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| Hobby: Laubsägearbeit |
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KAFKAS LEBEN Reiner Stach entsorgt in seiner neuen Kafka-Biografie sämtliche
Mythen rund um den Prager Schriftsteller. Mit dem "Falter" sprach er über dessen
Durchschnitts-Romanfiguren und Intimitätsschranken und verriet auch die Fragen, die er Kafka
gerne stellen würde. ERICH KLEIN |
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"Wir graben den Schacht von Babel." Schrieb Franz Kafka (1883-1924) über sich selbst. Robert Musil, der als einer der Ersten Kafkas Genialität erkannte, attestierte dessen Texten "große künstlerische Herrschaft" und eine "freundliche Sanftheit wie in den Stunden eines Selbstmörders zwischen Entschluss und Tat". Musil tat das noch in Unkenntnis von Kafkas Person, ebenso wie Walter Benjamin, der Kafka "im Futter des Nichts die Erlösung" erbeuten sah. Reiner Stach, 1951 in Sachsen geboren, nach dem Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik lange Zeit Wissenschaftslektor diverser Verlage, Verfasser einer Monographie ("Kafkas erotischer Mythos", 1987) und Gestalter der Ausstellung "Kafkas Braut", steht am Ende einer langen Reihe von Kafka-Interpreten, die im Lauf der Jahrzehnte für das Leben des Prager Schriftstellers Mythen in der Bandbreite zwischen Casanova und einem heiligen Franz erfanden. Solchen biografischen Spekulationen hatte Kafka selbst in einem ominösen Testament Vorschub geleistet, wonach der Großteil seiner Schriften nach seinem Tod vernichtet werden sollte. Schon mit dem nun veröffentlichten ersten Band seiner auf drei Bände angelegten Biografie "Kafka. Die Jahre der Entscheidung" hat Stach auf sensationelle Weise die altbekannten Legenden entsorgt. In siebenjähriger Arbeit will er im neu gegrabenen Schacht von Babel endlich den wahren Kafka gefunden haben - so, wie er wirklich gewesen ist. Falter: Vaclav Havel hat einmal gemeint, wäre er ein besserer Schriftsteller, er hätte selbst Kafkas Geschichten schreiben müssen. Ich vermute, dass er an einen politischen Kafka, an eine Art deutschsprachigen Orwell aus Prag dachte. Wie schaut Ihr Kafka aus? Reiner Stach: Das wäre eine einseitige Reduktion und nicht gerade Kafkas stärkste Seite. In der Zeit der Studentenbewegung galt er als privatistisch, in den Fünfzigern dachte man bei Kafka an Unterdrückung, an Geheimpolizei, als wären die Wächter im "Process" von der Gestapo oder der SS. Für den Versicherungsbeamten Kafka war etwas anderes entscheidend: die Überführung von menschlichen Schicksalen in Aktenberge. Das machte er selbst jeden Tag, und das ist eine eminent politische Sache - besonders in totalitären Regimen, in denen Akten ohne Ende hervorgebracht werden. Harmlose, aber gewaltige Aktenberge hat die Germanistik zu Kafka produziert, die Sie spöttisch als "Kafka-Factory" bezeichnen. Was macht denn die Faszination an Kafka aus, um eine auf 2000 Seiten angelegte dreibändige Biografie zu schreiben? Die Texte natürlich. Ihre Rätselhaftigkeit. Gustav Meyrinks "Golem" ist zwar auch rätselhaft, aber literarisch drittklassig. Kafkas Bild hingegen geht unter die Haut. Es kommt mir mittlerweile müßig vor, seine Texte zu interpretieren, sie sind oft genug durch die Mühlen der Theorie gezogen worden. Mich interessiert, wie so ein Text zustande kommt. Wer steht dahinter? Bei den Romanen und einer Reihe der Erzählungen scheinen Autor und Protagonist trotzdem ineinander überzugehen. Kafkas Helden sind absolut unproduktive Durchschnittsfiguren. Gregor Samsa aus der "Verwandlung" ist das extremste Beispiel. Der ist ein Vertreter, sitzt bei der Mutti zum Abendbrot und hat mit dreißig noch Angst vor dem Vater. Sein Hobby sind Laubsägearbeiten. Schlimmer gehts ja nicht mehr! Er ist in seiner Familie eine sehr schwache Figur, was man von Kafka kaum behaupten kann. Josef K. im "Process" ist ein kalter Ofen, ohne jegliche Selbstreflexion, der durch seine Verurteilung erst