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Unter der Oberfläche
MODE  Gerade wurden die Austrian Fashion Awards 2002 vergeben. Trotzdem bleibt Österreich Mode-Entwicklungsland: Junge Designer wie die aktuellen Preisträger Ute Ploier, Christiane Gruber und Peter Mucha haben es nicht einfach. CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und Katharina Gossow (Fotos)

Falter 45  Originaltext aus Falter 45/02 vom 06.11.2002

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Jubel-Falter

Fachschulen, Meisterklassen, zwei Diplomkollektionen, einige Veröffentlichungen - und seit vier Wochen lebt Peter Mucha in Paris. 33 Bewerbungen hat der junge Designer an dort ansässige Modehäuser geschrieben, das erste Bewerbungsgespräch bei Rochas hat er bereits hinter sich. Sogar der Taxifahrer, der ihn dorthin brachte, kannte das Modehaus. "Das fand ich wirklich bemerkenswert", erzählt Mucha. "In gewissen Kulturkreisen sind gewisse Dinge einfach relativ etabliert." In Wien hat Mode nicht diesen hohen Stellenwert. Aber man bemüht sich, immerhin.
Schon zum dritten Mal wurden Anfang dieser Woche die Austrian Fashion Awards vergeben. Mit den Förderpreisen in Höhe von insgesamt 45.000 Euro zeichnet das Büro für Mode Unit F gemeinsam mit der Stadt Wien und dem Bundeskanzleramt (BKA) junge Designerinnen und Designer aus. Dem Modenachwuchs soll der Preis als Karriereanschub und Stipendium dienen. Ausgezeichnet wurden heuer gleich drei frische Absolventen der Modeklasse der Hochschule für angewandte Kunst: Den Modepreis des BKA teilen sich Christiane Gruber, 27, und Peter Mucha, 33. Ute Ploier, 26, erhielt den Modepreis der Stadt Wien. Dieser soll der Gewinnerin die Teilnahme an einer Modemesse oder einem Festival ermöglichen, der BKA-Preis umfasst zwei Arbeitsstipendien für je ein halbes Jahr. Ziel ist, dass die Preisträger erste Berufserfahrungen in einem arrivierten Modehaus sammeln.
Christiane Gruber würde am liebsten eine Zeitlang bei einem Designer in Japan arbeiten, zum Beispiel bei Junya Watanabe von Comme des Garçons. Zum "japanischen Stil" und dem oft ungewöhnlichen Umgang der Japaner mit den Materialien fühlt sich die junge Designerin schon länger hingezogen. Für sie bedeutet das Modemachen zuerst einmal Auseinandersetzung mit dem Material. So waren Grubers bisherige Kollektionen immer auch sehr haptisch, sehr angreifbar. Einfache Ausgangsmaterialien wie blumige Siebzigerjahre-Bettwäsche oder trashig-bunte Polyestertücher werden durch Überfärben oder andere Behandlungen veredelt. Andererseits wirken ihre Kleider für Frauen auch sehr körperlich. Silhouetten werden extrem körpernah betont, einzelne Partien - in der Diplomarbeit waren es vor allem Schultern und Hals - durch Nähte und Linien besonders hervorgehoben.
Wie viele ihrer Kollegen legt sie selbst weniger Wert auf Kleidung, hat vielmehr "Lieblingsstücke", denen man auch ansehe, dass sie solche sind. "Ich mag das Eigenleben der Materialien", sagt sie. Bei manchen Teilen ihrer Arbeit ist Gruber richtig froh, sie nicht verkauft zu haben. Nicht weil sie die edlen Stücke selber gerne tragen würde ("dazu fehlt mir meist der Anlass"), sondern weil sie ihr wichtig geworden sind.

