Für die meisten Leute besteht das Leben im Großen und Ganzendarin, geboren zu werden und so gut und so lang, wie man kann, zu überleben. Das Leben ist harte Arbeit. Es geht nicht um Sieger und Verlierer, es geht darum, zurechtzukommen." Mit dieser an sich nicht übermäßig originellen Einsicht steht der britische Regisseur Mike Leigh gewiss nicht alleine da. Bemerkenswert ist lediglich, mit welcher Konsequenz er sie zur Grundlage seines Schaffens gemacht hat. In seinen bislang 16 Langfilmen (darunter sieben Fernsehfilme für die BBC), die er seit 1971 gedreht hat, stehen Menschen im Mittelpunkt, vor denen im Englischen das Eigenschaftswort "common" oder "ordinary" steht - der viel zitierte Mann von der Straße, der für ausgefallene Hobbys oder abenteuerliche Affären keine Zeit, kein Geld und keinen Schädel hat.
Sobald im Kino etwas Außergewöhnliches oder Exotisches passiere, beginne er sich zu langweilen, hat Leigh einmal erklärt, der sich in seinen eigenen Filmen konsequenterweise dem "Außergewöhnlichen im Gewöhnlichen" widmet. Dieses zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Leighs Protagonisten - so "gewöhnlich" sie sein mögen - auffällig oft von der Norm abweichen: Sie sind zu dick oder zu dünn, zu speedig oder zu langsam, zu laut oder zu leise, zu geschwätzig oder zu wortkarg. "Ist er so fett wie Sie?", wird der Taxifahrer Phil Bassett (Timothy Spall) in Leighs jüngstem Film "All Or Nothing" über seinen Sohn Rory gefragt, was Phil fast stolz bestätigt: Ja, er sei schon ein großer Bursche. Tatsächlich ist Rory (James Corden) ein veritabler Fettkloß, der wenig anderes tut, als auf der Fernsehcouch zu knotzen und sich mit Essen vollzustopfen. Er und seine gleichfalls korpulente Schwester Rachel (Alison Garland) sind ganz offensichtlich dem Vater nachgeraten.
Lange Zeit galt Leigh, der selbst als Cartoonist gearbeitet hat, als eine Art Nachfahre des großen englischen Kupferstechers William Hogarth (1697-1764) und somit als ein Filmemacher, dessen "Realismus" nicht auf plane Verdoppelung der Wirklichkeit, sondern auf deren satirische Überhöhung aus ist. Dabei war die karikierende Darstellung - etwa der beiden Paare, die in "High Hopes" (1988) den Sympathieträgern Shirley und Cyril entgegengesetzt und als oberflächliche, bis in ihre Sexspiele infantile Thatcherismus-Gewinnler ausgewiesen werden - eher eine Schwäche früherer Leigh-Filme. "Life Is Sweet" (1990) ist zwar auch von der Vorliebe des Regisseurs für kontrastierende Figuren geprägt - dem ostentativen Nonkonformismus der selbstzerstörerischen Nicola steht der ruhige Pragmatismus ihrer Schwester Natalie gegenüber -, verzichtet aber darauf, eine eindeutige politisch-moralische Bewertung dieses Gegensatzes vorzunehmen.
"Life Is Sweet" konzentriert sich auf eine Familie samt einigen wenigen Freunden und Bekannten, die nicht zuletzt durch ihre jeweilige "Geschwindigkeit", durch ihre Ticks und ihre Motorik charakterisiert werden, eine Tendenz, die Leigh mit "Naked" (1993) auf die Spitze getrieben hat, wo der zynisch-witzige, aggressive und hyper-eloquente Johnny (David Thewlis) in London auf seine Exfreundin Louise und deren Mitbewohnerin Sophie trifft - Letztere gespielt von der grandiosen, vor wenigen Wochen im Alter von 41 Jahren verstorbenen Katrin Cartlidge, die man auch von ihren Auftritten in Lars van Triers "Breaking the Waves" und Leighs "Career Girls" (1997) in nachhaltiger Erinnerung hat. "Naked" ist ein in seinem apokalyptischen Furor ungewohnt "spektakulär" inszenierter Leigh-Film, und wenn zwei Menschen wie Johnny und Sophie miteinander Sex haben, dann erinnert das auch ein wenig an eine physikalische Versuchsanordnung: Was passiert, wenn zwei Teilchen von derart unterschiedlicher Masse und Geschwindigkeit aufeinander prallen?