in Fahrt kommt. Man liest in Ihrem Buch zum Beispiel, wie Kafka in einem Moment einen Brief schreibt, in dem er Gehaltserhöhung verlangt, im nächsten seiner Verlobten abenteuerliche Liebeserklärungen macht. Haben Sie einmal daran gedacht, was Kafka über Ihr Buch gesagt hätte? Ich glaube, er wäre völlig entsetzt gewesen. Kafka setzte sehr deutliche Intimitätsschranken, die ich durchbreche. Die Glasglocke, unter der er lebte, war gewollt. Max Brod sagte zu ihm: "Du bist ein Geheimniskrämer." Er hörte sich die Texte seiner Freunde Baum oder Brod an, ohne zu verraten, dass er selbst schrieb. Brod wollte Kafka zum Zionismus bekehren, Kafka sagte darauf: "Komm, ich hab mit mir selbst genug zu tun." Jahre später stellte sich heraus, dass er sich schon lange mit hebräischer Sprache beschäftigt hatte. Sie beschreiben Kafkas Begeisterung für das ostjüdische Theater, das damals in Prag,Wien und Berlin ziemlich en vogue war, den Kulturzionismus von Brod oder Martin Buber bezeichnen Sie als unerträglichen, heute nicht mehr lesbaren Kitsch. Wie wichtig ist das Judentum für Kafka? Auch wenn Brod das behauptet, Kafka war nicht religiös. Er hatte ein sehr schwarzes Weltbild, in dem es keine Erlösung gibt: Wenn der Messias kommt, dann auf jeden Fall zu spät. Judentum war für ihn als Juden die nächstliegende Möglichkeit, sich Identität zu schaffen. Im Freundeskreis wurde ständig darüber gesprochen. Es gab aber auch eine Reihe von anderen Optionen. So las er etwa zahllose Biografien, keineswegs nur von Juden. Im September 1913 fährt Kafka zu einem Kongress für Rettungswesen nach Wien, hier besucht er aus Neugier auch den XI. Zionistenkongress. Beides langweilt ihn. Wir haben von dieser Wienreise eine amüsantes Kafkafoto aus dem Prater. Was würden Sie den Geheimniskrämer denn fragen, käme er plötzlich bei der Kaffeehaustür herein? Schwer zu sagen. Ich hätte viele Fragen. Nach seinem Durchbruch als Schriftsteller 1912 gab es Phasen, wo es ihn absolut nicht interessierte, Schriftsteller zu sein. Er wollte anonym in der Masse aufgehen. War das tatsächlich der Fall? Es gäbe die bislang weitgehend ungeklärte Frage nach einer Verlobten, oder wie er, der absolute Agnostiker, sich ein Zusammenleben mit der gläubigen Ostjüdin Dora Diamant vorstellte. Ich könnte ihm einiges über Felice Bauer erzählen, was er selbst nicht wusste. Oder ihn fragen, wie bewusst ihm selbst die Raffinesse war, mit der er andere Leute für seine Zwecke einspannte. Ich würde ihn auffordern, ein Paar jüdische Witze zu erzählen. Im letzten Kapitel sehen wir Kafka fast an der Ostfront des Ersten Weltkriegs. Seine eigene berühmte Tagebuchnotiz lautet: "Deutschland erklärt Russland den Krieg. Nachmittags Schwimmunterricht." Das war sehr absichtlich. Ein Klapps auf den Hinterkopf der Leser. Mir geht es darum, den Ersten Weltkrieg in Kafkas Leben neu zu bewerten, denn der Krieg hat ihn absolut ruiniert - auf allen Ebenen. Seine Tuberkulose war ausgeheilt, dann kam gegen Kriegsende die Spanische Grippe und er lag wochenlang mit hohem Fieber im Bett. Es gab weder vernünftige Ernährung noch etwas zum Heizen. Als Beamter hatte er Kriegsanleihen gezeichnet - er dachte, er würde Zinsen bekommen -, mit der Hyperinflation waren dann seine ganzen Ersparnisse weg. Er hatte also auch kein Geld für einen vernünftigen Arzt. Drei Wochen vor Kriegsbeginn hatte er endlich den Entschluss gefasst, von Prag nach Berlin zu gehen, er war bereit, seine Pension aufzugeben, wollte nur noch schreiben. Aber dann war das schon nicht mehr möglich. An dieser Stelle werden Sie als Biograf einmal emotional, Sie sagen, er hätte Pech gehabt. Ja. Andererseits ist es verwunderlich, dass er offenbar nicht bemerkte, was um ihn vor sich ging. "Weltkrieg", damals ein neues Wort, war in aller Munde, und ausgerechnet in diesem Moment beschließt er von Prag nach Berlin zu übersiedeln. Naivität? Über den Krieg gibt es bei ihm kaum Äußerungen. Er war durch den Beruf total überfordert, inzwischen