Eigenes selbst tragen kommt für Ute Ploier eher nicht infrage. Seit drei Jahren entwirft die Modepreisträgerin nämlich ausschließlich Kleidung für Männer. Mit ausschlaggebend dafür war ihr erster Angewandte-Professor Jean-Charles de Castelbajac. Konkreter, das "etwas komische Frauenbild" des französischen Designers. "Seine Hauptkriterien bei Frauenmode waren sexy oder nichtsexy, damit konnte und kann ich aber nicht viel anfangen", erzählt Ploier. Als eine Art Gegenentwurf entschloss sie sich, ausschließlich für Männer zu designen und dabei ein bestimmtes Männerbild zu untersuchen. "Mir geht es nicht darum, ob Klamotten schön sind oder sexy", behauptet sie. "Viel mehr interessiert mich der Hintergrund, ich habe auch einen sozialkritischen Anspruch."
Dabei ist sich Ploier auch bewusst, dass ihre Möglichkeiten im Bereich Männermode viel geringer sind als bei den Frauen. In der Modewelt spielt Männermode meist nur eine Nebenrolle. Andererseits lassen sich Grenzen bereits durch minimale Eingriffe verschieben, "das kann auch sehr reizvoll sein". So versuchte sie in ihrer Diplomkollektion, den klassischen Herrenanzug - seit hundert Jahren fast unverändert, eine "moderne Ritterrüstung" - in seinen Strukturen aufzulösen. Mit tiefer gezogenen Schulterpartien. Oder durch Weglassen der üblichen Versteifungen im Brustbereich. Oder auch durch den Austausch mit anderen Dresscodes, mit denen von Kindern zum Beispiel. Ploier füttert das klassische Sakko mit weichen Daunen, remixt typische Anzugelemente mit Streetwearmaterialien oder sogar wasserdichtem Regenjackenstoff. Sie löst den Anzugklassiker nahezu auf oder verpasst einem Pulli das "allerkleinste Revers der Welt".
Dem Anzug die Seriosität nehmen durch verkürzte Proportionen, bewusst betonte Bauchpartien oder gleich durch Weglassung - diese Aspekte untersucht Ploier in ihrer Modearbeit. Sexy oder nichtsexy - diese Frage stellt sie sich in ihrer Arbeit erst gar nicht. Ihr Ansatz ist konzeptuell, die Vermischung mit Bereichen der bildenden Kunst ist augenscheinlich. Was die Präsentation betrifft, sieht die Jungdesignerin ihre Arbeiten sogar lieber im Kunstgalerie-Rahmen als auf dem Laufsteg. Dabei lassen sich die meisten ihrer bisherigen Untersuchungen leicht in den Alltag übersetzen: Bis auf wenige Ausnahmen ist Ploiers Männerkleidung nämlich durchaus tragbar. "Ich will ja nicht, dass die Männer in meinen Sachen auf der Straße rumlaufen und sich dabei lächerlich machen", beschreibt sie ihre Verantwortung als Designerin und ihren "Respekt gegenüber den Trägern".
"Ich bin sehr seriös", sagt Peter Mucha und meint damit nicht sein eigenes zurückhaltendes Auftreten, sondern seinen persönlichen Zugang zur Mode. Für ihn ist Design Auseinandersetzung mit Sinn und Zweck des jeweiligen Kleidungsstückes. "Man kann ein intelligentes Kleidungsstück machen oder ein unintelligentes. Ich persönlich finde es interessanter, mir gewisse Dinge zu überlegen als auf Nummer sicher zu gehen." Die sichere Nummer wäre zum Beispiel, nichts Neues zu wagen.
Seine Arbeit versteht der Designer als Work in Progress. Vergangenes Jahr machte Mucha sein Modediplom an der Kunsthochschule im holländischen Arnhem, heuer an der Angewandten. Seine streng-elegante Wiener Kollektion für Frauen zeigt eine schmale Silhouette, durch Faltungen und gelegte Stoffschichten entstehen fragmentierte, aber dennoch bedeckende Kleidungsstücke mit überlangen Ärmeln und Hosenbeinen. Zum Einsatz kommt billiger Baumwollstoff, der üblicherweise für Prototypen hergenommen wird. Mucha verwendet den so genannten Twill als eigenständiges Material und addiert nur äußerst sparsam kostbarere Stoffe. "Mich interessiert dieser Prototypcharakter, der weitergeführt werden kann", sagt er. "In allen vorhandenen Arbeiten sind bereits neue Dinge oder gewisse Aspekte angelegt. Das gilt nicht nur für die Mode, sondern für alle kreativen Bereiche." Jede Arbeit beeinflusse somit die nächste, und so würden immer wieder neue Kollektionen entstehen. Die Erwartungshaltung, dass Designern jährlich zwei Mal Neues abverlangt wird, ist für Mucha kein Problem: "Ich sag jetzt nichts Neues, wenn ich behaupte, dass wir in einer Zeit des Remixes leben. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, findet man immer Dinge, die einen interessieren. In seiner Arbeit muss man sie nur richtig zusammenfügen und interpretieren."
Was Wien betrifft, so ist die Stadt in den vergangenen Jahren unbestritten modischer geworden. Das liegt zum einen daran, dass sich Ketten wie H&M oder Zara niedergelassen haben, andererseits auch am Auftritt vieler internationaler Modehäuser mit eigenen Shops. Oder daran, dass es mittlerweile einige ambitionierte Modegeschäfte gibt, die auch unbekannte Designer nach Wien bringen. "Es kommt mir aber manchmal so vor, als ob die Leute in der Zeit vor H&M mehr ihren eigenen Stil gehabt hätten", findet Christiane Gruber. Durch die großen Modeketten, die sehr rasch auf internationale Trends reagieren, seien die Menschen zwar prinzipiell schicker gekleidet, das erweiterte Angebot habe sie aber auch vereinheitlicht. "Jeder hat eine Vorstellung oder ein Idealbild von sich, das er mit der Kleidung signalisiert", meint Peter Mucha. Die Möglichkeiten seien weit gefächert, "wenn es zum eigenen Stil passt, ist es okay".

