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"Kultur spielt keine Rolle"
KUNST UND POLITIK  Die von vielen Künstlern erhoffte rot-grüne Wende ist fehlgeschlagen. Der "Falter" bat die Regisseurin Jessica Hausner, den Künstler Matthias Herrmann, die Musikerin Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo und den Kulturmanager Boris Marte nach der Wahl zu einem Gespräch. MATTHIAS DUSINI und KLAUS NÜCHTERN

Falter 48  Originaltext aus Falter 48/02 vom 27.11.2002

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Jubel-Falter

Es gibt wohl kein Thema, das im vergangenen Wahlkampf so stiefmütterlich behandelt wurde wie die Kultur. Zwar traten Künstler und Kulturmanager in Personenkomitees für die Spitzenkandidaten auf. Die jedoch befanden die Anliegen von Künstlern und Institutionen nicht für wichtig genug, um sie in ihre Reden miteinzubeziehen. Vier Protagonisten des Wiener Kulturbetriebs nehmen Stellung zu enttäuschten Erwartungen und erstickten Hoffnungen. Die Regisseurin Jessica Hausner bekam für ihren Film "Lovely Rita" viel Lob bei der Filmkritik, Matthias Herrmann ist Fotokünstler und Präsident der Wiener Secession, DJ Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo bereist Clubs in aller Welt, Boris Marte war Sekretär des ehemaligen Kulturstadtrats Peter Marboe (ÖVP) und leitet nunmehr die Sponsoringabteilung der Erste Bank.

Falter: Gibt es an diesem Tisch jemanden, den das Wahlergebnis nicht überrascht hat?

Susanne Kirchmayr: Die Tendenz hat mich nicht überrascht, nur das Ausmaß dieser Vertrauenskundgebung für Schüssel und Grasser.

Matthias Hermann: Was mich besonders überrascht hat, ist, dass immer noch zehn Prozent blau gewählt haben. Dass jemand nach den letzten zwei Monaten zu Blau noch eine positive Meinung haben kann, ist für mich unbegreiflich.

Boris Marte: Ich habe einige Wetten auf das Wahlergebnis gewinnen können und habe jetzt einen gut bestückten Rotweinkeller. Bei öffentlichen Anlässen hat sich eine Tendenz gezeigt, die sich dann im Wahlergebnis niedergeschlagen hat. Ich verfolge Wahlkämpfe schon länger und habe eine solche positive Dynamik für die ÖVP noch nie erlebt.

Wie lässt sich so etwas Atmosphärisches feststellen?

Marte: Etwa indem man Wahlwerbungszettel verteilen geht und die Reaktionen beobachtet. Sie waren durchwegs positiv.

Herrmann: Das hat man auch in Wien gemerkt, wo die ÖVP immer sehr wenig Stimmen bekam. Es ist der SPÖ nicht gelungen, im Wahlkampf eine gewisse Nonchalance oder Gelassenheit zu vermitteln. Die SPÖ-Politiker wirkten für mich immer so wie diejenigen, die von den anderen vor sich hergetrieben werden.

Man könnte das Wahlergebnis unter anderem damit erklären, dass die Österreicher denjenigen wählen, der an der Macht ist: Das war jahrzehntelang die SPÖ, und aufgrund eines Coups ist es Schüssel gelungen, Bundeskanzler zu werden. Und schon wird er bestätigt.

Jessica Hausner: Das liegt wohl auch daran, dass es zu lange gedauert hat, bis sich die SPÖ damit abgefunden hat, in der Opposition zu sein. Und dann war die Zeit zu kurz, sich wirklich zu einer Oppositionspartei zu entwickeln. Die SPÖ war die Partei, die sie immer schon war: ein bisschen schwerfällig und altmodisch. Die SPÖ-Vertreter haben den Leuten nicht erzählt: Wir sind interessant, weil wir was bewegen können. Das finde ich total schade. Es tut mit richtig Leid.

Marte: Der SPÖ ist es nicht gelungen, die nach dem Zustandekommen der schwarz-blauen Regierung entstandene zivilgesellschaftliche Grundbewegung, die parteienübergreifend war und viele mitgerissen hat, in ein alternatives Regierungskonzept überzuführen. Das ist der Grund für ihr schlechtes Abschneiden.

