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Abenteuer Alltag
KINOS  Auch nach dem Viennale-Trubel ist die Wiener Kinolandschaft in Bewegung: Während ein Multiplex nach dem anderen geschlossen wird, nehmen Gartenbau und Filmmuseum wieder den Betrieb auf. Offen ist auch die Frage, was dort gespielt werden soll. WOLFGANG KRALICEK und KLAUS NÜCHTERN

Falter 45  Originaltext aus Falter 45/02 vom 06.11.2002

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Jubel-Falter

Ein Fremder, der in den letzten beiden Oktoberwochen einmal das Gartenbaukino am Parkring besucht hat, würde sich vermutlich sehr wundern, wenn man ihm erzählt, dass dieser Filmpalast aus den Sechzigerjahren seit Jahren ums Überleben kämpft. In diesen Tagen war das Gartenbau jeden Abend - teilweise bis weit nach Mitternacht - gesteckt voll. Also wo, bitte, ist das Problem?
Das Problem ist, dass das Gartenbaukino in den vergangenen Jahren ausschließlich während der letzten beiden Oktoberwochen so gut besucht war - dann nämlich, wenn sich das Filmfestival Viennale dort eingemietet hatte. Weil heuer eine zusätzliche Nachmittagsvorstellung angesetzt war, sank die durchschnittliche Auslastung des Gartenbau während der Viennale 2002 zwar von 76 auf 63 Prozent - aber auch das ist noch eine Zahl, von der herkömmliche Kinobetreiber nur träumen können.
"Ab jetzt beginnt der Alltag", weiß Viennale-Direktor Hans Hurch, seit 31. Oktober auch für den regulären Betrieb des Gartenbau zuständig. Dass eine Auslastung wie zu Viennale-Zeiten unrealistisch ist ("damit wären wir alle Sorgen los, die wir gar nicht haben"), weiß Hurch natürlich. Mit 50.000 bis 100.000 Zuschauern im Jahr rechnet er - das entspricht einer Auslastung von sechs bis zwölf Prozent oder, in absoluten Zahlen, 48 bis 95 Zuschauern pro Vorstellung. Zumindest am ersten (langen) Wochenende wurden die Erwartungen übertroffen: Knapp 1500 Leute wollten Kaurismäkis "Mann ohne Vergangenheit" sehen, auch die deutschsprachige Vorstellung um 18 Uhr war überraschend gut besucht.
Als letztes großes Einsaalkino der Stadt (736 Plätze) ist das Gartenbau einerseits eine kinokulturelle Institution, andererseits schwer vermittelbar. Miete und Betriebskosten sind so hoch - Hurch: "Allein die Reinigung kostet 600.000 Schilling im Jahr!" -, dass das Haus wohl nicht profitabel zu führen wäre. Das ursprünglich von der gemeindeeigenen Kiba betriebene Gartenbau war zuletzt von der City-Cinemas-Gruppe geführt worden. Nachdem diese Anfang des Jahres Konkurs angemeldet hatte, sollten zumindest zwei Kinos aus der Konkursmasse erhalten bleiben: Gartenbau und Metro.
Das Kulturamt der Stadt Wien stellte für 2002 eine jährliche Betriebssubvention in Höhe von 390.000 Euro für beide Kinos in Aussicht (von denen rund drei Viertel ins Gartenbau fließen), nächstes Jahr soll die Summe auf rund 500.000 erhöht werden. Das Metro-Kino in der Johannesgasse wurde vom Filmarchiv Austria übernommen, das dort seine Retrospektiven (derzeit: Oskar Werner) zeigt; beim Gartenbau war die Situation komplizierter: Ende Juni wurde es zunächst (gemeinsam mit dem Cine-Center) den ehemaligen City-Cinemas-Gesellschaftern zugesprochen, die dafür insgesamt 72.000 Euro bezahlen wollten; ein Monat später stellte die Viennale ein besseres Angebot (107.000 Euro) und erhielt den Zuschlag.
Entuziasm Ges.m.b.H. heißt (in Anspielung auf den gleichnamigen russischen Filmklassiker von Dziga Vertov) die neu gegründete Betreibergesellschaft des Gartenbaukinos, die - wie die Stadtkino Ges.m.b.H. - eine hundertprozentige Viennale-Tochter ist, inhaltlich und finanziell aber unabhängig arbeiten soll. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht ("das würde ich mir auch gar nicht zutrauen", meinte er damals im Falter-Gespräch) wird Hans Hurch zunächst persönlich für die Programmierung des Gartenbaukinos zuständig sein. "Ich möchte das jetzt einmal ein halbes Jahr machen, bis es läuft."