war jeder zweite Kollege an der Front, er musste Überstunden schieben und auch sonntags arbeiten. Mit der nachmittäglichen Siesta war es vorbei. Als Beamter war er zwangsverpflichtet, hätte er sich geweigert, hätte man ihn an die Front geschickt, er war ja militärtauglich. Kafka war tauglich? Er war sogar einem Regiment zugeordnet und zwei Mal gemustert, dann aber als unabkömmlich freigestellt worden. Die Vorgesetzten haben ihm das Leben gerettet. Als er einmal zu diesen Vorgesetzten sagte, er sehe keinen Sinn mehr in seiner Arbeit und wolle Soldat werden, taten sie, als hörten sie nicht. Überdies riss die Verbindung zu Felice ab - private Telefongespräche von Prag nach Berlin waren nicht mehr erlaubt, Briefe wurden geöffnet, also schrieb er Postkarten. Das ist wiederum der Grund, warum er über den Krieg nichts sagt. Nur in Tagebüchern regt er sich über patriotische Umzüge auf, über den Übereifer der Prager Juden, die ihre Loyalität beweisen wollen. Er war anfangs auch kriegsbegeistert, aber bald ekelte ihn das an. Im Tagebuch steht: "Organisierte Begeisterung." Aber er verfällt nicht in das patriotische Getue der deutschen Intellektuellen mit ihren Aufrufen oder in die Kriesgbegeisterung eines Thomas Mann? Nein. Er bleibt bei der Präzision der Beobachtung und lässt sich durch Begriffe wie Nation auch nicht blind machen. Er macht seine Beobachtungen, auch wenn sie ihm selbst unangenehm sind. Die Authentizität seiner Tagebücher ist etwas ziemlich Seltenes in diesen Tagen. Er ist gegen jegliche Propaganda immun. Nach dem 20. Jahrhundert ist man geneigt, in manchen Texten Kafkas visionäre Qualitäten zu entdecken. Ich meine die "Strafkolonie", die in diesen Jahren der Entscheidung entstand, und die diversen Konzentrationslager des Jahrhunderts. Die "Strafkolonie" ist eine Folterfantasie aus dem Berufsleben. Kafka kannte als Unfallexperte schwere Unfälle und Verstümmelungen, Leute, die von Sägen zerschnitten wurden. Mediziner machen auch Witze, die für andere Leute absoluten Horror darstellen. Der "Process" ist "prophetischer" als die "Strafkolonie". Dort wird ein Individuum zermalmt und in seinem Selbstwertgefühl auf null gebracht, während es hier archaischer zugeht. Die "Strafkolonie" ist rückwärtsgewandt, denn die Tötungsmaschine hat einen - wie auch immer pervertierten - moralischen Sinn. Menschenopfer in archaischen Gesellschaften haben auch Sinn. Genickschüsse der Nazis haben keinen Sinn mehr. Der SS-Mann, der einen alten Mann erschießt, will weder bestrafen noch irgendeine Gerechtigkeit herstellen, sondern er will beseitigen. Was ist dann das Zeitgenössische an Kafkas Literatur? Es gibt literarische Texte der Weltliteratur, die deutlich veralten - dazu gehört unbestreitbar Thomas Mann. Kafka ist ein extremes Gegenbeispiel, seine Texte veralten nicht. "Das Urteil" ist vielleicht nicht mehr so zugänglich, weil es derart übermächtige Väter heute nicht mehr gibt, narzisstische Probleme sind heute wichtiger als ödipale. Aber es gibt Texte, die auf Leser mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen wirken. Kafka ist in Korea Schullektüre, wo man vom Zionismus, von Prag und dem Kleinbürgertum keine Ahnung hat. Das bedeutet, dass es etwas wie ein kollektives Unbewusstes gibt. Eine Schicht unterhalb der speziellen kulturellen Ausprägung. Auf der wirken Kafkas Texte. Sich ständig auf dieser Ebene aufzuhalten und dabei keine Mystifikationen zu betreiben oder Nebelwerfer einzusetzen - das ist eine singuläre Leistung. Es gibt eine ganz spezifische Wetterlage, in der alles überscharf wird und die Dinge zugleich in milchiges Licht getaucht sind. Kafkaeskes Wetter. Alles ist scharf und zugleich schattenlos. Tucholsky sagte ganz am Anfang: "Ich verstehe zwar nicht, was es bedeutet - aber die Wirkung, das ist Weltliteratur." Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidung. Frankfurt a.M. 2002 (S. Fischer). 672 S., EUR 29,90 |
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