Ein Rezept, in Wien oder von Wien aus im Bereich Mode und Design Fuß zu fassen, gibt es nicht. Trotz Auszeichnungen, diverser Veröffentlichungen in Magazinen wie dem britischen i-D oder dem Standard-Supplement Rondo oder der Präsenz auf Veranstaltungen wie der "One Week Style Seduction" vergangene Woche im Kaufhaus Steffl, kann der Weg zum größeren Erfolg auch übers Ausland führen. Ein Weg, den auch Preisträger Mucha "mehr intuitiv" gehen will. Er hat sich bei vielen Pariser Modehäusern - von ganz bekannt bis unbekannt - beworben; als Designassistent, eine nicht ganz unwesentliche Aufgabe am Modekreativsektor.
Muchas ehemaligen Studienkolleginnen konnten sich noch nicht so schnell damit abfinden, dass mit dem Diplom diesen Sommer die Ausbildung an der Angewandten vorüber war. "Die Modeklasse war wie ein immer geöffnetes Kaffeehaus", beschreibt Christiane Gruber die kreative und kommunikative Ausbildungssituation, in der sie in den vergangenen Jahren gearbeitet hat. Sie möchte und kann auch nicht sofort losstarten, sondern will in der nächsten Zeit bei Designern mehr lernen über Produktionsabläufe, und -bedingungen, "weil ich noch so viel nicht weiß". Dass es für sie und die Karriere im Modebereich wichtig ist, am Ball zu bleiben, wissen die Jungdesigner.
Ute Ploier will möglichst sofort ihre eigenen Ideen verwirklichen, am liebsten in einer offenen Ateliersituation mit anderen Künstlern. Für jemand anderen zu arbeiten, findet sie nicht besonders reizvoll: "Wenn man für ein großes Unternehmen arbeitet, entfernt man sich schnell von der Mode und macht bald nur noch Bekleidung."
Die Vorstellung, zweimal im Jahr neue Kollektionen zu präsentieren, findet die Designerin trotzdem noch sehr seltsam. Unlängst erlebte sie erstmals die großen Schauen in Paris. "Die Leute sind bei Dior Schlange gestanden, die Stimmung war fast so hysterisch wie bei einem Popkonzert." Für Ploier hat das stereotype Verhalten des so genannten Modezirkus viel mit Oberflächlichkeit zu tun. "Ich würde mir wünschen, dass wir wegkommen von diesem Klischee der Oberflächlichkeit der Mode."
Ihre persönliche Zukunft sehen alle drei Fashion-Award-Gewinner unter dieser Oberfläche: "Klar, am Ende des Tages gehts einfach nur um ein gut gemachtes Kleidungsstück", formuliert es Peter Mucha. "Aber es kann auch mehr sein."

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November 2002 © FALTER
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