Dass das Gartenbau mit "Der Mann ohne Vergangenheit" eröffnen wird, ist insofern bezeichnend, als der Film aus dem Stadtkino-Verleih - also quasi von der Schwesterfirma - kommt. "Wir arbeiten eng zusammen", bestätigt Stadtkino-Leiter Franz Schwartz. Ob es sinnvoll ist, den Kaurismäki-Film gleichzeitig im Stadtkino und im Gartenbau zu spielen, werde sich zeigen. "Aber wenn jetzt zehn Prozent weniger Leute ins Stadtkino kommen, halte ich das auch aus. Es bleibt ja ,im Haus'."
Mit Stadtkino-Filmen allein wird das Gartenbau aber nicht zu programmieren sein; Hurch will sich deshalb auch um Filme bemühen, die keinen Verleih gefunden haben oder von ihrem Verleiher nicht ins Kino gebracht werden - der mexikanische Film "Y tu mamá también" etwa (Viennale 2001), dessen Rechte beim Major Centfox brach lagen, soll demnächst im Gartenbau laufen. Weitere Pläne: Zu Weihnachten läuft Charlie Chaplins "Great Dictator", im Jänner will Hurch das vierstündige indische Epos "Langaan" zeigen, das in der Schweiz ein großer Publikumserfolg war; Roberto Benignis "Pinocchio"-Film ist ebenso im Gespräch wie "Before Night Falls" von Julian Schnabel. Am Wochenende soll eine Nachtschiene etabliert werden, auch Filmreihen sind vorstellbar.
Logisch, dass Hurch mit den anderen "Arthouse"-Kinobetreibern und -verleihern zusammenarbeiten will - die sind da allerdings noch etwas skeptisch. Hans König, Chef von Filmcasino und Polyfilm-Verleih, hielte es für sinnvoll, wenn im Gartenbau hauptsächlich deutschsprachige Fassungen liefen. Während für untertitelte Filme in Originalfassung eine funktionierende Struktur existiere, gebe es kaum noch Qualitätskinos für synchronisierte Filme. Ähnlich sieht das Michael Stejskal, Betreiber von Filmladen-Verleih und Votiv-Kino: "Ich werde sicher nicht so kindisch sein und Hurch die Filme, die ich im Verleih habe, verweigern. Nachtragen tu' ich sie ihm aber auch nicht. Die deutschen Fassungen kann er gerne spielen, Originalfassungen mit Untertitel kriegt er aber sicher keine einzige. Ich habe ja keinen Kopfschuss und ruiniere mir das eigene Kino."
"Noch immer angfressen" ist Stejskal auf Hurch und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, weil sie einen (erneuten) Einstieg der City Cinemas, als deren Sprecher Stejskal fungierte, verhindert haben. "In Bezug auf meine Lebensqualität ist es sicher besser, dass ich das Gartenbau nicht auch noch auf meinen Schultern habe. Aber das, was die Viennale jetzt betreibt, hätten wir mit einem ähnlich hohen Anspruch sicher sparsamer gemacht. Hurch hat keinerlei Erfahrung damit, ein Einzelkino zu programmieren, und bislang ja immer beteuert, dass er das auch nicht tun kann und will. Jetzt muss er es halt lernen - ein learning by doing, das sehr teuer werden dürfte."
Dass sowohl König ("eigentlich müssten alle Arthouse-Kinos gefördert werden") als auch Stejskal ("dass Hurch hoch subventioniert wird, um nichtsubventionierten Kinos Konkurrenz zu machen, finde ich ein bisschen keck") neidvoll auf die öffentlichen Zuschüsse schielen, ist einerseits nachvollziehbar; andererseits hätten auch die City Cinemas das Gartenbau nicht ohne a little help von der Stadt übernommen. "Die Alternative war: Sicheritz oder Kaurismäki", gibt Franz Schwartz zu bedenken. "Die City Cinemas hätten das Gartenbau mit ,Poppitz' eröffnet."
Das Gartenbau ist jetzt sozusagen das Blockbusterkino unter den Alternativkinos. "Wie kannst du ein Kino mit 750 Plätzen mit künstlerisch anspruchsvollen Filmen kommerziell halbwegs erfolgreich programmieren?", fragt sich Hans Hurch laut. "Das ist der Spagat Gartenbaukino in einem Satz." Stadtkino-Betreiber Schwartz sieht das Gartenbau als missing link zwischen den Kunstkinos und den Multiplexbunkern.

