidat ein. Vierzig Tage nach Reichholds Wahl zum Parteiobmann ist Herbert Haupt gleich in doppelter Funktion zurückgekehrt - als neuer Parteichef und als Spitzenkandidat.
Der frühere FP-Sozialsprecher wurde im Auftrag Haiders als Sozialminister in die schwarz-blaue Regierung geholt, um dafür zu sorgen, dass die FPÖ wieder zur "Partei der kleinen Leute" wird. Gelungen ist ihm das nur mäßig. Zwar konnte Haupt die Einführung des Kindergeldes und die "Behindertenmilliarde", die lediglich 558 Millionen Schilling (circa 40,5 Millionen Euro) ausmachte, als Erfolg verbuchen. Beim Versuch, eine höhere Pensionsanpassung durchzusetzen, scheiterte er gleich im ersten Amtsjahr an FP-Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Als Frauenminister errichtete er just am Weltfrauentag eine eigene Männerabteilung in seinem Ressort. Im August forderte er bei sexuellen Übergriffen auf Kinder einen Lügendetektortest für Opfer und Täter - ein Vorschlag, den er nach Kritik von Experten sofort wieder zurücknehmen musste. Die von Haupt eingeführten Ambulanzgebühren wurden zuerst vom Verfassungsgerichtshof wegen eines Formalfehlers aufgehoben, und dann musste der "Minister der kleinen Leute" auch noch erklären, wieso der "kleine Mann" 18,16 Euro pro Ambulanzbesuch ablegen muss, Politiker jedoch lediglich 5,81. Peinlich war auch die Affäre um seine ehemalige Kabinettschefin Ute Fabel. Die falsche Magistra kassierte ein fettes Akademikergehalt. In der Causa Gaugg stand Haupt bis zu dessen Alko-Fahrt auf der Seite des ehemaligen FP-Sozialsprechers. Zuerst stellte sich heraus, dass zwar von der Regierung eine Personalberatungsfirma mit der Kandidatensuche beauftragt worden war, aber schon im Vorfeld in einer Geheimsitzung im FPÖ-Parlamentsklub - bei der auch Haupt anwesend war -vereinbart wurde, dass Reinhard Gaugg sein stellvertretender Chef der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) wird. Später unterstützte er Gauggs Forderung nach einem Sondervertrag als Vizechef der PVA.
Noch ungeschickter agierte Haupt bei seinem Machtkampf mit dem roten Hauptverbands-Präsidenten Hans Sallmutter. Er ging mit dem Versprechen, Sallmutter nicht ablösen zu wollen, in den Ministerrat und verkündete, kaum wieder aus der Tür getreten, dessen Ablöse. Argumentiert wurde Sallmutters Ablöse damit, dass dieser Haupts Rechtsmeinung nicht geteilt habe - nämlich die Auffassung Haupts, dass Sallmutter von ihm abgelöst werden kann. Danach wurde der Hauptverband vollkommen umgekrempelt. Konsequenz: Die Kosten sind nach der schwarz-blauen Reform erheblich gestiegen.
Dass Haupt Sozialminister wurde, war auch für Burschenschafter Grund zur Freude: Dem Dachverband der schlagenden Mittelschulverbindungen bewilligte er eine Förderung von rund 29.000 Euro. Mit dem Geld sanierten die Burschen unter anderem ihre Budenklos. Als die Regierung bereits zurückgetreten war, schummelte der Sozialminister einen Förderungsantrag für die Volksdeutschen Landsmannschaften in das Regierungspaket gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Die Volksdeutschen Landsmannschaften erhalten deshalb von der Bundesregierung im kommenden Jahr vier Millionen Euro. Mit diesem Geld wird das "Haus der Heimat", ein Veranstaltungsort für die rechtsextreme Szene, unterstützt. Haupt selbst ist Mitglied der deutschnationalen, schlagenden Akademischen Landsmannschaft Kärnten und ist seit vielen Jahren Besucher der rechten Ullrichsberg-Gedenkfeier. Seine Treue zum Kärntner Landeshauptmann kostete ihn einmal sogar das Amt: Haupt distanzierte sich 1995 als Dritter Nationalratspräsident nicht deutlich von der Rede, die Jörg Haider vor SS-Veteranen in Krumpendorf hielt, und wurde im folgenden Jahr nicht wiedergewählt.
Trotzdem ist der rechte Politiker einer der wenigen, bei dem auch den übrigen Parteien Positives einfällt. Und zwar nicht nur, weil Haupt als fachlich kompetent gilt und seine politischen Kontrahenten nie untergriffig attackiert. "Seine verbindliche Art ist eines der ganz wenigen Dinge, die ich an ihm schätze", muss sogar der grüne Sozialsprecher Karl Öllinger zugeben. Eitelkeit kann man Haupt auch nicht vorwerfen. Seine Frau muss dem farbenblinden Sozialminister immer die passende Krawatte zum Hemd legen. Einmal hat Haupt das Hemdensystem durcheinander gebracht und ist eine Woche lang - ohne es zu merken - als bunter Vogel durch Kärnten gezogen.
Auch als Jörg Haider und Susanne Riess-Passer sich gegenseitig Rücktrittsdrohungen durch die Medien ausrichten ließen, fand der Sozialminister klare Worte: "Mit Rücktritt droht man nicht, man macht ihn, oder man lässt ihn bleiben." Er selbst hat sich daran nicht gehalten. Als die damalige FP-Parteichefin Riess-Passer erklärte, sie werde ihr Amt niederlegen, sollte der Knittelfelder Parteitag stattfinden, schloss sich der Sozialminister diesem Ultimatum an. Der Sonderparteitag fand statt, Riess-Passer trat zurück, Haupt wurde neuer FP-Spitzenkandidat.
NINA HORACZEK
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