Hausner: Ich frage mich, ob die Inhalte so verschieden sind? Möglicherweise hat Schüssel es lediglich besser dargestellt, dass er die solide Mitte ist.

Herrmann: Die Mitte ist er ja jetzt nicht mehr. Das hat Elfriede Jelinek vollkommen klar gesagt: Die ÖVP hat rechts gefischt und ist nun absolut rechts von der Mitte.

Marte: Stimmt nicht. Die ÖVP ist und bleibt eine Partei der Mitte.

Kirchmayr: Ich glaube nicht, dass der Großteil der FPÖ-Wähler 1999 rechtspopulistisch war. Die haben mit der heftigen Oppositionsrolle der FPÖ während der großen Koalition sympathisiert. Das war ein Protest gegen die einbetonierten großkoalitionären Strukturen. Ich kann persönlich auch nicht nachvollziehen, dass jemand FPÖ wählt, die Frustration über die große Koalition aber schon.

Was die von Boris Marte angesprochene zivilgesellschaftliche "Aufbruchstimmung" nach dem Antritt der schwarz-blauen Regierung betrifft: Hätte man es nicht als Kolonialismus empfunden, wenn die SPÖ versucht hätte, diese Initiativen zu vereinnahmen?

Kirchmayr: Im Jahr 2000 hätte die SPÖ nicht viel Glaubwürdigkeit besessen. Haben alle den Karl Schlögl vergessen? Der ärgste Innenminister der Zweiten Republik war ein Roter. Die SPÖ hat jahrelang einen vorauseilenden Gehorsam gegenüber Haider gepflegt.

Wie steht es um die kulturpolitischen Perspektiven?

Herrmann: Moraks Politik empfinde ich als Kulturproduzent und als Leiter einer großen Institution als eng, kleinkariert, als den Versuch, nur zu bewahren, nichts zu wagen. Und da, wo etwas gewagt wird, gerät es so unsäglich wie die Veranstaltungsreihe "Kunst gegen Gewalt", wo sich der Herr Staatssekretär als Initiator von Kunstprojekten öffentlich auf Plakaten darstellen lässt. Da zieht es mir schon die Schuhe aus.

Marte: Da ist Morak sozialdemokratischer als viele Sozialdemokraten.

Die "Kunst gegen Gewalt"-Reihe widerspricht dem parteiübergreifenden Konsens, dass Spezialisten und Institutionen für Programme zuständig sind und nicht die Verwaltung. Was macht Morak? Er inszeniert das, lässt sich abfeiern und schaltet dann auch noch ORF-Spots. Unangenehm ...

Marte: Ich finde das professionell und geschickt gemacht - aus Moraks Sicht.

Herrmann: Aber es widerspricht all dem, wofür Sie und Peter Marboe gestanden sind.

Marte: Ich möchte nicht, dass ein Keil zwischen Marboe und Morak getrieben wird. Ich finde es legitim und geschickt gemacht.

Geschickt, aber nicht legitim.

Hausner: In meiner Branche ist die Kulturpolitik von Schwarz-Blau total verheerend. Davor war das Budget des Filminstituts aufgestockt worden. Leider nur einmalig. Die neue Regierung hat diese Budgetaufstockung nicht nur nicht fortgesetzt, sondern im Gegenteil gekürzt. Wenn es so weitergeht, kann ich mir überlegen, ob ich doch noch etwas Gscheites zu lernen anfange.

Marte: Was mir im Wahlkampf abgegangen ist: dass Kulturpolitik so überhaupt keine Rolle gespielt hat. Das ist das, was ich auch bei den Sozialdemokraten und Grünen überhaupt nicht verstanden habe: Wenn man schon der Meinung ist, dass der Widerstand gegen die Regierung etwas mit kulturellen Milieus zu tun hat, warum hat man dann nichts daraus gemacht?!

Sie bieten sich als Wahlkampfmanager für die SPÖ an?

Marte: Nein. Mich wunderts nur, dass es so gekommen ist.

Herrmann: Mir waren die einzelnen kulturpolitischen Programme viel zu unklar. Ich stimme Boris Marte zu, dass die Kulturpolitik im Wahlkampf eine zu marginale Rolle gespielt hat - und das in einem Land, das nicht müde wird, sich als Kulturnation zu definieren.