Auch das Filmmuseum geht neu - und besser ausgestattet - ins Rennen um die Gunst der Cineasten. Die berüchtigten (und unter der Last der Besucher und der Jahrzehnte mittlerweile buchstäblich zusammenbrechenden) Holzsesseln wurden zwar noch nicht ausgetauscht, dafür verfügt das Filmmuseum, wenn es am 8. November seinen Betrieb wieder aufnimmt, über eine räumlich vergrößerte, mit neuer Projektionstechnologie ausgestattete Vorführkabine und eine neue Tonanlage. Erstmals wird man also im Filmmuseum Stereo und zeitgenössisches Sounddesign hören können, was bei Filmen wie etwa "Full Metal Jacket" oder "Eyes Wide Shut", die im Rahmen einer Schau über das Spätwerk von Stanley Kubrick gezeigt werden, nicht ganz unwesentlich ist.
Obwohl sich gerade Filme wie Kubricks "Barry Lyndon" oder "2001 - A Space Odyssey" gewiss auch sehr gut auf der großen Leinwand des Gartenbau-Kinos machen würden, sieht Filmmuseum-Direktor Alexander Horwath sein Haus "nicht unmittelbar im Vergleich oder gar in Konkurrenz zu den Programmkinos, zu denen jetzt auch das Gartenbau zu zählen ist. Das ist ein völlig anderes Segment der Filmkultur. Wenn das Gartenbau hin und wieder einzelne Klassiker wie Chaplins ,Great Dictator' oder ,Casablanca' wiederaufführt und zwei, drei Wochen lang spielt, ist das ein völlig anderes Angebot. Im Filmmuseum geht es um Zusammenhänge; außerdem ist die Kinopräsentation eingebettet in andere Arbeitsbereiche des Filmmuseums wie die Sammlungen und die Vermittlung. Zu vielen klassischen Filmen haben die Programmkinos auch gar keinen Zugang."
Für Horwath ist entscheidend, dass die Funktionsteilung zwischen den verschiedenen Häusern klappt. Dass sich etwa das Filmarchiv, das seit diesem Jahr das Metro-Kino führt, auf den österreichischen Film konzentriert und nicht - wie früher geschehen - mit Marlene-Dietrich- oder Fritz-Lang-Retrospektiven seinen öffentlichen Auftrag einseitig aufkündigt. Allerdings ergebe sich das Profil einer Institution nicht nur aus der Auswahl der Filme, sondern vor allem aus der Art und Weise der Aufbereitung und Präsentation. Horwath: "Eine funktionierende Cinemathek ist vor allem jener Ort, an dem eine diskursive Auseinandersetzung mit der Kultur der moving images stattfindet. Es geht im Filmmuseum darum, die Geschichte der Laufbilder mit ihrer Gegenwart in Beziehung zu setzen." Insofern entspräche es auch der Aufgabe des Hauses, etwa die Arbeiten des Österreichers Ulrich Seidl oder die des Amerikaners Matthew Barney zu präsentieren (das Filmmuseum zeigt im November Barneys gesamten, zwischen 1994 und 2002 entstandenen "Cremaster"-Zyklus).
Den Einwand, dass die Barney-Werkschau eigentlich in die Agenden von Museen und Kunsthallen falle (Hans Hurch: "Matthew Barney ist Kitsch, tut mir Leid, das hat mit Kino nichts zu tun") kann Horwath nicht teilen: "Der Kunstbetrieb hat in einem Moment der Ratlosigkeit die Attraktivität der bewegten Bilder für sich entdeckt, ohne über die Möglichkeiten zu verfügen, diese auch adäquat zu präsentieren. Von der Documenta abwärts sind Filme und Videos im Kontext der bildenden Kunst zuletzt oft auf sehr klägliche Weise präsentiert worden. Es hat keinen Sinn, wenn man sich Neunzig-Minuten-Filme auf lehnenlosen Bänken, zusammen mit dem herüberwehenden Sound von drei anderen Arbeiten, ansehen muss und alle paar Minuten jemand ins Zimmer stolpert."
Als Filmmuseumsdirektor betont Horwath, dass die vom Bund geforderten 600.000 bis 700.000 Euro, mit denen das Haus in der Albertina endlich eine neue und bequeme Bestuhlung des Saales vornehmen könnte, noch immer ausständig sind. Die Sessel selber würden ohnedies von der Stadt Wien finanziert werden. Da die Reihen aber nicht tief genug sind, um eine Bestückung mit Polstersesseln zuzulassen, setzt eine Neubestuhlung den Abriss und Neuaufbau der gesamten (betonierten) Tribüne voraus, wodurch auch die Notausgänge verlegt und die Leinwand etwas vergrößert werden könnte. "Es ist eigentlich die Pflicht der Republik, diese Sache zu übernehmen. Immerhin ist es ein Bundesgebäude, in dem seit einem halben Jahrhundert nichts gemacht wurde." Ein moderat gestalteter kulinarischer und sozialer Bereich - "man soll einen Kaffee oder ein Glas Wein trinken und einen Brownie dazu essen können" - soll die Renovierung des Filmmuseums im Laufe des nächsten Jahres abschließen.