Ein Kennzeichen des Leigh'schen Realismus ist es, dass die Personen einerseits hinreichend in ihrem sozialen Umfeld situiert sind, um plausibel zu sein, aber auch mit Eigenschaften ausgestattet werden, die über den konventionellen psychologischen Realismus hinausschießen und die Charaktere auch als Vertreter eines "Typs" ausweisen. Leighs Humor hat seine etymologischen Wurzeln zur antiken Lehre von den humores bewahrt, also jenen Säften, die den Menschen in seiner somatischen Grundausstattung bestimmen. Phil, Rory und Rachel Bassett in "All Or Nothing" etwa lassen sich als melancholische, cholerische und phlegmatische Varianten des Pyknikers betrachten, während Phils gertenschlanke Frau Penny aus diesem Schema herausfällt - als hätte die Last der Haushaltsführung sie ausgezehrt. In ihrer motorischen Entschlossenheit steht Penny in krudem Kontrast zu der kontemplativen Trägheit ihres Mannes, der sich im Taxi durch halb London bewegt, ohne deswegen aus seiner melancholischen Selbstversunkenheit herauszukommen.
Der Kampf der Bassetts, mit ihrem Leben schlicht "zurechtzukommen", spitzt sich zu, als Rory eine Herzattacke erleidet und Penny von ihrem Arbeitsplatz an der Kasse eines Supermarkts ins Spital hetzt, während Phil Funk und Handy abdreht und mit dem Minicab einfach ans Meer fährt. Völlig geschafft nimmt er sich eine "Auszeit", die ihm eigentlich nicht zusteht. Penny, deren Effektivität im täglichen Überlebenskampf von Unduldsamkeit begleitet wird, macht ihm deswegen auch Vorwürfe - so als stünden Phils Eskapismus und Rorys Kollaps in ursächlichem Zusammenhang. In der dramatischen Konfrontation der Eheleute, in der Timothy Spall - seit "Secrets and Lies" für herzzerreißende Monologe zuständig - dem Phil Bassett all jene Verve der Verzweiflung verleiht, die über diesen Mann zu kommen vermag, stellt Phil die entscheidende Frage: "Do you love me? I gotta know!"
Viel Aufhebens ist - nicht zuletzt vom Regisseur selbst - davon gemacht worden, dass Leighs Filme stets ambivalent blieben, klare moralische Kategorien und die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Handeln verweigerten. Als ob die Opposition zum gierigen Egoismus des Thatcherismus, die in Filmen wie "Nuts in May" (1976), "Meantime" (1983) oder "High Hopes" zum Ausdruck gelangt sind, so vieldeutig wäre! Man soll sich halt nicht wie ein Arschloch benehmen und seine Nächsten lieben. Damit kommt man eigentlich schon ganz schön weit. Dass das Familienleben - insbesondere unter ökonomisch prekären Verhältnissen - kein Honiglecken ist, versteht sich, und idyllisch geht es in Leighs Familien naturgemäß nicht zu. Aber letztendlich bleibt das Ideal der Kleinfamilie als Solidargemeinschaft und letztem Zufluchtsort relativ unangetastet. "Wir haben uns. Und das ist genug", erklärt Phil. "Aber wenn wir uns nicht haben, ist es nicht genug." All or nothing.
Als Phil darüber klagt, dass ihn seine Frau immer wieder wie ein Stück Dreck behandelt, wird er - zum Entsetzen Pennys - von seinen Kindern bestätigt. Familie ist ein unübersichtliches Terrain: Immer wieder kommt es zu neuen Frontstellungen, Grabenkämpfen, Allianzen, Verhandlungen, Friedensschlüssen. Die entscheidenden Dinge spielen sich dabei - Leighs-Filme sind im Wesentlichen häusliche Dramen - in den eigenen vier Wänden ab.