Vielleicht ist das nur die Einsicht, dass Kulturpolitik bei Wahlen nicht wirklich eine Rolle spielt.

Herrmann: Wir zahlen zum Beispiel noch immer für die Sammlung Leopold. Da geht viel Kulturbudget rein. Darüber ist nie gesprochen worden.

Kirchmayr: Ich glaube nicht, dass man damit leicht Massen mobilisieren kann. Der Wahlkampf war darauf aufgebaut, dass die Themen jedem sofort einleuchten. Ob die Sammlung Leopold Geld bekommt oder nicht, wird wohl nicht viele Leute interessieren.

Herrmann: Da bin ich mir nicht sicher. Es ist etwa bei der Eröffnung des MuseumsQuartiers gelungen, unglaublich viele Leute zu mobilisieren.

Kirchmayr: Ich denke, das Kalkül war, populistischere Themen aufzugreifen.

Hausner: Man kann sehr gut lenken, was populistisch ist. Irgendwer muss halt anfangen, in eine andere Richtung zu gehen. Das würde bedeuten, über Sachthemen zu reden und Kultur zu einem populistischen Thema zu machen. Kultur ist etwas Wesentliches, das zu jedem Menschen gehört. Da geht es darum: Wer bin ich? Womit identifiziere ich mich? Was ist mein Land? Allein Musik ist etwas total Essenzielles für jeden Menschen.

Es ist die Frage, ob man dem rechten mit einem linken Populismus gegensteuern kann und muss. Ist der Haider-Wähler immer da und muss gebändigt werden, oder kann dieses Wählerpotenzial zum Verschwinden gebracht werden?

Hausner: Ein Vorschlag, diese Bestie zu zähmen, ist Sport und Kultur. Das ist primitiv, aber ich glaube trotzdem daran. Bestimmte Aggressionen kann man verbal am Stammtisch äußern, sich aufheizen und dann hingehen und den Haider wählen. Oder man aktiviert sich körperlich. Die Kultur hat eine ähnliche Aufgabe.

Die Secession hat also versagt ...

Hausner: Ich meine das wirklich so. Gerade der Film kann das leisten, Dinge emotional zu durchleben. Kultur bietet die Möglichkeit, bestimmte Triebe ausleben zu können. Dann geht man hin und wählt die Grünen oder die SPÖ.

Wir schicken also die potenziellen Haider-Wähler alle ins Filmmuseum. Dem es übrigens auch nicht allzu gut ergangen ist.

Herrmann: Dass die Kulturpolitik - vor allem des Bundes - das Filmmuseum dermaßen im Regen stehen lässt, finde ich unerträglich. Warum gibt es da keinen Aufschrei aller Kulturpolitiker? Warum muss da der Direktor betteln gehen für eine Institution, um die wir weltweit beneidet werden?

Marte: Immerhin ist das Budget verdoppelt worden, und man konnte einen Umbau beginnen in Zeiten, da alle ihr Budget kürzen müssen.

Hausner: Das ist aber trotz und nicht wegen der Kulturpolitik geschehen!

Herrmann: Genau. Und wie man am Depot sieht, gibt es Schwierigkeiten überall dort, wo die Repräsentationskultur verlassen wird. Wir haben nicht gerade einen Aufbruch in der Kulturpolitik erlebt, der das Kritische befördern würde.

Hausner: Im Gegenteil. Wir haben die Produktionsfirma Coop 99 gegründet, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, Filme zu machen, die nicht bloß das wiederholen, was ohnedies jeder schon kennt und weiß. Aber als Barbara Albert nach dem sowohl kommerziell als auch künstlerisch sehr erfolgreichen Film "Nordrand" ein Drehbuch für ihren nächsten Film geschrieben hat, ist das gleich einmal abgelehnt worden.

Das ist eine Sachentscheidung der Jury.

Hausner: Aber da sitzen doch Produzenten, Regisseure und andere Leute aus der Branche drin, die Angst haben, dass sie selbst zu wenig Geld kriegen, wenn sie jemandem anderen Förderungen zukommen lassen. Jeder muss schauen, dass er den letzten Groschen kriegt.

Herrmann: Auch in dem von der Regierung installierten Kunstbeirat sitzen mit Edelbert Köb (Museum moderner Kunst, Anm. d. Red.) und Peter Weibel (Kurator der Neuen Galerie in Graz, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, Anm. d. Red.) zwei Museumsleiter, die über die Subventionen anderer Häuser entscheiden. Das ist doch absolut unvereinbar.

