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| Mittellos, würdelos |
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ARMUT Viele sehen nur die offensichtlich armen Obdachlosen auf der Straße,
dafür spenden sie gerne einmal jährlich vor Weihnachten. Die immer zahlreicheren
versteckten Armen der Stadt sehen sie nicht. JULIA ORTNER ARMUT IM MUSEUM: Kein Voyeurismus |
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Die eigene Wohnungstür hinter sich zumachen können, in der eigenen Küche herumpatzen, im eigenen Badezimmer pritscheln - selbstverständlich, wie die anderen auch: Für Manuela Ünlü war das eine Zeit lang nichts Selbstverständliches. Eine Zeit, in der die 38-Jährige erlebt hat, was es heißt, arm zu sein, allein gelassen mit zwei Kindern und einem Haufen Schulden auf der Straße zu stehen. "Ich habe mich bemüht, mich nicht fallen zu lassen", erzählt die Frau heute. Ünlü wollte nicht als bemitleidenswerter Sozialfall betrachtet werden - nach außen war sie einfach eine allein erziehende Mutter von vielen, eine Frau, die eben jeden Cent umdrehen musste. Dass sie mit ihren beiden Kindern vier Jahre in der städtischen Familienherberge in der Kastanienallee gelebt hat, wussten nicht viele. Außer die Arbeitgeber, die sie gleich nach Hause geschickt haben, wenn sie zum Vorstellungsgespräch mit der Adresse "Kastanienallee" gekommen ist. Dort ist Manuela Ünlü nach der Delogierung aus ihrer Gemeindewohnung gelandet - die hat sie verloren, weil der Exfreund die Miete einfach lange Zeit nicht gezahlt hat. Davon hat sie nichts gemerkt, bis es zu spät war. "Ich war arbeiten, habe unser Leben finanziert, er hat das Geld für die Miete anderweitig ausgegeben." Der falsche Mann, Jobs in der Fabrik, Krankheit, Schulden, Delogierung. "Als ich mit meinen Töchtern ins Heim gezogen bin, hatte ich schon das Gefühl, versagt zu haben", sagt Ünlü. Armut ist peinlich, Armsein in der Leistungsgesellschaft ein Stigma - das musste auch die kleine Tochter erfahren, als sie anfangs in der Schule wegen ihrer Adresse gehänselt wurde. Mittlerweile schämt sich die Neunjährige für ihr zu Hause nicht mehr: Seit einem Jahr wohnt die kleine Familie in einer Übergangswohnung des Hilfswerks für Frauen und Familien. Im Rahmen des "Bürger in Not"-Projekts betreibt der Verein vierzig solcher quer über Wien verstreuten Wohnungen, in Meidling leben ehemals obdachlose Pensionisten in einem eigenen Hilfswerk-Wohnhaus. Auch Manuela Ünlü hat jetzt eine ganz normale Wohnung in einem ganz normalen Haus. Hier bereitet sich die Alleinerzieherin auf ein Leben ohne versteckte Armut vor. Sie hat einen neuen Job als Heimhilfe, eine Sozialarbeiterin des Hilfswerk berät sie bei Alltagsproblemen und beim Schuldenabzahlen - die Bedingung dafür, dass Ünlü im nächsten Jahr wieder in eine Gemeindewohnung einziehen kann: als Ende ihrer Odysee. "Früher hätte ich mir nie gedacht, dass mir so ein sozialer Abstieg passieren könnte." Immer mehr Durchschnittsbürgern geht es ähnlich: Sie landen in der Armutsfalle. Eine Million Österreicher sind armutsgefährdet, 300.000 leben in akuter Armut. Was heißt es aber, in einem der wohlhabendsten Länder der Welt arm zu sein? "Armutsgefährdet ist jemand, der weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. In Österreich sind das weniger als 730 Euro", erklärt Karin Heitzmann, Armutsforscherin an der Wirtschaftsuniversität Wien. Akut arm ist jemand, der nicht nur weniger als 730 Euro zur Verfügung hat, sondern auch noch mit zusätzlichen Problemen wie Schulden, einer miesen Substandardwohnung oder sozialer Vereinsamung kämpft. Probleme, die Hilfsorganisationen wie die Caritas auch in der Zeit vor Weihnachten wieder trommeln: Mit Pressekonferenzen und Spendenaktionen, manchmal sogar mit "Touren der Armut" zu den verschiedenen Sozialeinrichtungen der Stadt. Und viele spenden dann für die offensichtlich armen Obdachlosen, die man auf der Straße sieht. Nur die immer zahlreicheren Armen, die ein nach außen normales Leben führen, sehen sie nicht. Dabei sind es gerade diese verschiedenen versteckten