"All Or Nothing" konzentriert sich auf eine "Sozialsiedlung" in Südlondon, in der so gut wie alle handlungstragenden Figuren (ein knappes Dutzend) wohnen. Bereits in "Meantime" wählte Leigh eine ähnlich triste Betonburg zum Schauplatz. Auf dem engen Gang der Wohnung kommt es in dem früheren Film zu regelrechten Kämpfen um den Zugang zum Klo, und am Ende des Films verteidigt Mark das Terrain seines zurückgebliebenen Bruders Colin (Tim Roth), der sich eine Skinheadglatze schneiden hat lassen, indem er die Eltern aus dem Zimmer schickt. Solche Akte der Zuwendung und Solidarität bilden das ethische Gravitationszentrum von Leighs Filmen. Und wenns darauf ankommt, manifestieren sich große Begriffe wie Solidarität, Zuneigung, Liebe in einer Tasse Tee, die man jemandem anbietet - aus den entsprechenden, generös über das Gesamtwerk von Leigh verteilten Szenen ließe sich ein schöner Kurzfilm destillieren.
In "All Or Nothing" ist es die lebenstüchtige, humorvolle und warmherzige Maureen (Ruth Sheen), die ihrer Tochter Donna (Helen Coker) einen Tee macht, nachdem diese in Tränen ausgebrochen war. Donna hat Mutters Ratschlag ("Sei brav, und wenn du schon nicht brav sein kannst, pass wenigstens auf") nicht beherzigt und erwartet nun ein Kind von ihrem Freund, einem veritablen Superarschloch. Wie sich in dem Gespräch zwischen der verquälten, sich selbst und den Rest der Welt verachtenden Tochter und der verständnisvollen Mutter - auch das eine klassische Leigh-Szene - herausstellt, wiederholt die vaterlos aufwachsende Donna nur die Erfahrung von Maureen. Auf die Frage, wie lange sie denn Donnas Vater gekannt habe, bevor sie sich von diesem schwängern habe lassen, antwortet Maureen trocken: "Fünf Minuten."
Gerade in seinen jüngeren Filmen hat Leigh das Herausarbeiten von Klassengegensätzen um einen Kommunitarismus des Schmerzes ergänzt, der mit einigem Pathos die triviale Einsicht befördert, dass die Menschen einander durch eine ganze Reihe gemeinsamer Erfahrungen verbunden sind. "We're all in pain!", ruft Maurice Purley in "Secrets and Lies" aus, einem Film, in dem so viel geweint wird wie in Lessings "Miss Sara Sampson" und in dem die Tränen - dem bürgerlichen Trauerspiel nicht unähnlich - wahre Humanität verbürgen. Bezeichnenderweise ist die Gelegenheit, bei der Maurice erstmals den eigenen Schmerz kommuniziert (er und seine Frau können keine eigenen Kinder bekommen), eine familiäre Feier, bei der die bislang geheim gehaltene und seinerzeit zur Adoption frei gegebene Tochter von Maurices Schwester offiziell in den Familienverband integriert wird: "Welcome to the family!"
"All Or Nothing", auf dem Cover der englischen Filmzeitschrift Sight and Sound als Leighs bislang bester Film und als Repräsentant eines neuen, zur Zuversicht berechtigenden britischen Kinos gefeiert, entlässt die Familie Bassett in eine gewiss nicht rosige, aber doch zur Zuversicht berechtigende Zukunft. Phil hat sich rasiert und die fettigen Haarsträhnen gebändigt, ja, er hat sogar - zum ersten Mal in seiner Existenz als Morgenmuffel - eine frühe Fuhr zum Flughafen übernommen. Die Chancen, dass er künftig darauf verzichten kann, Frau und Kinder um Kleingeld anzuschnorren, stehen nicht schlecht. Fehlt eigentlich nur noch eine Tasse Tee.
Ab 15.11. im Kino (OmU im Filmcasino).
TIMOTHY SPALL
Der Mann mit der Ananas
Baseballkappe und -jacke, Trainingshosen und Sneakers unterstreichen die dezidiert unathletische Statur statt sie zu camouflieren, und die überdimensionierten Brillen akzentuieren das auch nicht eben schlanke Gesicht. In den Händen hält Aubrey anstelle eines Baseballs eine Ananas, die er nervös von einer in die andere Hand wirft. In dieser nicht eben günstigen Adjustierung stolpert Timothy Spall in Mike Leighs "Life Is Sweet" (1990) - den ersten gemeinsamen Kinofilm der beiden (nachdem Spall bereits 1982 in Leighs TV-Film "Home Sweet Home" mitgespielt hat).