Marte: Gerade in der Filmpolitik sind viele Fehler gemacht worden, weil es nie gelungen ist, den Film als Kunstform in allen Kulturbudgets zu verankern.

Hausner: Man muss aber kein besonderer Weltmeister sein, um das zu machen. Man muss es nur tun! Es gehört ja nichts dazu - außer der Wille, dieses Scherzerl Geld zu überweisen.

Welche kulturpolitischen Themen sind in den letzten Jahren denn besonders vernachlässigt worden?

Herrmann: Was zum Beispiel völlig abgeht, ist eine Nachbetreuungsdiskussion zur Ausgliederung der Bundesmuseen. Da hat der Bund vollkommen versagt.

Marte: Endlich ist es gelungen, die Museen rechtlich so zu stellen, dass sie selbstständig arbeiten können und nicht jede kleine Ausstellung oder jede Personalbesetzung vom Ministerium genehmigt werden muss.

Herrmann: Es ist in Österreich so, dass ein Direktor ein Museum bekommt und damit machen kann, was er will. Was zu einer völlig grotesken Situation führt. Alle wollen nur noch zeitgenössische Kunst machen: das Museum moderner Kunst, die Kunsthalle, die Albertina, neuerdings auch die Sammlung Leopold, das MAK, die Secession, die Bawag Foundation, die Generali Foundation ... Bei anwachsenden Budgets mag das kein so großes Problem sein, aber im Fall stagnierender oder zurückgehender Budgets trifft das natürlich die Institutionen, zu deren Kernaufgabe die zeitgenössische Kunst gehört. Als Secessions-Präsident bekomme ich immer nur mitgeteilt, dass es kein Geld gibt. Es muss doch diskutiert werden, welches Haus welche Ausgaben hat. Da kommen Leute aus dem Museum für angewandte Kunst in Zagreb zu mir und sagen: "Wir waren gerade bei MAK-Direktor Peter Noever. Was ist denn mit dem los? Das Erste, was er gesagt hat, war, dass er die Wiener Werkstätte hasst." Das ist eines der wichtigsten Museen angewandter Kunst weltweit, und die Politik hat eine Verantwortung, dem Direktor zu sagen, dass er seine Aufgaben wahrzunehmen hat. Wer sonst? Das kann doch nur die Politik machen.

Gehen wir einmal von der Kulturpolitik weg hin zur Politik in der Kultur. Die Reaktionen auf den Regierungswechsel im Frühjahr 2000 haben die Kulturszene doch auch mobilisiert und politisiert. Wie sieht das retrospektiv aus?

Kirchmayr: Es war Panik und Hysterie angesagt und alles in Aufruhr. Aber es ist sicher ein politisches Potenzial geweckt worden.

Aber die verschiedenen Szenen haben sich mittlerweile wieder vollständig entkoppelt, oder?

Kirchmayr: Das glaube ich nicht. Aber ich bin eigentlich deswegen von den Wahlen so enttäuscht, weil die Grünen so wenige Stimmen bekommen haben. Und diese öffentliche Ermüdung der alternativen Kräfte und der jungen Leute, die sich politisch engagiert haben, korreliert mit dem Wahlergebnis.

Die Stimmung, dass es nun endlich eine rot-grüne Mehrheit geben wird, ist vom Wahlergebnis alles andere als bestätigt worden.

Kirchmayr: Das hat sich schon ein paar Wochen vor der Wahl gewendet. Was ich mit großer Skepsis betrachtet habe, waren die Plakate, auf denen ein gebeugter Alexander Van der Bellen mit dem Spruch geworben hat: "Österreich braucht jetzt Rückgrat." Auch der reine Personality-Wahlkampf war schwach.

Welche Ansage der Grünen ist denn in Erinnerung geblieben? Auch kulturpolitisch.

Herrmann: Die sechzig Millionen mehr Kulturbudget, von denen nie erklärt wurde, wo die herkommen sollen, waren etwas naiv. Da muss man dann schon auch sagen, wo man sparen will.