Als Filmkonsument würde sich Horwath vom Nichtkonkurrenten im Gartenbaukino am liebsten die großen Mainstreamfilme wie "Spiderman", "Minority Report" oder "Mission Impossible" in Originalfassung wünschen. "Aber natürlich würde das die Originalfassungsszene im Burg, Haydn und Artis massiv beeinflussen." Er habe zwar noch vor keiner Konkurrenz Angst gehabt, meint Haydn-Kino-Betreiber Herbert Dörfler dazu. Aber sollte Hurch im Gartenbau tatsächlich Kommerzware spielen, müsse er die Förderungen zurückgeben. "Meine Bewerbung um das Gartenbau wurde vom Stadtrat mit der schriftlichen Begründung abgelehnt, dass dort keine Mainstreamfilme gezeigt werden sollen." Eine Einschätzung, die vom Kulturamt bestätigt wird: "Wir fördern ein bestimmtes Programm, kein Kino."
Was immer Hans Hurch in den nächsten Wochen und Monaten auch tun wird, er wird sich nicht nur Freunde machen. Einigkeit herrscht eigentlich nur in einer Frage: Das Gartenbau muss erhalten bleiben. "Die Leute lieben das Kino, es hat so eine Aura", schwärmt Hurch. "Es ist baulich zwar in einem noch schlechteren Zustand, als wir dachten. Aber dafür sind noch so viele schöne Details erhalten! Die Damentoilette zum Beispiel - da schauts aus wie in einer Theatergarderobe! Ich empfehle allen Herren, einmal das Damenklo im Gartenbau zu besuchen."

Gartenbaukino, 1., Parkring 12, Tel. 512 23 54.
Derzeit: "Der Mann ohne Vergangenheit" (deutsche Fassung 18 Uhr, OmU 20 und 22 Uhr).

Österreichisches Filmmuseum, 1., Augustinerstraße 1, Tel. 533 70 54-0, www.filmmuseum.at.
Ab 8.11.: Filme von Stanley Kubrick, Straub & Huillet, Jack Smith, Matthew Barney u.a.

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November 2002 © FALTER
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