Im Verlauf des Filmes wird Aubrey aber noch viel schlechtere Figur machen: Als er sein Restaurant "The Regret Rien" eröffnen möchte, kommt kein einziger Gast (um nicht das "falsche" Publikum anzuziehen, hat Aubrey auf jegliche Reklame verzichtet); er beginnt eine als Hilfskraft eingesprungene Freundin zu betatschen, das Lokal zu demolieren und endet schließlich halb entkleidet und komatös besoffen auf dem Bistroboden. Die gescheiterten Ambitionen des kleinen Mannes als Entepreneur dürfen gewiss als sarkastischer Kommentar auf die Thatcher-Ära gelesen werden, auch wenn Leigh immer für ein Kino der Ambivalenz optiert hat, das eine klassenkämpferische Klarheit der Fronten nicht kennt und sich darin auch von demjenigen Ken Loachs unterscheidet, mit dem Leigh immer wieder verglichen wurde.
Was die berufliche Karriere anbelangt, ist Maurice Purley in "Secrets and Lies" (1996) entschieden besser dran als Aubrey. Er hat es als kommerzieller Fotograf zu einigem Wohlstand gebracht und ist dem ärmlichen Chaos entkommen, in dem seine Schwester immer noch lebt. In seiner Wohnung, die aussieht, als wäre sie eigens für einen Laura-Ashley-Katalog eingerichtet worden, bricht der stets freundlich-verbindliche Maurice vor versammelter Familie plötzlich in einen kurzen Monolog von Shakespeare'scher Wucht aus: "We're all in pain! Why can't we share our pain?!", zerreißt es ihm das Herz darob, dass sich die Menschen, die er am meisten liebt, das Leben zur Hölle machen.
Nach einer Leukämieerkrankung, die der dreifache Familienvater schließlich besiegte, arbeitete Spall dann 1999 in "Topsy-Turvy", Leighs einmaligem Ausflug in den Kostümfilm (er handelt von der erfolgreichen Zwei-Mann-Musikmanufaktur Gilbert & Sullivan), wieder mit seinem Landsmann zusammen. Er gibt darin den Operetten-Buffo Richard "Dickie" Temple, dessen beachtliche Physis im Rampenlicht unter Bärten und künstlichen Haarteilen sichtbar ins Schwitzen gerät. Dennoch kann seiner an Groucho Marx gemahnenden Tanzeinlage eine gewisse Grazie nicht abgesprochen werden, und hinter den Manierismen und der Selbstgefälligkeit des genuinen Bühnenmenschen schimmern die Panik und die Melancholie eines Menschen durch, der fürchten muss, ausgemustert und um seinen Applaus betrogen zu werden - "we're all in pain".
Der Schmerz ist da, und verursacht irgendwann einen Aufschrei. In Leighs jüngstem Film "All or Nothing" (2002) kurvt Spall als Taxifahrer Phil Bassett durch London, ein stets etwas abwesend und in sich gekehrt wirkender, etwas verwahrloster Familienvater, der kaum das Nötigste zum gemeinsamen Unterhalt zusammenkratzen kann. Den Unannehmlichkeiten der Profession und den Fährnissen des Alltags begegnet er mit einer fatalistischen Privatphilosophie, die weiß, dass es immer noch schlimmer hätte kommen können. Als "anti-Buddha of gentle anxiety" bezeichnete der Guardian Spalls jüngste Rolle treffend. Die Härte des Lebens hat Phil zugesetzt, sie hat seine Haut wundgescheuert, ohne darüber eine Hornhaut wachsen zu lassen. Verletzlichkeit und eine bis zum Phlegma heruntergedimmte Sanftmut wohnen in diesem aus der Form gegangenen Mann, dessen ungelenkes Auftreten auch von der Unfähigkeit kündet, sich dem Joch des Daseins in freudiger Effektivität zu unterwerfen. Es ist wahrscheinlich nicht ganz leicht, im richtigen Leben einen Versager wie Phil zu lieben. Es ist um einiges leichter, ihn in Mike Leighs Film zu mögen. Und es ist völlig unmöglich, Timothy Spall für seine Darstellung des Phil nicht zu lieben.
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