Am Samstag gab es ein Inserat im "Standard", in dem Michael Köhlmeier, Robert Menasse und Robert Schindel aufgefordert haben, diesmal aber wirklich grün zu wählen und nicht wieder auf die rote Seite umzufallen. So als ob Rot-Grün eh gegessen wäre, solange nur die Grünen stark genug sind. Dass jemand die SPÖ wählt, um zu verhindern, dass die ÖVP stärkste Partei wird, war als Denkmöglichkeit nicht vorgesehen. Ist das nicht auch eine Art Milieu-Solipsismus?

Kirchmayr: Ich sehe es als eine Reaktion auf die letzten Wiener Kommunalwahlen. Dass Rot-Grün das Gelbe vom Ei ist, war für mich keineswegs klar. Ich finde ja eigentlich, dass die Grünen auf kommunaler Ebene regierungsbeteiligt sein sollen und auf Bundesebene viel besser in der Opposition aufgehoben sind.

Hausner: Wenn sich die SPÖ dafür entschieden hätte, etwas Bestimmtes zu vertreten - etwa eine Koalition mit den Grünen -, hätte das schon ein Potenzial gehabt.

Kirchmayr: Die Schlammschlacht der ÖVP gegen Rot-Grün hat total gegriffen.

Hausner: Dann hätte sie eben etwas dagegenstellen und sich anders präsentieren müssen.

In Wirklichkeit hätte das klare Bekenntnis der SPÖ zu Rot-Grün doch keine Stimmen gebracht! Schon gar nicht von ehemaligen FPÖ- oder ÖVP-Wählern!

Kirchmayr: Für uns wäre es schon ganz angenehm gewesen, wenn da jemand Klartext gesprochen hätte und zu etwas steht, anstatt nur in schmutzigen Gewässern nach Stimmen zu fischen.

Die alte "Ein Stück des Weges mit uns gehen"-Strategie der Sozialdemokratie unter Kreisky hat ihre Attraktivität für Künstler offensichtlich verloren.

Herrmann: Ist das nicht erfreulich, dass die Künstlerstellvertreterrolle passé ist? Ich halte diese Promi-Komitees für lächerlich. Es ist kein Wunder, dass das aus der Kreisky-Ära kommt, die ich als jemand, der nicht in Österreich gelebt hat, für eine sehr, sehr paternalistische Regierungsform gehalten habe.

Wie weit soll denn die Kultur aus der parteipolitischen Auseinandersetzung herausgenommen werden?

Herrmann: Ich finde zum Beispiel das rot-schwarze Spiel um das MuseumsQuartier unappetitlich. Dass Wolfgang Waldner (MQ-Geschäftsführer, Anm. d. Red.) im Personenkomitee für Wolfgang Schüssel sitzt, ist ebenso unmöglich, wie dass Gerald Matt (Kunsthallen-Leiter, Anm. d. Red.) demjenigen für Gusenbauer angehört. Ich wurde auch x-mal gefragt und habe das jedes Mal abgelehnt, weil das mit meiner Position als Secessions-Präsident unvereinbar ist.

Es wird immer nur von Rot-Grün gesprochen. Was ist eigentlich mit Schwarz-Grün? Ist das eine Option?

Kirchmayr: Natürlich nicht!

Marte: Für mich ist das eine totale Zukunftsoption.

Kirchmayr: Doch nicht mit jemanden wie Schüssel!

Marte: Aber sicher! Wenn die Grünen mit den Schwarzen zusammengehen, stärkt das auf beiden Seiten die progressiven Flügel.

Herrmann: Also Boris!!! Das ist ja fast unanständig, was du da sagst!

Marte: Das ist meine tiefste Überzeugung. Auf der schwarzen Seite würden sich die Urban-Liberalen extrem darüber freuen, und bei den Grünen wären es auch eher die Pragmatiker als die Fundis. Wenn die Grünen mit den Sozialdemokraten zusammengehen, stärkt das auf beiden Seiten die Strukturkonservativen.

Kirchmayr: Die Fundis hätten ja in keiner Regierung was zu sagen. Und mit einer Partei, die die Blauen an die Regierung gebracht hat, geht das nicht.

Also eine Legislaturperiode müssen wir noch aussitzen, dann kommt Schwarz-Grün?!

Herrmann: Dann kriegt der Falter gar keine Presseförderung mehr.

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November 2002 © FALTER
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