Gesichter der Armut, mit denen sich Sozialwissenschaftler künftig noch intensiver beschäftigen werden, meint WU-Forscherin Heitzmann. "Diese neue Armut im Sozialstaat wird immer mehr zum Thema." Vor allem Frauen haben ein 35 Prozent höheres Risiko, zu verarmen. Alleinerzieherinnen mit schlecht bezahlten Jobs gelten bei den Armutsforschern schon als klassische Fälle von verborgener Armut. Genauso wie die Mindestpensionistin, die im Winter in ihrer Wohnung frieren muss, weil das Geld fürs Heizen fehlt. Wie die Arbeiterfamilie mit ein paar Kindern und einem kleinen Einkommen. Oder die Ausländerfamilie, die zusammengepfercht in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Substandardwohnung lebt. Sozialabbau, Arbeitslosigkeit und ein Staat, der noch keine neuen Strategien zur Armutsbekämpfung parat hat: Deshalb übernehmen vor allem kirchliche und private NGOs den Kampf gegen die Armut. Eines der größten Probleme dabei: Die Armutsgefährdeten tun alles, um den Schein einer normalen bürgerlichen Existenz zu wahren. Hilfsangebote kommen deshalb oft zu spät - erst dann, wenn die Existenz offensichtlich zertrümmert ist. "Viele Menschen wenden sich erst an uns, wenn sie schon alles verloren haben", erklärt Sylvia Hofman, Leiterin von "Bürger in Not." "Die Betroffenen wenden ihre ganze Energie auf, damit niemand merkt, dass sie arm sind", sagt Karin Heitzmann. "Denn in der Leistungsgesellschaft heißt Armut Versagen und Nicht-mithalten-Können." Auch viele Zuwanderer bemühen sich, nicht als Arme aufzufallen. Nur bei Einrichtungen wie der Wohndrehscheibe legen sie die Karten über ihre miese soziale Situation auf den Tisch. Diese Beratungsstelle der Volkshilfe hilft einkommensschwachen Menschen bei der Wohnungssuche. Rattenverseuchte Kellerlöcher oder schimmlige Substandardbuden: Die meisten Kunden der Wohndrehscheibe sind Zuwanderer, nur etwa zwölf Prozent sind österreichische Staatsbürger. "Migranten verdienen im Schnitt zwanzig Prozent weniger als Inländer, haben oft nur ein Haushaltseinkommen und müssen nach dem Fremdenrecht einen ordentlichen Wohnsitz haben", erklärt Wohndrehscheibe-Chef Christian Perl die zusätzlichen Wohnungssorgen armer Zuwanderer. Auch wenn die Volkshilfe-Mitarbeiter seit 1997 mehr als tausend private Mietwohnungen, Genossenschaftswohnungen und mittlerweile auch Notfallswohnungen im Gemeindebau für Ausländer in Not vermittelt haben - manchen Zuwandererfamilien können sie nicht helfen. Menschen, die nicht selten zu fünft auf 35 Quadratmetern leben müssen und sich keine größere Wohnung leisten können. "Die allgemeine Mietbeihilfe und die Notfallswohnungen haben die Wohnungssituation der Migranten verbessert, aber oft wohnen sie trotzdem ihr Leben lang unter unvorstellbaren Bedingungen", meint Perl. Die sieht aber von außen kaum jemand. Nur manche brave österreichische Hausparteien ärgern sich, dass die Ausländer immer so in Rudeln wohnen. Ausländer und auch noch arm sein - das ist einfach zu viel. Wenn schon arm, dann aber bitte mit Würde. "Die Gesellschaft unterscheidet zwischen würdigen und unwürdigen Armen: Das ist im Prinzip eine politische Geschichte", sagt Armutsforscherin Karin Heitzmann. Alleinerzieherinnen, kinderreiche Familien, Pensionisten gelten als würdige Arme, die am eigenen Unglück nicht schuld sind und langsam auch von der Politik entdeckt werden. Obdachlose, Suchtkranke, Asylwerber oder Arbeitslose sind die Armen, die schon irgendwie selber schuld an ihrer Situation sein werden und deswegen gerne den NGOs überlassen werden. "Sozialschmarotzerdebatten schüren dieses Gefühl in der Bevölkerung auch noch", erklärt Heitzmann. Dabei werde vergessen, welche Konsequenzen Armut auch nach sich zieht: Arme sind doppelt so oft krank wie der Durchschnittsbürger, sie leben sozial zurückgezogen, vereinsamen. Der Ösi und die Armut - überhaupt ein eigenes Kapitel. Einerseits seien die Österreicher Spendenweltmeister und gönnten dem anderen mehr als nur das Nötigste zum Leben, andererseits legten sie großen Wert auf Leistung und Erfolg, meint Heitzmann. Sie sieht zwei Lösungsansätze im Kampf gegen die neue Armut: eine finanzielle Grundsicherung für alle und mehr niederschwellige Hilfsangebote an arme Menschen, die sie ohne großen Hemmungen nutzen können. Angebote wie zum Beispiel den Canisi- und den Francescobus der Caritas. An 365 Abenden pro Jahr fahren Teams, bestehend aus Profis und ehrenamtlichen Mitarbeitern, zu den Bahnhöfen Wiens, wo jeden Tag etwa 300 Obdachlose warten. Hermann Blei, langjähriger Caritas-Mitarbeiter, bringt den Armen nicht nur Suppe, Brot oder ab und zu eine warme Decke. Er und seine Kollegen sind oft die einzigen Ansprechspersonen, der einzige Lichtblick im tristen Alltag der Menschen, die allein auf der Straße vor sich hinvegetieren. "Wenn die Leute den ganzen Tag entmenscht, entwürdigt und verjagt werden, brauchen sie das Gefühl, dass sie auch als Menschen gesehen werden." Menschen mit Würde, auch wenn sich viele wegen ihres heruntergekommenen Äußeren genieren würden, sagt Blei. Kein Wunder, gebe es doch genug Bürger, die beim Anblick der Sandler im Park lieber einen Bogen um die Armen machen. Oder sich sogar über die Außenseiter amüsieren. Wie die Männer, die vor seinen Augen einen alten Obdachlosen verspottet hätten, erzählt Blei. "Der hat dann nur zu mir gesagt, lass sie doch, die können ja nicht wissen, wies mir geht: Denen geht es einfach zu gut." Es seien vor allem junge Leute, die mehr Mitgefühl und Solidarität für Arme aufbringen, meint Hermann Blei. "Vielleicht auch deswegen, weil manche denken, dass sie selbst auch irgendwann einmal von Armut betroffen sein könnten." Und da nützt Wegschauen nichts. Infos über Angebote, ehrenamtliche Mitarbeit und Spendenkonten: www.caritas-wien.at www.wiener.hilfswerk.at www.volkshilfe.at ARMUT IM MUSEUM Kein Voyeurismus Im Vordergrund jubeln die armen Waisenkinder über die milden Gaben, ein paar Kleine heulen vor lauter Dankbarkeit, dahinter stehen die wohlhabenden Bürger und schauen etwas betreten und herablassend auf die Armen herab : Dieses Ferdinand-Georg-Waldmüller-Gemälde aus dem Jahr 1857 zeigt die Kluft zwischen Armut und Reichtum, das Unangenehm-Berührtsein der Gesellschaft, wenn sie mit ihren Randgruppen konfrontiert wird, recht anschaulich. Mit Exponaten wie diesem will jetzt die Sonderausstellung "Armut" im Historischen Museum ein Tabuthema zum Ausstellungsinhalt machen: mit historischen und zeitgenössischen Bildern, Fotoserien, Plakaten und Texten. Eine Ausstellung als Gratwanderung zwischen professionell distanzierter Abbildung menschlichen Elends und emotionalen Appellen an den Besucher - Voyeure und Anhänger des Sozialpornos werden in der Sonderschau nicht bedient, das Klischeebild vom Armen wird weitgehend vermieden. Die künstlerische Darstellung von Armut ist kaum mehr als ein halbes Jahrtausend alt, die frühesten Bilder der Ausstellung datieren aus dem 15. Jahrhundert und zeigen Roma, die schon damals als soziale Randgruppe galten. Der Bogen der Darstellungen spannt sich dann bis hin zu den Armen der Gegenwart: Alleinerzieherinnen, Suchtkranken, Asylwerbern, Pensonisten, Katastrophenopfern. Neben Wissenschaftlern diverser Disziplinen haben auch die Caritas und die Österreichische Armutskonferenz an der Vorbereitung der Schau gearbeitet. Der Besucher kann den Bedeutungswandel der Armut in der Gesellschaft bildhaft nachvollziehen: Vor Beginn der Neuzeit galt Armut noch als Erniedrigung durch Gott, Reichtum als Gottes Segen. Mit Beginn der Neuzeit definierte der Calvinismus Armut als selbst verschuldetes Los, als persönliches Versagen des Menschen - und diese protestantische Ethik hat sich über die Blütezeit des Kapitalismus im 19. Jahrhundert bis heute in vielen Köpfen gehalten: Trotz Rationalisierung und staatlichen Sozialabbau - wer arm ist, wird schon was falsch gemacht haben. Die Sonderschau im Historischen Museum (4., Karlsplatz) ist noch bis 2.2.2003, Di-So, 9-18 Uhr, geöffnet. Das Begleitprogramm zur Ausstellung (Diskussionen, Lesungen, Musiktheater) findet man auf www.museum-vienna.at |
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